Katrin Rönicke
23.06.2010 | 15:55 25

PISA verschärft die Ausgrenzung

Schulen Bayern und Baden-Württemberg vorn? Der neue Bildungs-Ländervergleich zeigt, dass gute Ergebnisse vor allem durch soziale Selektion und Leistungsdruck erkauft werden

Das deutsche Bildungssystem steht unter Beobachtung: Anfang dieser Woche hat das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) eine Studie zu den sprachlichen Kompetenzen der 15-Jährigen im Ländervergleich veröffentlicht. In dieser Studie schneiden Bayern und Baden-Württemberg am besten ab. Bereits vergangene Woche wurde der nationale Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz und des Bundes vorgestellt. Beide Untersuchungen zeigen: Nach PISA ist es der Politik bislang nicht gelungen, das große Problem der sozialen Selektion durch das Bildungssystem zu lösen. Die IQB-Studie reproduziert die Ergebnisse, die auch PISA 2006 und die beiden vorangegangenen PISA-Studien lieferten: Das deutsche Schulsystem setzt auf Ausgrenzung. Und PISA hat, so scheint es, diese Ausgrenzung nur verschärft. Die „Gewinner“, Bayern und Baden-Württemberg, sieben wie kein anderes Land Kinder aus sozial benachteiligten Familien durch das rigide System aus – und klopfen sich für die damit erreichten guten Ergebnisse zufrieden selbst auf die Schultern. Kinder aus unteren sozialen Schichten haben bei ihnen bei gleich guten Leistungen eine sechs Mal geringere Chance, ein Gymnasium zu besuchen, als Kinder aus Akademiker-Familien.


Bildungsforscher erklären diesen Effekt mit einer pragmatischen Zukunftschancen-Einschätzung durch die beurteilenden Lehrerinnen und Lehrer: Die Hürden des Gymnasialweges seien für viele Schülerinnen und Schüler heute kaum noch ohne massive außerschulische Unterstützung – sei es durch die Eltern oder durch Nachhilfe – zu nehmen. Die zuständigen Politiker aber üben sich in Verschleierung solcher Ergebnisse. In der medialen Öffentlichkeit diskutieren sie nur über zwei zentrale Fragen: Wer führt den Ländervergleich an? Gibt es insgesamt eine Verbesserung? Keiner aber fragt: Auf wessen Kosten führt Sachsen in PISA, und führen Bayern und Baden-Württemberg im Sprachen-Kompetenzvergleich? Oder: Wer hat sich genau verbessert? Erst kürzlich wies das ZDF im heute journal auf die fragwürdigen Schlüsse hin, die man in Sachsen aus PISA gezogen hatte: Mehr Leistungsdruck – dann wird es schon. Und in Baden-Württemberg geht es ohne außerschulische Hilfe kaum noch: Mit 24,3 Prozent Mathe-Nachhilfe bei 15-Jährigen ist das Land Spitzenreiter in einer weiteren Kategorie. Wer sich Nachhilfe nicht leisten kann, hat Pech gehabt.

Die Politik reagiert auf PISA vor allem dadurch, Ergebnisse und Leistung noch stärker in den Mittelpunkt zu stellen: Die Kulturministerkonferenz beschloss im Jahr 2006 eine Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring. Das darin geforderte ergebnisorientierte Monitoring auf der Basis von Bildungsstandards bedeutet für viele Schülerinnen und Schüler noch mehr Leistungsdruck. Es wird durch Leistungsvergleichsstudien auf internationaler und nationaler Ebene geleistet: PISA und die Vergleiche des IQB. Dessen Bildungsstandards sollen alles richten. Viel Geld fließt da hinein. Das IQB ist ein Institut der Humboldt-Universität in Berlin.

Nebenan, am Institut für Erziehungswissenschaften, war ein Jahr lang die Professorenstelle für Allgemeine Pädagogik unbesetzt. Das ist symptomatisch für den Umgang mit Bildung in diesem Land: Reine Ergebnisorientierung. Alles wird auf seine Wirtschaftlichkeit hin bewertet. Humboldts Bildungsideal? Danach kräht doch kein Hahn mehr. Unter der fehlenden Besetzung der Professur an der Humboldt-Universität litten auch die Lehrveranstaltungen, in der Lehramts-Studierende die Grundlagen der Allgemeinen Pädagogik – also etwas über Kinder und ihre Entwicklung - lernen sollten, warum individuelle Förderung und die individuelle Entwicklung von Schülerinnen und Schülern wichtig sind, und wie man sie umsetzt. Und auch, warum die Separation der Schülerinnen und Schüler nach der vierten Klasse Potential und Kompetenz in brutaler Weise ignoriert und zerstört. Die Finnen haben vor 30 Jahren bereits begriffen, wieso das ein Problem ist. Sie führen in allen PISA-Studien mit herausragenden Ergebnissen. Weil sie Selektion vermeiden und das Abitur für alle anstreben. Hierzulande ist das immer noch undenkbar.

