Phänomenal oder asozial?

Kolumne Die ehemalige Nachbarin unserer Kolumnistin Katrin Rönicke erwartet gerade ihr sechstes Kind. Ihr sechstes? Ja, richtig gelesen. Ein persönlicher Blick auf Kinderreichtum

In meiner früheren Wohnung hatte ich eine fünfköpfige Familie als direkte Nachbarn. Sie lebte mit Hund in einer Dreizimmerwohnung direkt auf der anderen Seite der Treppe, erstes Obergeschoss, Vorderhaus. Der Mann war tendenziell unfreundlich, fand ich. Oder schlichtweg unkommunikativ. Aber das tut hier nichts zur Sache. Ebensowenig wie die Haarpracht der Frau, die ihre langen hennaroten Rastas stets zusammengebunden trug. Oder das ständige Gejaule des Hundes, wenn die Familie abwesend war. Was einen anderen Nachbarn einmal dazu veranlasste, bei uns zu klingeln und uns erst über mangelnden Tierschutz aufzuklären, um dann irgendetwas zu unternehmen. Was auch immer das war - jedenfalls hatte er wenige Wochen später wohl eine vollgekackte Windel in seinem Briefkasten. Denn die Familie hatte Zuwachs bekommen, war nun also sechsköpfig geworden, und der Zuwachs lieferte solcherlei Munition.

Davon abgesehen war das Nebeneinander dieser Familie und uns eher ignorant. Typisch Berlin, eben. Vielleicht hielten sie uns für Yuppies, und naja: wir hielten sie eben für kühl und unkommunikativ. Außerdem bekamen wir auch keine Chance, uns näher zu beschnuppern, denn aufgrund eigener Fortpflanzung brauchten wir mehr Raum und zogen weg. Doch vergangenen Sommer, als ich mit meinem eigenen zweiten Baby viel Zeit auf einem hiesigen Spielplatz verbrachte, sah ich sie oft wieder. Sie waren noch einer mehr geworden - nun also fünf Kinder. Ich muss sagen: die Fortpflanzungsaktivitäten anderer gehen mich absolut nichts an - aber beeindruckend fand ich das schon.

Viele, aber entspannt

Am beeindruckendsten aber war nicht die Quantität - sondern die Qualität. Schon als Nachbarn waren mir die Kinder stets angenehm gewesen. Fröhlich, ausgeglichen, entspannt und kreativ. Auf dem Spielplatz - ja, ich beobachte gerne Menschen - verstärkte sich dieser Eindruck. Diese Kinder waren durch und durch sympathisch. Sie heulten kaum, hatten selten Streit, sondern meistens Spaß - sie waren einfach entspannt. Schnell durchschaute ich auch, woran es lag: Ihre Mutter lebte diese Entspannung vor. Ehrlich: Ich möchte mir mich nicht mit fünf Kindern vorstellen! Schon mit zweien gerate ich nicht selten an meine Kräftegrenzen, verliere die Geduld - ja: werde ein bisschen so, wie ich eigentlich nie werden wollte. Manchmal. Natürlich halte ich mich im Großen und Ganzen für eine gute Mutter. Aber manchmal...

Bei der Vorstellung, ein Drittes in diese Welt zu setzen befällt mich ein grundtiefes Unwohlsein. Ich genoss zwar einerseits jedes Mal die 6 Monate mit Baby. Ich war aber auch immer sehr froh, wenn dieses dann jeweils in die Kita kam und ich wieder mein *eigentliches* Leben fortführen konnte. Für mich ist Muttersein alleine nicht erfüllend. Nein: auf Dauer frustriert es mich. Umso bemerkenswerter finde ich, wenn Frauen völlig in so etwas aufgehen. Das ist mir so fremd, das fasziniert mich. Meine ehemalige Nachbarin ist so eine Frau. Von weitem beobachtet handelt sie intuitiv und entspannt stets kompetent. Entsprechend erfolgreich, wenn man das so sagen kann, entwickeln sich ihre Kids.

