Fünf Schritte zu einer besseren Schule

Bildung Die Debatte nach dem Hamburger Volksentscheid muss in andere Bahnen gelenkt werden. Auch ohne neue Strukturen sind Reformen möglich

Seit in Hamburg der Volksentscheid über die geplante schwarz-grüne Schulreform zugunsten der Initiative „Wir wollen lernen“ ausgegangen ist, wird es in der Hansestadt auf absehbare Zeit keine Verlängerung der Grundschulzeit geben. Die Entscheidung der Hamburger Bürger galt schon vorher als Signal an die Bildungspolitiker von Bund und Ländern. In jenen beiden Bundesländern, in denen ähnliche Schulreformen geplant sind, wähnt sich nun der Widerstand im Aufwind. Im Saarland geht die FDP, die mit CDU und Grünen gemeinsam die bundesweit erste Jamaika-Koalition stellt, auf Distanz zur geplanten Verlängerung der Grundschule von vier auf fünf Jahre. Auch in Nordrhein-Westfalen fordern die Oppositionsparteien CDU und FDP die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann auf, „nach Hamburg“ die Schulreform zu stoppen. In beiden Bundesländern winken die Gegner mit einem Volksentscheid gegen solche Pläne.

Was aber kann „nach Hamburg“ getan werden, um die Bildung in Deutschland gerechter zu machen? Fünf Vorschläge, die zeigen: Eine andere Bildung ist möglich.

1. Die Prioritäten in der Finanzierung gehören vom Kopf auf die Füße gestellt

Scheint den Deutschen momentan nichts heiliger als ihr Gymnasium, so muss die Formel in Zukunft lauten: Nichts ist uns heiliger als Kitas und Grundschulen! Das Gymnasium ist bislang die teuerste Schulform überhaupt, was in erster Linie an der Besoldung der dortigen Lehrer liegt. Insgesamt aber sanken laut Bildungsbericht die Ausgaben für Bildung in der vergangenen fünfzehn Jahren. Immerhin gibt es den Plan der Kultusministerkonferenz, die Ausgaben von derzeit 6,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 7 Prozent bis zum Jahr 2015 anzuheben. Gut so: Aber bitte mit der Priorität auf der vorschulischen Bildung. Dazu gehört auch eine universitäre Erzieher-Ausbildung. Nahezu alle anderen europäischen Länder legen die Zeit, in der für alle Kinder die Weichen für die Zukunft gestellt werden, längst in besser ausgebildete Hände, als es in Deutschland üblich ist. Natürlich: Besser ausgebildete Fachkräfte in den Kitas müssen auch besser bezahlt werden. Aber sie haben auch eine bessere Idee davon, wie jene Kinder besser für das Leben und Lernen ausgerüstet werden können, die heute bereits mit einigen Rückständen, etwa bei den sprachlichen Kompetenzen, an die Grundschulen kommen.

2. Gernelerner statt Dummchen: Ein neues Bild von den Kindern muss her

Kinder sind kompetente Gernelerner und keine unselbstständigen Dummchen. Viele Eltern und Lehrer sind bis heute der Ansicht, dass es Kinder gibt, die einfach nicht lernen wollen. Dass man viele Kinder zwingen muss, zu lernen. Und andere einfach „hoffnungslose Fälle“ sind. So sieht auch der Unterricht in den meisten Schulen aus: Ein Lehrer, der sich für den schlauesten Kopf der Klasse hält, steht vorne und kaut über 20 Kindern den Stoff vor. Das wird dem kindlichen Lerndrang und seinem Gehirn nicht gerecht. Die Laborschule in Bielefeld macht es vor: Offener Unterricht in altersgemischten Gruppen ist kindergerechter. Kinder wollen lernen und am liebsten entdecken sie selbst, anstatt in kleinen mundgerechten Häppchen alles vorgefertigt erzählt zu bekommen. Unterricht nach Schema F fördert „bulimisches Lernen“, hängen bleibt dabei oft nicht viel.

