Katrin Rönicke
12.10.2009 | 12:07 16

Frauen und Kinder zuletzt

Gleichberechtigung Wenn die Wirtschaft ihre Erwartungen an Männer nicht ändert, wird es nichts mit der Emanzipation. Wir brauchen mehr Väter, die Teilzeit arbeiten, meint Katrin Rönicke

„Wenn Frauen frei wählen könnten, würden sie die Kinder wählen“

Dieser Satz ist von 1981 und stammt aus der Feder Gesine Strempels, Mitbegründerin der Neuen Frauenbewegung. In der Tat ist meine Erfahrung deckungsgleich mit dieser einfach scheinenden, doch in Wahrheit schwerwiegenden Feststellung: Wäre Mutterschaft frei von den Attributen einer „Einzelhaft“, wie Strempel es in ihrem Aufsatz „Muttertägliche Wut“ nennt, würden sich dann nicht vielleicht mehr Frauen dafür entscheiden?

Die Realität hingegen zermürbe Mütter mit der Aufgabe, sich weitgehend allein und ohne Unterstützung um kleine Kinder zu kümmern. Schlaflose Nächte, die ständige Kommunikation mit einem immer wieder quäkendem kleinen Menschen… - das alles sei im Grunde menschenunwürdig, für Mütter unzumutbar, letztendlich aber auch für die Kinder, die von genervten, frustrierten und von Schuldgefühlen zerfressenen Müttern betreut würden.

Gebärstreiken bis es besser ist?

Der Aufsatz Strempels ist ein brisantes Politikum, denn sie fordert darin indirekt einen Gebärstreik der Frauen, bis sich die Bedingungen für Mütter und Kinder gebessert hätten. Eine folgenschwere Forderung, denn bis heute wird es den „Emanzen“ angelastet, für die angeblich zu geringe Geburtenrate in Deutschland verantwortlich zu sein. Was die Gesellschaft aus der Forderung der Frauenbewegten machte: Frauen, die sich emanzipieren kriegen keine Kinder mehr. Die Forderung nach einer Verbesserung der Bedingungen für Mütter und Kinder wurde unter den Teppich gekehrt – Kind und Karriere als Entweder-Oder-Prinzip hochstilisiert.

„Erfolgreich, einsam, kinderlos“ ist der Unter-Titel von Susanne Gaschkes Buch Die Emanzipationsfalle, eines von vielen Horrorszenarienbüchern, die seit Jahren in Wellen auf den Markt kommen. Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott schlägt ebenso wie Eva Hermans Eva-Prinzip in dieselbe Kerbe. Die Frauen, die sich Kind und Berufsleben gleichermaßen wünschen, werden von vielen bis heute stigmatisiert. Eine Frau, die Macht will, gilt schnell als karrieregeiles Mannweib. Wünschen sich Feministinnen mehr Frauen in die Führungsetagen, werden sie als neoliberal abgestempelt. Und stellen Gender-Forscher die angeblich „natürlichen, biologischen“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die bis heute das Fundament der Geschlechter-getrennten Arbeitsteilung darstellen, infrage, werden sie als Ideologen gebrandmarkt und als unwissenschaftlich in die Ecke gestellt.

Geschlechterdemokratie muss man sich leisten können

Wer aber redet schon über die Männer? Das Normalarbeiterverhältnis ist für den gemeinen Mann bis heute selbstverständlich. Niemand stellt in Frage, dass Männer ganz natürlich 40 Stunden oder mehr arbeiten. Im Gegenteil: Es wird von ihnen erwartet und wenn sie etwas anderes fordern, dann werden sie schlimmstenfalls ausgegrenzt. Walter Hollstein beschreibt in Geschlechterdemokratie sehr ausgiebig, wie dieses Dogma, die gesellschaftliche Norm, welcher sich Männer ausgesetzt sehen, den „neuen“ Typ Mann verhindert wie nichts sonst.

