Lies das mal richtig!

Genderkolumne Der Umgang mit Kinderbüchern und Filmen, die nicht politisch korrekt sind, ist schwierig - es braucht aber nicht andere Figuren, sondern Eltern, die sie einordnen können
Lies das mal richtig!
Pippi Langstrumpf mit dem Affen Mr. Nilsson im Film: Nicht alle Dialoge darin sind politisch korrekt
Foto: Jacob Forsell / Getty Images

Inspiriert durch den Podcast Märchenstunde, von Björn Grau und Max Winde über Aschenputtel, geht es diesmal um die Frage: Wie sollen wir Erwachsenen damit umgehen, dass Kinderbücher voller Stereotype und fragwürdiger, etwa diskriminierender Botschaften sind? 

Angefangen bei den alten Märchen kann sicherlich gesagt werden: Vorsicht vor den Jahrhunderte alten Gender-Stereotypen. Die Auswüchse können schlimm sein: In der Geschichte Rumpelstilzchen, die es unter anderem auch als kleines Pixi-Büchlein gibt, kommt es quasi zu einer Vergewaltigung der Müllerstochter durch den König. Das habe ich einmal nichtsahnend vorgelesen – danach ist es sofort in den Müll gewandert. Natürlich spielen die Märchen zu einer völlig anderen Zeit. Die Gepflogenheiten und die Rollen waren noch viel fester, starrer und für uns heute kaum nachvollziehbar. Gewalt fand in einem gänzlich größerem Ausmaß statt. So gesehen sind Märchen vielleicht ohnehin besser geeignet für ältere Kinder und Jugendliche. Wann auch immer diese eben dazu in der Lage sind, durch unsere Hilfe zu kontextualisieren.

Es einordnen und die „anderen Zeiten“ berücksichtigen, in denen ein Werk entstanden ist, das ist eine recht wichtige Methode im Umgang mit Geschichten, die man heute so nicht mehr erfinden oder erzählen würde (oder leider oftmals doch noch). Ein recht bekanntes und pikantes, emotional aufgeladenes Beispiel ist in diesem Zusammenhang der Streit über die Verwendung des Wortes Neger in den Pippi-Langstrumpf-Geschichten. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie der beste Umgang damit wäre  Dabei hat er zuerst beim Vorlesen selbst interveniert und aus der Negerprinzessin eine Südseeprinzessin gemacht. Pragmatisch und zielführend. Wie aber geht man verantwortungsvoll mit der Fernsehserie um?

Sie nicht schauen, weil die Bücher ausreichend sind, ist eine Methode. Doch wenn einem die Serie ans Herz gewachsen ist und man die filmische Umsetzung auch an seine Kinder weitergeben will? Anatol Stefanowitsch würde antworten: Schicken wir Pippi doch in den Ruhestand. Sie sei so voller Diskriminierungen, dass es keine gute Methode gebe, sie Grundschul – oder gar Kindergartenkindern zu zeigen. Das Problem ist: Spätestens bei dieser Forderung steigen ganz viele VorleserInnen und Erwachsene aus der Diskussion aus. Pippi von Bord gehen zu lassen – das bringen wir nicht übers Herz.

"Barbamama" ist Hausfrau

Wo wir gerade bei den Fernsehserien sind: Eine Zeichentrickserie, die gerade ein kleines Revival erlebt, sind die Barbapapas. Das sind bunte Wesen, die sich in alles verwandeln können, was sie wollen. Viele Kinder lieben diese Familie. Aber: Der Held ist fast immer „Barbapapa“, er rettet viele Menschen. Seine Frau, „Barbamama“, ist eine Hausfrau. Die Serie ist in den Siebzigern entstanden. Dass hier heteronormativ die Kleinfamilie abgebildet wird war damals fast die Regel. Doch die Stereotype in Barbapapa sind heute schmerzhaft. Die Kinder sind klar entlang von Mädchen- und Jungen-Rollen konstruiert. Was also tun?

Hier ist es wichtig, den Fokus nicht zu sehr auf eine einzelne Geschichte zu legen, sondern eine Vogelperspektive darauf zu werfen, womit man die Kinder „beschallt“. Ist das ein buntes Angebot mit vielfältigen Geschlechterrollen und Familienbildern? Dann sehe ich an Barbapapa nichts dramatisches. Als ein Angebot, eine Geschichte von vielen, ist es nicht mehr so schlimm. Andere und weniger normative Rollenbilder sind vorhanden.

