Katrin Rönicke
17.10.2012 | 18:04 23

Du sollst deine Leser nicht beschämen

Bildungskolumne Unsere Kolumnistin schreibt nicht nur über Bildung, sie bildet sich auch ab und zu selbst. Diesmal liest sie ein Buch über alltäglichen Rassismus in Deutschland

Bildung funktioniert in meinen Augen immer sehr gut, wenn die Inhalte durch Geschichten transportiert werden können. Das findet auch Lena Gorelik, die mit ihrem Buch Sie können aber gut Deutsch! gegen Diskriminierungen und das Zuschreiben des Andersseins anschreibt. Goreliks Buch werde ich in meiner nächsten Kolumne besprechen, sozusagen als Kontrastfolie oder Ergänzung zu jenem Buch, das ich mir für diese Woche durchgelesen habe: Noah Sow hat es geschrieben. Deutschland Schwarz Weiß heißt es.

Mit ihrem bereits 2007 erschienen Buch, das den Untertitel "Der alltägliche Rassismus" trägt, will Noah Sow aufklären. Denn, so die Autorin im Vorwort, sie halte Aufklärung "für eine notwendige Voraussetzung, um eine wirkliche gesellschaftliche Veränderung erreichen zu können". Meine Neugierde trifft eine, die bilden will. Sow will die Geschichte der Beziehung zwischen Schwarzen und Deutschland erzählen.

Unterrichtsstunde im "Weißsein"

Gleich zu Beginn schafft sie es, am Beispiel ihrer eigenen Herkunft die Lesenden mitzunehmen (ich werde diesen AHA-Effekt nicht schmälern, indem ich es ausführlicher schildere – lesen Sie es ruhig selbst!). Das Buch gliedert sich daraufhin in sieben Kapitel, beginnend mit einer Unterrichtsstunde im "Weißsein", international bekannt unter dem Namen "Critical Whiteness". Fünf Jahre nach dem Buch gerät die Theorie, die 2007 wohl nahezu unbekannt war (zumindest außerhalb akademischer Diskurse), langsam in Kritik. Sows Ausführungen zeigen, warum diese Theorie so schwierig ist.

Sie ist schwierig, weil sie davon ausgeht, dass eigentlich alle Weißen nicht anders können, als Rassisten zu sein. Der Feind ist überall und dabei wird es schnell undifferenziert und einseitig. Um diese Haltung zu sichern, wird sich des Konzepts der "Definitionsmacht" bedient, das vermeintlichen Opfern zuspricht, alleine darüber zu bestimmen, wann Handlungen als Gewalt und Diskriminierung zu benennen sind. Das nutzt Noah Sow, versagt damit aber den Lesenden den Respekt, wenn sie schreibt: "Das haben Sie jetzt alles gelesen und finden das wahrscheinlich ebenso schlimm wie ich. Sie wissen aber immer noch ganz genau, dass Sie kein Rassist sind. Woher? Weil Sie keiner sein wollen. Da habe ich leider eine schlechte Nachricht für Si e…" und nun folgt eine Auflistung an Fakten des Alltagsrassismus in Deutschland (in dem wir ja zugegebenermaßen alle aufgewachsen sind), die unweigerlich dazu führten, dass weiße Deutsche per se privilegiert seien.

Und nun sei es eben so, dass Rassismus genau da anfange, wo sie ihre Privilegien nicht reflektierten und eingestünden. Sie sagt damit also (sinngemäß): Sie sind deutsch und sagen "ich bin kein Rassist"? – ha! – das ist der Beweis, dass Sie einer sind und sein müssen, denn hätten Sie ihre Privilegien reflektiert, dann wüssten Sie es ja besser.