Katrin Rönicke ist Bloggerin der Mädchenmannschaft

Hintergrund:

Die Ländervergleichsstudien des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) treten an die Stelle der ehemaligen "PISA-E-Studien", in denen die Bundesländer miteinander verglichen werden. Die PISA-Studien werden von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) herausgegeben. Die Kultusministerkonferenz beschloss 2003 und 2004, als Reaktion auf die im internationalen Vergleich schlechten Ergebnisse deutscher Schülerinnen und Schüler, die Einführung von Bildungsstandards, auf deren Grundlage die Leistungen besser verglichen und kontrolliert werden sollten. Das IQB in Berlin hat diese Standards in den vergangenen Jahren entworfen und die aktuelle Studie auf dieser Basis durchgeführt.

Weiterführende Links:

die GEW zu PISA und IGLU

Reinhard Kahl über den PISA-Erfolg Bayerns

Die offizielle PISA-Seite der OECD

Kommentare (25)

Nelly 23.06.2010 | 19:06

"Die „Gewinner“, Bayern und Baden-Württemberg, sieben wie kein anderes Land Kinder aus sozial benachteiligten Familien durch das rigide System aus – und klopfen sich für die damit erreichten guten Ergebnisse zufrieden selbst auf die Schultern."

Hier habe ich ein Verständnisproblem: Es wurden doch nicht nur Gymnasiasten getestet, sondern 15jährige in allenSchulformen. Oder habe ich da was falsch verstanden ?
Das heißt, daß im Durchschnitt die bayrischen Schülerinnen und Schüler insgesamt besser sind als die in anderen Bundesländern. Ich erinnere mich auch, über Studien gelesen zu haben, daß z.B. Hauptschüler in Bayern mehr können als Hauptschüler woanders und tatsächlich auch leichter einen Ausbildungsplatz finden. 42% der bayrischen Hochschüler kommen nicht über das Gymnasium an die Uni oder FH. Faktisch ist das bayrische Bildungssystem eher weniger sozial selektiv als das anderer Bundesländer, die in Vergleichen schlechter abschneiden. Nur, wenn man das Gymnasium zum Maß aller Dinge macht.

Andreas Kemper 24.06.2010 | 13:30

Das Gymnasium ist aber nunmal das Maß aller Dinge. Dafür ist es geschaffen und entsprechend wird es von den Privilegierten verteidigt. Siehe Hamburg.
Zu Bayern und seinen angeblich so guten Hauptschüler_innen gab es vor ein paar Jahren eine Studie von Klaus Klemm. Aber selbst, wenn sie besser ausgebildet sein sollten als in anderen Ländern, gilt, dass sie als erste arbeitslos sein werden, wenn die Arbeitslosigkeit steigt.
Insgesamt hängt in keinem anderen europäischen Land die Möglichkeit, einen Arbeitsplatz zu finden, so sehr von Bildungszertifikaten ab, wie in Deutschland.

Andreas Kemper 24.06.2010 | 13:43

Eigentlich ist es ganz einfach: es wird sich momentan nur geringfügig etwas ändern, weil die Klasseninteressen der Privilegierten sich mit den Interessen der Wirtschaft beißen. Dies wird dazu führen, dass die Hauptschule abgeschafft und geringfügig mehr Arbeiterkindern ein Low-Level-Bachelor-Studium ermöglicht wird.

Wenn in einem größeren Umfang die Diskriminierung von Arbeiterkindern im Bildungssystem abgeschafft werden soll, dann müssen sich die Betroffenen organisieren und für ihre Rechte kämpfen. Das ist nicht anders als in der Frauen-, der Schwulen- und Lesben-, der "Krüppel"- und der Anti-Rassismus-Bewegung.

Erste Ansätze gibt es bereits. So hat Arbeiterkind.de inzwischen ein soziales Netzwerk mit 1.600 Mentor_innen geschaffen. Dieses Netzwerk ist bislang unerträglich unpolitisch, zumindest nach außen, aber die dort organisierten Arbeiterkinder sehen sehr wohl ihre eigenen Erfahrungen in den im Wochentakt publizierten Bildungsforschungsergebnissen gespiegelt. Und sie bekommen natürlich auch die katastrophalen politischen Entscheidungen mit, wie das letzte Woche verabschiedete neue Stipendiengesetz, welches reiche Studierende noch mehr bevorteilt.

Neben Arbeiterkind.de wächst aber auch die politische Organisierung von Arbeiterkindern im Bildungsbereich. Diese Woche erscheint unsere zweite Ausgabe vom Dishwasher, dem Magazin für studierende Arbeiterkinder. Und der Blog dishwasher.blogsport.de erfreut sich einer zunehmenden Beliebtheit.

Katrin Rönicke 24.06.2010 | 16:56

eine kleine Ergänzung noch zum Thema Ausgrenzung: "Im internationalen Vergleich hat Deutschland einen insgesamt überdurchschnittlichen
Anteil an Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Unter den EU-Staaten hat Deutschland die höchste Förderquote von Schülern, die in Förderschulen unterrichtet werden. Und zugleich hat Deutschland einen der niedrigsten Anteile an integrativ geförderten Schülerinnen und Schülern" (Bildungsbericht S. 70).

eigentlich ist dies noch einen weiteren Artikel wert.

