Gibt’s da was von Ratiopharm?

Libido In den USA ist jetzt eine Pille gegen weibliche Unlust freigegeben worden. Sie schafft neue Probleme

Da ist es nun also endlich: „Viagra für die Frau“ – seit Jahren wird es herbeigesehnt. Immer wieder titelten Magazine, dass Forscher nun bald einen Wirkstoff hätten, der lustlose Frauen „heilt“. 2009 war es der Focus, der auf ein Nasenspray mit Alpha-MSH hoffte, ein Hormon, das direkt im Gehirn wirken und Verlangen induzieren sollte. 2013 titelte der Stern „Lust auf Rezept – Viagra für die Frau“ und beleuchtete die bisherigen Erfolge auf der Suche nach einer Lösung für ein anscheinend drängendes Problem. Der Sommer 2015 bringt nun Flibanserin. Es wurde in den USA als Medikament zugelassen, um die weibliche Unlust zu beheben. Eine Lösung für all die Frauen, deren Libido nicht den Erwartungen entspricht.

Die Gruppe dieser Frauen ist gar nicht so klein. Je nach Land und Studie geht man von etwa einem Drittel der weiblichen Bevölkerung aus. Gerade in heterosexuellen Beziehungen ist das angeblich ein Problem. Über 60 Prozent der Männer geben an, gern häufiger Sex zu haben. (Dass auch die Hälfte aller Frauen gern mehr hätte, wird meist unterschlagen.) Der Mann ist in der stereotypen heterosexuellen Beziehung derjenige, der immer will. Und stets muss er hoffen, dass sie auch will.

Männer als Zielgruppe?

Hier hätten wir also die vermutliche Hauptzielgruppe des sogenannten „Viagra für die Frau“: Männer mit Mangel. Männer als Zielgruppe für ein Medikament, das nur Frauen nehmen sollen – allein das macht die Sache schon spannend. Abgesehen von denjenigen Frauen natürlich, die eine Lustpille ebenso als Lifestyle-Accessoire begreifen wie eine Brustvergrößerung. Die machen womöglich alles mit, um ihren Marktwert zu steigern.

Ansonsten könnte es sich bei Flibanserin ähnlich verhalten wie bei Ritalin: Da gibt es diejenigen, die es wollen – und dann diejenigen, die es schlussendlich nehmen. Im einen Fall wollen die Eltern oder Lehrer es für das hibbelige Kind, im anderen die Männer für die lustlose Frau. Beide haben eines gemeinsam: In den Augen der Bestimmer „funktioniert“ der andere nicht.

Dabei ist das wahre Problem oft genau der Bestimmer. Ich selbst war einmal in einer Beziehung, in der ich verlassen wurde, weil ich im Bett nicht mehr „funktionierte“. Hätte es damals in Deutschland eine Lustpille gegeben, ich wette, der Typ hätte von mir erwartet, dass ich sie nehme. Denn in seinen Augen war ich ja das Problem. In Wahrheit war es genau umgekehrt: Er hatte mich schlecht behandelt, und das hat sich unmittelbar darauf ausgewirkt, wie viel Lust ich auf ihn hatte – nämlich irgendwann gar keine mehr.

Das ist aber nur einer von vielen möglichen Gründen, die Frauen die Lust verderben können. Wir haben oft keine Lust, wenn mit der Beziehung irgendwas nicht stimmt. Manchmal haben wir auch keine Lust, weil der Sex doof ist. Manche haben keine Lust, weil der Partner komisch riecht. Andere wiederum haben zu viel Stress auf der Arbeit. Bei all diesen Problemen hilft vor allem eines: reden.

Es ist aber auch schon lange bekannt, dass mit fortschreitender Beziehungsdauer die sexuelle Aktivität eines Paares abnimmt. Das ist völlig normal. Je nachdem, auf welchem Level sie einmal eingestiegen sind, kann das mehr oder weniger dramatisch werden. Wer schon am Anfang nicht mit sonderlich viel Leidenschaft dabei war, hat nach hinten raus eher schlechte Karten. Obwohl: In einem Radio-Interview räumte die Sexualforscherin Ann-Marlene Henning ein, dass gerade viele ältere Paare mit mehr Zeit und Muße oft Dinge entdeckten, die sie jahrelang weder über sich selbst noch übereinander wussten: „Es kann sein, dass, wenn beide anfangen, sich mit ihrem Sex zu beschäftigen – dass der Sex so gut wird wie nie zuvor. Und das sagen gerade die 60- und 70-Jährigen.“ Generell rät Henning: „Man muss auch herausfinden: Warum blockt jemand dermaßen ab?“