Generalverdacht statt Respekt

Nein, Noah Sow kennt mich nicht. Ich bin weiß, aber Diskriminierungserfahrungen aufgrund meiner Herkunft habe ich auch gemacht, in meiner Kindheit. Ja, sorry: Ich denke immer noch, dass ich keine Rassistin bin. Da muss ich an das Vorwort denken, wo Sow mir schon ankündigte "auf den folgenden Seiten aber hin und wieder auch ganz schön hart angefasst" zu werden. "Nehmen Sie’s als Erfahrung", heißt es dazu nur. Alles klar. Erfahrung gemacht, auf Seite 63.

Ich fühlte mich dennoch nicht wohl. Ich wollte lernen und wurde wegen meiner Hautfarbe unter einen Generalverdacht gestellt. Dabei habe ich als Pädagogin eigentlich das Gegenteil verinnerlicht: Die wirklich guten LehrerInnen respektieren ihre SchülerInnen – das ist doch die Grundvoraussetzung für Lernen und eine gelungene Bildungsbeziehung!

Ich habe dennoch weitergelesen und es fast nicht bereut. Denn ich habe viel Neues gelernt oder vertieft, das bislang eher "gefühltes Wissen" war. Zum Beispiel, dass es wissenschaftlich gesehen nicht korrekt ist, bei Menschen von "Rassen" zu sprechen. Darauf folgt ein knapper, aber gehaltvoller Abriss der Kolonialgeschichte Deutschlands. Hier wird gezeigt, wie unglaublich demütigend und arrogant sich deutsche Wissenschaftler, Medien und Politiker gegenüber Schwarzen zwischen 1890 und 1945 verhalten haben. Viele Zitate, Bilder, Skulpturen aus der Zeit und "Forschungsarbeiten" lassen einen erschauern. Darauf folgt eine Betrachtung zeitgenössischen Alltagsrassismus, sowie eine Stichprobenahme des Rassismus in den deutschen Massenmedien. Am besten gefallen hat mir neben dem anschaulichen Einstieg, der konkrete Zwölf-Punkte-Plan am Ende des Buches. Hier geht um konkrete Taten, die dazu beitragen können, den Rassismus abzubauen.

Ein Bärendienst

Das Buch hat das Aufklärungs-Versprechen also wirklich eingelöst. Es könnte sehr stark sein, sollte mehr rezipiert werden. Noah Sow allerdings erweist ihrem Anliegen mit dem Kapitel zum "Weißsein" einen Bärendienst. Ein Kapitel, das in ihrer aktuellen antirassistischen Arbeit offenbar noch mehr Platz einzunehmen begonnen hat, als im Buch. Ein Kapitel, das derzeit viele Diskussionen auslöst und die antirassistische Szene auf eine Art spaltet, wie es zuletzt der Israel-Palästina-Konflikt vermochte.

Das lässt viele ratlos zurück. Doch in dieser Ratlosigkeit wollen wir nicht verharren! In der kommenden Kolumne werde ich Lena Goreliks Ansichten auf das pluralistische Deutschland besprechen und damit einen Ansatz, dem es darum geht, eine Vision zu entwerfen. Wir leben längst in einer multi-ethnischen Gesellschaft, ist ihre Analyse. "Wir müssen nur dahin kommen, es als Stärke zu begreifen und davon zu profitieren."

Katrin Rönicke schreibt in dieser Kolumne alle 14 Tage mittwochs über Gender- und Bildungsthemen, zuletzt über die Vorstellung von Normschönheit.

Kommentare (23)

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Ehemaliger Nutzer 17.10.2012 | 21:17

Da schlie0 ich mich an. Sehr gerne gelesen, obwohl ich das Buch nicht kannte. Aber ich kenne das von lena Gorelik, habe es gerade erst zu Recherchezwecken für ein Stück gelesen. Und ich finde es großartig. Eine sehr treffsichere Analyse von Xenophobie und eine intelligente Antwort auf die Integrationslüge.

Ich freu mich zu lesen, was du dazu denkst.