In der Tat: Die Frauen können so viel für ihre Emanzipation kämpfen, wie sie wollen. Wenn sie heterosexuell sind, mit einem Mann zusammen leben und mit ihm Kinder bekommen wollen, werden sie nur dann eine gleichwürdige Gemeinschaft erlangen können, wenn ihr Mann eben nicht in einem Normalarbeiterverhältnis angestellt ist – sprich: nicht Vollzeit arbeitet. Diese Männer gibt es. Diese Beziehungen gibt es. Und sie funktionieren erstaunlich gut. Ihnen ist nur in der Mehrzahl eines gemeinsam: Sie spielen sich fast ausschließlich in den höheren Schichten dieser Gesellschaft ab. Denn die Männer müssen es sich leisten können, ihre „untypische“ Prioritätensetzung, die darauf basiert, Familie und Arbeit gleich wichtig – vielleicht sogar die Familie wichtiger – zu finden, mit weniger Karrierechancen, weniger Auswahl an Stellen, weniger Privilegien (Stichwort Ehegattensplitting) zu bezahlen.

Hollstein schreibt: Diese Männer müssten „eine erworbene Verhaltensstabilität aufweisen, die sie in die Lage versetzt, mit Vorurteilen und Spott ebenso souverän umzugehen wie mit Karriereknick und Einkommenseinbußen“. Diesen Preis zu zahlen sind die meisten Männer nicht bereit – oder in der Lage.

Die Überstundengesellschaft ist männlich

Wie tief verinnerlicht der vermeintlich „hohe Wert“ des normalarbeitenden Mannes ist, zeigen Kommentare von sogenannten "Maskulisten" in Diskussionen über die Ungerechtigkeit der Lohnschere zwischen den Geschlechtern: Diese sei vollkommen gerechtfertigt – schließlich seien es die Männer, die die meisten Überstunden in diesem Land erbrächten. Überstunden – sie sind in Deutschland so etwas wie eine Verdienstmedaille, man sammelt sie und gibt mit ihnen gegenüber den Kollegen an. Seht, wie viel ich ackere – hier steht es schwarz auf weiß.

Wer fragt nach dem „wie“? Wie ist die Beziehung dieser Männer zu Frau und Kindern? Wer fragt nach dem „wer“? Wer ist die ganze Zeit für die Familie, den Haushalt und die Steuerklärung da, wenn er in seinem Büro hockt? Wer fragt nach dem „was“? Was bleibt der Frau anderes übrig, als den Preis für diese Prestige-trächtigen Überstunden ihres Mannes zu bezahlen: In Zeit und mit Nerven? Und: Was entgeht eigentlich diesen Männern Tag für Tag mit ihrer Fokussierung auf Arbeit?

Eine neue Arbeitsgesellschaft muss her

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich mache diesen Männern keinen großen Vorwurf. Natürlich würde ich mir wünschen, dass sie sich mehr für die Belange einsetzten, für die Frauen in den verschiedenen Wellen der Feminismen weltweit seit Jahrzehnten kämpfen. Natürlich wünschte ich mir, dass sie reagierten, wenn ihre Frauen und Kinder ihnen signalisieren, dass sie sich mehr von ihnen zu Hause – und weniger auf der Arbeit wünschen. Doch ich sehe es wie Susan Faludi, die in Männern ein „betrogenes Geschlecht“ sieht: „Wenn Männer nicht reagieren, liegt es vielleicht daran, dass ihre Gesellschaft ihnen keinen Weg gewiesen hat, auf dem sie zu gehen wagen.“

Dass dieser Weg für Männer immer noch fehlt ist sicherlich einer der Hauptgründe dafür, dass die Emanzipation der Frauen noch in so manche „Falle“ geraten wird. Ein erster Schritt, der notwendiger Weise aus dieser Erkenntnis folgen muss, ist die konsequente und breite gesellschaftliche Infragestellung des Normalarbeiterprinzps an sich – von Männern wie von Frauen. Denn kritische Männerstimmen fragen uns Feministinnen zu Recht: Was wollt ihr denn mit einem dieser schrecklichen 60-80-Stunden-Jobs?

Doch viele hartnäckige Dogmen liegen auf dem steinigen Weg einer koalierenden Bewegung aus Männern und Frauen – sie müssen zur Disposition gestellt werden. Dazu gehört es, Arbeit zu teilen, die bislang unhinterfragt nur von einer einzigen Person allein gemacht wird – oder anders gesagt: Dazu gehört ein Wirbelsturm der Veränderungen auf dem gesamten Arbeitsmarkt. Damit auch die Männer in Zukunft nicht mehr so „erfolgreich, einsam, [und faktisch] kinderlos“ sind.

