Nicht zum Studieren geboren

Kolumne Uni-Seminare und Kind? Ideal ist diese Kombination nur, solange man finanziell abgesichert ist. Unsere Kolumnistin weiß das aus Erfahrung

In der aktuellen Ausgabe des Frauenmagazins Fräulein prangt es plakativ vom Titel: "Gleichzeitig Kinder zu bekommen und zu studieren kann ich nur empfehlen". Ohne den dazu gehörigen Artikel gelesen zu haben muss ich sagen: Ganz schön naiv. Ich weiß das, denn ich mache das. Aber leisten kann ich es mir nur aufgrund eines Privilegs. Denn ich erfülle einen von drei entscheidenden Faktoren, dieses Projekt auch wirklich finanziell zu meistern. Ich bin Stipendiatin.

Als ich mein erstes Kind bekam war das noch nicht so. Da stieg ich für ein Urlaubssemester aus Studium und Nebenjob aus. Leisten konnte ich mir das nur, weil ich dadurch Hartz-IV-berechtigt war und weil ich, die ja auch vorher gearbeitet hatte, Elterngeld bekam. Mit beiden Transferleistungen ausgestattet konnte das Baby samt Erstausstattung finanziert werden. Doch mit dem Wiedereinstieg fiel Hartz IV weg – denn wer studiert, der ist generell nicht berechtigt, die Sozialhilfe zu bekommen. Zwar wurde das Elterngeld weiter gezahlt, aber wer kann von 300 Euro im Monat wirklich leben? Da sind wir auch schon – bei der ersten Unabdingbarkeit für studierende Eltern: Sie müssen ständig rechnen, unglaubliches Wissen im Zusammenhang mit den Fördermöglichkeiten aufsaugen und anwenden, und vor allem: extrem sparsam leben.


Natürlich sieht das Studieren mit Kind auf den ersten naiven Blick toll und praktisch aus. Man ist flexibler. Wenn das Kind krank ist, gibt es Mittel und Wege, Dinge zu verschieben, auch mal ausfallen zu lassen und andere Prüfungsleistungen anzubieten. Die meisten Universitäten haben sich auf die Studierenden mit Kindern und deren Bedürfnisse einzustellen versucht. Manchmal hapert es noch an der tatsächlichen Umsetzung, denn diese wird nicht von den jeweiligen Referaten oder von der Leitung erbracht, sondern von den DozentInnen und ProfessorInnen. Von denen sind manche sehr verständnisvoll und andere nicht. Aber grundsätzlich ist der Druck auf Eltern während des Studiums auf eine angenehme Art und Weise geringer, als wenn sie im Erwerbsleben stehen und womöglich gerade darauf bedacht sind, eine Karriere zu starten. Ein krankes Baby kann jedes Projekt von einem Tag auf den anderen kollabieren lassen – eine Hausarbeit aber, die kann man in so einem Fall auch mal später abgeben.
Ich weiß von einigen Betrieben in denen, hinter vorgehaltener Hand, manche Mitarbeiter genervt über die plötzlich aus dem Meeting entschwindenden Eltern lästern. Befördert werden diese meistens nicht. Während meine Kinder am Ende meines Studiums „aus dem Gröbsten raus“ sind, wie man so schön sagt (mein Sohn geht dann in die Schule), fangen andere gerade nach dem Studium erst an mit der Familienplanung – und sehen dann die Nachteile, die es mit sich bringt.

Insofern kann ich der Aussage aus dem Fräulein-Magazin nur zustimmen. Es hat ganz eindeutige Vorteile, Studium und Baby zu verbinden und im Berufsleben später ein wenig mehr die Hände frei zu haben. Doch in meinen Augen muss dafür zumindest eines der folgenden drei Kriterien erfüllt sein:

1. Man hat eineN gut verdienenden PartnerIn
2. Man hat finanzielle Unterstützung durch die eigenen Eltern
3. Man hat ein Stipendium

Wer nur BAFöG, einen Studi-Job oder sonst eine quasi-prekäre Einnahmequelle hat, sollte sich besser warm anziehen. Denn Hartz IV gibt es wie gesagt für Studierende nicht. Und das BAFöG ist im Grunde ein Witz – zumindest mit Kind – für dieses gibt es 113 Euro mehr. Manche „HartzerInnen“ haben mehr Einkommen als Studierende, die ein Kind und ein Dach überm Kopf nur durch BAFöG finanzieren müssen. Ein Nebenverdienst ist im Grunde unausweichlich. Mit der alten Sozialhilfe war das einmal anders. Die war auch für Studierende verfügbar. Und das alte Erziehungsgeld von 300 Euro gab es für alle, die 30 Stunden oder weniger arbeiteten. Zwei Jahre lang. Die Zeiten haben sich geändert – im negativen Sinne für studierende Eltern.


Auch das Studium selbst war einmal wesentlich kinderfreundlicher organisiert. Mit dem Bachelor- und Master-Studium hat eine sehr rigide Effizienz-Logik Einzug in deutsche Hörsäle gehalten. Ein Druck, dem sich viele studierende Mütter kaum gewachsen fühlen. Wen das nicht zermürbt und wer keine der oben genannten Bedingungen erfüllt, braucht mindestens ein überdurchschnittlich gutes Improvisationstalent. Aber man kann es sich manchmal auch nicht aussuchen: Viele junge Frauen werden auch heute noch ungeplant schwanger, denn kein Verhütungsmittel bietet 100%igen Schutz. Und auch wenn ich aus feministischer Sicht pro Abtreibung bin, ich kann auch jede Frau verstehen, die eine Abtreibung nicht durchziehen kann und will – auch wenn es mehr Probleme mit sich bringt, als Lösungen angeboten werden.

Als junge studierende Mutter kann ich kaum optimistische Ratschläge geben – und das ist extrem frustrierend. Das einzige, was mir einfällt ist: Baut privat organisierte Netzwerke auf, unterstützt euch gegenseitig. Ich würde mir wünschen, dass Studierende mit Kind als Gruppe mit besonderem Unterstützungsbedarf von den Politikern wahrgenommen würden. Doch in der bürgerlichen Regierung dieses Landes scheint man sich keines Handlungsbedarfes bewusst. Dass es einer ganzen Reihe von Privilegien bedarf, um diese Doppelbelastung zu bewältigen, scheint völlig in Ordnung.

Ein Kind während des Studiums ist wirklich praktisch, ja. Wenn man es sich leisten kann.

Katrin Rönicke schreibt in dieser Kolumne über Gender- und Bildungsthemen, zuletzt über ehrenamtliches Engagement von Jugendlichen. Sie kolumniert immer mittwochs im Wechsel mit Verena Reygers, die sich mit Genderthemen in der Musikbranche befasst.

16:50 02.05.2012
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

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