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Ehemaliger Nutzer 17.10.2012 | 21:24

Das ist meine Lieblingsstelle aus Lena Goreliks Buch:

"Da, wo ich von einer Gesellschaft der Vielfalt, der Diversität spreche, sprechen manche von einer Gesellschaft der Toleranz und denken, wir meinten dasselbe. Ich aber möchte nicht toleriert werden. Toleranz bedeutet Duldsamkeit, Toleranz bedeutet Aushalten, Geltenlassen, irgendwie, obwohl, dennoch. Werde ich toleriert, wird hingenommen, eben ausgehalten, geduldet, dass ich da bin oder dass ich so bin, wie ich bin. Toleranz ist eine Haltung, die immer von oben herab kommt und einen in die Knie zwingt, erniedrigt: Ach schau mal, bin ich nicht nett, dass ich dich hier so, wie du bist toleriere? Toleranz hat wenig mit Gleichberechtigung zu tun, auch wenig mit einem Miteinander. Toleranz baut Hierarchien auf, die aufzubrechen nicht möglich ist, weil von vornherein festgelegt ist, wer seinen Platz wo hat."

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Ehemaliger Nutzer 18.10.2012 | 08:14

Ich nehme an, du meinst das im Sinne von "Leben und leben lassen", sowie jeder soll nach seiner Facon glücklich werden"

Das setzt aber vorraus, dass ich den anderen akzeptiere, wie er ist. Das aber ist für mich Akzeptanz. Vielleicht gebrauchen wir das Wort Toleranz auch nur nicht mehr in dem Zusammenhang, wie es einmal gemeint war. Ich gehe davon aus, wie iwr es heute gebrauchen. Und da stimme ich Lena Gorelik auch zu. Das sind auch meine Erfahrungen als schwuler Mann. Diese Einteilung zwischen den guten und bösen Ausländern (je nach Integrationwilligkeit), die gab es auch sehr lange und teils noch heute bei Schwulen (Diskretion gegen Offenheit früher - heute bürgerliches Leben gegen Hedonismus)

Der Gebrauch des Wortes Toleranz beschränkt sich heute eigentlich nur noch auf den Aspekt der Duldung. Alle weiteren Bedeutungen des Wortes, die der Duden hergibt, erlebe ich LEIDER nicht in seinem Gebrauch. Im Duden steht zu Toleranz:

Aufgeklärtheit, Aufgeschlossenheit, Duldsamkeit, Entgegenkommen, Freizügigkeit, Großmut, Großmütigkeit, Liberalität, Menschlichkeit, Nachsicht, Offenheit, Verständnis, Vorurteilsfreiheit, Vorurteilslosigkeit; (bildungssprachlich) Humanität, Indulgenz, Konnivenz

Bis hoch zur Tolerierung von Regierungen ist Duldung gemeint, deren Aufrechterhaltung immer mit einem Wohlverhalten in Verbindung gebracht wird, dessen Ausgestaltung der Tolerante bestimmt.

Ein multikulturelles Zusammenleben funktioniert aber nur (und dieses ist Realität, ob wir das wollen oder nicht), wenn wir den anderen akzeptieren, wie er ist und unser Zusammenleben auf gegenseitiger Teilhabe beruht.

Im letzten jahr bin ich sher viel in Brandenburg unterwegs gewesen, um nach einem Haus auf dem land zu schauen. Ich habe nirgends so aufgeschlossene Menschen getroffen, wie im Oderbruch. Und ich glaube, es liegt an daran, dass die Menschen dort in dieser geschaffenen Kulturlandschaft mit allen möglichen unterschiedlichen kulturellen Hintergründen auf einaml zusammenkamen, um das neue Land zu besiedeln und miteinander klar kommen mussten. Da wird es sicherlich auch viele Konflikte gegeben haben und das sit ja auch gut so, Gesellschaft braucht Reibung, aber das finde ich dann solange es auf gemeinsamer Teilhabe beruht viel besser, als eine auf Wohlverhalten begründete Duldung. Um es kurz zu machen,ich glaube kein Stück an Intergration. Das hat noch nie geklappt.