Die neue Frauenbewegung in Deutschland: Abschied vom kleinen Unterschied; ausgewählte Quellen/Ilse Lenz (Hrsg.). Wiesbaden, 2009

Geschlechterdemokratie: Männer und Frauen: besser miteinander leben Walter Hollstein. Wiesbaden, 2004

Männer - das betrogene Geschlecht Susan Faludi. Deutsch von Ursula Locke-Gross. Reinbek bei Hamburg, 2001

Katrin Rönicke, geboren 1982 in Wittenberg, studiert Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften in Berlin und ist Mutter eines zweijährigen Jungen. Seit April ist sie Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Für den Freitag schreibt sie in ihrer wöchentlichen Kolumne über Gender- und Bildungsthemen. Außerdem schreibt sie für den feministischen Blog maedchenmannschaft.net

Kommentare (16)

gweberbv 12.10.2009 | 17:59

Wenn Mann Frau und Kind hintenanstehen läßt, wird er im Beruf tendentiell leistungsfähiger sein und schneller vorankommen. Gerade in den Berufen, in denen der Aufstieg mit einem Zuwachs an Gestaltungsmöglichkeiten, Prestige und interessanten Tätigkeiten verbunden ist, bedeutet es für die meisten Männer einen ungeheuren Verzicht, sich zugunsten familiärer Belange zurückzunehmen. Ob der Gründe nun eher in gesellschaftlichen Rollenvorbildern oder aber bei einem instinktiven, männchlichen Eroberungsdrang zu suchen sind, keine Ahnung. Und schon gar nicht, wie dem beizukommen wäre.

goch 12.10.2009 | 20:41

Wenn ich mir anschaue, dass in den Niederlanden wesentlich mehr Männer und Frauen Teilzeit arbeiten, in Frankreich wesentlich mehr Ganztagsschulen und -betreuung besteht und auch in den Skandinavischen Ländern sich die Rolle der Männer deutlich verändert hat, bleibt doch festzuhalten, dass hier in Deutschland die Rechte aus ideologischen Gründen dies hintertreibt. Wir haben es hier mit einem erzkonservativen Männer- , Frauen- und Familienbild zu tun, das koste es was es wolle keine menschenwürdigere Gesellschaft will. Weder die Kleinkinderziehung wird konsequent ausgebaut, noch das dreigliedrige Schulsystem abgeschafft, noch die Ganztagschule konsequent umgesetzt. Die Steuergesetztgebung (Ehegattensplitting huldigt einem angestaubten Eheverständnis)ist auf einen Ganztagsarbeiter und eine Zuverdienerin ausgerichtet.(Die Zuverdienerin wird doppelt bestraft. Erstens verdient sie erstmal weniger , wegen des höheren Steuersatzes, und Kindergartenbeiträge etc steigen, wenn das Familieneinkommen steigt. Es bleibt also nur sehr wenig finanziell übrig.)
Alle , die sich dem nicht beugen, werden finanziell konsequent bestraft und ihre nicht hauptsächlich arbeitsorientierte Haltung geächtet.
Die konservative Hegemonie über Familie , Mann- und Frauenrollenbild ist im Kern ungebrochen.

crumar 12.10.2009 | 22:17

Ich hätte bei dieser Debatte gerne mal die Illusionen raus und die Realität inhaliert: Wie viele Männer befinden sich den wirklich in der konkreten Situation, einen Job dieses Kalibers auch nur erreichen zu können?

Bei aller Symphathie für maskulistische Ziele ist das doch eine extrem schmale Schicht von Männern, die so einen Job hat oder im Leben erreichen wird.
Ich habe keinerlei Lust auf solche verlogene Scheiße a la "Wir Frauen!" nur maskulistisch gewendet.
Es ist natürlich richtig, dass alle gefährlichen und extrem die Gesundheit verschleissenden Tätigkeiten von Männern verrichtet werden. Aber in dieser Lesart kommt immer ein "männlicher Heroismus" in die Jobwelt hinein, den die empirische Realität mehrheitlich nicht kennt.

