Katrin Rönicke
19.08.2012 | 09:00 22

Prestige statt Prekariat

Bildung Die Politik von Bundesministerin Annette Schavan übergeht die Schwächsten systematisch. Eine Abrechnung

Prestige statt Prekariat

Nicht für alle: Annette Schavans Bildungspolitik zielt nur auf die Leistungsträger der Gesellschaft

Foto: Andreas Rentz / Getty Images

Wenn es um die Aufstiegsmöglichkeiten in unserer Gesellschaft geht, dann hängt ein großer Teil davon ab, welche Bildung ein Mensch hat. In Deutschland ist das alles streng geregelt. Die Anforderungen der Leistungsgesellschaft kann erfüllen, wer Kompetenzen und Zertifikate nachweist. Und zertifiziertes Wissen beginnt praktisch erst mit der Mittleren Reife. Wer auf die Hauptschule gegangen ist, wer in Berufsförderungsmaßnahmen lebt, gilt als „bildungsarm“.

Um diese Gruppe jedoch kümmert sich die deutsche Bildungspolitik keinen Deut – allen hochtrabenden Debatten des vergangenen Jahrzehnts zum Trotz. Die Grundfrage bleibt ungelöst: Was ist uns die Abschaffung des sozialen Aussiebens vom Kindergarten bis zur Hochschule wert und welche gemeinsamen Anstrengungen sind nötig, sie zu bewältigen?

Der Begriff der Bildungsarmut wurde 1999 von der Soziologin Jutta Allmendinger geprägt. Noch vor der ersten PISA-Studie wies sie darauf hin, dass die Bildung eine genuin sozialpolitische Bedeutung für Teilhabechancen hat. Bildungsungerechtigkeiten galten also einst als soziales Problem, das einer politischen Lösung bedarf. Mittlerweile ist der politische Konsens darauf beschränkt, dass Leistung belohnt werden muss. Damit einher geht die Zuschreibung, dass Leistungsdefizite und Versagen individuell selbst verursacht sind. Es ist das Paradigma non-egalitärer Politik.

Keine Bildungsgerechtigkeit in Deutschland

Ausgerechnet die OECD, die sich weltweit der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung widmet, moniert die deutschen Zustände vehement. Seit 2000 führt die internationale Vergleichsstudie PISA deutlich vor Augen, dass Bildungsgerechtigkeit in Deutschland quasi nicht existiert. Die Kritik trifft auch das ideologische Rüstzeug der jetzigen Regierungskoalition, die sich ihrer Wirtschaftskompetenz zu rühmen nicht müde wird. Ausgerechnet das von ihrer Klientel so geliebte Aussieben in der Schullaufbahn soll unwirtschaftlich sein, ökonomisch schädlich, ein Entwicklungs- und Innovationshemmnis!

Reaktionen gab es zwar auf den PISA-Schock. Schon 2004 sagte die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD): „Wir müssen uns fragen, ob die frühe Auslese von zehnjährigen Kindern der richtige Weg ist.“ Sie war überzeugt, dass mittel- und langfristig die Dreigliedrigkeit des Schulsystems überwunden werden muss. Doch 2005 zog ein neuer Wind in das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein. Die erste Regierung Merkel löste Rot-Grün ab. Die kurze Zeit zwischen Bulmahns „Erkenntnis“ und dem Regierungswechsel reichte nicht aus, um eine deutschlandweite Grundwertedebatte in der Bildungspolitik auszulösen.

Mit dem Einzug der damaligen baden-württembergischen Kultusministerin Annette Schavan (CDU) starb die bundesweite Debatte über die Mehrgliedrigkeit und beschränkte sich fortan auf einzelne Bundesländer. Berüchtigt wurde der „Schulkampf“ in Hamburg, bei dem die Gymnasial-Lobby als Gewinner hervorging. Das wundert nicht – selbst für Bildungspolitiker der Grünen in Berlin ist und bleibt das Gymnasium eine heilige Kuh. Für die FDP ist das Konzept „eine Schule für alle“ Sozialismus – wie die Liberalen ja sowieso eine ganz eigene Meinung zur sozialen Gerechtigkeit haben. Mit der CDU, die ausweislich der Doktorabeit der heutigen Familienministerin Kristina Schröder ebenfalls tief non-egalitär ist, passt das gut zusammen. So passierte trotz anhaltender Kritik der OECD auf dem Gebiet der sozialen Durchlässigkeit und Gerechtigkeit im Bildungssystem erst einmal: nichts.

Inhaltlich ein Witz

Im Mai 2012 nun holte Schavans Ministerium zum großen Wurf aus: „Bildungsbündnisse“ sollen gegen Bildungsarmut helfen. Ausnahmsweise soll es also um die Abgehängten gehen. Das kommt aber nicht nur ein bisschen spät – gut 40 Jahre, nachdem Bildungs-Vorbildland Finnland sein gegliedertes Schulsystem über Bord geworfen hat. Inhaltlich ist das Programm ein Witz.

Die sogenannten Bildungsbündnisse sind nämlich nicht etwa Bündnisse zwischen Bund und Ländern, um benachteiligte Kinder und Jugendliche an ihren Schulen besser zu fördern und zu integrieren. Es sind auch keine zwischen dem Ministerium und den Hochschulen, die das Lehrpersonal ausbilden – etwa um Lehrer auf die Bedürfnisse dieser Kinder und Jugendlichen vorzubereiten. Nein: Es sind Bündnisse zivilgesellschaftlicher Akteure, derer sich Ministerin Schavan hier rühmt. Sie agieren außerhalb der Schulen. Sie sollen eine Förderung erhalten, wenn sie ein Auswahlverfahren beim Ministerium erfolgreich absolviert haben. Über die Höhe der Zuwendung ist derzeit allerdings nichts bekannt.