Jetzt bin ich glaub ich etwas ausgeufert ;)

notsosimple 18.10.2012 | 12:34

Weil ich wie immer das Gefühl habe, dass das Buch entwedern nicht tatsächlich gelesen oder aber TROTZ seiner unglaublichen einfachheit schon wieder nicht verstanden wurde hier einfach mal ein Link zu einem Blogeintrag, der alles sagt, was zu diesem Artikel zu sagen ist: http://shehadistan.wordpress.com/2012/10/18/critical-whiteness-und-das-ende-der-sektstimmung/

Die Unsichtbaren Deutschen 18.10.2012 | 14:25

Na ja. Ein äusserst dürftiger Artikel. Frau Katrin Rönicke sollte die Whiteness Studies nicht mit der deutschen Rezeption unter dem Namen Kritischer Weißsein Forschung verwechseln.

Ihr als weißer Frau empfehle ich die Lektüre der Literaturtheoretikerin Stine Jensen Why Women Love Apes . Die Studie führt den Leser durch die europäische Kunst und Literatur, die weisse Frauen mit dunklen, männlichen Affen darstellen.

Diese Bilder und Vorstellungswelten vom grossen Menschenaffen als Vergewaltiger weisser Frauen ziehen sich durch die westliche Gedankenwelt.


Der sexuell aufgeladende weisse Rassismus gegen schwarze Männer konnte auf eine schon vohandende weisse kulturelle Tradition zurück greifen, indem die literarische Figur des vergewaltigenden grossen Menschenaffen mit schwarzen Männern identifiziert wurde.

Die Whiteness Studien sind nicht dazu da, weisse Menschen zu beschämen; sondern sie erklärt Weissen ihren spezifischen Rassismus. Chinesen und Inder begründen Abscheu vor dunkelhäutigen Menschen ganz anders, weil sie die Figur des vergewaltigenden grossen Menschenaffen nicht gekannt haben.

lerche 18.10.2012 | 14:50

Also geht es in Sows Buch gar nicht um „einfachen“ Rassismus, wie Katrin Rönickes Artikel nahe legt, sondern um den Rassismus, der mit (weißer) Macht und Herrschaft einhergeht. Und Sow zeigt in ihrem Buch offenbar auf, wie tief dieses Denken sich in unser Unterbewusstsein eingegraben hat und wie und wo es sich im deutschen Alltag überall bemerkbar macht.

Da hat Frau Rönicke wohl etwas in den falschen Hals bekommen.

gedankenreiter 18.10.2012 | 15:37

Ich habe das Buch auch gelesen und denke, dass die Sprache von Noah Sow schon auch gezielt provozieren will. Ich spüre in ihren Worten eine Menge Wut, sie will offenbar nicht einfach nur ein sachliches Buch schreiben.

"aber Diskriminierungserfahrungen aufgrund meiner Herkunft habe ich auch gemacht, in meiner Kindheit. Ja, sorry: Ich denke immer noch, dass ich keine Rassistin bin."

Ja, meine Erfahrung ist auch, dass Menschen wegen ihrer Herkunft diskriminiert werden. Aber 1. führt das leider nicht dazu, dass solche Menschen automatisch die Strukturen von Rassismus erkennen und sich daher Menschen anderer Kulturen gegenüber nicht rassistisch verhalten. Darüber diskutiere ich dann auch ab und an mit meinem türkischstämmigen Umfeld.
2. Herkunft ist nicht identisch mit Hautfarbe. Noah Sow versteht sich als Deutsche. Sie wird aber nicht diskriminiert, weil sie Deutsche ist, sondern weil sie schwarz ist. Deine Herkunft sieht mensch Dir nicht an. Deine Hautfarbe schon.