Welches Heldentum steckt im Dasein des Sachbearbeiters?
Wo sind seine Aufstiegschancen?
Wo die Karrieremöglichkeiten?
Welche Gestaltungsmöglichkeiten hat ein Programmierer?
Wieviel Prestige hat ein KFZ-Mechatroniker?
Und wie interessant ist die Arbeit eines Versicherungskaufmanns?

Ich bemerke in solchen Debatten immer, dass Frauen Männern Selbsterfahrungsmöglichkeiten in der Arbeitswelt zuschieben und zuschreiben, die Männer in der Realität mehrheitlich gar nicht haben.
Und ich frage mich, warum diese Frauen das tun.

Ebenso sehe ich an Beiträgen wie deinem, dass Männer dazu neigen, sich geschmeichelt von soviel ahnungslosem Geplapper wesentlich besser darzustellen, als ihre Lebensrealität das hergibt.
Da packt der Sachbearbeiter für rückwirkende Vertragsänderungen aber ganz tief in die Männer- Grabbelkiste! Eroberungsdrang! Rrrrrrrrrrrrrrr!

Sei mir nicht böse, aber es liegt für die meisten Männer sicherlich kein Verzicht auf einen potentiellen Vorstandsposten vor, wenn sie sich für die Familie entscheiden.
Bei mir ist das jedenfalls nicht so.

Gruß, C.

gweberbv 12.10.2009 | 23:19

@crumar

Na, du siehst da aber viel schwarz in der Berufswelt.

Versicherungskraufmann Sachbearbeiter: Stimmt, das stelle ich mir wenig erbaulich vor. Außer vielleicht Abteilungsleiter werden und die Untergebenen quälen.
Programmierer: Kann eine sehr kreative, erfüllende Tätigkeit sein.
Mechatroniker: Kann seinen Meister machen und z. B. Werkstattleiter werden.

Aber stimmt schon, vielleicht stelle ich mir das zu rosig vor. Bei meinem Altersgenossen haben alle studiert bzw. sind selbständig. Mein Vater dagegen ein Gärtnermeister, der sich spät noch eine Tochter angeschafft hat und nun keinerlei Problem darin sieht, sich hauptsächlich um das Kind zu kümmern, während seine Frau in einem deutlich besser bezahlten Job mehr arbeitet.

Um es nochmal allgemeiner zu fassen: Ich würde mich auch schwer wundern, wenn ein Mann in einem völlig fremdbestimmten, perspektivlosen Job diesen dennoch dem Familienleben vorzieht. Aber ich meine mich zu erinnern, dass sich Frauen eher nicht mit wirtschaftlich schlechter gestellten Männern zusammentun. Insofern wird dieser armer Tropf mangels ausreichender Einkommensaussichten seiner Partnerin kaum die Chance haben, selbst beruflich kürzer zu treten.

THX1138 12.10.2009 | 23:33

"Wenn ich mir anschaue, dass in den Niederlanden wesentlich mehr Männer und Frauen Teilzeit arbeiten," Ob das stimmt, weiss ich nicht- schon lange einmal hätte ich gerne Zahlen dazu: Kennst Du vieleicht entsprechende Links?

In Frankreich liegt die Geburtenquote sogar über 2,1 Kindern pro Frau- also über dem sozusagen Artehaltenden Wert. Da sind es die gut ausgebauten Betreuungsangebote für Kinder (u. a. viele Tageshorte). Nur: In den Neuen Bundeslöndern ist das Betreuungsangebot auch viel besser ausgebaut, als in den alten- die Geburtenquote liegt trotzdem nur bei etwas über 1,33 Kindern pro Frau (so war es auch in der DDR, obwohl sie dort trotzdem noch höher lag, als im kapitalistischen Westen).

THX1138 12.10.2009 | 23:46

Ein sehr guter Artikel! Auch von der statistischen Grundlage her astrein: Stimmt, Teilzeit-Teilzeit-Beziehungen können sich nur die allerwenigsten Paare leisten: In der Schweiz sind das weit weniger als fünf Prozent aller Paarbeziehungen und in Deutschland sogar nur ein einziges Prozent! Und nochmals richtig: Es sind ausschliesslich einkommensstarke (Akademiker-)Haushalte!