Daneben gibt es schon seit 2008 die „Qualifizierungsinitiative“. Sie fußt im Wesentlichen auf drei Bausteinen: Erstens soll ein „Aufstiegsstipendium“ jungen Leuten mit Berufsausbildung ein Studium ermöglichen. Der zweite Baustein ist das wundervolle Bundesausbildungsförderungs-Gesetz, kurz BAföG. Aber dazu gleich noch mehr. Und der dritte Baustein sind Kampagnen, um mehr Frauen für sogenannte MINT-Studiengänge und -Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu begeistern. Die Initiative richtet sich somit an Frauen, die ohnehin eine akademische Laufbahn anstreben, an Studierende und an die Crème de la Crème derjenigen, die nicht studieren – also nicht an Bildungsarme. Dieses Handeln ist typisch für das Bundesministerium: Mit einem Tunnelblick auf Exzellenz werden die prekären Teile der Gesellschaft ausgeblendet. Prestige statt Prekariat.

Nur schöne Worte

Dabei soll „Integration durch Bildung“ eines der Kernthemen sein. Die Integrationskonferenz bei Angela Merkel hat dies als entscheidenden Faktor identifiziert. Als Konsequenz dieser Erkenntnis wurde immerhin die Sprachkompetenz-Förderung von Kindern beim Start in die Schule eingeführt – wenn auch in den Ländern unterschiedlich. Der Erfolg dieser Maßnahmen wird vermutlich erst in einigen Jahren messbar sein. Weitere Aktivitäten gibt es nicht – dafür viele schöne Worte.

Die allgegenwärtige und willkommene Ausrede: Bildungspolitik ist Ländersache. Es gibt sogar offiziell ein „Kooperationsverbot“. Wie praktisch. Ausnahmen von diesem Verbot können nur einzelne Projekte sein. Eine punktuelle Förderung durch Bundesmittel ist möglich. Schavan engagiert sich vor allem in der Hochschulfinanzierung und setzt auch hier einen eigenen Schwerpunkt: mehr Geld für Exzellenz. Die Spitze der „Exzellenzinitiative“ und ihr Aushängeschild sind die nun auch in Deutschland anzutreffenden Elite-Universitäten. Ganz unverhohlen dienten Oxford, Cambridge und Harvard als Vorbilder: Das brauchen wir! Ein „Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin“ soll bald als Visitenkarten- und Lebenslauf-Pimp gelten. Die Exzellenzinitiative kostet den Staat jährlich 600 Millionen Euro.

Mit der Breitenförderung sieht es dagegen mau aus. Für das Studierenden-BAföG gab der Staat vergangenes Jahr gut 3,5 Milliarden Euro aus – bei gut 650.000 Beziehern. Also durchschnittlich 452 Euro. Zwar lag die Summe erstmals über drei Milliarden. Doch Grund war nur der berüchtigte Doppeljahrgang aus G8 und der wegfallenden Wehrpflicht, der 2011 wie erwartet die Universitäten überschwemmte.

Mittelstandsloch wächst

Das Deutsche Studentenwerk dringt angesichts der Preisentwicklung auf eine Erhöhung der Sätze, die 2010 erstmals seit 2001 angehoben worden waren. Doch Schavan hat andere Pläne. Die BAföG-Mehrkosten für 2011 wird sie den Ländern zukommen lassen. Nun sollen die Einkommensgrenzen gesenkt werden: Schon bei einem niedrigeren Gehalt der Eltern als bislang wird es einen Ablehnungsbescheid geben.

Das ist skandalös. Denn eines der größten Probleme der Ausbildungsförderung ist ihr sogenanntes Mittelstandsloch. Es betrifft jene, deren Eltern zu wenig verdienen, um ihren Kindern das Studium zu finanzieren, aber zu viel, als dass ein BAföG-Anspruch bestünde. Schon bei Einführung der Studienkredite durch die KfW im Jahr 2006 insistierte das Deutsche Studentenwerk, dass dieses Loch dringend gestopft werden muss. Stattdessen wurde es privatisiert: Es gab ja nun die Kredite.

Eine weitere Förderung von Exzellenz sind Stipendien über die verschiedenen Stiftungen. Ausschlaggebend für die Aufnahme in die Förderung sind bei allen Stiftungen sehr gute Noten. Keiner Stiftung geht es in erster Linie darum, sozial-ökonomische Nachteile auszugleichen, die zum Beispiel durch die Herkunft bestimmt werden. Immerhin sind die Programme so ausgelegt, dass abhängig vom Einkommen der Eltern oder des Partners der monatliche Grundbetrag variiert – von Null bis über 500 Euro. Hinzu kommen Pauschalen für Kinder und Krankenkassen. Das Ministerium hat zur Ausweitung der Reichweite das „Deutschlandstipendium“ ins Leben gerufen. Außerdem wurde das Büchergeld erhöht. Das allerdings sorgte sogar bei Stipendiaten für Widerspruch, weil damit ausgerechnet der Teil des Stipendiums wuchs, der unabhängig vom sozio-ökonomischen Background der Studierenden ist. Das Gießkannenprinzip gilt wie immer in der Politik, wo wir es mit bereits Privilegierten der Gesellschaft zu tun haben. Während das Büchergeld von 80 auf 150 Euro im Monat erhöht wurde, darben BAföG-Bezieher seit Jahrzehnten.

Bildungspolitik nur für Leistungsträger

Diese Politik entspringt einer einfachen Logik: Sie ist auf die sogenannten Leistungsträger der Gesellschaft zugeschnitten. Sie widmet sich den Gewinnern, denen, die schon toll sind und von denen man gute Nachrichten erwarten kann. Sie startet Projekte, die nett klingen. Aber neue Investitionen fließen zu einem minimalen Teil in die Frühförderung oder die Förderung der Schwächsten. Für die findet die Politik bestenfalls wohlwollende Worte. Oder delegiert die Aufgabe gemütlich an die Zivilgesellschaft und die Länder: Dank Kooperationsverbot!

