Mädchen – aber nicht für alles!

Karriere Frauen sollen Karriere machen, emanzipiert leben und dabei ganz lässig Kinder kriegen. Aber wie kann man all das leben, wozu man nicht erzogen wurde?

Annette C. Anton schrieb mit ihrem Karriereratgeber für Frauen, Mädchen für alles, das für sie beste Modell der neuen Frauen nieder und sparte nicht an Hieben gegenüber Frauen, die sich dem nicht anpassen können. Da ist die Rede von Frauen, welche ihren Chef mit ihrem Papa verwechselten. Und die Prenzlauer-Berg-Muttis, welche die Erziehung ihres Kindes mit Selbstverwirklichung verwechselten. Thea Dorn stieß vor Jahren mit ihrer F-Klasse in ein ähnliches Horn: Nur wenige Frauen seien dazu wirklich in der Lage, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen und nur diese Frauen waren es ihr wert, neben Kinderlosen in einem Buch zu erscheinen, welches „die“ neue Klassefrau portraitierte.

Sieben von acht jungen Deutschen wollten in der McKinsey-Studie von 2007 Kinder. Doch jede zweite Frau befürchtete Nachteile für ihr berufliches Fortkommen. Annette C. Anton will diesen Frauen gerne helfen – die Nachteile sollen ausbleiben. Mit ihren Tipps für eine steile weibliche Karriere vergisst sie völlig, die Väter in den Blickpunkt zu nehmen. Dass ein Mann sich genauso um die Kinder kümmern soll wie die Frau, das ist für sie Ehrensache. Die Probleme, die dabei entstehen können, sind ihr keine seitenlangen Auslassungen wert. Die spart sie sich für das Bashing jener Frauen auf, die sich ihrem vermeintlichen Schicksal fügen und unter ihrer Qualifikation arbeiten, um beim Kinderkriegen völlig aus dem Beruf auszusteigen. Warum diese das tun, warum sie glauben, dass es nicht anders geht – all das wird kaum thematisiert.

Man wird nicht als Frau geboren – das ist ein zentraler Wendepunkt im Feminismus von Simone de Beauvoir gewesen. Eine Frau wird zur Frau erzogen. Verhält sie sich anders, dann stellen sich ihr Barrieren in den Weg, dann wird sie es schwer haben. Wortschöpfungen wie „Mannweib“ illustrieren die Auswirkungen. Noch heute gehen Frauen den leichteren Weg, wenn sie nicht auf eine Karriere nach „männlichem“ Vorbild aus sind, sondern sich als Mädchen, als „Weibchen“ hübsch, süß und sexy einen Mann (oder mehrere, nacheinander) suchen, die ihren Lebensstandard mitfinanzieren.


Mehr über den Püppchen-Kult lesen Sie im Artikel  "Durch die rosa Brille"


Gingen sie einen anderen Weg, wären sie tatsächlich mit einer Menge anstrengender Auseinandersetzungen konfrontiert: Sie müssten Unternehmen angreifen für ihre miserable Familientauglichkeit, ihren Chefs bei diskriminierendem Verhalten Paroli bieten und der Politik ans Bein pinkeln, die nicht aufhört, steuerlich das Alleinernährer-Modell zu subventionieren, anstatt in Kinderbetreuung zu investieren… Der Weg einer Karrierefrau, die ohne auf Kinder verzichten zu wollen ihren Weg geht und in Netzwerken für das gemeinsame Anliegen aller Frauen und vor allem auch aller „neuen“ Männer in einen Kampf zieht, ist genau das Gegenteil des Weges, auf den wir unsere kleinen süßen Mädchen bis heute schicken, wenn wir sie in rosa Rüschenkleidchen stecken und ihnen Püppchen schenken, deren Umsorgung das Größte in ihrem Kinderleben sein soll.

Diesem Stereotyp zu entkommen gelingt nicht, ohne ein Reflexionsvermögen und eine Wirkmächtigkeit an die nachwachsende (Mädchen-)Generation zu vermitteln, die Emanzipation und Kritikfähigkeit der bestehenden Strukturen erst ermöglicht. Doch genau darauf ist das heutige Bildungssystem nicht spezialisiert. Wirkmächtigkeit und Eigensinn haben in den meisten Schulen keinen Raum. Die Jungs rebellieren dagegen. Die Mädchen machen mit – und ernten brav ihr Lob. Weswegen es für sie auch nicht den geringsten Grund gibt, Annette C. Anton zu lesen.
 

Katrin Rönicke, geboren 1982 in Wittenberg, studiert Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften in Berlin und ist Mutter eines zweijährigen Jungen. Seit April ist sie Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Für den Freitag schreibt sie in ihrer wöchentlichen Kolumne über Gender- und Bildungsthemen. Außerdem schreibt sie für den feministischen Blog maedchenmannschaft.net

14:40 04.05.2009
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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