Was uns nicht umbringt ...

Selbstüberwindung Unsere Kolumnistin erinnert sich an die Mutproben ihrer Kindheit. Und fragt sich, warum wir als Erwachsene versuchen, um jeden Preis unangenehme Situationen zu vermeiden

Mein Sohn ist vier Jahre alt und hat noch vor drei Tagen furchtbar geschrien, wenn ihm beim Baden aus Versehen ein paar Spritzer Wasser ins Gesicht gerieten. Gestern rannte er wie wild durch einen laufenden Rasensprenger, wobei das Wasser ins Gesicht und auf die Haaren – ja, sogar in die heilige Zone der Ohren! – spritzte. Er quiekte vor Vergnügen und strahlte vor Stolz. Angestachelt worden war er durch ältere Nachbarjungs, die, wie selbstverständlich, seit es warm ist mit dem Wasserschlauch die Gärten unsicher machten – und dabei nicht selten mit teilweise heftigen Wasserstrahlen einander ins Gesicht schossen. Quiekend. Glücklich. Stark.

Wir Erwachsenen hingegen haben gelernt, anders zu leben: Die Unlustvermeidung ist für viele zu einem zentralen Streben geworden, wie schon Konrad Lorenz in Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit feststellte. „Damit verschwindet die Fähigkeit der Menschen, jene Freuden zu erleben, die nur durch herbe Anstrengung beim Überwinden von Hindernissen gewonnen werden kann. Der naturgewollte Wogengang der Kontraste von Freud und Leid verebbt in unmerklichen Oszillationen namenloser Langeweile.“ Sicherlich: Lorenz übertreibt, wenn er meint, dass der moderne Mensch generell und unweigerlich in einem, wie er es nennt „Wärmetod des Gefühls“ verfällt. Denn: Für viele Menschen ist Unlustvermeidung gar nicht möglich – soziale und ökonomische Zwänge gehören genauer untersucht, als Lorenz es tat –, hedonistischer Lifestyle ist eine Klassenfrage. Aber Lorenz traf einen wunden Punkt zivilisierter Menschen in seiner Analyse: Das idealisierte Bild von Leben beinhaltet selten die Schattenseiten. „Wir haben keinen Platz für Dinge, die uns hindern, für unerfüllte Träume, für die Fettröllchen des Lebens...“ (mh).

Zur Show gehören auch die Zuschauer

Früher ... als ich ein kleines Mädchen war, waren da fast nur Jungen um mich. Und DDR war ja eh, wie ich nicht müde werde, zu erzählen: Unperfektheit und Improvisation, Mangel und Dreck – die perfekte Kindheitsgrundlage! Schüchternheit und Angst waren nicht die ersten Verhaltensweisen, die ich in Zusammenhang mit möglichen Gefahren lernte. Sondern ich lernte die Kunst der Selbstüberwindung. Es war diese Selbstverständlichkeit, die eigenen Grenzen immer wieder neu zu bestimmen, die zu meinem Spielalltag manches Mal gehörte. Wie ebenfalls schon oft geschildert, kam auf diese ersten sieben Jahre ein kleiner Gender-Kultur-Clash: Angst vor großen Hunden, Angst vor Spinnen oder vor hohen Bäumen, oder Angst davor, die schönen hellrosa Sachen dreckig zu machen und von Mama geschimpft zu werden, gehörte dort zum Mädchenspiel dazu. Jungen kannten so etwas nicht (und wenn doch, dann wurden sie ausgegrenzt): Sie spielten ihre Mutproben. Und wenn es nur das Pinkeln von einer Brücke war, wobei die Mädels – ich inklusive – natürlich ganz laut Iiiiiihh zu quieken hatten, denn man sah ja einen Penis. Ach und überhaupt – zur Show gehören eben auch die Zuschauer, die dem ganzen erst einen „Sinn“ geben.