Das ist bequem. Aber wer sagt, mehr sei nicht möglich, der macht es sich zu leicht. Denn es ist einfach nicht wahr, dass die Bundespolitik im Land des Bildungsföderalismus keinen Einfluss hätte. Sie kann auf zwei Wegen aktiv werden: Erstens steht ihr der gleiche Weg für die Förderung der Abgehängten offen wie für die Förderung der Exzellenz. Mit Einzelprojekten, begrenzten Aktionen und Anschubfinanzierungen könnte sie auch hier das Kooperationsverbot großzügig auslegen. Wenn sie wollte. Zweitens hat die Bildungsministerin eine gewichtige Stimme im Land. Sie könnte eine breite Debatte über Reformen der Schulsysteme in den Ländern anstoßen und damit Reformdruck aufbauen.

Dass die Bundespolitik auch auf die Länderpolitiken durchschlägt, das zeigt sich doch bei jeder Landtagswahl. Gäbe die Ministerin ein klares Votum für eine Verlängerung der gemeinsamen Grundschule ab, wie schwer hätten es die Länder, die sich dagegen wehrten? Doch sie will nicht. Sie schafft eine bundesweite Atmosphäre, in der all jene Landesregierungen in Rechtfertigungsstress geraten, die an der Dreigliedrigkeit rütteln. Die Bundesbildungsministerin lebt das non-egalitäre Ideal ihrer Partei, und dieses schließt ein Rütteln an der Mehrgliedrigkeit aus. Damit verhindert sie Bildungspolitik als Gerechtigkeitspolitik.

Katrin Rönicke schreibt im Freitag zu Gender- und Bildungsthemen

 

In der Freitag-Serie „Herkunft: Bestimmt“ erschienen bisher die Titelgeschichten „Der lange Weg nach oben“ von Philipp Wurm und „Auf in den Kampf“ von Andrea Roedig. Stefan Wellgraf schrieb über Hauptschüler, Oliver Nachtwey porträtierte die Abstiegsgesellschaft, Steffen Kraft traf den Bildungsforscher Klaus Hurrelmann und Maxi Leinkauf unterhielt sich mit der aus Marzahn stammenden Anja Görnitz. Alle diese Texte fragen nach den Gründen und Folgen der abnehmenden sozialen Mobilität in Deutschland – und was man dagegen tun kann.

Kommentare (22)

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Ehemaliger Nutzer 19.08.2012 | 10:10

Vielen Dank für den Beitrag!

Einige Anmerkungen zum ganzen Schlamassel der Bildungspolitik von der CDU:

1. Ist diese Leistungsgesellschft der größte Etikettenschwindel überhaupt der letzten 20 Jahre!! Da niemand durch alleinige Arbeit zu Wohlstand ohne Verschuldung kommt! Dies wurde uns nur eingeredet, um die Umverteilung von unten nach oben zu verschleiern. Man lese dazu auch den Soziolgen Krysmanski mit seiner Studie zum Superreichtum und der Umverteilung des Geldes von unten nach oben seid den 70iger Jahren, ausgehend von den USA! Dazu gehört eben, die Bildung runter zu fahren und nur noch einer begüterten Schicht zur Verfügung zu stellen. Krysmanski beschreibt dies sehr gut mit der Organisationsstruktur (Politeliten/Stiftungen/Thin Thanks usw.) der Superreichen.

http://www.uni-muenster.de/PeaCon/krysmanski/

2. Betrügt sich die Mittelschicht andauernd selbst! Da sie meint, wenn ihr Kind Abitur macht, studiert, automatisch zu Wohlstand kommt.Wobei sehr viele gar nicht in der Lage sind wirklich zu studieren. Wir haben kaum noch wahre kluge Köpfe, die Innovationen hervorbringen. Sondern eine breite Mitte von Studierten, die sich mittels einer hochtrabenden, wissenschaftl. Sprache bedienen, um ihre Unfähigkeit zu verschleiern. Ich habe das selber erlebt. Und es war unfassbar, was für unfähige Menschen in Instituten sitzen und nicht einmal ganz plausible Zusammenhänge klar und deutlich erklären können. Manche sagen auch dazu....sie benutzen eine verschwurbelte Sprache.

Mit den 70iger Jahren hatte man in der BRD ganz gezielt angefangen die Arbeiterklasse abzubauen, das Klassenbewusstsein aus den Köpfen der arbeitenden Bevölkerung zu verbannen. Um ihnen zu suggerieren, dass sie auch mit zur Oberschicht gehören und somit der Oberschicht huldigen, sich mit ihr solidarisieren. Dies beschreibt sehr gut das Buch von Ulrike Herrrmann...Hurra wir dürfen zahlen, Der Selbstbetrug der Mittelschicht

http://www.nachdenkseiten.de/?p=5626

http://www.youtube.com/watch?v=XdZjlK_fPsA

3. Ist es den Lehrern heute auch egal, ob ein Kind mitkommt oder nicht. In der Gesellschaft herrscht ein derartiger Egoismus/Narzissmus, dass es mich nicht wundert, wie vieles hier den Bach runter geht und Deutschland mittlerweile dekadent ist!

In diesem Zusammenhang muß ich auf das Bildungssystem in der DDR zurück kommen. In der DDR wurden die KInder schon systematisch im letzten Kindergartenjahr auf die Schule vorbreitet. Man kann das auch mit der heutigen Vorschule vergleichen. Auch wurden die Kinder wesentlich mehr in der Schule gefordert. Was heute ja nicht mehr vorhanden ist. Heute benutzt man den Slogan...jeder ist für sich alleine verantwortlich und schiebt alles gerne auch auf die Eltern ab. Nurt sind diese oft überfordert, da selber zutiefst gestresst durch die Arbeit sind.

Ich bin der Meinung, dass Kinder wieder mehr gefordert und leicht "unter Druck" gesetzt werden müssen. Hausaufgaben sollten wieder mehr zur Pflicht werden. Müssen aber dann auch durch die Lehrer kontrolliert werden. Auch war der Hort in der DDR eine gute Sache, da dort die Kinder ihr Wissen verfestigt hatten. Heute ist der Hort (Osten)/der Kindergarten doch mehr oder weniger nur noch eine reine Aufbwahrungsstätte.