Rassismus ist ein schwieriges Thema, weil ich inzwischen zur Einsicht gekommen bin, dass wir alle mit bestimmten Vorstellungen aufgewachsen sind und daher alle in die Situation kommen können, aufgrund von fehlendem Wissen und vorgegebenen Denkstrukturen rassistisch zu sprechen oder zu handeln. Insofern ist es wichtig, dass sich jeder gerade auch mit seinem eigenen Rassismus beschäftigt.

Daher befürchte ich, dass jeder Mensch, der von sich behauptet, kein Rassist zu sein, sich der Möglichkeit beraubt, sein Verhalten dahin gehend kritisch zu hinterfragen.

Nur zum Verständnis: Ein Rassist ist für mich ein Mensch, der seine Geisteshaltung bewusst und absichtlich lebt. Ich will auch kein Rassist (Sexist, etc.) sein, aber ich kann nicht ausschließen, dass ich aus mangelndem Wissen etwas tue, das von anderen als rassistisch, sexistisch empfunden wird.

Und soweit ich Noah Sow verstanden habe, erwartet sie, dass (gerade auch) weiße Deutsche die Bedeutung von Hautfarbe und kolonialistisch/rassistisch geprägten Begriffen und Handlungen kennen und sich entsprechend verhalten.
Ich kann Noah Sows Wunsch verstehen, allein die Praxis zeigt mir, dass selbst ich als sogenannter PoC nicht automatisch mit der Geschichte schwarzer Deutscher vertraut bin und so in jedes erdenkliche "Fettnäpfchen" treten kann. Das darf aber dann keine Entschuldigung für mich sein, mich von jeder Schuld freizusprechen.

Problematisch finde ich, dass wir in Deutschland (noch) keine wirkliche Kultur des Antirassismus haben. Generell habe ich nicht den Eindruck, dass wir bereits in der Schule lernen, was überhaupt Diskriminierung ist, wie Diskriminierung entsteht und wie mensch sie vermeidet. Deswegen sehe ich die Aussage "Ich bin kein Rassist" immer erst einmal kritisch.
Das ist für mich so, als würde ich als Autofahrer sagen, "Ich bin kein Mörder, also kann ich auch niemals einen tödlichen Autounfall verursachen". Wir wissen aber, dass dies niemand garantieren kann. Wir alle können einen Autounfall verursachen, bei dem ein Mensch ums Leben kommt. Das heißt aber nicht, dass wir deswegen alle unter Generalverdacht stehen, Mörder zu sein. Selbst wenn wir einen solchen Unfall verursachen würden, würde uns niemand Mörder nennen. Schuld haben wir dann aber trotzdem auf uns geladen, mit der wir leben müssen.

Noch etwas: Aufgrund der Kolonialgeschichte Koreas weiß ich, dass damals eine Hierarchie der Hautfarben existierte. An der Spitze steht der weiße Mann, ganz unten der schwarze, und dazwischen die anderen. In Asien stand der japanische Mann ganz oben, gefolgt von den anderen. Diese Hierarchie lebt meiner Ansicht nach leider auch heute noch unausgesprochen weiter. Wenn mensch (ohne es zu wissen) ganz oben in der Hierarchie angesiedelt ist, dann mag mensch das nicht so dramatisch sehen. Wenn mensch aber vermittelt bekommt, unten angesiedelt zu sein, sieht das ganz anders aus, dann bekommt der Begriff "Privileg" eine ganz andere, eine handfeste Bedeutung. Auch die Antwort auf die Frage nach der Verantwortung für diese Hierarchie fällt dann ganz anders aus.

Das Buch von Noah Sow ist schon wichtig und richtig. Die gewählte Didaktik mindert aber meiner Meinung nach den Transfer auf die eigene Person. Die Akzeptanz, dass wir alle in der Lage sind zu rassistischen Äußerungen oder Handlungen, wird so offenbar nicht geweckt und gefördert. Aber vielleicht öffnet das Buch den Weg zu einem Dialog. Und das wäre doch schon etwas. ;-)

Zum Begriff "multi-ethnische Gesellschaft":
Ein Interview von Henryk M. Broder mit Thilo Sarrazin in der TAZ (http://www.taz.de/!62422/) hat mir bewusst gemacht, dass "Ethnie" im Grunde nichts anderes ist als eine euphemistische Beschreibung des Wortes "Rasse".
Sarrazin: "Irgendwann in einer Spätphase meinte der Verlag, ich sollte doch überall das Wort 'Rasse' durch 'Ethnie' ersetzen. Das habe ich dann auch gemacht. Das war mir völlig egal."