Da ich innerlich aber sicher immer ein bisschen gegen diesen Gender-Quark rebelliert habe (mal mehr, mal weniger deutlich) – und zwar trotz meiner Rosa-Montur und des Puppenhauses –, hörte ich nicht auf, Mutproben zu suchen. Auf Bäume klettern gehörte immer dazu. Und zwar möglichst höher, als die anderen. Später war es mir wichtig, genauso scharfe Pepperoni essen zu können, wie mein Spielfreund Matze – und dabei möglichst nicht das Gesicht zu verziehen. Matze war auch derjenige, der auf dem Schulhof eine Spinne fand und ihre Beine aß. Matze liebte Mutproben – und ich liebte Matze. Also platonisch. Wir waren Geschwister im Geiste, und es bestand auch kein Zweifel darüber, dass trotz allen Wagemutes ich ihm nicht das Wasser reichen konnte. Ich hörte immer genau dann mit dem Blödsinn auf, wenn ich mich damit dann doch zu sehr ins soziale Abseits geschossen hätte. Dafür galt Matze allen LehrerInnen immer als „Klassenschreck“ – was ihm nicht unbedingt dabei half, seinen klugen Kopf in der Schule angemessen zu kultivieren. Aber das ist eine andere Geschichte. Eine Armer-Junge-Geschichte. Seine Wildheit wurde mit Schulnoten sanktioniert – eine völlig unzulässige Verquickung. Bei mir hingegen wussten die LehrerInnen eigentlich nie, wie ich drauf sein konnte, wenn keiner guckte. Klassisches Mädchenverhalten eben. Aber Matze, der wusste das.

Besonders nützlich war mir mein Hang zu Mutproben in einem bitteren Streit mit meiner hass-liebsten Freundin Andrea, die sich ziemlich lange einen Spaß daraus gemacht hatte, in unserer Freundschaft immer wieder meine Grenzen auszutesten – sprich, sie zu überschreiten. Sie war unglaublich frech und respektlos. Eines schönen Nachmittags ging sie zu weit, da kam mir eine dicke fette Spinne über den Weg gelaufen: so eine mit einem Körperdurchmesser von 2-3 Zentimetern und dicken schwarzen Beinen. Man muss dazu sagen, dass ich bei Spinnen im meinem Zimmer stets quiekte und nach Papa verlangte, der die Viecher in den Staubsauger beförderte. Aber in diesem Moment hatte ich eine Chance und nutzte sie: Andrea hatte panische Angst vor Spinnen. Ich überwand die eigene und schnappte mir das arme Spinnlein. In der nur leicht geöffneten Hand versteckt – ich wollte sie nicht töten, dann verlöre sie einen großen Teil ihres Reizes – trug ich sie unschuldig dreinschauend in Richtung Andrea. Genauso harmlos dreinblickend sagte ich wie beiläufig zu ihr: „Schau mal, ich hab’ was gefunden...“ und setzte ihr meine kleine Esmeralda – ich hatte ihr auf dem kurzen Weg einen Namen gegeben, um ihr ein bisschen von diesem Schrecken zu nehmen, den ich durchaus noch empfand – direkt auf den Arm. Ein großer Effekt ...

Selbstüberwindung macht stark

Ich will nicht behaupten, dass das sonderlich nett war. Reif sowieso nicht. Es war aber eine Methode, um in diesem typischen Kindergezänk-Machtkampf-Freundschafts-Spiel, das in der Grundschule schon richtig gut Fahrt hat, meine Grenzen zu setzen und mir Respekt zu verschaffen. Vor allem aber hatte es den gleichen Effekt, wie Jahre später mit nackten Füßen über Glasscherben aus Weinflaschen zu laufen (unter Anleitung! Liebe Kinder, bitte nicht zu Hause nachmachen!): Diese radikale Selbstüberwindung macht stark. Das Unangenehme auszuhalten, macht frei. Klingt esoterisch, ist aber so.

Die kleinen Mutproben im Alltag eines/r Erwachsenen werden allzu oft ausgelassen: Ein kaltes oder versalzenes Essen zurückzugeben, wird vermieden, wie jeder soziale Kontakt, der nicht auf Harmonie aus ist. In Beziehungen aller Art neigen wir dazu, Normopathen (vgl. Manfred Lütz: Irre! - Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen) zu werden: Abweichungen irritieren uns so sehr, dass wir immer schneller den Kontakt abbrechen und lieber neuere, unverbrauchtere und noch nicht entzauberte Bindungen an ihrer statt suchen. Gerade jene, die uns am meisten in Frage stellen, gelten als Gefahr – dabei könnten sie unsere größte Bereichung sein. Hätten wir nur den Mut, uns ihnen zu stellen.

Katrin Rönicke schreibt in ihrer zweiwöchentlichen Kolumne über Gender- und Bildungsthemen. Diese erscheint immer montags im Wechsel mit Verena Reygers Musikkolumne.

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15:25 20.06.2011
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke

Ausgabe 08/2021

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