Die mangelhafte Bildung ist Teil der Strategie zur weiteren Umverteilung von unten nach oben! Wir brauchen keine gebildeten Menschen, wir brauchen NUR KONSUMENTEN. Bildung soll privelegiert werden, damit die Oberschicht unter ihresgleichen bleiben kann. Das alles hatten wir schon mal. Willkommen im Mittelalter der Neuzeit!

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Ehemaliger Nutzer 19.08.2012 | 10:17

Ach ja...wir sollen genau die gleichen Verhältnisse bekommen wie sie in den USA vorherrschen! Mich wundert es nur immer wieder, dass sich keiner dagegen wehrt. Schliesslich geht es doch um unsere Kinder und Enkel!!

Es geht um die Privatisierung der Gesellschaft, damit die Superreichen die Welt nach ihren Dünken gestalten und beherrschen kann!

EnidanH 19.08.2012 | 10:26

Die Schavan'sche Bildungspolitik vernachlässigt nicht nur die sogenannten Bildungsfernen, die Bildungsnahen watscht sie doch genauso ab. Was da passierte mit Studiengängen, die zusammengestaucht und verschult wurden und mit denen man als Akademiker in der freien Wirtschaft auch nur als Zeitarbeiter anheuern kann, ist unglaublich. Immerhin sind diese Studenten auf die Straße gegangen...

gelse 19.08.2012 | 12:17

Immer wieder wird "die Chance für alle auf die oberen Hierarchieplätze" beschworen, genannt: Aufstiegschancen. Immer wieder wird dabei kunstvoll verdrängt, dass Hierarchien stets auf einem breiten unteren Sockel ruhen und nach oben immer dünner werden.

Das Problem ist die Hierarchie und nicht die mangelnde Aufstiegschance in ihr.

Das Schloss braucht halt nun mal mehr Bauern als Höflinge, auch wenn alle Abitur und ein akademisches Zertifikat besitzen. Solange wir nur nach dem Aufstieg in Höflingskategorie schielen wird sich daran nichts ändern. Ausser dass bei zunehmender Aufsteigerkonkurrenz die Aufsteiger billiger werden, versteht sich.

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Ehemaliger Nutzer 19.08.2012 | 12:24

@KATRIN RÖNICKE19.08.2012 | 09:00

Das neue Prekariat - eine Meisterleistung von SPD und Grünen!

Was die Union wollte und will, ist schon seit langem bekannt. Es ist müßig, sich an ihnen abzuarbeiten.

Schlimmer ist, dass die kleinbürgerlich-rückschrittlichen SPDler im Verein mit den bildungsbürgerlichen Grünen unsere sozialstaatliche Demokratie gründlich ruinierten.

Wer den Mythos vom Aufstieg weiterverbreitet, wie die Autorin, unterschlägt dabei gleich, dass eine zutiefst ungleiche und gespaltene Gesellschaft eine Vorraussetzung für einen wie immer gearteten Aufstieg ist.

Diese ungleiche Gesellschaft schufen vor allem die rabiaten, rückschrittlichen und kleinbürgerlichen SPDler im Verein mit den nicht minder reaktionären Grünen mittels ihrer Hartz I-VI Gesetze.

Dass die wirklich Bürgerlichen schon immer unter sich blieben und bleiben wollten und wollen ist ja nun kein Geheimnis und auch nicht verwunderlich. Der Soziologe Michael Hartmann legte dazu ja bereits umfangreiche empirische Studien vor.

http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Hartmann_(Soziologe)

Die Ausgrenzung und Prekarisierung anderer Schichten gehörte und gehört zum Herrschaftskonzept der wirklich Bürgerlichen. Auch das ist nichts Neues. Außer vielleicht für die Autorin.

Wer aber, wie die Autorin, nicht in der Lage ist, die ideologisch-politischen Kampfbegriffe der Union als solche zu erkennen und sie sogar übernimmt, kann weder die Union noch deren reaktionäre Gesellschaftspolitik bekämpfen.

Die von den liberalen Dahrendorf und Picht in den 60ern angestoßene und dann von der SPD übernommene Bildungsexpansion setzte nicht rein zufällig auf die durch politisch-wirtschaftliche Maßnahmen herzustellende Chancengleichheit der Menschen.

Wer, wie die Autorin, nicht in der Lage ist, die sogenannte Chancengerechtigkeit der Union als faustdicke Lüge und ideologisches Kampfinstrument zu erkennen, kann dem nichts entgegensetzen.

Der nächste Punkt ist die fehlende inhaltliche Unterscheidung zwischen Mittelschichten und Mittelstand.

Zur Mittelschicht gehörten und gehören gutverdienende Facharbeiter, Techniker und Ingenieure. Diese wurden und werden durch das Unrecht der SPD-Grünen-Hartz-Gesetze zunehmend prekarisiert. Deshalb wird hier der ehemalige Aufstieg nicht mehr fortgesetzt. SPD und Grüne haben dies also absichtlich äußerst brutal zerschlagen.

Der Mittelstand hingegen aber wird durch Unternehmer gebildet. Und zwar nur von solchen, die einen Betrieb mit mindestens 10 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von wenigstens 1 Million € haben. Siehe hierzu die Mittelstandsdefinition der EU über kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die auch deckungsgleich mit der Einteilung der Betriebe nach dem Handelsgesetzbuch ist.

http://www.ifm-bonn.org/index.php?id=90

Bildungspolitik als Gerechtigkeitspolitik kann nicht funktionieren, wenn man keine gerechte und gleiche Gesellschaft hat. Das ist nur über wirkliche Chancengleichheit zu erreichen. Und die gibt es nicht ohne einen politischen Kampf gegen das wirkliche Bürgertum (Milliardäre und Multimillionäre). Und diesen Kampf wird es nicht mit der SPD und den Grünen geben, die die Steigbügelhalter der Herrschenden sind, sich so verstehen und auch so sein wollen.