Mehr Teilzeitstellen für Männer zu fordern dürfte das Problem allerdings leider auch nicht lösen- zumindest nicht alleine: „Junge Frauen ziehen sich massenweise ins Privatleben zurück, weil der Druck in der Berufswelt steigt und sie stattdessen wieder ihre sogenannte biologische Rolle als Mutter leben wollen." Aus "Die Alphamädchen", 2008

Diese absolut zutreffende Aussage habe ich mittlerweile haarscharf quantifizieren können. Was machen wir mit diesem Problem?

luggi 13.10.2009 | 00:30

Ja aber was wollen Sie denn mit diesem Artikel aussprechen? An wen richtet er sich? Die Emanzipation der Frau ist eine soziale Aufgabe und damit Klassenaufgabe. (August Bebel: Die Frau und der Sozialismus) Ich empfehle Ihnen das Buch wirklich, weil A. Schwarzer das nicht gelesen hat. Und wenn sie die Teilüberschriften des Buch's betrachten, dann ist das die Widerspiegelung heutiger Verhältnisse. Schauen Sie es sich an: www.projekt.gutenberg.de/?id=5=163=1#frau0811
Im Fokus Ihrer Betrachtungsweise steht der Akademiker/die Akademikerin. Aber die Mehrheit der deutschen Bevölkerung besteht doch nicht aus AkademikerInnen. Das so oftmals verspottete Prekariat hat doch keine Probleme Ihrer Forderung zu entsprechen? Oder zählt DORT Emanzipation nur geringwertig? Nein, Emanzipation beginnt, wenn akademische Abgehobenheit in dieser Frage sich einer dialektischen Betrachtung unterordnet. Ungerechtigkeit in der Geschlechterbeziehung ist funktionierende Voraussetzung in diesem System.

crumar 13.10.2009 | 09:11

@gweberbv Leider muss ich hier oben antworten, sonst wird es zu unübersichtlich - wieso die keine Threads hinbekommen ist mir ein Rätsel.

Zunächst mal was zu dem "Mythos" der männlichen Überstunden - am meisten arbeiten junge Väter. Was der Autorin sicherlich weniger schleierhaft wäre, wenn sie akzeptieren würde, dass für die meisten jungen Väter eine Erwerbsquelle der Familie weggefallen ist und sie das irgendwie zu kompensieren haben. Aus der männlichen Wahl zwischen Vollzeitarbeitsstelle und Vollzeitarbeitsstelle wird die der Wahl zwischen Mehrarbeit in dieser und noch mehr Arbeit in dieser. Es sei denn, deine Frau verdient mehr als du selbst, so dass das Schema umgekehrt gilt und die Frauen demanch in die Fussstapfen der Männer treten. Das schilderst du ja am Beispiel deines Vaters, der jedoch selbstständig ist.
Das finde ich sogar ausgesprochen gut!

Aber für die Mehrheit der Beziehungen trifft es leider nicht zu. Und die für Mehrheit der Arbeitsverhältnisse nicht.
Ich hoffe ja, dass die rudelweise in den Arbeitsmarkt eintretenden Alpha Mädchen endlich mal den Schotter herankarren und uns Männer aus diesen Zwangsverhältnissen befreien.

Zurück zu uns Männern: Von all den Karrieremöglichkeiten, die du skizzierst, kann jedoch nur einer die Stelle erhalten. Selbst wenn du die Weiterbildung zum Meister antrittst - die Stelle muss erst mal vakant sein.
Natürlich kannst du eine leitende Tätigkeit erhalten z.B. in einem Großunternehmen - aber eben eine pro tausend Beschäftigten. Was den Wettbewerb nicht so aussichtsreich macht. Und der Rest (999) arbeitet bis zum Ende des Arbeitslebens eben angeleitet.
Die interessanten Programmiertätigkeiten, die nicht fremdbestimmt sind haben Open Source möglich gemacht. Umsonst und in der Freizeit. Hähä. Ich bin selbstbestimmt selbstständig und einer von 100.000. Und weil das mit Riiiisiiiko und haufenweise Arbeit verbunden ist, noch ohne Familie. Und meine Freundin hat leider die irre interessante Arbeit mit viel Kontakt zu Menschen, die komischerweise nur beschissen bezahlt ist. Ich Vollpfosten hätte eine Wirtschaftsingenieurin nehmen sollen oder irgendeine aus dem Marketing (aber nur aus Großunternehmen und keinesfalls so eine Art Directorin aus irgendeiner Werbeklitsche)! Oder wenn so etwas nicht zu bekommen ist wenigstens eine Lehrerin (im Notfall taugt das für ein sicheres Gehalt).

