Katrin Rönicke
04.05.2009 | 14:40 3

Mädchen – aber nicht für alles!

Karriere Frauen sollen Karriere machen, emanzipiert leben und dabei ganz lässig Kinder kriegen. Aber wie kann man all das leben, wozu man nicht erzogen wurde?

Annette C. Anton schrieb mit ihrem Karriereratgeber für Frauen, Mädchen für alles, das für sie beste Modell der neuen Frauen nieder und sparte nicht an Hieben gegenüber Frauen, die sich dem nicht anpassen können. Da ist die Rede von Frauen, welche ihren Chef mit ihrem Papa verwechselten. Und die Prenzlauer-Berg-Muttis, welche die Erziehung ihres Kindes mit Selbstverwirklichung verwechselten. Thea Dorn stieß vor Jahren mit ihrer F-Klasse in ein ähnliches Horn: Nur wenige Frauen seien dazu wirklich in der Lage, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen und nur diese Frauen waren es ihr wert, neben Kinderlosen in einem Buch zu erscheinen, welches „die“ neue Klassefrau portraitierte.

Sieben von acht jungen Deutschen wollten in der McKinsey-Studie von 2007 Kinder. Doch jede zweite Frau befürchtete Nachteile für ihr berufliches Fortkommen. Annette C. Anton will diesen Frauen gerne helfen – die Nachteile sollen ausbleiben. Mit ihren Tipps für eine steile weibliche Karriere vergisst sie völlig, die Väter in den Blickpunkt zu nehmen. Dass ein Mann sich genauso um die Kinder kümmern soll wie die Frau, das ist für sie Ehrensache. Die Probleme, die dabei entstehen können, sind ihr keine seitenlangen Auslassungen wert. Die spart sie sich für das Bashing jener Frauen auf, die sich ihrem vermeintlichen Schicksal fügen und unter ihrer Qualifikation arbeiten, um beim Kinderkriegen völlig aus dem Beruf auszusteigen. Warum diese das tun, warum sie glauben, dass es nicht anders geht – all das wird kaum thematisiert.

Man wird nicht als Frau geboren – das ist ein zentraler Wendepunkt im Feminismus von Simone de Beauvoir gewesen. Eine Frau wird zur Frau erzogen. Verhält sie sich anders, dann stellen sich ihr Barrieren in den Weg, dann wird sie es schwer haben. Wortschöpfungen wie „Mannweib“ illustrieren die Auswirkungen. Noch heute gehen Frauen den leichteren Weg, wenn sie nicht auf eine Karriere nach „männlichem“ Vorbild aus sind, sondern sich als Mädchen, als „Weibchen“ hübsch, süß und sexy einen Mann (oder mehrere, nacheinander) suchen, die ihren Lebensstandard mitfinanzieren.


Mehr über den Püppchen-Kult lesen Sie im Artikel  "Durch die rosa Brille"


Gingen sie einen anderen Weg, wären sie tatsächlich mit einer Menge anstrengender Auseinandersetzungen konfrontiert: Sie müssten Unternehmen angreifen für ihre miserable Familientauglichkeit, ihren Chefs bei diskriminierendem Verhalten Paroli bieten und der Politik ans Bein pinkeln, die nicht aufhört, steuerlich das Alleinernährer-Modell zu subventionieren, anstatt in Kinderbetreuung zu investieren… Der Weg einer Karrierefrau, die ohne auf Kinder verzichten zu wollen ihren Weg geht und in Netzwerken für das gemeinsame Anliegen aller Frauen und vor allem auch aller „neuen“ Männer in einen Kampf zieht, ist genau das Gegenteil des Weges, auf den wir unsere kleinen süßen Mädchen bis heute schicken, wenn wir sie in rosa Rüschenkleidchen stecken und ihnen Püppchen schenken, deren Umsorgung das Größte in ihrem Kinderleben sein soll.

Diesem Stereotyp zu entkommen gelingt nicht, ohne ein Reflexionsvermögen und eine Wirkmächtigkeit an die nachwachsende (Mädchen-)Generation zu vermitteln, die Emanzipation und Kritikfähigkeit der bestehenden Strukturen erst ermöglicht. Doch genau darauf ist das heutige Bildungssystem nicht spezialisiert. Wirkmächtigkeit und Eigensinn haben in den meisten Schulen keinen Raum. Die Jungs rebellieren dagegen. Die Mädchen machen mit – und ernten brav ihr Lob. Weswegen es für sie auch nicht den geringsten Grund gibt, Annette C. Anton zu lesen.
 