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Ehemaliger Nutzer 19.08.2012 | 12:48

Die Bildungsbenachteiligung kann man, gerade in D, nicht abstrakt von der Geschlechtszugehörigkeit betrachten, denn es gibt noch einen anderen Matthäus-Effekt als den bei den sog. Leistungsträgern

Der Bildungsforscher Blossfeld (Nationales Bildungspanel) im aktuellen Zeit-Interview

http://www.zeit.de/2012/33/C-Beziehung-Frauen-Maenner/komplettansicht

zum Thema (Auszüge) Bildungsverlierer und Bildungsgewinner:

„Noch bei den 1920 geborenen Frauen hatten 60 Prozent keinerlei Ausbildung. 60 Prozent! Die große Mehrheit hatte also ein minimales Bildungsniveau, noch in den sechziger Jahren. Doch plötzlich ist etwas passiert. Während bei den Männern die Entwicklung relativ träge verlief, hat sich im Vergleich zum Geburtsjahrgang 1920 heute die Zahl der Gymnasiastinnen in der Oberschicht verneunfacht, in der Unterschicht sogar verzwanzigfacht. Soll heißen: Wenn wir in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt einen Rückgang der sozialen Ungleichheit in der Bildung beobachten, dann liegt das vor allem an den Frauen.

Oft heißt es, Mädchen seien angepasster und folgsamer und bekämen daher bessere Noten als Jungs, die gern mal für Ärger sorgen. Ich finde das nicht plausibel, denn dass Mädchen und Jungen sich in ihrem Verhalten unterscheiden, dürfte schon vor 100 Jahren so gewesen sein. Das kann nicht die Ursache sein für die tief greifenden Veränderungen.

Noch vor 50 Jahren war die gesellschaftliche Botschaft an Mädchen: »Und wenn ihr noch so schlau seid, vergesst es. Ihr habt keine Chance auf Karriere.« Heute lautet das Versprechen an die Frauen: »Ihr könnt mit Bildung etwas werden, ihr müsst eure Chancen nur wahrnehmen.« Was wir noch nicht genau wissen: wann der Punkt war, an dem das ins Positive gekippt ist. Was wir wissen: Wenn so ein Prozess einmal läuft, lässt er sich nicht mehr stoppen. Höhere Bildung führt zu höherer Erwerbstätigkeit, die führt zu höheren Einkommen, zu erfolgreicheren Karrieren, was wiederum zu höherer Bildung bei den Frauen in der nächsten Generation führt.

Bei den Männern hat die soziale Herkunft 1950 über die Bildungschancen entschieden, und sie entscheidet auch heute noch darüber.

Nur hat sich unter den Arbeitersöhnen die Zahl der Gymnasiasten seit den sechziger Jahren lediglich vervierfacht, in der Mittelschicht aber versiebenfacht. Man kann sogar behaupten, dass sich die relativen Bildungschancen der Unterschicht bei den Männern verschlechtert haben.

(Sind die Bildungsreformen gescheitert?)

Bei den Jungs ja. Bei den Mädchen nicht. Für die Bildungsreformer der Sechziger und Siebziger war das sprichwörtliche katholische Arbeitermädchen vom Lande die Personifizierung der Bildungsbenachteiligung. Heute sind 55 Prozent der Studienanfänger Frauen. Das ist eine Revolution.“

Es gibt folglich eine von Generation zu Generation wachsende Zahl von Bildungsaufsteigerinnen, die aber offenbar nicht die soziale Mobilität entwickeln, die erhofft wurde.

Woran das wohl liegt?

Achtermann 19.08.2012 | 15:16

Professor Dr. Erich Thies war 13 Jahre lang Generalsekretär der Kultusministerkonferenz. Als er letztes Jahr ausschied, wurde er in einem Spiegel-Interview gefragt, wie viele Kultusminister er in den Jahren seiner Amtszeit kennengelernt habe. Er meinte, gezählt hätte er sie nicht, aber zwischen 150 und 200 seien es sicher gewesen.

Allein diese unvorstellbar hohe Zahl zeigt, welche Fluktuation in diesem Milieu besteht. Da jeder dieser Kultusminister individuelle und parteibezogene Ansprüche an sein Amt und die Bildungsinhalte hat, kann man sich sicher vorstellen, dass von einer einigermaßen stringenten Entwicklung des Bildungswesens nicht gesprochen werden kann. Die von dieser Diskontinuität Betroffenen, die Schüler, Studenten, Lehrer, Professoren oder Eltern, können sich auf nichts verlassen. Diese Situation lässt Resignation und Zynismus gedeihen.

pw6 19.08.2012 | 17:01

Danke für den Hinwis auf das Interview mit Blossfeld. Man kann seinen Aussagen, z.B. hinsichtlich des Partnerwahlverhaltens gebildeter Frauen oder den widerspenstigen Hausmännern, nur zustimmen (diese Erkenntnisse sind nicht neu, aber es ist gut, wenn sie noch einmal pointiert zusammengefaßt werden).

In einem Punkt hat er m.E. aber unrecht: "Höhere Bildung führt zu höherer Erwerbstätigkeit, die führt zu höheren Einkommen, zu erfolgreicheren Karrieren, ...."

Er widerlegt diese Aussage teilweise selber durch den Hinweis, daß Facharbeiter einkommensmäßig zur mittleren sozialen Schicht gehören. Auch im Rahmen der Einführung von Studiengebühren vor einigen Jahren ist immer wieder argumentiert worden, daß die Gebühren nicht durch die späteren höheren Einkommen gerechtfertigt werden können, denn diese Einkommenssteigerung wird zu 70 - 80 % von den Sozialabgaben und Spitzensteuersätzen konfisziert und der Netto-Mehrverdienst im Alter kann den Vorsprung an Lebens-Nettoeinkommen, den Facharbeiter im Alter von ca. 20 - 26 Jahren aufbauen, in vielen Fällen nicht mehr einholen.