Nicht geschlechtslos

Willi Wiberg zum Beispiel hat einen Papa, keine Mama. Sein Papa ist sehr fürsorglich und liebevoll. Zusammen erleben sie ganz alltägliche Mini-Dramen, die viel Spaß machen und ein positives Menschenbild vermitteln. Ein weiteres schönes Rollenbild ist Die kleine Hexe von Lieve Baeten. Sie ist zwar ein Mädchen, eine Hexe eben, aber sie ist ein Kind, mit dem sich alle Kinder identifizieren können. Das vergessen übrigens wir Erwachsenen gerne, wenn wir Kinderbücher kritisch hinterfragen: Dass Identifikationsfiguren für alle Kinder nicht geschlechtslos sein müssen (wie dies oft in Tiergeschichten versucht wird), sondern dass sie sich so verhalten müssen. Kinder denken oft viel freier und weniger eng und kategorisiert, als Erwachsene. Da kann sich auch ein Junge mit Pippi Langstrumpf identifizieren. Ein Mädchen fühlt sich als Seppel (einer der beiden Hauptfiguren in Otfried Preußlers Räuber Hotzenplotz). Das ist für Kinder häufig noch keine Frage von Belang. Im Gegenteil: Wir Erwachsenen sollten bei unserer Überaufmerksamkeit die Vorstellungskraft der Kinder nicht unterschätzen und sie schlimmstenfalls durch unsere Sorgen einschränken, indem wir laut Dinge sagen wie „Aber der Seppel ist doch ein Junge – wie schade, dass es bei Otfried Preußler keine Mädchen gibt, die den Räuber zur Rechenschaft ziehen.“ Im Gegenteil: Unsere Aufgabe ist es, sie zu bestärken, sich mit allem zu identifizieren, womit sie wollen – jenseits von unseren eigenen Normen in Bezug auf Geschlecht.

Sei wie du bist, Kind

Und auch für diskriminierungsfreies Denken sind Kinder offener. Auch hier kann ihre Fähigkeit, sich mit allem möglichen zu identifizieren, genutzt werden. In Ganz toll! von Trish Cooke hat die Hauptrolle ein schwarzes Kind und es wird eine Atmosphäre durch das Erzählen geschaffen, in die sich alle Kinder hineinfühlen und hineinfantasieren. Ähnlich die Geschichte Das kleine Ich bin Ich von Mira Lobe. Es ist bunt und sieht aus wie kein anderes Tier auf der bunten Blumenwiese und in den Gewässern. Zuerst ist es deswegen traurig, aber dann lernt es, sich so zu akzeptieren, wie es ist. Sei wie du bist, Kind – so heißt die durchgehende Botschaft Astrid Lindgrens und die vieler anderer AutorInnen, etwas Kirsten Boie. In dieser Haltung sehe ich die entscheidende Brücke, zwischen Political Correctness (Ich benutze den Begriff hier nicht abwertend! Im Gegenteil) und dem Wunsch, Geschichten-Schätze nicht zu vergraben, sondern weiter zu geben. Wir Erwachsenen müssen es in unserer Haltung gegenüber Kindern schaffen, ihnen als Grundwert und Rüstzeug mit auf den Weg zu geben, dass alle Menschen das gleiche Recht auf ihre Würde haben. Dazu müssen unsere Kinder am eigenen Leibe die Erfahrung machen können, sein zu dürfen, wie sie sind. Das ist der erste und wichtigste Schritt im Sinne einer diskriminierungsfreien Pädagogik. Wenn sie das an sich selbst nachspüren können, werden sie besser in der Lage sein, auch andere so zu behandeln.

Über Geschichten sprechen 

Es kommt also weniger auf die Politische Korrektheit der Geschichten an, als auf all jene, die Vorlesen und mit daran beteiligt sind, Kindern Werte vorzuleben. Es kommt weniger auf die Inhalte von Büchern an, als auf unsere Art zu lesen und mit den Kindern über die Geschichten zu sprechen. Man muss nicht alles wegschmeißen: Man kann es umschreiben und in einen größeren Bezugsrahmen einbetten. Wir haben nämlich immer noch auch selbst in der Hand, wie unsere Kinder mit Geschichten umgehen – wir sind nicht bloß ausgeliefert und fremdbestimmt. Genauso wenig wie unsere Kinder – zumindest im Idealfall.

15:25 22.08.2012
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke

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