Ansonsten bedanke ich mir für die Verlinkung des dishwasher-Blogs. Als Arbeiterkind (und hierzu hatte ich auch bereits einen Artikel geschrieben: bit.ly/au2zqn) und als kritische beobachterin der eliten-struktur in deutschland auf jeden fall für mich eine sehr interessante neue quelle :)

Katrin Rönicke 24.06.2010 | 17:07

liebe nelly,

auch hauptschülerInnen in den beiden siegerländern können nicht studieren und bekommen viele viele lehrstellen nicht, weil diese nur für real- manche nur für gymnasial-schul-abgängerInnen gedacht sind. und das ist natürlich ein problem, weil wie gesagt hier systematisch zukunftschancen verbaut und verwehrt werden. das problem bliebe bestehen, wenn die hauptschülerInnen in bawü und bayern besser wären, als anderswo. doch wir beobachten ja gerade die erosion dieser ehemaligen "hochklassigen hauptschulen" in bayern und bawü. auch hier werden diese schulen zu "restschulen".

mich interessieren jetzt aber gerade brennend die 42%, von denen sie reden. wo gibt es diese zahl? das wäre höchst interessant und mir sehr neu. bin aber zugegeben auch nicht so die bayerische expertin, da ich selbst aus bawü komme und jetzt in berlin lebe. ich erinnere mich aber dunkel daran, dass man in bayern das sogenannte "fach-abi" machen konnte, wenn das gemeint sein sollte. in bawü gab es das aber z.b. nicht.

im übrigen: ja, die bildungschancen die das gymnasium bieten kann, sollten das maß aller dinge - bzw. die chancen aller schülerInnen werden - das meine ich absolut! das wäre finnische bildungs- und schulpolitik! ich rede aber absichtlich nur von den chancen. die art und weise, wie in gymnasien unterrichtet wird und welche qualität man hier findet, ist wieder etwas anderes. auch da gibt es unglaublich viel nachholbedarf. was auch zurecht zunehmend diskutiert wird. allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass ein "ach - so toll sind gymnasien ja auch nicht" für keinen hauptschüler ein trost sein kein.

Nelly 24.06.2010 | 21:11

Liebe Frau Rönicke, lieber Andreas,
danke für die Kommentare.

Ich hatte mit meinem Kommentar nicht vorgehabt, grundsätzlich zu Hauptschulen und/oder Gymnasien Stellung zu nehmen, sondern mich ganz konkret auf den Artikel oben bezogen. Dort wurde behauptet, die "Südländer" hätten ihr gutes Abschneiden bei der Ländervergleichsstudie durch besonders effektives soziales "Aussieben" erreicht. Zu dieser Schlußfolgerung kamen Sie, Frau Rönicke, offensichtlich allein aufgrund der tatsächlich besonders niedrigen Quote von Gymnasiasten in diesen Bundesländern. Der Test wurde aber mit Schülern aller Schulformen durchgeführt, schon deswegen muß diese Schlußfolgerung falsch sein.

Die soziale Auslese beim Übertritt zum Gymnasium in Bayern mag besonders stark sein (möglicherweise stärker als in anderen Bundesländern - interessant wäre hier ein Vergleich der sozialen Zusammensetzung der Gymnasiasten). Aber: wichtig ist doch auch, wie es danach weitergeht. Ich zitiere aus einem Artikel von Reinhard Kahl (der Link befindet sich unter Ihrem Artikel, Frau Rönicke):

"Wer Bayern verstehen will, muss den aufs Gymnasium fokussierten Blick zurückstellen und den Gedanken aufgeben, dass die Quote traditioneller Gymnasiasten das entscheidende Gütekriterium des Schulsystems sei. Dann sieht man, dass 42 Prozent der Studienanfänger in Bayern die Hochschulreife auf Umwegen über Fachoberschulen und Berufsoberschulen erreicht haben. Nebenan in Baden-Württemberg macht inzwischen ein Drittel der Abiturienten die Reifeprüfung an den Technischen Gymnasien. Das sind ehemalige Haupt- und Realschüler. Stärker auf Anschlüsse achten und weniger auf Abschlüsse fixiert sein, so könnte eine bayrische Lektion lauten."

Ist schon fünf Jahre alt, der Artikel, scheint aber immer noch aktuell zu sein. Und die "über 40%" sind mir in anderen Zusammenhängen schon begegnet, ich habe auf die Schnelle aber nur diesen Artikel gefunden.

Und wenn über 40% der Studenten nicht über das Gymnasium an die Uni kommt, dann ist das Gymnasium in diesem Sinne (und so hatte ich es gemeint) ganz offensichtlich nicht mehr das Maß aller Dinge.

Was ich damit sagen wollte, ist, daß der Vorwurf an Bayern, es sei im deutschlandweiten (!) Vergleich sozial ungerechter als andere Bundesländer (was die Bildung angeht), meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt ist.

Andreas Kemper 24.06.2010 | 22:04

Ich habe meinen Abschluss an einem Technischen Gymnasium gemacht. Es ist nicht das gleiche wie ein Abitur, da es später im Studium Schwierigkeiten gibt. Beispielsweise brauchte ich für Philosophie im Nebenfach zwei Fremdsprachen - die wurden aber am Technischen Gymnasium nicht angeboten. Ich hätte natürlich auch auf ein Allgemeines Gymnasium wechseln können von der Realschule, dann hätte ich aber Latein nachholen und mich an den höheren Leistungsstand anpassen müssen. Das war damals schon schwierig, als es noch die G9 gab, mit G8 ist das fast unmöglich. Die Selektion wird nur verschoben, wenn die Schüler_innen nicht gleichwertig auf die Hochschulen vorbereitet werden.