Außer in Planwirtschaften bestimmen immer Angebot und Nachfrage die Preise, auch für Arbeitskraft. Letztlich müssen Anbieter und Nachfrager von Abeitskraft irgendwie handelseinig werden. Für den Anbieter ist der Ausbildungsaufwand eine Investition, die später durch Mehreinkommen kompensiert werden muß. Genauso spielen aber der Spaß an der Arbeit, die äußeren Umstände, ggf.ständige Dienstreisen, ggf. Gesundheitsrisiken usw. eine Rolle für die Preisfindung. Diese Faktoren sind m.E. sogar wichtiger als das formale Qualifikationsniveau. Daher spricht auch nichts dagegen, daß eine Kloputzfrau 20 Euro pro Stunde verdient, eine studierte Journalistin dagegen nur 10 Euro, denn für deren Arbeitsleistung besteht kaum Nachfrage und es ist viel lustiger, interessante Leute zu interviewen als stinkige Klos zu reinigen. Oder Beispiele mit Männern: man betachte nur die Preise für Handwerker: ein Hilfsarbeiter steht mit >40Euro/Stunde auf der Rechnung, qualifizierter Facharbeiter ab 60 Euro/Stunde; davon landen 30-35% auf dem Lohnzettel; diese "Ungebildeten" verdienen mehr als ein Nachwuchsjurist, für den eigentlich keine Nachfrage besteht.

Die gerechte Preisfindung für Arbeitsleistung ist eine sehr schwierige Angelegenheit. Die simple Logik, daß die höhere (akademische) Bildung der einzig entscheidende Hauptfaktor ist und ein Anrecht auf bessere Entlohnung impliziert, entspricht den alten Denkmustern im öffentlichen Dienst. Das funktionierte vor einigen Jahrzehnten ganz gut, heute aber nicht mehr, wo formale akademische Qualifikationen ein "Massengut" geworden sind.

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Ehemaliger Nutzer 19.08.2012 | 17:19

Das Interview ist recht gut und die Antworten von Professor Thies sind sehr differenziert und wirklichkeitsnah.

Unter anderem warnt er die Bürger davor, den Politikern auf den Leim zu gehen, welche die Bildung zentralisieren und damit noch mehr Macht an sich reißen wollen. "... Wenn die Menschen erleben müssten, dass Bildungspolitik von Berlin aus zentral gesteuert wird und keine Rücksicht mehr auf die Besonderheiten in der Region genommen wird, dann würde ihnen der Spaß vergehen. ..." Das ist ein klares Bekenntnis zum Förderalismus. Der funktioniert allerdings nur dann, wenn die in die Verantwortung gewählten Landes- und Bundesregierungen die Landesverfassungen und das Grundgesetz achten. "... Da gab es goldene Zeiten, in denen der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair für die Unionsseite und Jürgen Zöllner von der SPD-Seite mit sehr viel Generosität und sehr viel Kompetenz faire Kompromisse ausgehandelt haben. ..." So aber wurde und wird die politische Auseinandersetzung zu einem Systemkampf in der Schul- und Universitätspolitik gemacht. Dafür müsste man die dafür verantwortlichen Leute ins Gefängnis stecken. Das würde helfen.

Zur Zahl der Kulturminister sagte Thies: "... Politik ist halt ein hartes Geschäft. ... Der Wechsel ist tatsächlich schneller geworden, und zwar sowohl auf der Ebene der Minister als auch auf der Ebene der Amtschefs. Das ist nicht gut. ..."

Bei vier Bundesregierungen in seiner Zeit sowie 16 Landeskulturministern und 4 Landtagswahlen kommt schon eine größere Zahl an Kulturministern zusammen; vor allem dann, wenn man Totalversager dabei hat, die vorzeitig abgelöst werden müssen. Oder weil man aus parteitaktischen Gründen noch Leute mit einem Ministersalär /-pension versorgen muss oder will.

pw6 19.08.2012 | 19:00

Schavan hat nur angekündigt, sich aus der CDU-Spitze zurückzuziehen, von einer Aufgabe des Ministeramts war keine Rede. Die Begründung, mit der "Modernisierung der Bildungspolitik" sei eines ihrer Kernanliegen verwirklicht, paßt nicht ganz dazu, dazu würde besser die Aufgabe des Ministeramts passen. Kommt ja vielleicht noch. Hoffentlich. Obwohl man nie weiß, ob es danach besser wird.

Sünnerklaas 20.08.2012 | 06:54

Ungebildete Menschen lassen sich eben leichter manipulieren - denen kann man sogar mit irgendwelchen "Göttern" kommen, die vor Jahrtausenden angeblich in Zungen zu den Menschen gesprochen und denen "Befehle" erteilt haben. Für den Fall der Nichtbefolgung dieser "Befehle" steht dann die Verdammnis bzw. die Hölle nach dem Tod.

Man sollte nie vergessen, dass Osama Bin Laden einmal als erstklassiger "Partner" und "Verbündeter" des Westens galt...

anne mohnen 20.08.2012 | 11:32

Liebe Frau Rönicke,

obwohl handwerklich gut geschrieben, bin ich irritiert.

Ist es Ihr Anliegen über Benachteiligung zu schreiben? Der Fokus liegt dann doch wieder nur auf der die akademische Bildung, die in der Tat Ländersache ist. Die Kultusminister der einzelnen Länder müssten Sie hinsichtlich des Themas Schulförderung und sozialer Durchlässigkeit journalistisch ins Visier nehmen. Wenn es aber um die Benachteiligten geht, um wen geht es denn da mehrheitlich, Frau Rönicke?

Die nicht akademische Ausbildung steht vor einem riesigen Problem, ja auch wegen zuvieler nichtausbildungsfähiger Jugendlichen. Die nicht akademische Ausbildung ist tatsächlich diegenuine Aufgabe der Bundesministerin für Bildung und Forschung. Hier kann Frau Schavon, hier muss sie handeln, Flagge zeigen, „nachnähren“. etc.

