In fremden Händen

Geschlechterrollen Körper und Sexualität von Frauen werden nicht nur von religiösen Fundamentalisten kontrolliert. Schon der ganz "normale" westliche Alltag übt subtil Macht aus

Vor einigen Wochen lernte ich durch eine AWID-Studie über religiöse Fundamentalismen und ihre Auswirkungen auf FrauenrechtlerInnen in der ganzen Welt, dass ein Hauptaspekt der verschiedenen Fundamentalismen die Kontrolle der Sexualität und der Körper von Frauen ist (ich hatte berichtet). Doch bei näherer Betrachtung ist diese Kontrolle ein weltweites, religionsunabhängiges Phänomen. Natürlich kommen uns die Verbote von Abtreibung und Verhütung, die Gebote von Enthaltsamkeit vor und Sexpflicht in der Ehe nicht sonderlich "westlich-modern" vor, erst recht nicht säkular – da muss man nur einen Blick in die französische Debatte um die Burka werfen.

Stichwort Intimbehaarung

Auch mir schien das Phänomen zunächst ein rein religiöses zu sein. Bis ich auf eine sehr lange und anstrengende Debatte um Intimbehaarung im Blog von Feministing.com stieß und auch in unserem eigenen Blog dieses Thema diskutiert wurde. Denn scheinbar fließen auch in die kapitalistisch-konsumorientierte Welt der "sexuellen Befreiung" Kontrollmechanismen über weibliche Körper ein – oder wie könnte anders ein Intim-Enthaarungsdogma und das Zunehmen von Intim-Schönheits-OPs erklärt werden? Momentan findet auf subtilem Wege eine Normierung des Intimbereichs von Mädchen und Frauen statt. Zu große Schamlippen? Zu viele struppige Haare? Eine "unpassende" Vulva? Weg damit – her mit der Designer-Muschi.

"Aber die Frauen tun das doch freiwillig!" – lautet ein häufiges Argument. Doch wie viel Freiwilligkeit ist wirklich vorhanden, wenn ein Mann den Sex mit einer intimbehaarten Frau ablehnt und diese sich dann rasiert? Oder wenn 13-Jährige im Schwimmbad wegen aus dem Badeanzug hervorlugenden Schamhärchen ausgelacht werden? Wenn Frauen, an deren Beinen sich Haare befinden, abschätzig betrachtet werden? Ist das keine Kontrolle? Die Medien reproduzieren diese Delegitimierung durch Meldungen wie "Unrasierte Frauen haben weniger Sex-Chancen" und "Die Schamhaare zu rasieren gehört zum modischen Diktat, dem sich inzwischen eine Mehrheit unterwirft." Mache ich das nicht, bin ich also schon eine Minderheit (was nicht stimmt, denn mit meinen 26 Jahren gehöre ich – Göttin sei Dank – zur behaarten Generation).

Stichwort Enthaltsamkeit

Ein weiteres Thema ist das des "Sex oder nicht Sex". Denn viele Frauen machen hier mal mehr mal weniger drastisch die Erfahrung, dass ihnen die Kontrolle über ihren eigenen Körper und ob dieser Sex hat, oder nicht, abgesprochen wird. Vergewaltigungen sind die kriminelle Form – psychischer Druck und beharrlicher Widerstand gegen Abwehr sind die vielleicht viel häufigere. Eine Bloggerin der jetzt.de-Community schildert vier Situationen aus ihrem Leben, in der Männer Grenzen nicht akzeptierten und die Kontrolle an sich reißen wollten. Tatsächlich ist das Thema "wer kontrolliert den Sex", also wer hat die dominante Rolle, noch sehr aktuell. Viele Männer sehen sich auf natürliche Weise in der Rolle, eine Frau verführen und rumkriegen zu müssen (und viele Frauen erwarten das so). Das kann auch schon mal ein bisschen anstrengend sein, weil sie sich "anstellt" oder "rumzickt". Der Tiefpunkt meiner sexuellen Erfahrung mit Männern war ungelogen ein "frigide Kuh". Natürlich kann und sollte sich jede Frau entscheiden, so einen Tölpel vor die Tür zu setzen. Keine Frau unterliegt einer Pflicht zum Sex – wie das in Afghanistan der Fall ist. Dennoch sehen viele Männer die Frauen in der Pflicht – sei es nun, weil man das in einer "normalen" Beziehung "so macht", oder weil eine imaginäre "Schwelle" bei einem Date überschritten worden ist, ab der "man das so macht".