Man kann zwar indirekt und nicht über das Gymnasium an die Uni gelangen. Leider ist aber für die Universität das Gymnasium noch immer das Maß aller Dinge. Ausnahmen sind die Fachhochschulen. Und die Gesamthochschulen in NRW und Hessen, die nicht an Gymnasien orientiert gewesen sind. Diese wurden aber in den letzten zehn Jahren systematisch abgeschafft. Genauso wie die HDW in Hamburg, wo man ebenfalls ohne Abitur studieren konnte. Okay, eingeschränkt gibt es das Department Sozialökonomie in Hamburg noch - aber wahrscheinlich auch nur wegen der massiven Proteste der Studierenden vor Ort ohne akademische Herkunftsfamilie.

mh 30.06.2010 | 00:02

das thema bildung in deutschland hatte sich für mich gedanklich erledigt, als nach der wende der ddr das westdeutsche bildungssystem übergestülpt wurde, welches seinerzeit von den norwegern abgekupfert wurde .. zu denen man heute staunend fährt und bewundernd in die hände klatscht.

das fängt bei der qualität der lehrmittel an und hört bei der qualität des lehrpersonals auf. solange das alles aber ländersache ist, kann man das eh knicken. da helfen alle diskussionen nichts .. der bund muss ran und danach können wir uns über konzepte unterhalten.

ich habe mal vor 2-3 jahren ne schöne studie in den händen gehabt, habe sie aber nicht mehr, dernach wir nicht sonderlich stolz auf den sozialen ausgleich innerhalb des bildungssystems sein können ... gleichwohl ist es besser geworden. besser ist bekanntlich nicht immer gut.

dieses ganze rumdoktorn an 16 baustellen ... für ein land wie deutschland ist das mehr als unwürdig. hätte man das mal, wäre es leichter sich um den rest zu kümmern.

mfg
mh

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Ehemaliger Nutzer 30.06.2010 | 00:42

verschärft Pisa tatsächlich die Ausgrenzung oder dokumentiert diese Studie lediglich die Ausgrenzung und die Folgen verfehlter Bildungspolitik der letzten Jahre? Das über Jahre nur schlappe 5% des BIP in Bildung investiert wurde, trifft zwar nicht nur Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Haushalten. Aber diese ganz besonders hart. Dies mit der sicher nicht schlechten Idee des gemeinsamen längeren Lernens kompensieren zu wollen ist genauso weltfremd, wie die Einbildung, man könne durch Monitoring, Evaluation, regelmäßiges Controlling der Ergebnisse verfehlter Bildungspolitik und Druck das Desaster beseitigen. Es ist genau so wie im Gesundheitswesen. Da wird ebenfalls kontrolliert, evaluiert und Druck ausgeübt. Dabei fehlt es in erster Linie insbesondere an qualitativ gut ausgebildeten Fachkräften in der Pflege, ( resp. Lehrer Pädagogen) so wie an den realen Anforderungen angepassten Strukturen. Aber warum soll es im Gesundheitswesen anders sein, als im Bildungswesen?
Die Architekten der Reformen waren ein und die selben.

Man sollte aber nicht vergessen, dass das beste Bildungswesen und Chancengleichheit die Defizite der Erziehung durch die Eltern auch nur bedingt auffangen können.

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Ehemaliger Nutzer 30.06.2010 | 01:12

das stimmt so nicht ganz, mh. Sozialschwache können sich einfach keine Nachhilfestunden leisten. Was denkst du, wieviele Kinder heute Nachhilfe bekommen? Auf schlechte Kindererziehung haben Sozialschwache kein Monopol. Vielleicht haben Sozialschwache zu Hause eine schlechtere Lernumgebung. Dafür fahren Akademikerfrauen ihre Kinder von einer Klavierstunde zum nächsten Tennisturnier. Kinder aus reichen schwierigen häuslichen Situationen können schulisch genauso abschmieren wie aus armen.

Nelly 30.06.2010 | 12:30

@Angelia:
Ich habe mich nach dem Lesen auch gefragt, wie eigentlich der Titel des Beitrags zustande kommt. Inwiefern "verschärft PISA die Ausgrenzung" ? Möglicherweise ist das so, aber in dem Artikel steht es nicht drin. Die Frage würde ich gern an Katrin Rönicke weiterleiten.

Natürlich "kann" ein Kind aus "reichen" (???) Verhältnissen in der Schule genauso abschmieren wie das aus armen, real passiert es aber sehr viel seltener, sogar wenn die Verhältnisse zu Hause "schwierig" sind. Und das hat nicht nur mit Nachhilfe zu tun. Armut schlägt direkt aufs Hirn und beeinträchtig die intellektuelle Entwicklung ganz unmittelbar und leider dauerhaft.

Gegen Stereotype wie die hier dargestellte "Akademikermutter" habe ich was.