Katrin Rönicke, geboren 1982 in Wittenberg, studiert Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften in Berlin und ist Mutter eines zweijährigen Jungen. Seit April ist sie Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Für den Freitag schreibt sie in ihrer wöchentlichen Kolumne über Gender- und Bildungsthemen. Außerdem schreibt sie für den feministischen Blog maedchenmannschaft.net

Kommentare (3)

mehmet.goldkorn 06.05.2009 | 11:25

Viele der Schwierigkeiten, die Sie nennen, haben Frauen auch, wenn sie keine Kinder bekommen wollen. Sie haben in Ihrer Aufzählung, mit wem sich Frauen anlegen müssten, etwas vergessen: mit den Männern selbst.
Der Tod der Frauenbewegung liegt schon 20 Jahre zurück. Eine feministische Revolution muss keine mehr fordern, schon weit unterhalb ist sie als blöde Emanze verschrien. Seitdem haben Männer und Frauen gemeinsam ein Frauenbild erarbeitet, dass für Frauen den Vorteil hat, ohne Gewissensbisse sexy und heterosexuell sein zu können - Todsünden unter den alten Feministinnen. Es hat aber vor allem für die Männer den unschlagbaren Vorteil, ohne Anstrengung an den eigenen Privilegien hängen zu können, und dies erscheint nach einer ganzen Generation wieder als Normalfall. Gibt es eigentlich wieder ein Forum von Frauen, wo darüber geredet wird, wie dies geändert werden kann? Politische Aktionen bemerke ich jedenfalls nicht.
Auch die Schwulen haben sich arrangiert: erschienen sie früher noch als Bedrohung im Männerlager, leben sie nun in ihrer eigenen Welt (die vermehrt unter Beschuss steht, seit einige Männer für ihr Selbstbild ein Opfer brauchen, auf dem sie rumtreten können).

crumar 06.05.2009 | 19:00

@mehmet.goldkorn
Ich teile Ihre Einschätzungen nicht.

1. Großartig ist es, dass eine sexuelle Orientierung einer Minderheit heute gesellschaftlich so anerkannt ist. Sie können schwul oder lesbisch leben und sich politisch je nach Fasson orientieren, oder gänzlich unpolitisch sein.
Es erfordert kein besonderes Ausmaß an Widerständigkeit gegen gesellschaftliche Zumutungen mehr und es ist - ich glaube dies bedauern Sie - auch kein Zeichen der Rebellion.
Schwule können CDU wählen, dort Karriere machen und Lesben sind auch nicht mehr die Avantgarde, zu der sie Frau Schwarzer gehypt hat.
Das ist gesellschaftliche Normalität.

2. Ich lebe lange genug, um gewisse Theorien ins Reich der Verschwörungstheorie zu verweisen. Dass Frauen von den lila Latzhosen wegkamen und auf einmal wieder lange Haare trugen, hat mit meiner männlichen Chauvitätigkeit nichts zu tun. Wenn die Frauen plötzlich ihr "Frau sein" entwickeln wollten und flächendeckend über die Tangotanzböden schlurften, dann war ich komplett unschuldig daran. Ehrlich.
Eventuell hat dieser "backlash" damit zu tun, dass die vorher vermittelten "Gewissensbisse" falsch waren - also eine aufgezwungene und aufgesetzte Moral. Denn für die meisten Frauen ist eben Heterosexualität der Normalfall.
Und genau dorthin sind sie auch wieder zurückgekehrt.
Was ich seit "Sex and the city" sehr bedaure.

3. Empirisch hat sich der Anteil der geleisteten Arbeitsstunden der Männer im Haushalt in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt.
Und das bei gleicher zeitlicher Belastung durch die Erwerbsarbeit - die wohlbemerkt erheblich differiert zwischen den Geschlechtern.

Die Crux für die meisten Männer ist, dass sich an den gesellschaftlichen (und eben auch *weiblichen*) Ansprüchen an das männliche Alleinernährermodell nichts geändert hat, nur und nun kommen die anderen (und berechtigten) Ansprüche nach Teilhabe bei Reproduktion und Kindererziehung noch oben drauf.
Von welchen "männlichen Privilegien" reden wir also?
Sie haben ein Bild von einem Mann im Kopf, welches gesellschaftlich im Top-Management zu Hause ist.
Aber wie viele Männer arbeiten da?
99,95% der Männer haben keinen Vorstandsposten und werden nie einen erhalten.
Viele Feministinnen appellieren an "die Männer" und meinen faktisch 0,05%.

Ich denke, von den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen sind beide Geschlechter gleichermaßen überfordert.
Also wäre es sinnvoll, wenn beide diese Verhältnisse verändern.

Gruß, C.

Meinungsminister 07.05.2009 | 01:01

Wahre Worte und ein Thema, zu dem es noch so viel mehr zu sagen gäbe. Nur warum fallen die Frauen im Prenzlauerberg, die sich kurz vorher noch zu jungen Feministinnen zählten, mit der Geburt der ersten Tochter zurück in den rosa Topf? Warum wird Angela Merkel so selten als Frau wahrgenommen. Warum stagniert die Frauenbewegung, ob wohl wir Texte wie diesen schon so oft an anderen Stellen lesen konnten?