Wann lernen wir Männer eigentlich mal, ein wenig rationaler zu denken und nicht nach saudoofer Verliebtheit zu entscheiden??!!

Und damit wieder zurück zu den Entscheidungen.
Ich habe es bei meinem Schwager leibhaftig nachvollziehen können. Seine individuelle Entscheidung gegen die Karriere und für die Familie hat er einmal individuell getroffen.
Die Familie hat er nicht mehr, denn die Beziehung ging auseinander. Nun hat er zwei Kinder aus erster Ehe und bis zum Rest seines Lebens (und das ist lang) hängt er auf derselben Stelle. Gibt einem schon zu denken (von den Zahlungen mal ganz abgesehen).
Als Mann - von Frauen kann man ja nur den gehässigen Blick auf männliche Lebensrealitäten erwarten.

Gruß, C.

Katrin Rönicke 13.10.2009 | 12:47

Hallo crumar,

Faludi spricht in ihrem Buch ein Thema an, dass sie vielleicht meinen, wenn Sie fragen:
"Ich bemerke in solchen Debatten immer, dass Frauen Männern Selbsterfahrungsmöglichkeiten in der Arbeitswelt zuschieben und zuschreiben, die Männer in der Realität mehrheitlich gar nicht haben.
Und ich frage mich, warum diese Frauen das tun."

es tun ja nicht nur die Frauen. Die Männer tun das ja auch. Faludi beschreibt das als eine Illusion von männlicher Macht, die mit der Realität überhaupt nichts mehr zu tun hat - oder eben nur für einen winzigen Bruchteil der Männer. Einer der Gründe, warum sie vom betrogenen Geschlecht spricht.

Also: Ich glaube oder denke auch nicht, dass die Mehrheit der Männer so wahnsinnig viel Macht oder tolle Arbeitsrealitäten haben - eher im Gegenteil. Und dennoch sind es laut Studien vor allem Männer, die in tiefe Krisen geraten, wenn sie - egal von welchem Job - arbeitslos werden. Wohingegen Frauen mit einer sehr großen Selbstverständlichkeit Jahrzehnte arbeitslos bleiben - manche zumindest. Wobei sich das auch auflöst. Die Frage muss also lauten: Warum BEIDE Geschlechter Selbsterfahrungsmöglichkeiten in der Arbeitswelt zuschieben und zuschreiben, die Männer in der Realität mehrheitlich gar nicht haben.

Ich kenne und kannte von meinen Klassenkameradinnen viele Väter, die - typisch - familiär abwesend und voll in der Arbeitswelt waren. Die Mütter führten derweil zu Hause das Regiment. Viele dieser Väter hatten alles andere als diejenigen Jobs, die man sich vorstellt, wenn man von Selbsterfüllung etc.. spricht. Dennoch konnten sie sich nur damit voll identifizieren - mit Familien- und Hausarbeit - also unbezahlter Arbeit, leider nicht. Warum war das so? Wieso spüren diese Männer keinen Mangel? Schaue ich mir den Vater meines Kindes an, so würde dieser in solch einer Situation, wenn sie dauerhaft wäre, wirklich Qualen empfinden.(klingt jetzt übertrieben - ist aber so).

Meine These: es ist diese "phantasierte Macht", die den Mangel nicht spüren lässt, die Männer so sehr an diesem Modell festhalten lässt. Was aber, wenn die Illusion verschwindet?

Katrin Rönicke 13.10.2009 | 12:58

Luggi, vielen Dank für diesen Link. Ich habe kurz drüber gelesen und völlig neu ist es mir noch. Aber noch einmal eine etwas andere Perspektive. Also danke.