Katrin Rönicke 30.06.2010 | 12:54

Hallo,

ja, ich stelle die These auf, dass PISA die Ausgrenzung nur verschärft hat und zwar aus folgendem Grund, im Artikel versuche ich das zu untermauern:

1. verschärfte sich durch PISA vor allem der Leistungsdruck. Mehr Leistungsdruck bedeutet in aller Regel: Mehr Exklusion. Z.B. wegen des Faktors Nachhilfe. Wenn ich mehr Hürden in das Schulsystem einbaue (das 8-Jährige Gymnasium ist eine), dann siebe ich auch besser aus.

2. zeigte PISA: wer am meisten siebt (BaWü, Bayern, Sachsen) - steht am besten da. Klar zeigte PISA auch: das Sieben ist sozial völlig ungerecht. Aber zu siegen ist "wichtiger", als sozial zu sein. Das haben auch die Hamburger begriffen. Zumindest die von der Initiative "wir wollen lernen". So elitär denken in Deutschland viele und diese Elite will keiner vergrätzen. Die glauben, dass sie nur spitzen-Leistungskinder großziehen können, wenn sie die anderen aussieben. PISA "bestätigt" sie (weil sie sich nicht genauer damit auseinandersetzen)

3. denke ich: PISA war gut. es hat die mängel offen gelegt. wir kennen sie jetzt. machen wir eine pause von pisa und kümmern wir uns ernsthaft um unser schulsystem.

Katrin Rönicke 30.06.2010 | 12:54

Hallo,

ja, ich stelle die These auf, dass PISA die Ausgrenzung nur verschärft hat und zwar aus folgendem Grund, im Artikel versuche ich das zu untermauern:

1. verschärfte sich durch PISA vor allem der Leistungsdruck. Mehr Leistungsdruck bedeutet in aller Regel: Mehr Exklusion. Z.B. wegen des Faktors Nachhilfe. Wenn ich mehr Hürden in das Schulsystem einbaue (das 8-Jährige Gymnasium ist eine), dann siebe ich auch besser aus.

2. zeigte PISA: wer am meisten siebt (BaWü, Bayern, Sachsen) - steht am besten da. Klar zeigte PISA auch: das Sieben ist sozial völlig ungerecht. Aber zu siegen ist "wichtiger", als sozial zu sein. Das haben auch die Hamburger begriffen. Zumindest die von der Initiative "wir wollen lernen". So elitär denken in Deutschland viele und diese Elite will keiner vergrätzen. Die glauben, dass sie nur spitzen-Leistungskinder großziehen können, wenn sie die anderen aussieben. PISA "bestätigt" sie (weil sie sich nicht genauer damit auseinandersetzen)

3. denke ich: PISA war gut. es hat die mängel offen gelegt. wir kennen sie jetzt. machen wir eine pause von pisa und kümmern wir uns ernsthaft um unser schulsystem.

Katrin Rönicke 30.06.2010 | 15:55

"Sie haben bereits einen gleichlautenden Kommentar geschrieben. Bitte betätigen Sie den OK-Button nur einmal."

ich bin einfach zu ungeduldig! ;)

noch einmal zu der Frage PISA ja oder nein: In Deutschland mit seinem System und seiner Machtstruktur führt PISA IMHO zu keiner Verbesserung, sondern verschlimmert die Lage. Der Leistungsgedanke stellt uns dabei das Bein. Das ist irgendwie typisch deutsch. Wären wir in der Lage, "finnisch" über Kinder und Schule zu denken, wäre PISA wahrscheinlich gar nicht schlecht und würde uns dabei helfen, zu verorten, wo wir mit unserem Bildungssystem stehen und was noch verbessert werden könnte. Der deutsche Tunnelblick in Sachen Bildung aber führt dazu, dass sich BaWü, Sachsen und Bayern als die Sieger fühlen, denken, dass sie alles richtiger machen, als alle anderen und dass der deutsche Leistungsgedanke wohl nirgendwo besser umgesetzt wird.

zum zweiten hat mh die traurige Bildungsföderalismus-Lage angedeutet, die eine Veränderung im Großen Ganzen sowieso unmöglich macht.

Doch selbst WENN der BUND einmal Mittel in die Hand nimmt, und in Spezial-Projekten den Ländern unter die Arme greift - was sind das dann für Projekte? - die Exzellenz-Initiative aka Elite-Unis... Warum werden nicht die schwächsten erst einmal gefördert??

Nelly 30.06.2010 | 18:25

Hier würde ich gerne noch einmal nachhaken.

1. verschärfte sich durch PISA vor allem der Leistungsdruck. Mehr Leistungsdruck bedeutet in aller Regel: Mehr Exklusion. Z.B. wegen des Faktors Nachhilfe. Wenn ich mehr Hürden in das Schulsystem einbaue (das 8-Jährige Gymnasium ist eine), dann siebe ich auch besser aus.

Ich wüßte gern genauer, was konkret mit "Leistungsdruck" gemeint ist. Was ich heraushöre, ist, daß nur anspruchsloser Unterricht sozial gerecht sein kann. Aber das kann doch unmöglich gemeint sein ?
Deutschland mag ja ein Schulsystem haben, das ungerecht ist, aber das heißt nicht, daß es nicht noch schlimmer sein könnte. Schlimmer ist zum Beispiel ein Zerfall des Bildungssystem in öffentlich und privat, worauf wir ja hierzulande auch schon zusteuern. Je mehr das Niveau an öffentlichen Schulen sinkt, umso mehr Privatschulen wird es geben, die für ärmere Kinder dann, im Unterschied zum Gymnasium heute, überhaupt nicht mehr zugänglich sind.
Deshalb: Soziale Gerechtigkeit im Bildungssystem braucht öffentliche Schulen mit einem möglichst hohen Niveau !