Von daher finde ich den Ausdruck "multi-ethnische Gesellschaft" gefährlich. Mit dem Begriff "multi-kulturelle Gesellschaft" kann ich schon mehr anfangen, obwohl ich auch damit noch Bauchschmerzen habe.

lerche 18.10.2012 | 19:38

„Ein Rassist ist für mich ein Mensch, der seine Geisteshaltung bewusst und absichtlich lebt.“

Ich glaube, genau das verstehen die meisten unter einem Rassisten und dagegen richtet sich wohl auch Frau Rönickes Kritik.

Wie Sie ganz richtig schreiben, will Noah Sow in Ihrem Buch aber wohl mehr auf unsere unbewussten rassistischen Einstellungen aufmerksam machen. Und die sind, das sehe ich genauso wie Sie, sicherlich bei fast allen Menschen in irgendeiner Form (und in verschiedenen Ausprägungen) vorhanden.

Schade, dass Sow dafür anscheinend nicht den richtigen Ton getroffen hat und somit eher Widerstände statt Offenheit zur Selbstreflexion hervorruft.

Katrin Rönicke 18.10.2012 | 21:23

Lieber Gedankenreiter,

vielen Dank für die Mühe und die vielen Gedanken dazu.

Grundsätzlich habe ich ja auch gesagt: Es IST ein total wichtiges Buch und es nicht zu lesen halte ich für falsch. Ich halte es nur nicht für sonderlich geschickt gemacht.

Grundsätzlich kann ich vieles unterschreiben. Nur folgende Dinge sehe ich anders, deswegen picke ich sie heraus:

"Daher befürchte ich, dass jeder Mensch, der von sich behauptet, kein Rassist zu sein, sich der Möglichkeit beraubt, sein Verhalten dahin gehend kritisch zu hinterfragen."


keine Ahnung, ob ich da alleine bin, aber ich habe so extrem viele Selbstzweifel, dass ich deswegen fast schon einen Psychologen aufsuchen könnte. Kritk an mir und meinem Verhalten nehme ich immer erst einmal ernst und ich versuche wirklich penibel, drauf zu achten, die Würde und Integrität aller Menschen zu achten. Egal, um wen es sich handelt. Und nein: Ich glaube, da bin ich nicht alleine. Dafür muss ich mir nicht ein Label geben, sondern auf meine Handlungen und meine Denkmuster - darauf muss ich achten, darauf kommt es doch an.


Das mit der Ethnie finde ich schwierig, bzw. deine Ablehnung des Begriffs. Weil Sarrazin so etwas sagt einen Begriff wegwerfen, der etwas ganz anderes ausdrückt, als "Kultur". Nein, das sehe ich nicht ein. Das A****l**h hat schon genug kaputt gemacht in dieser Gesellschaft - ich will mich von ihm nicht auch noch meiner Sprache berauben lassen.

Grundsätzlich ist es auch so, dass ich all die Argumente vollkommen nachvollziehen kann. Aber ich denke hier als Pädagogin, denn Noah Sow sagt eingangs selbst: Sie will Aufklärung. Und sie geht sogar an einem anderen Punkt einen kompromiss ein: Sie verwendet kein Binnen-I, damit die weißen Männer auch ihr Buch lesen. Ich lese da schon einen Bildungsanspruch.