Fasziniert und - auf mich selbst blickend - mit ein wenig Gruseln schaue ich ihr also zu. Stelle Überlegungen zu meinem eigenen Bild über eine gute Mutter an. Komme mir vielleicht ein wenig klein vor. Aber meine Arena ist eben eine völlig andere. Respekt! denke ich und gebe mich der Einsicht hin, dass manche Frauen vielleicht wirklich "dazu gemacht" sind. Da raunt es von hinten: "asozial" - ich drehe mich um. Menschen meines Alters blicken verächtlich auf das Familienglück mit Fünfen.

Kampfbegriff kinderreich

"Mit Fünfen ist man kinderreich" lautete der Titel eines Buches, das ich vor Äonen einmal gelesen hab. Kinderreich, so schießt es mir durch den Kopf, das kennt man sonst ja auch nur aus dem RTL2-Reality-TV. Und dann nicht selten mit diesem "asozial" konnotiert, das die Menschen hinter mir achtlos in die Luft pusteten. Ich warf ihnen böse Blicke zu und sie verstummten augenblicklich. Daraufhin fragte ich mich, wer oder was eigentlich asozial ist: Leute mit mehr als drei Kindern? Oder nicht vielmehr Leute, die andere verachten, bloß weil diese viele Kinder haben und damit eine unausgesprochene gesellschaftliche Konvention brechen - immerhin aber für die künftigen RentenzahlerInnen sorgen?

Der Bogen zur Sarrazin-Diskussion des vergangenen Herbstes ist ja schnell gespannt, und auch Daniel Bahr ließ sich vor Jahren einmal nicht lumpen, anzuprangern, dass in Deutschland "die Falschen" zu viele Kinder bekämen. Die "Richtigen" bekommen nämlich keine, oder maximal zwei. Daran erkennt man die doch - oder? Und schwupps entsteht der absurde Umkehrschluss, dass Kinderreichtum irgendwie "falsch" sein muss. Von weit verbreitete Unterstellungen à là "die wollen doch nur das Kindergeld kassieren" fange ich jetzt gar nicht erst an.

Ein Jahr ist das nun her und diese Woche sah ich auf ebenjenem Spielplatz die roten Rastas durchs Gebüsch blitzen. Interessiert schaute ich zu, wie sich das Ganze in diesem Jahr entwickelt hatte. Und ja: da gab es eine Entwicklung. Der Bauch ist wieder rund und groß. Nummer sechs macht sich auf den Weg. Respekt! und wow! denke ich. Bin fasziniert und glaube mittlerweile: Auch wenn sowohl ich, als auch der Rest dieser Gesellschaft bei seinem Vorstellungsvermögen an der drei-Kinder-Grenze scheitert, weil es so zeitaufwendig, nervenaufreibend und kostspielig ist; weil wir FeministInnen finden, dass es keine Herdprämie geben sollte und dass das Leben einer Frau doch durch *so viel* anderes lebenswert wird - nicht nur durch Kinder; weil es immer zu viele IdiotInnen gibt, die "kinderreich" nicht ohne "asozial" denken können - trotzdem glaube ich dank dieser Frau: Es gibt da ein Phänomen, eine Lebensart, eine Frau, die widerspricht all diesen Stereotypen. Die ist, so scheint es aus der Ferne, einfach "dazu gemacht" - also warum nicht?

Ich selbst kann mir das für mich überhaupt nicht vorstellen. Leben ist für mich auch berufliche Selbstverwirklichung. Der Stellenwert dieser ist in meinem Denken enorm hoch. Ich komme aber nicht umhin, durch das völlig andere Ausgerichtetsein dieser Frau wenigstens zu hinterfragen, ob nicht vielleicht doch diese "moderne" Frauenbiografie, die mir vorschwebt, nicht bloß die nächste Ideologie ist, welche eine alte abzulösen angetreten ist.

Katrin Rönicke schreibt in ihrer zweiwöchentlichen Kolumne über Gender- und Bildungsthemen. Diese erscheint immer montags im Wechsel mit Verena Reygers Gender-Musikkolumne.

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18:40 22.08.2011
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
Schreiber 0 Leser 13
Katrin Rönicke

Ausgabe 42/2021

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