"2. zeigte PISA: wer am meisten siebt (BaWü, Bayern, Sachsen) - steht am besten da. "

Noch mal zum Mitmeißeln (ich dachte, das hätten wir weiter oben schon geklärt): Es wurden alle Schüler getestet, die Gesiebten und die Ausgesiebten (wenn ich mich schon auf diese Terminologie einlassen muß). Wer wie "dasteht", sei mal dahingestellt, aber Fakt ist, daß offensichtlich die Schüler in BaWü, Bayern und Sachsen einfach besser sind !
Ob das "Sieben" ursächlich damit etwas zu tun hat, darüber macht die Studie keine Aussage, und Sie könnten diese Aussage auch nicht begründen, Frau Rönicke. Eine Korrelation begründet keinen Kausalzusammenhang.

Aber zu siegen ist "wichtiger", als sozial zu sein.
Also mir als Mutter wäre es egal, ob mein Bundesland "siegt". Mich würde vor allem interessieren, daß mein Kind die ihm gemäße Förderung bekommt. Und wenn mein Kind nicht zu den schwächsten gehört, und ich dann bei Ihnen lese, nur die schwächsten sollen gefördert werden - ist doch klar, daß ich so etwas nicht unterstützen könnte ! Mit "elitär" und "Spitzenleistungskinder großziehen" usw. hat das gar nichts zu tun !
Vielleicht sollten Sie sich ein bißchen mehr Mühe geben, um zu verstehen, wie die Leute ticken, dann klappt's auch besser mit der Vermittlung von Schulreformen.

Achtermann 30.06.2010 | 21:25

Katrin Rönicke schreibt:

PISA war gut. es hat die mängel offen gelegt. wir kennen sie jetzt. machen wir eine pause von pisa und kümmern wir uns ernsthaft um unser schulsystem.

Das denke ich nicht. PISA hat Gravierendes bewirkt. Der Bildungsbegriff wurde verflacht auf Kompetenzen. Bildung ist Inhalt, Kompetenz ist formal. Es wird nurmehr gefragt: Welche Kompetenzen hat der Schüler oder auch die Schülerin? Mit Bildung wird heute nur noch eine Reihe von Fertigkeiten verknüpft. Gefragt ist, wie man den Menschen im Berufsleben verwertbar macht. Man schaue sich an, was mit PISA überprüft wurde. Wurden etwa soziales Einfühlungsvermögen oder musische Begabungen in das Ranking aufgenommen? Sind Griechisch oder Latein noch gefragt? Hat PISA nach dem Wissen der Schüler über die literarischen Klassiker geforscht? Der Humboldt'sche Bildungsbegriff ist tot, das Modell Bertelsmann setzt sich durch.

PISA ist der bisher härteste und erfolgreichste Angriff auf die vermeintlich zweckfreie Bildung schlechthin.

Katrin Rönicke 01.07.2010 | 00:42

Nelly,

ich begebe mich ungern auf eine solche Ebene der Diskussion, wo einem Dinge in den Mund gelegt werden, die man nicht so gesagt hat. ein kleines "nur" verändert den Sinn auf scharfe und unfaire Art und Weise. nicht NUR, Nelly: AUCH. endlich AUCH. wenn Sie sich anschauen, wo in unserem Bildungssystem das meiste Geld hinfließt - in die Gymnasien, dann können Sie kaum behaupten, dass dies gerecht ist.

Ein Blick nach Finnland hilft: Förderung aller auf die beste Art und Weise gelingt vor allem dann, wenn man jene, die stark sind und jene, die _noch_ nicht so stark sind, zusammen lässt. Davon profitieren beide. Ich selbst habe über acht Jahre Nachhilfe in mathe gegeben und habe selbst immer davon profitiert. Förderung so FRÜH wie möglich ist der zweite Punkt: Ein Betreuungsverhältnis von 4:1 findet sich dort in allen Kitas, bei Integrationskindern noch intensiver.

Das hat doch mit Selektion nichts zu tun! Es ist eine Arbeit GEGEN eine Selektion.

Den Kausalzusammenhang ziehe ja nicht ICH! Den ziehen Kultusminister, die sich für ihre Art, Schule zu machen, auf die Schultern klopfen, da sie als PISA-Sieger dastehen - zumindest im nationalen Vergleich. Was sollten die ändern?

Und wissen Sie, was MIR als Mutter wichtig ist? Dass meine Kinder einmal in einer gesellschaft leben können, die von sozialen Konflikten nicht total zerrissen ist und in der alle ihre jetzigen Kita-Freunde genauso gut und sinnvoll leben und wirken können, wie sie es hoffentlich auch können werden. Dass sie in einer solidarischen gesellschaft leben. dass sie sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um ihre mitmenschen kümmern. In der Schule lernen Kinder derzeit in der vierten Klasse, dass manche Kinder einfach besser als andere sind. manche schlechter und - das vermittelt man ihnen auf beschämende art und weise - weniger wert für die Gesellschaft.