Zuständig für die Erarbeitung von ordnungspolitischen Rahmenbedingen, z.B. Ausbildungsinhalte, Fördermaßnahmen etc., ist das BIBB, Bundesinstitut für Berufsbildung Bonn: einmalig weltweit, da gesetzlich verankert, mitverantwortlich für den weltweit anerkannten und beneideten hohen Ausbildungsstandard in nicht akademischen Berufen. Das BIBB ist auch ein Think Tank, hochgradig vernetzt mit Wirtschaft und akademischer Lehre.

Wenn Sie also z. B. über Förderprogramme etc. informiert werden wollen, sich damit kritisch auseinandersetzen möchten, warum rufen sie nicht einfach die Pressestelle des BIB, lassen sich Info-Material zuschicken. Warum interviewen Sie nicht die Ministerin oder ihre Staatssekretär/in zum Thema?

Wenn Sie wenig Aufwand betreiben möchten, könnten sie nur die entsprechende Senatsverwaltung in Berlin, Handwerkkammer oder die Industrie- und Handelskammer kontaktieren, mit Verbandsmitgliedern der Wirtschaft sprechen. Die sehen das doch selbst die Brisanz des Problems. Toll, wäre wenn Sie mit Ihren Kolleginnen vom Alltag mal Ressortübergreifende Reportage über den Beufsschul-kollegalltag hinbekämen. Hier in Berlin liegt alles einen Steinwurf von ihrer Redaktion entfernt.

Warum aber ist es für die Ministerin, die bei der Hochschulausbildung relativ wenig zu sagen hat (Hochschulbau, selbst beim Bafög bestimmt der Bundesrat mit!) attraktiver, sich öffentlichkeitswirksam mit akademischer Bildung ins Gespräch zu bringen? Nun, die Ministerin richtet sich halt, wie übrigens ihre Vorgänger/in, zuvorderst an ihr Soziotop, ihre Wählerschaft. Da gibt es dann auch mehr Presse. Und Recht hat sie, die Frau Ministerin Schavan, nicht wahr Frau Rönicke?

Schöne Grüße und weiter am Ball bleiben.

Mit einer umfassenden, gut recherchierten, kritischen Bildungsdiskussion könnte ein kleins Blatt wie dFreitag jeder großen deutschen Tageszeitung den Rang ablaufen!!

Die Unsichtbaren Deutschen 20.08.2012 | 22:49

Bildung hat den Zweck Menschen vermessbar zu machen und Kompetenzsignale an den Arbeitgeber zu senden. Bildung ist daher Teil der Arbeitsmarkt-Regulation, denn der Staat nimmt den Arbeitgeber die Screening und Monitoring Kosten des Human Kapitals ab. Bildung hat Auswirkungen auf Konsummöglichkeiten private Güter.

Bildung soll aber auch helfen kollektive Entscheidungen über Wahlen zu treffen, bei denen entschieden wird, welche öffentliche Güter produziert werden sollen.

Bildung kann keine Gerechtigkeit herstellen durch Chancengleichheit. Wenn die Menschen die Chancengleichheit wahrnehmen, dann erzeugen sie Differenzen bei der Zertifizierung des Humankapitals.

Menschliche Arbeit kommt z.B. auch in Form von exzellenten Fußballspielern und Hedge Fonds Manager vor. Beide Berufe erfordern Leistungsfähigkeit und Intelligenz - dennoch beuten sie die Erwerbstätigen durch ökonomische Systeme aus. Der brilliante Fußballspieler macht das über das mediale Star-System und der edge Fondmanager verdient sein Geld auf den Finanzmärkten mit millionenschwere Handelsalgorithmen.

Wenn es Chancengleichheit für alle gäbe, Fußballprofi oder Hedge Fonds Manager zu werden, haben wir nichts gewonnen - denn die ökonomischen Systeme sind intakt geblieben.

Wir sollten daher die Bildungsgerechtigkeit wieder zusammen falten, und von Ergebnisgerechtigkeit, Generationengerechtigkeit etc. sprechen.

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Ehemaliger Nutzer 21.08.2012 | 16:21

Jein...

"In der DDR wurden die KInder schon systematisch im letzten Kindergartenjahr auf die Schule vorbreitet."

Wobei man hier die Sinnfrage stellen kann, ist ein Kiga zum lernen oder zum spielen da? In der BRD hat man halt die ersten zwei Schuljahre entschärft, um dem kindlichen Charakter mehr engegenzukommen. Kommt wohl etwa aufs selbe raus...

"Auch wurden die Kinder wesentlich mehr in der Schule gefordert."

Gefordert oder gefördert? Meiner Erfahrung nach waren die Ansprüche teilweise etwas höher als bei der jetzigen Mittelschule, etwas niedriger als beim jetzigen Gym, dafür für alle. An Förderung kann ich mich kaum erinnern, die fand vermutlich nur bei der Nachmittagsbetreuung statt (an der ich nicht teilnahm) und konnte auch nicht verhindern, dass einige Schüler immer wieder durchfielen.

"Ich bin der Meinung, dass Kinder wieder mehr gefordert und leicht "unter Druck" gesetzt werden müssen."

Sehr reaktionäre Bildungssichtweise. Ich bin eher der Meinung intrinsische Motivation zu stärken macht Sinn. Und mehr Druck brauchen die Kinder sicher nicht, denen wird von der ersten Klasse an erzählt, dass sie sich anstrengen müssen um später einen Job zu bekommen usw. irgendwann fangen sie an das zu ignorieren, weil man es einfach nicht anders aushält.

Zzusätzlich setzen viele Eltern ihre Kinder sehr unter Druck um sie aufs Gym zu bringen. Die Angst vorm sozialen Abseits versaut schon früh sehr viel, insbesondere den spielerischen Zugang zu Bildung.

"Hausaufgaben sollten wieder mehr zur Pflicht werden."