Kim 19.10.2012 | 00:15

Hi Katrin, mich würde mal interessieren, ob Du als Feministin auch diesen Absätzen zustimmen würdest:

"Sie ist schwierig, weil sie davon ausgeht, dass eigentlich alle Männer nicht anders können, als Sexisten zu sein. Der Feind ist überall und dabei wird es schnell undifferenziert und einseitig. Um diese Haltung zu sichern, wird sich des Konzepts der "Definitionsmacht" bedient, das vermeintlichen Opfern zuspricht, alleine darüber zu bestimmen, wann Handlungen als Gewalt und Diskriminierung zu benennen sind. Das nutzt X, versagt damit aber den Lesenden den Respekt, wenn sie schreibt: "Das haben Sie jetzt alles gelesen und finden das wahrscheinlich ebenso schlimm wie ich. Sie wissen aber immer noch ganz genau, dass Sie kein Sexist sind. Woher? Weil Sie keiner sein wollen. Da habe ich leider eine schlechte Nachricht für Sie…" und nun folgt eine Auflistung an Fakten des Alltagssexismus in Deutschland (in dem wir ja zugegebenermaßen alle aufgewachsen sind), die unweigerlich dazu führten, dass Männer per se privilegiert seien.

Und nun sei es eben so, dass Sexismus genau da anfange, wo sie ihre Privilegien nicht reflektierten und eingestünden. Sie sagt damit also (sinngemäß): Sie sind Männer und sagen "ich bin kein Sexist"? – ha! – das ist der Beweis, dass Sie einer sind und sein müssen, denn hätten Sie ihre Privilegien reflektiert, dann wüssten Sie es ja besser."

Passt alles oder hinkt der Vergleich irgendwo?

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Ehemaliger Nutzer 19.10.2012 | 01:10

Entweder gebe ich zu, dass ich Sexist bin, oder ich bin es, weil ich es nicht zugebe. Die gleiche Logik gilt für mich in Bezug auf meinen Rassismus.

Sind Türken auch Rassisten, weil sie die Existenz eines kurdischen Volkes bestreiten? Sind Chinesen Rassisten, die Tibeter und Uiguren unterdrücken?

Können Schwarze gegenüber Weißen Rassisten sein?

Wie nennt man Deutsche aus dem Bildungsbürgertum, die Deutsche aus der Unterschicht verachten?

Lässt sich die Welt wirklich in Schwarz und Weiß einteilen?

Popkontext 19.10.2012 | 16:54

In Australien, den Amerikas und Südafrika ist die "Ursprungsbevölkerung" nicht weiß - trotzdem priviligiert auch dort das Weißsein. Dieses (angemaßte) Privileg hat nämlich auch weitere Ursachen als rein ethnische "wir" waren zuerst hier - in der Kolonialgeschichte der vergangenen gut 500 Jahre und dem daraus entstandenen Rassismus. Und auch die Diskriminierung von Menschen in Europa aufgrund ihrer (nichtweissen) Hautfarbe entschuldigt sich nicht dadurch, dass deren Vorfahren erst in jüngster Zeit zugewandert sind (oftmals auch nicht freiwillig sondern in folge ebendieser Kolonialgeschichte).

klonkifanko 19.10.2012 | 20:18

"Und nun sei es eben so, dass Rassismus genau da anfange, wo sie ihre Privilegien nicht reflektierten und eingestünden. Sie sagt damit also (sinngemäß): Sie sind deutsch und sagen "ich bin kein Rassist"? – ha! – das ist der Beweis, dass Sie einer sind und sein müssen, denn hätten Sie ihre Privilegien reflektiert, dann wüssten Sie es ja besser."


Es ist offensichtlich, dass der kritische Unterton dieser Kolummne aus dem Gefühl resultiert, sich individuell angegriffen zu fühlen. Dabei ist doch genau der Punkt, dass der Rassissmus darin besteht, dass überindividuell über Menschengruppen geurteilt wird, denen einzelne Menschen - nach subtileren Mechanismen - über ihre Köpfe hinweg zugeteilt werden. Diese Zuteilungsprozesse verursachen Privilegien und Benachteiligung. Deshalb wird, wer sich der eigenen Privilegien nicht bewusst ist, zu Recht unter dem Verdacht stehen, die Mechanismen, die auf "der anderen Seite" für Benachteiligung sorgen, zumindest hinzunehmen.