Im PISA-Siegerland Finnland strebt man eine Abitur-Quote von 80% an. Da fragen die Mütter nicht, ob es die "dem Kind gemäße Förderung" gefährdet, wenn alle anderen Kinder genauso individuell gefördert und unterstützt werden. brauchen sie auch nicht: Denn die Angst vor dem Scheitern der eigenen Kinder zuungunsten von anderen, die besser sein könnten, ist hier viel geringer.

Wissen Sie: ich verstehe ja gerade, wie die Leute ticken. aber das ist für mich längst kein grund, irrationalen Ängsten nach dem Mund zu reden.

Katrin Rönicke 01.07.2010 | 00:46

hmmm... ganz so pessimistisch würde ich das gerne nicht sehen. das problem ist doch, dass humboldts bildungsideal hier schon vorher nur einen furz wert war (mh schilderte ja sehr gut, wie man den ost-bundesländern nach der wende das west- schulsystem aufdrückte ohne rücksicht auf dessen gute seiten). in finnland erleben wir eben, wie gut man beides vereinen kann: Pisa und Humboldt'sches Bildungsideal schließen sich dort nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen sich sogar.

aber ja: hierzulande sind die auswirkungen tatsächlich in der von ihnen angesprochenen art und weise, das will ich ja auch mit dem artikel deutlich machen. und die studie wird ja nicht von ungefährt durch die oecd durchgeführt.

Nelly 05.07.2010 | 01:43

Liebe Frau Roenicke,

es war nicht meine Absicht, diese Diskussion einschlafen zu lassen. Ein bisschen Stress und eine Reise hindern mich daran, eher zu antworten. Ich kann auch jetzt nicht auf jedes Stichwort ausfuehrlich eingehen, es macht aber nichts, denn diese Themen tauchen ja auf der Freitag-Seite immer mal wieder auf, und es wird wahrscheinlich noch Gelegenheiten geben, um einander besser kennenzulernen, in Bezug darauf, wer was wie meint und sagt.

Es war nicht meine Absicht, Ihnen Dinge in den Mund zu legen, die Sie nicht gesagt haben, sondern es ist bei mir so angekommen. Das ist ein Problem bei diesen Internetdiskussionen, man hat seine eigenen Erfahrungen, sei es aus dem "Leben", sei es aus anderen Gespraechen, und die uebertraegt man auf die gerade stattfindende Auseinandersetzung und liegt dann haeufig falsch. Ich habe auch oft das Gefuehl, ich werde boeswillig und absichtsvoll missverstanden. Fuer das aktuelle Missverstaendnis entschuldige ich mich.
Ein paar Gedanken zu Ihrer letzten Antwort:

"Förderung aller auf die beste Art und Weise gelingt vor allem dann, wenn man jene, die stark sind und jene, die _noch_ nicht so stark sind, zusammen lässt. Davon profitieren beide."

Hier bin ich wohl als jemand ruebergekommen, der das dreigliedrige Schulsystem und die fruehe Aufteilung verteidigt. Nun, das ist nicht der Fall.
Der letzte Satz ist mir schon so haeufig begegnet. Ich halte ihn in der Regel fuer einen Euphemismus und eine Phrase. Ich wuerde es so formulieren: "Unter bestimmten Voraussetzungen koennen beide davon profitieren".

Ich habe uebrigens auch anderen geholfen, das nur am Rande. Nur nannte es sich nicht "Nachhilfe".

"Den Kausalzusammenhang ziehe ja nicht ICH! Den ziehen Kultusminister, die sich für ihre Art, Schule zu machen, auf die Schultern klopfen, da sie als PISA-Sieger dastehen - zumindest im nationalen Vergleich."

So what ? Wenn das nur so eine Behauptung der "Konservativen" ist, woher kommt dann ihr Furor, mit dem Sie ausgerechnet die abkanzeln, die 1. den Kindern mehr als andere beibringen und 2. dabei nicht mehr sozial ausgrenzen als andere ?

"Dass sie in einer solidarischen gesellschaft leben. dass sie sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um ihre mitmenschen kümmern."

Und ich, ich bin natuerlich fuer eine sozial total zerrissene Gesellschaft, in der "jeder des anderen Wolf" ist, har har !
Also ehrlich, in welche Ecke soll ich hier gestellt werden ?
Ich gehe schwer davon aus, dass Sie, abgesehen von gesellschaftlichen Dingen, sich auch noch dafuer interessieren, wie es ihren Kindern ganz konkret und voellig individuell wirklich geht. Und dass von Ihnen nicht nur verlangt wird, dass Ihre Kinder sich um ihre Mitmenschen kuemmern, sondern dass ihnen auch zugestanden wird, dass sich jemand um sie kuemmert.

Wissen sie, in diese Diskussionen bringt jeder von uns seine Erfahrungen und damit seine Empfindlichkeiten ein, die der Gespraechspartner nicht kennen kann.

Meine Kindheit und Jugend waren z.B. gepraegt durch eine Gesellschaft, die tatsaechlich (!) sehr egalitaer war und einem permanent vermittelt hat: Deine Beduerfnisse sind nicht wichtig, die Gesellschaft ist wichtig !

