Die Hysterie-Maschine

Genderkolumne Der Film "In guten Händen" zeichnet die Erfindung des Vibrators im 19. Jahrhundert nach. Eine aufschlussreiche Geschichte, findet unsere Kolumnistin Katrin Rönicke

Die Geschichte des Blicks von Medizin und Psychoanalyse auf die Sexualität der Frau ist eine Geschichte der Pathologisierung von Lust und Unlust. Befassen wir uns damit – und lernen wir daraus. Im Dezember, pünktlich zur Weihnachtszeit, kommt ein interessanter Film in die Kinos: In guten Händen, Originaltitel Hysteria. Der Film setzt sich auf eine humorvolle Art und Weise mit einem Phänomen des 19. Jahrhunderts auseinander: der weiblichen Hysterie, damals offiziell eine Krankheit. Die mögliche Ursache wurde schon in der Antike besprochen:

"In den antiken Beschreibungen der Hysterie in altägyptischen Papyri wie bei Platon und Hippocrates wird die Ursache der Krankheit in der Gebärmutter gesehen. Konzeptionell ging man davon aus, dass die Gebärmutter, wenn sie nicht regelmäßig mit Samen gefüttert werde, im Körper suchend umherschweife und sich dann am Gehirn festbeiße. Dies führe dann zum typischen 'hysterischen' Verhalten." (Quelle: Wikipedia)

Ärzte diskutierten darüber bis in die viktorianische Zeit des 19. Jahrhunderts. Diese Diskussion wird durch In guten Händen erstmals auf die Leinwand gebracht. Der Film zeigt auch, wie man damals noch der festen Überzeugung war, eine Frau könne beim Sex keine Lust empfinden, geschweige denn: einen Orgasmus haben. Aus der heutigen Perspektive eine nahezu wahnwitzige Einstellung. Es muss ja viele Frauen gegeben haben, die Orgasmen hatten. Nur konnten die Höhepunkte ob der mangelnden kulturellen und theoretischen Basis wahrscheinlich einfach nicht "eingeordnet" werden. Also schuf man ein Krankheitsbild, machte etwas Anormales daraus.

Eine heilende Krise

Hysterische Frauen wurden ergo in die Hände von Ärzten gegeben. Mit speziellen Massagetechniken sollten sie "geheilt" werden, wobei die Massage direkt an ihrer Vulva durchgeführt und dadurch eine "hysterische Krise" hervorgerufen wurde, die als lösend galt (und nichts anderes war als: ein Orgasmus). Daneben wusste man aus Erfahrung, dass Vibrationen etwas mit Frauen "anstellten". So war der Weg von der manuellen Behandlung der Hysterie in Arztpraxen in einer Zeit, in der die Menschen vernarrt in die Idee waren, für alles eine kleine Maschine zu bauen, hin zu einem (zunächst dampfbetriebenen) Massagegerät, der Hysterie-Maschine, nicht weit. In guten Händen gilt so der Mainstream-Presse als lustiger Film, der mit einer wunderbaren Maggie Gyllenhaal in der Hauptrolle, die Erfindung des Vibrators nachzeichnet. Doch eigentlich sollte uns der Film nachdenklich stimmen. Gyllenhaal sagte bei der Premiere in den USA: "Man sieht eine Vielzahl von Frauen dabei, wie sie Orgasmen haben – und das ist in unserer Gesellschaft nach wie vor wesentlich schockierender als die Darstellung von Sex." (Missy Magazine 04/11)

Es geht also um mehr, als nur ein paar Lacher. Es geht um Aufklärung. Gyllenhaal, bekannt unter anderem aus dem Film Secretary, sieht es als spannend an, mit ihrer schauspielerischen Arbeit Tabus zu brechen und verschiedene Charaktere mit verschiedenen Sexleben zu verkörpern. Tanya Wexler, Regisseurin von Hysteria sagt: "Es gibt immer noch viele Frauen, die nicht wissen, wie sie sich selbst befriedigen sollen." Zu viele wahrscheinlich. Unsere Geschichte spielt dabei eine Rolle.

Die Erfindung der Frigidität

Ein weiterer Arzt, der mit einer weiteren Diagnose das sexuelle Verhalten der Frauen pathologisierte, war Sigmund Freud, Erfinder der Frigidität. Eine direkte Umkehrung der Erwartungen an Frauen – nun wird es anormal, keinen Orgasmus, keine Freude an Sex zu haben. Oder wie es Margarete Mitscherlich bereits 1977 in der Emma schrieb:

"Die Frigidität der viktorianischen Frau war nichts, dessen sie sich schämen musste, sie entsprach wie die gesellschaftliche Ungleichheit der Frau den tradierten Werten. Heute ist die Zahl der frigiden Frauen nicht kleiner, aber die Frau fühlt sich dadurch jetzt in ihrem Wertgefühl zutiefst beeinträchtigt, denn Gebot der Stunde ist nun die Orgasmusfähigkeit."

Die Mär von der Frigidität hat sich in der Tat bis heute gehalten. Besser gesagt: Die Mär davon, dass sexuelle Unlust per Se irgendwie "falsch" sei. Dass man da etwas nehmen muss, oder sonstwie herumdoktern. Natürlich kann sie behandlungsbedürftig sein. Aber als solche wird sie oft viel zu schnell angesehen. "Es gibt keine gefährlichere Krankheit, als die Diagnose", mit Manfred Lütz gesprochen. Oder wie Mitscherlich in Bezug auf den gedrehten Wind in der Geschichte der weiblichen Sexualität in der Wahrnehmung männlicher Ärzte zusammenfasst:

"Vor dem ersten Weltkrieg wurde der Frau als Zeichen ihrer Weiblichkeit sexuelle Unempfindlichkeit abverlangt, heute ist es das Gegenteil: nun ist es die Fähigkeit zum vaginalen Orgasmus, an der die weibliche Reife gemessen wird."

Noch immer befinden sich viele Frauen auf der Suche nach dem "normalen" Maß an Sex, Lust und Unlust. Auch die selbstbewusste Plakation "Wir sind alle frigide. Wir sind alle hysterisch. Wir sind alle neurotisch" des MLF (Mouvement de liberation des femmes) in Frankreich, könnte heute wieder auf einer feministischen Demo hochgehalten werden.

Katrin Rönicke schreibt in dieser Kolumne über Gender- und Bildungsthemen, zuletzt über die Wechselwirkung zwischen "weiblichen" und "männlichen" Sphären. Sie kolumniert immer montags im Wechsel mit Verena Reygers, die sich mit Genderthemen in der Musikbranche befasst.

16:17 14.11.2011
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke

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