Beziehungen sind komplexe Systeme. Manchmal ist das Menschen offenbar zu anstrengend, dann freuen sie sich über einfache Lösungen. Flibanserin ist eine. Oder suggeriert das zumindest. Der Erfolg im Vergleich mit einem Placebo ist jedoch eher mau: Man kann mit 0,6 bis 1 Mal mehr Sex im Monat rechnen. Dafür aber muss das Medikament durchgehend genommen werden. Jeden Tag. Der Wirkstoff setzt im Gehirn an, deswegen ist der Begriff „Viagra für die Frau“ auch völlig irreführend. Es geht nicht wie bei Sildenafil, dem Wirkstoff von Viagra, um eine quasi „mechanische Wirkung“ (Blut strömt in den Penis und führt zur Errektion). Vielmehr wäre der Ausdruck „Soma für die Frau“ passender. Angelehnt an Aldous Huxleys Schöne neue Welt ist Flibanserin für den Kopf gedacht – es soll eine Stimmung herstellen, ein Wollen erzeugen, das ohne das Medikament nicht da ist. Männer, die Viagra nehmen, wollen in der Regel schon vorher. Schlaffes muss nur hart werden, damit das auch geht. Eine Frau, die nicht will, ist aber ein anderer Fall.

Der Wille der Frau

In einer Gesellschaft, in der seit Jahren hitzig und leidenschaftlich über den freien Willen debattiert wird – darüber, ob es ihn gebe (wie viele Philosophen nach wie vor glauben) oder eben nicht (wie manche Neurobiologen vermuten, denn sie können ihn ja nicht auf dem MRT sehen) –, wird also gleichzeitig angenommen, dass es in Ordnung sei und man es arzneilich zulassen könne, dem Willen der Frau auf die Sprünge zu helfen. Wo sind sie nun aber, die großen, leidenschaftlichen Philosophen, wenn der freie Wille derart angegriffen wird? Wo steht ihre Brandschrift gegen Flibanserin? Gehört zum freien Willen nicht auch, ausdrücken zu können, was man nicht will?

Bei uns werden lustlose Frauen zum Sexualpsychologen geschleppt. Und vielleicht gibt es dann auch bald bei uns ein Mittelchen dagegen – bestimmt sogar von Ratiopharm. Die nichtwollende Frau wird damit zur Kranken. Sie allein trägt nun die Verantwortung für die Situation, die tausend Gründe haben könnte.

„Die gefährlichste Krankheit ist die Diagnose“, sagt der Psychiater und Buchautor Manfred Lütz. Tatsächlich ist es schnell ein Teufelskreis, in den manche Frauen geraten – und auch immer mehr Männer. Die kulturellen und gesellschaftlichen Bilder um uns herum, die Werbung, die Pornografie und Titelstorys über bald verfügbares Luststeigerungsmittel – sie alle suggerieren, dass Allverfügbarkeit und Jederzeitsex normal seien.

Es ist nicht einmal allein ein Problem der Frauen, denn die andere Seite sieht auch nicht besser aus: Während ein Drittel der Frauen pathologisiert wird, dürfen Männer es nicht zugeben, wenn sie selten Lust verspüren. Obwohl – wie Sexologen berichten – dies durchaus ein häufiges Thema in den Praxen ist. Thematisiert wird es traditionell aber nur bei Frauen. Vielleicht sind wir also bei den Frauen, was das angeht, schon einen kleinen Schritt weiter, denn immerhin wagen wir es, darüber zu sprechen. Und all die kritischen Stimmen, die seit der Tickermeldung um Flibanserin zu hören waren, machen Mut, dass die Leute kapieren, wie schädlich die Existenz eines solchen Medikaments für unsere sexuellen Beziehungen sein kann.

Was noch fehlt, ist ein Schritt hin zu einer allgemeineren Debatte über Unlust – ganz egal um welches Geschlecht es geht. Wir sind oversexed and underfucked, sagt ein geflügeltes Wort. Wir haben um uns herum, um mit den Worten von Ariadne von Schirach zu sprechen, pornografische Strategien, Sexiness durchzieht alle Bereiche der Gesellschaft und „pimping myself“ ist zum Grundbedürfnis der Generation Instagram geworden. Wir wollen hot, sexy und erregend sein.

Gleichzeitig plagt uns aber die Unlust. Wir sollten deshalb als Gesellschaft darüber diskutieren, woher diese kommt. Ein wichtiger erster Schritt wäre es, erst mal den Druck rauszunehmen. Den Leistungsdruck, den wir überall, auch im Bett, eingeführt haben – denn so macht man das halt im Kapitalismus.

Deswegen ist Flibanserin auch keine Lösung. Schlimmstenfalls erhöht es nur den Druck. Es ist ein Symptom für eine Gesellschaft, die einerseits versucht, Frauen zu Objekten zu machen und sich dabei sexuell von sich selbst entfremdet hat. Und die es andererseits gewohnt ist, unliebsame Misstöne mit Tranquilizern zu betäuben.

06:00 31.08.2015
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke
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