Uh ja und sie sollen nicht frei werden, als bis sie erwachsen sind und dann übernimmt sie der Arbeitgeber. Nur um den Gröfaz mal frei zu zitieren. Nein, Hausaufgabenverbot macht mehr Sinn, dafür etwas länger und lockerer Schule. Schluss mit sinnlosem bulemie-lernen. Und auch Kinder sollten einen freien unbeschwerten Feierabend haben.

"damit die Oberschicht unter ihresgleichen bleiben kann."

Ich glaube nicht, dass die so denken, schon gar nicht dass es eine echte Strategie gibt. Die Entwicklung ist vielmehr selbst ein Bildungsproblem, die Menschen verstehen weder wie der Kapitalismus funktioniert, noch verstehen sie unser Geldsystem, noch beherrschen sie in ausreichendem Maße Psychologie, oft können sie nichtmal kritisch hinterfragen. Der Aberglauben und dumpfe Vorurteile regieren und werden von verschiedenen Lobbygruppen bewusst ausgenutzt und instrumentalisiert...

karamasoff 22.08.2012 | 10:15

natürlich ist das strategie. die exakte dreiteilung der gesellschaft ist gewollt und wird auch genauso politisch/wirtschaftlich umgesetzt. das untere drittel soll sich ungebildet unaufgeklärt über gar nichts ein bild machen können (und wollen, was noch viel perfider ist), das mittlere drittel soll sich lechzend in der hoffnung ergehen es nach oben schaffen zu können, um dort den willfährigen loyalisten zu mimen und jedem die mär kundtun, daß man es schaffen kann, wenn man nur genug willen aufbringt richtig hart zu arbeiten (die basisfloskel der knechtung, denn damit lassen sich niedrigste löhne erpressen. wer nicht mitmacht wird sozial exorziert). während sich also unteres drittel mti sich selbst prügelt eventuell noch das mittlere drittel gefährdet (was sich wunderbar dazu eignet entsprechende sicherheitsmaßnahmen einzuführen und in entsprechend formatierten diskursen - foucault winkt - zu kondensieren. die breite masse nickt ab, das obere drittel grinst.

lebowski 22.08.2012 | 20:21

"Der Begriff der Bildungsarmut wurde 1999 von der Soziologin Jutta Allmendinger geprägt. Noch vor der ersten PISA-Studie wies sie darauf hin, dass die Bildung eine genuin sozialpolitische Bedeutung für Teilhabechancen hat."

Ist es jene Jutta Allmendinger, die Leiterin des Fortschrittforums ist? Jenes Fortschrittforum, das mit dem "Freitag" kooperiert, und ein nicht vesiegender Quell dümmlicher Debattenbeiträge ist, die im wesentlichen aus neoliberalen Textbausteinen zusammengesetzt sind. Wenn Bildung darin besteht, solche kläglichen Lohnschreiber und Brotgelehrte hervorzubringen, die schon vor 200 Jahren die ganze Verachtung von Leuten wie Friedrich Schiller hatten, dann sollte man um die Bildung der Frau Schavan ohnehin einen großen Bogen machen, ob mit oder ohne finanzielle Förderung.

Liz28 22.08.2012 | 23:06

Also ich befinde mich ja auch gerade in der Situation das ich mein Abi nachholen möchte und da bekomme ich diese Art der Politik am eigenen Leib zu spüren.

Ich habe an den Behördengängen schon zu knabbern und da habe ich einen sehr guten Realschulabschluss nur das meine Eltern nicht so gut verdienen und halt nicht aus der Gesellschaftlichen Schicht sind die sich wahrscheinlich weiterbilden sollen.

Da ich schon eine Ausbildung abgeschlossen habe und danach noch 2 Jahre Vollzeit gearbeitet habe wird der Aufstieg auch nicht leichter, obwohl ich im selben Fachbereich bleibe.

Aber bei dieser Regierung kann man sowieso nicht erwarten das sie irgendetwas für die Mittel- bzw. "Unterschicht" (nicht so gemeint aber ich hoffe es wissen alle was ich meine) zu tun außer wenn sie mal wieder auf Wählerfang gehen.

Ich hoffe, dass ich meinen Antrag und mein Abi noch gut überstehe aber für die, die in 3 - 4 Jahren komme kann ich nur hoffen, dass es sich nicht noch mehr verkompliziert und verschlechtert.

navigant 26.08.2012 | 11:47

Ein sehr guter Artikel, dem man im Wesentlichen zustimmen kann. Was das so oft hochgelobte finnische Bildungssystem betrifft: Die Finnen haben in den achtziger Jahren ihr Bildungssystem von dem der DDR abgeleitet, welches auf einer pädagogisch wissenschaftlichen Basis stand. Dort wäre es niemals passiert, dass sich meine Tochter im Physikunterricht mit dem ohmschen Gesetz quälen muss weil die Proportionalität vorher im Mathematikunterricht nicht behandelt wurde. Sebstverständlich werden das die Ideologen auf der Regierungsbank niemals zugeben. In dem Fall war das nicht so schlimm für mich, weil ich diese Lücke schließen konnte. Andere, durch Ideologie getrieben Fehlentscheidungen kann ich, und das Volk, leider nicht schließen, es sei denn man trifft bei der nächsten Wahl die richtige Wahl... Im übrigen passt diese Bildungpolitik ganz genau in die Machterhaltungspolitik der Herrschenden. Was hätten diese Leute mehr zu fürchten als ein denkendes Volk welches in der lage ist die gegenwärtigen Zustände zu begreifen... Ihre Tage wären gezählt. Frau Merkael hat das begriffen, weil die Revolution in der DDR ist u.a. auf Grund dieses Sachverhaltes mit zustande gekommen. Trotzdem muss das Bildungssystem in der DDR auch Schwächen gehabt haben. Wenn sie K. Marx Das Kapital verstanden hätte, dann wüsste sie das sie und ihre Regierung sich auf einem finanz- und wirtschftlichen Crashkurs befindet, auf dessen Bahn über einen Abgrund führt...