"Im PISA-Siegerland Finnland strebt man eine Abitur-Quote von 80% an. Da fragen die Mütter nicht, ob es die "dem Kind gemäße Förderung" gefährdet, wenn alle anderen Kinder genauso individuell gefördert und unterstützt werden."

Tja, dazu faellt mir soviel ein, ich kann das unmoeglich alles in einem Kommentar unterbringen.
Ich habe zwei Schulsysteme im Ostblock naeher kennen gelernt. Mein Abitur habe ich in einer Schule gemacht, wo die Abiturquote praktisch 100% war (Bezugspunkt ist die Einschulung). Ich muss nicht nach Finnland schauen wie Sie, hier habe ich wirklich Erfahrungen.
Ich glaube, es gibt zwei Vorstellungen von Bildungsgerechtigkeit, die miteinander nicht zu vereinbaren sind.
Die erste betrachtet Bildung als "Besitz"und versucht, diesen zwischen allen Kindern moeglichst gerecht ausfzuteilen, im Sinne von Kenntnissen, Kompetenzen, Abschluessen. Gerecht ist, wenn "am Ende"diese Kenntnisse, Kompetenzen und Abschluesse moeglichst gleich verteilt sind.
Die andere setzt das ,was die Kinder koennen und wissen in Beziehung zu ihrem individuellen Potential und betrachtet es als erstrebenswert, dass jedes Kind sein individuelles Potential optimal entwickelt, auschoepft oder wie auch immer.

Um "Besitzgerechtigkeit" in ersterem Sinne zu erreichen, muessen die sogenannten "schwaecheren"(ich bin keine Anhaengerin dieser Wortwahl) staerker gefoerdert werden als die "staerkeren". Sie entwickeln ihr Potential besser als die anderen, was unter dem Gesichtspunkt der zweiten Gerechtigkeitsvorstellung ungerecht ist.
Werden alle Kinder idividuell jeweils optimal gefoerdert, erwerben die Kinder mit den besseren Voraussetzungen am Ende mehr Kompetenzen, Abschluesse usw, was unter dem Gesichtspunkt des Bildungsbesitzes ungerecht ist.

Hier kommen die Anhaenger der verschiedenen Glaubensrichtungen nicht zusammen.

Ich konnte Abitur machen und sogar studieren, habe also fuer die Anhaenger der ersten Richtung keinerlei Grund, mich zu beklagen. Aber ich selbst weiss, dass ich in meinem Bildungshunger (der bei mir leider tatsaechlich vorhanden war) staendig frustriert wurde, und ich persoenlich sage, dass mir, gemessen an meinen Moeglichkeiten und meinen Beduerfnissen, eigentlich Bildung vorenthalten wurde.

"Wissen Sie: ich verstehe ja gerade, wie die Leute ticken. aber das ist für mich längst kein grund, irrationalen Ängsten nach dem Mund zu reden."

Hier habe ich eine dunkle Ahnung, was Sie unter "irrationalen Äengsten" verstehen, koennte aber wieder falsch liegen.
Ich kann nur sagen, was meine Angst waere: Dass Kinder mit mehr Potential als andere in ihrer Entfaltung unterdrueckt werden. Sie moegen diese Angst ïrrational"finden, nun, fuer mich ist sie absolut begruendet. Meine Angst waere auf keinen Fall, dass so viel Kinder wie moeglich so viel wie moeglich lernen.

An dieser Stelle mache ich Schluss fuer heute, in der Hoffnung, dass diese Kommentar nach ein paar Tagen Pause trotzdem noch zur Kenntnis genommen wird.

Mit besten Gruessen,
Nelly

Katrin Rönicke 05.07.2010 | 12:49

Hallo Nelly,

nach Ihrem letzten Kommentar denke ich, dass wir näher beieinander liegen, als sie denken. nur ziehen wir aus unseren letztendlichen Zielen und Wünschen für Bildung vielleicht andere Schlüsse.

"Ich kann nur sagen, was meine Angst waere: Dass Kinder mit mehr Potential als andere in ihrer Entfaltung unterdrueckt werden."

im Grunde habe ich diese Angst auch. Das passiert nämlich in unseren Schulen momentan nicht gerade selten. Letztes Jahr erst hielt ich ein Referat zum Thema "Hochbegabte Underachiever": Es ist erschreckend zu sehen, dass es unter denjenigen, die als "unbeschulbar" gelten und die eine Berufseinstiegsförderung nötig hatten nicht gerade wenig Hochbegabte sind, wenn man bedenkt, was für einen Weg solche SchülerInnen hinter sich haben.
So etwas produziert unser Schulsystem mit seinen ausgrenzenden Mechanismen.

"Werden alle Kinder idividuell jeweils optimal gefoerdert, erwerben die Kinder mit den besseren Voraussetzungen am Ende mehr Kompetenzen, Abschluesse usw, was unter dem Gesichtspunkt des Bildungsbesitzes ungerecht ist. "

Ist ja vollkommen okay, aber SO gravierend wie bisher wären die Unterschiede längst nicht mehr. Ich bin nicht auf der Seite von Gleichmacherei, sondern will auch auch die beste individuelle Förderung für alle. Und genau das gelingt in Gemeinschaftsschulen interessanter Weise am besten. In GUTEN Gemeinschaftsschulen.