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Ehemaliger Nutzer 26.10.2012 | 12:53

Hm spannend. Ich finde das mit der Wut und der Provokation nicht so schlimm, weil es tatsächlich eine unlösbare Ambivalenz ist, dass Diskriminnierung generell sehr stark von wohlmeinender Ignoranz befördert wird.

Die Sache mit den assoziierten Bildern zu einem Schwarzen ist auch interessant. Wenn ich mir vorstelle ich bin in einer gefährdeten Situation, hätte ich tatsächlich vor einem Schwarzen am meisten Angst, vor einem weißen Mann so mittelviel und vor einem Japaner am wenigsten. Ich versuche mich bei dieser Vorstellung ein wenig herauszureden, der Japaner sei ja auch kleiner als die anderen, der Schwarze hätte naturgemäß ein finsteres Gesicht... spätestens da: *weiiia*.

Das ist echt das Allerletze von mir. Das war nicht beabsichtigt, aber so war mein spontanes Gefühl. Ich bin zurückgegangen, woher das kommt. Als Kinder haben wir die Schwarzen geliebt. Tatsächlich haben meine Schwester und ich verkündet, wir würden, wenn überhaupt, später mal einen Schwarzen heiraten. Die sind lieb und lustig. Im See und im Schwimmbad spielen die schwarzen Männer mit den Kindern und machen Spaß und die Frauen liegen auf den Decken reden, lachen und verwalten den Picknickkorb. Eindeutig das schönere Leben verglichen mit dem weiß-deutscher Familien. Kinder haben eben noch eine ziemlich klare Sicht. ^^

Also da war noch keine Diskriminierung. Ein schwarzer Mann wäre mir vertrauenswürdiger vorgekommen als ein Weißer oder Japaner.

Meine Mutter hat unseren Heiratsplänen sehr effektiv den Hahn abgedreht, in dem sie von kulturellen Unterschieden sprach, von der Heimatlosigkeit und dem Zwiespalt, in die man die Kinder bringt, und am Schluss: "das wäre egoistisch von euch!" Bumms. Aus wars mit den Heiratsplänen.

Als Jugendliche haben wir die Schwarzen vor allem wegen ihrer sportlichen Eleganz und Leistungen bewundert, wollten wir doch auch mal große Langstreckenläuferinnen werden. Also was ist passiert, dass ich 44-jährig sinnend vorm PC eingestehen muss, ich hätte vor einem schwarzen Mann mehr Angst als vor einem Weißen?

NICHTS. Absolut gar nichts. Ich hab keine schlimmen Geschichten gehört, hab keine Rassisten im Umfeld, habe selbst null schlechte Erfahrungen gemacht. Ah doch, einmal als ich mein Auto verkauft habe, kamen zwei schwarze Männer, die mich herumgeschubst haben, um den Preis zu drücken. Das war schon eine angseinflößende Situation, allerdings nicht so arg, dass ich auch nur einen Euro nachgelassen hätte. Ich hab zwar würdeloser Weise gezittert wie Espenlaub, aber hab sogar noch geschrien: "Wenn ich noch einmal angefasst werd, steigt der Preis!" Also Trotz und Wut waren noch größer als die Angst. Das war nun wirklich keine signifikante Bedrohungserfahrung in meinem Leben.

Es ist nichts passiert und ich hab auch nichts gehört, was Schwarze als gefährlicher ausweist. Ich glaub, dass man Rassismus osmotisch aufnimmt, ohne Absicht, ohne Grund oder Anlass, und plötzlich findet man die eine Hautfarbe bedrohlicher als die andere. Schlimm.