Katrin Rönicke
08.02.2011 | 14:50 10

Wie unmännlich!

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Katrin Rönicke

Dieses Bild ist ein Flohmarktfund, der mir sehr gut gefallen hat:

http://kaddinsky.files.wordpress.com/2011/02/kronprinzessin.jpg

Weiß und unbedruckt

Das Bild zeigt "unsere Kronprinzessin" mit ihren Söhnen. Besagte Söhne tragen weiße Kleidchen und stünde nicht auf der Karte, dass es Söhne sind - nicht Töchter - wer käme heute schon auf die Idee, dass dies Jungen sind. Auf eine sehr anschauliche Weise zeigt uns dieses Bild, dass die heute unglaublich starren Kleider-Codierungen für Jungen und Mädchen, die schon in der Babyzeit einsetzen und sich mit jedem weiteren Jahr der Kindheit verschlimmern, eine junge Entwicklung sind. Sind Kinder heute strikt in rosa und hellblau (Babys), beziehungsweise in Pferdchen/Prinzessin und Hubschrauber/Dinosaurier getrennt, so waren sie früher einfach weiß und unbedruckt. Während alle Welt feiert, dass sich die Ungleichheiten der Geschlechter doch längst aufzuheben begännen, dass wir in einer Welt lebten, in der Jungen und Mädchen gleichermaßen alle Türen offenstünden, so zeigt sich an diesem Bild: Auch wenn Frauen um die Jahrhundertwende 1900 mit wesenlich weniger Rechten und Möglichkeiten ausgestattet waren, als Frauen es heute sind, so bleiben die Grenzen zwischen den Geschlechtern erhalten. Fallen die Alten weg, werden Neue konstruiert. Mittels sogenannter "Softskills" zum Beispiel, denn Frauen sind ja viel gefühlvoller und emotionaler, als Männer. Oder eben durch die Kleidung. Eine Anmerkung, die im Kontext eines Muttiblog-Beitrags von Adele in der Mädchenmannschaft alles gut auf einen Punkt brachte, kam von Hannah:

Die Mädchenklamotten musst Du ständig waschen und Dich arg zusammen reißen, Deiner Tochter neben der farblichen Konditionierung nicht auch noch eine Mach-Dich-nicht-schmutzig-Erziehung anzugedeien. Die Jungsklamotten sind hingegen hochgradig gefährlich im Straßenverkehr, auch schon auf Radwegen. So bleibt alles wie es ist: Mädchen lernen sich gesittet zu benehmen und Jungs leben gefährlich.

Denn es wäre naiv, zu denken, dass das bisschen verschiedene Kleidung keinen Effekt auf die psychosoziale Geschlechtsentwicklung hätte. Ganz zu schweigen von der Sozialauslese, die hier betrieben wird: Schöne Unisex-Kleidung für Kinder findet sich nicht bei den Discountern. Die bezahlbare Kinder-Kleidung ist stets codiert, und seien es nur die Puff-Ärmelchen, die einem sonst unauffälligem Shirt noch aufgezwungen wurden. Somit wird gerade jene Klasse der Gesellschaft, die auf bezahlbare Kleidung besonders angewiesen ist, in besonderem Maße von den Discountern, der Werbeindustrie und der Eltern-Medien-Landschaft in die rosa-hellblau-Falle gelockt. Wieder einmal bleibt festzuhalten: Geschlechterdemokratie muss man sich leisten können.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im privaten Blog von Katrin Rönicke.

Foto: Ferd. Esch/Gustav Liersch & Co.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (10)

Kurt C. Hose 08.02.2011 | 17:39

Ich will dir ja nicht deine schöne Weltsicht zerstören, aber ich denke das Anziehen von Kleidern bei Jungen kommt nicht von einer Unisexierung sondern von dem, grade in Adelshäusern verbreiteten, Mythos dass männliche Kinder eher vom Tod bedroht seien als weibliche, weshalb man ihr Geschlecht bis zu einem gewissen Alter vorm Tod oder sonstwem verstecken wollte um die Thronfolge zu sichern... Aber ich hätte gedacht 1900 wäre dieser Mythos nicht mehr in Anwendung gewesen...

KCH

Trotzdem schönes Fundstückchen...