Zuletzt das Thema Enthaltsamkeits-Gebot: Die Autorin von "Bitterfotze", Maria Sveland (ich berichtete), lässt ihre Protagonistin die Erfahrung machen, dass Mädchen im Teenager-Alter, die ebenso selbstbewusst ihre Sexualität entdecken möchten, wie Jungen, als Hure abgestempelt werden. Auch die Autorinnen von "Wir Alphamädchen" greifen diese Double Standards auf: Sexuell "wilde" Mädchen haben schnell eine schlechten Ruf und gelten als minderwertig. Ihnen wird suggeriert, dass sie immer auf den "Richtigen" warten sollten, dass sie "sparsam" mit ihrem "wertvollem Gut" umgehen sollten etc. Als ich mit 14 Jahren auf einer Party zwei Stunden lang knutschend mit einem Austausch-Schüler aus Frankreich auf dem Boden herumlag galt ich in meiner Parallelklasse auch als "Schlampe" – so berichtete mir mein späterer Freund, der in dieselbe ging. Sexuelles Herumprobieren gehörte sehr bald nicht mehr zu den Dingen die ich – wie noch mit 14 Jahren – in der Öffentlichkeit ‚wagte‘.

Stichwort "Pillendogma"

Last but not least: Die Verhütungsfrage. Stichwort "Pillendogma". Ich und viele andere Frauen, die ich in Diskussionen und Foren kennenlernte, wurden aufs schärfste von unseren Frauenärzten entmündigt. Als ich vor einigen Jahren merkte, dass Hormone mir nicht gut tun, ging ich vertrauensselig zu meinem Freund dem Frauenarzt. Ich klagte ihm mein Leid und wollte von ihm Informationen über die "Natürliche Familienplanung" (NFP) bekommen – denn ich wusste ja noch nichts darüber. Trotz expliziter Aufforderung, mir darüber etwas zu erzählen, weigerte er sich und sagte nur: "Wenn Sie schwanger werden wollen, können Sie das machen." Das Ende vom Lied war das Verschreiben einer neuen Pillen-Sorte und: "Sie werden sehen, dass es Ihnen bald wieder besser gehen wird. Die Pille ist einfach die einzige sichere Methode zur Verhütung, die ich Ihnen anbieten kann. Machen Sie es gut." Die Pille ist das Beste, was es gibt. Ganz einfach, ganz toll. Und Nebenwirkungen? Was, wenn die Pille mich zu einem Hormon-Mutanten macht? - Nein, das gibt es nicht. Dass die Pille als Allround-Talent verkauft werden soll, das hat auch Sarah Haskins stutzig gemacht.

Leider ist die Pille nicht nur für Frauenärzte eine Selbstverständlichkeit, sondern auch für die männlichen Sexpartner vieler Frauen. Kondome? Och nee – Verhütung wird mit dem "weniger Gefühl"-Argument ganz einfach ihr zugeschoben. Wozu sich mit den Lümmeltüten abquälen, wenn es doch die Super-Pille gibt? Und nein: "ich habe ganz sicher kein AIDS" aber wer fragt seinen Sexualpartner schon nach Chlamydien, Syphilis, Tripper, Pilzinfektionen oder Herpes? Das Pillendogma ist auch nur eine besondere Form der gesellschaftlichen Kontrolle eines Frauenkörpers – sozusagen die Kontrolle der Kontrolle.

Nein – Frauen werden nicht nur in religiösen oder gar fundamentalistisch religiösen Kontexten mit der Kontrolle ihrer Körper und Sexualität konfrontiert. Vielleicht subtiler, vermeintlich "freiwilliger" und durch kulturelle Normen geprägt findet die Fremdkontrolle auch hier statt und Frauen haben weiterhin gute Gründe, "zickig" und wütend darüber zu sein.

Katrin Rönicke, geboren 1982 in Wittenberg, studiert Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften in Berlin und ist Mutter eines einjährigen Jungen. Seit April ist sie Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Für den Freitag schreibt sie in ihrer zweiwöchentlichen Kolumne über Gender- und Bildungsthemen. Außerdem schreibt sie für den feministischen Blog

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13:30 20.07.2009
Geschrieben von

Katrin Rönicke

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Ausgabe 43/2021

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