3. Tempi und Talente: Schule differenziert heute zu wenig ­– nicht zu viel

Unterschiede sind kein Makel, sondern normal. Ja: wichtig. Das immerhin haben auch die Eltern begriffen, die in Hamburg gegen eine längere Grundschulzeit gestimmt haben: Ihre Kinder sind anders, als jene, mit denen sie nicht länger als nötig zusammen auf eine Schule gehen sollen. Die Differenzierung als wichtige Aufgabe der Schule steht also gar nicht zur Debatte. Aber Schule differenziert heute zu wenig – nicht zu viel. Sie lässt in ihren engen Lehr- und Stundenplänen keinen Raum für individuelle Interessen, Lerntempi und Talente. Die heutige Differenzierung kennt vor der Sekundarstufe I überspitzt gesagt nur fünf oder sechs Kategorien: Die der Schulnoten. Und dann sollen es nur noch vier Kategorien sein: Gymnasial-, Real-, Haupt- und Förderschüler. Vielfalt geht anders.

4. Die gesellschaftliche Anerkennung der Lehrer muss aufpoliert werden

Nicht nur das Lehrerhasserbuch dokumentiert die Abneigung der Deutschen gegen die Lehrer ihrer Kinder. Lehrer, das ist in Deutschland längst kein angesehener Beruf mehr. In Finnland gibt es kaum einen höheren. Dort werden nur die Besten Lehrer. Sie nehmen an mehrstufigen und persönlichen Auswahlverfahren teil, um überhaupt die universitäre Ausbildung antreten zu dürfen. Persönlichkeitscheck inklusive. Zudem sind Lehrer dort keine Beamten, sondern kündbar. So wird einem unguten Alltagstrott erfolgreich entgegengewirkt.

5. Statt Monologen in Tristesse: Aus der Schule muss ein sozialer Ort werden

Heutige Schulen sind oftmals nur Anstalten. Sie bewahren die Kinder auf. Sie pferchen sie in triste Räume. Sie beschallen sie mit einem Lehrermonolog und prüfen in regelmäßigen Abständen, wie schlecht die Schüler wirklich sind. Dann werden sie wieder entlassen. Die Angst der Kinder vor Schule hat zugenommen. Für viele Kinder bedeuten sie Psychostress pur. Unter Angst aber kann man nicht lernen. Schulen müssen Orte werden, die sich an Gernelernern orientieren. Soziale Orte, in denen die Kinder eine Menge Zeit verbringen, teilweise mehr, als in ihren Familien. Schulen müssen Orte zum Leben werden. Orte mit einer Seele, um es einmal pathetisch auszudrücken. Dazu gehört auch, dass Psychologen und Sozialarbeiter wie in Finnland das Lehrpersonal ergänzen. Und dass sich Leben und Lernen „am Tag entlang“ ergänzen, wie man in der Bielefelder Musterschule gerne sagt.

Diese fünf Schritte sind möglich, ohne an der bisherigen Schulstruktur viel zu rütteln. Egal ob ein Land ein drei- oder mehrgliedriges Schulsystem nach der Grundschule favorisiert, oder es nur das Gymnasium und das wie auch immer bezeichnete Nicht-Gymnasium gibt. Alle Schüler würden davon unmittelbar profitieren. Überflüssig wird das Ziel, irgendwann einmal alle gemeinsam lernen zu lassen, deswegen nicht. Er ist weiterhin nötig, um ein gerechteres Bildungssystem zu komplettieren.

Wie weiter mit dem Bildungsföderalismus?

Nach dem Volksentscheid über die schwarz-grüne Schulreform in Hamburg mehren sich die Stimmen für ein bundesweit einheitliches Schulgesetz und mehr Kompetenzen des Bundes bei der Bildungsfinanzierung.

Ein entsprechender Vorstoß von Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) stieß bei FDP, SPD und Linkspartei auf Zustimmung. Mit einem solchen Gesetz sollen zentrale Anforderungen an das Schulsystem, etwa inhaltliche Lernziele, bundesweit festgeschrieben werden. Die CDU lehnt die Über- legungen ab. Im Rahmen der Kultusministerkonferenz würden die Länder bereits ihre Bildungsstandards vereinheitlichen. Eine Verlagerung auf den Bund habe daher keinerlei Vorteile.

Allerdings hat Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) unlängst gefordert, das Kooperationsverbot aufzuheben, das es dem Bund verbietet, in die Schulpolitik einzugreifen oder eine Universität direkt zu finanzieren. Auch die Hochschulrektorenkonferenz zeigte sich aufgeschlossen. Die umstrittene Regelung war 2006 von der Großen Koalition im Grundgesetz verankert worden.

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11:45 06.08.2010
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke

Ausgabe 42/2021

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