Ich sehe jetzt den Widerspruch zu meinem Artikel noch nicht so ganz. Es ist auch nicht wirklich richtig, dass im Fokus meiner Betrachtung AkademikerInnen stünden - im Gegenteil. Ich versuche ja gerade von dieser - zugegebenermaßen die Debatten sehr dominierenden - Fokussierung ein Stück weit wegzulenken und auf jene männliche Lebensrealität zu blicken, die Sie "Prekariat" nennen. Sie glauben, dass es dort keine Probleme gibt, meiner Forderung zu entsprechen? Das sehe ich absolut nicht! Natürlich gehe ich so weit mit - das hat auch schon Horkheimer festgestellt - dass es oft die sozial schwächeren Schichten waren, in denen der "Geschlechterkampf" aufgelöst wurde: Einfach durch die Notwendigkeit, dass beide arbeiteten und damit mehr Gleichberechtigung in den Beziehungen einzog. Aber das Problem des heutigen Prekariats ist ja eben, dass die Arbeit unsicher ist, dass Arbeitslosigkeit über allem hängt wie ein Damoklesschwert. Und diese Arbeitslosigkeit ist - auch da gehe ich mit Horkheimer - ein Emanzipationskiller. Emanzipation - und das ist die zentrale These meines Artikels - muss man sich wirklich leisten können. Das hat sich geändert im Vergleich zu früher. Emanzipation hat auch viel mit Bildung zu tun. Und Bildung und soziales Milieu sind bei uns in unguter Weise miteinander verkoppelt...

Also: Ich weiß nicht, ob die Dinge wirklich so einfach sind, wie Sie jetzt meinen. Ich habe da meine Zweifel. Ich werde mir Bebel aber auf jeden Fall in einer ruhigeren Minute noch genauer anschauen. Vielen Dank für den Tipp! Und umgekehrt kann ich Walter Hollsteins Geschlechterdemokratie nur empfehlen - das hat Alice Schwarzer mit Sicherheit auch nicht gelesen. ;)
books.google.de/books?id=eja4a-PX99AC=PA334=PA334=Walter+Hollstein+Geschlechterdemokratie=bl=UfDp_ugiXL=VOK2SNGhO_MpTUR_Fq8I08LRtL4=de=MkHUSpGIBo-GmwPgk5WSAw=X=book_result=result=1=0CAoQ6AEwAA#v=onepage==false

luggi 13.10.2009 | 13:52

@Katrin Rönicke
Ich stimme Ihnen gern zu, dass die Dinge wirklich nicht einfach sind. Und sie werden in der Diskussion auch nur kurz beleuchtet werden können. Ich hatte mich etwas gegen die Fokussierung aufgelehnt; wenn Sie es so in Ihrem Artikel ausdrücken wollten, dass Sie sich gegen diese Fokussierung stellen, dann bin ich auf Ihrem Weg.
Für den diffamierenden Ausdruck "Prekariat" habe ich leider auch keinen Ersatz, Unterschichten dito.

Wenn ich Ihre zentrale These, dass man sich Emanzipation leisten können muss, weiter fortsetze, und mich den "obersten Leistungsträgern zuwende, dann endet die Emanzipation in einer reinen Geldbeziehung. Meine These geht davon aus, dass die gesellschaftlichen Bedingungen Emanzipation für alle ermöglichen müssen oder nicht. Emanzipation darf nicht davon abhängig sein, dass frau/man es sich leisten kann.
Alles andere, ja (Bildung).

Anette Lack 13.10.2009 | 14:20

Ich stimme Ihnen zu! Nur: Es ist nicht die Rechte allein, die dies erzkonservative, reaktionäre und verlogene Bild einer heilen Familie, die nur mit traditioneller Rollenverteilung funktioniert, aufrecht erhalten will.

Oder die sogenannten Liberalen sind schon viel weiter rechts, als sie zugeben... Ich denke da an einen Artikel im Stern, vor etwa vier Nummern, in dem Männer schilderten, dass sie die paar Monate Elternzeit, die sie nach der Geburt eines Kinder genommen hatten, kaum ausgehalten hätten, und die zu dem Schluss kamen: Das können Frauen besser (soll heissen: Das sollen weiterhin die Frauen machen). Männer, die anderer Meinung waren und/ oder andere Erfahrungen gemacht hatten, wurden erst gar nicht genannt.

Und dies alles unter dem hämischen Applaus der Stern-Autoren, Grundtonart: "Siehste, Ursula (v.d. Leyen). Kannste machen, was du willst, der (deutsche) Mann macht das aber nicht mit!"

Was das dreigliedrige Schulsystem angeht: Der Hamburger Senat hat mit dem Beginn des Schuljahres 2010/2011 das dreigliedrige in ein zweigliedriges System umgewandelt. Hier wird es künftig Primarschulen (Grundschulen bis zur 6. Klasse) und danach nur noch Stadtteilschulen oder Gymnasien als weiterführende Schulen geben. Die Gymnasien ließ sich die CDU, die hier mit den Grünen an der Regierung ist, einfach nicht nehmen.

Noch nicht perfekt, aber: Immerhin ein Anfang.

Herzlich, Anna

crumar 13.10.2009 | 22:57

@Fr. Rönicke Gute Güte ist das ätzend. Wieso kann ich nicht jeden beliebigen Kommentar kommentieren?

Das Problem ist die gesellschaftlich antrainierte männliche Sinnkonstruktion via Erwerbsarbeit und Familie als - damit - abwesender Vater.
Fällt beides weg, fallen Männer in der Regel in ein tiefes Loch. Weil sie psychisch unfähig gemacht worden und sind, Bedürfnisse aus sich selbst heraus zu entwickeln.

Wobei vielen Männern regelmäßig im Leben aufleuchtet, dass dies eine gesellschaftliche Rollenerwartung ist, die sich auf Zumutung reimt.
Denn um so mehr ein Mann für die Familie arbeitet, desto weniger hat er von ihr. Natürlich kann man diese Erwerbsarbeit auch als Flucht aus der Familie lesen. Dazu später.

Bei Laune gehalten wird die sozial höher gestellte Schicht mit ideologischem Tinnef wie dem Manager Magazin. Aufstiegsporno. Für die einfacheren Gemüter reichen gängige Statussymbole.
Die feinen Unterschiede konstruieren aber die Ehefrauen kräftig mit. Qua Niveau des erreichten und des noch zu sichernden Konsumlevels - auch das ist ein Regiment, Frau Rönicke.

Aber Sie fragten, warum Männer anscheinend selber nicht in dem leben wollen, für das sie ihr Leben in der Erwerbsarbeit einsetzen.
Zunächst mal ist meines Erachtens die psychische Struktur von Männern wie siehe oben (ich schließe mich da gar nicht aus); sich zu beweisen, meint zumeist anderen etwas zu beweisen.
Dann gehört für mich zu diesem Regiment des zu Hause in der Variante der Hausfrauisierung: Enge, Isoliertheit, Borniertheit, stupide Wiederholung.
Ich hätte gar keine Lust auf eine solche Frau und schon mal gar nicht auf Kinder, die so erzogen werden. Die Frage ist jedoch, welche Mitsprachemöglichkeiten Männer haben, wird die Arbeitsteilung über die Geschlechterrollen erst einmal organisiert.
Und schon mal gar keine Lust hätte ich als Mann genau diese Hausfrauisierung als Hausmann nachzuvollziehen und mir dann selber zu suggerieren, dies sei fortschrittlich.
Es ist und bleibt in meinen Augen grunzereaktionär, egal welches Geschlecht sich so zurichtet.
So, dies erst mal dazu für den heutigen Abend.
Gruß, C.

MartinReed 22.11.2009 | 15:41

Man (und Frau auch) sollte es einfach verbieten, dass man (und Frau) seine Geschlechtszugehörigkeit öffentlich zeigt, gesichter und Körper müssen verschleiert werden. Unter diesen Bedingungen ist auch eine Diskriminierung nicht mehr möglich.
Kinder, auch ja Kinder sollten wir eh aus Afrika holen, nur noch Faschisten setzen kinder in diese Welt, gute Menschen retten afrikanische Kinder vorm Hungertot. sollte eine Frau in der westlichen Welt künftig doch schwanger werden, müssen Zwangsabtreibungen bis zur 35. Woche eingeführt werden!
Kinder, welche doch noch geboren werden (meist heimlich, oder bei eltern welche sich 500000€ Kindersteuer leisten können) müssen unbedingt nach der Geburt eingesammelt werden, um sie in speziellen anstalten aufzziehen!
Nochmal, seine Geschlechtszugehörigkeit zeigen und Kinder zu bekommen ist faschistisch, weile es auch Adolf Hitler propagierte!