Achtermann 08.02.2011 | 22:14

Ich interpretiere: Alles in weiß, keine Alltagskleidung. Distinktionsmittel zu Familien, die auf die helfenden Hände der Knaben angewiesen sind. Diese Jungen dürfen (wollen) nicht toben, nicht rennen. Ihre Tracht verbietet es ihnen. Kein Wort des Undanks wird ihnen über die Lippen kommen. Die Erziehung gelingt - zumindest nach außen. Der Altersunterschied der drei ist gering. Der Älteste wurde 1905 gezeugt, 1906 erblickte er das adlige Weltlicht. Der Zeuger war der deutsche Kronprinz Wilhelm, seine Gattin Cecilie Herzogin zu Mecklenburg (siehe Foto). Sie hat sich mit der Hälfte ihrer Kinder ablichten lassen. Denn sie kam insgesamt sechsmal nieder. Sie liebte das Hauskonzert. Furtwängler und Karajan gehörten zu ihrem Bekanntenkreis. Die Wirren des Weltkrieges II ließ sie für ihre Verhältnisse arm werden. 1954 starb sie 67-jährig.

GeroSteiner 08.02.2011 | 22:54

Es gibt zehn Urbegriffe. Begrenzt und unbegrenzt, gerade und ungerade, eins und vieles, rechts und links, männlich und weiblich, in Ruhe und bewegt, gerade und krumm, Licht und Dunkel, gut und schlecht, viereckig und anders geformt.
Pythagoras von Samos

Aber: es gibt nicht "unmännlich". Das ist weiblich.
Die Vorsilbe "Un" ist ein unheilige, ja ungeheure Unsitte, die unbedingt unverhältnismäßig ungraziös und unheimlich undifferenziert eine unterdessen unbändige Unlust bei allen Unbeteiligten erzeugt.

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Ehemaliger Nutzer 08.02.2011 | 23:47

Naja, heute und schon gestern tragen Frauen Hosen und können sich anziehen, wie es ihnen gefällt.
Ich habe zum Beispiel keine rosa Kleider und stehe nicht auf Rüschen und seit meinem 12. Lebensjahr konnte ich frei wählen, was ich für Kleidung tragen wollte. Ich war mehr fürs praktische, unauffällige, schlichte.
Obs mir geschadet hat, dass meine Mutter mir als kleines Kind Schleifchen in die Haare gebunden hat in der passenden Farbe zum Kleidchen?
Kann schon sein, ich bin heute nicht sehr modisch oder modebewusst, Aber vielleicht kann meine (arme) Mutter da auch nix für.
Die Kids von heute orientieren sich an ihrer Clique und dem was ihnen von und in der schönen bunten Marken- und Konsumwelt vorgeführt wird.
Und was ältere Kinder und Jugendliche cool finden.
Mehr als je, entscheidet die Kleidung darüber, ob ein Kind oder ein Jugendlicher von Gleichaltrigen akzeptiert wird.
Das kann in Psychoterror ausarten und das finde ich fast noch schlimmer als die traditionelle Sozialisierung als Männlein und Weiblein.
Dazugekommen ist das "Märklein".

Kasimira 09.02.2011 | 18:39

Einerseits schon interessant einerseits: Habe mich auch immer über die Familienfotos gewundert auf der junge Knaben Kleider trugen (einfache Familie, Handwerker, Angestellte) oder auch ziemlich lange Haare hatten.
Andererseits ist es doch auch ziemlich spekulativ, da sich Kindern in dem Alter noch relativ wenig Gedanken über ihre Kleidung machen hinsichtlich der Geschlechterorientierung.
Ich wollte immer ein Junge sein, weil die mehr durften und technisches Spielzeug statt Puppen bekamen. Die Kleidung war egal/nebensächlich, aber Fischertechnik und auf Bäumekletterndürfen hätte es gebracht (in den 50ern) anstelle von gelernter Hilflosigkeit und gebremster Neugierde.

Columbus 09.02.2011 | 19:32

Nun, liebe Frau Rönicke, was kann man aus einer solchen Postkarte lesen, ohne allzu viel weiteren Hintergrund?

Ein paar Formalia, die für uns vielleicht auffällig sein können.

Der Schwerpunkt des Bildes ist gegenüber unserer heutigen Aufassung von Fotografie verschoben. Der oben breite, dunkle Hintergrund, zieht das Bild nach unten, auf den Beschriftungstext zu, der eher oben hin gepasst hätte. - Das ist auf Sitzgruppen-Postkarten auch häufiger der Fall. - Dem SW-Ausgangsbild fehlten die Zwischentöne, darum wurden die grauweiße Kleidermasse mit Weiß gehöht (Faltenwürfe!) und ziemlich sicher konnte ein solches Votivmotiv des Hohenzollern-Romanow-Hauses auch koloriert werden. Die Postkarte ging als SW-Bild in den Druck.

Überraschend ist der wenig steife Auftritt der Prinzessin Cecilie mit ihren, bis dahin, drei Kindern!
Sie trägt wenig Schmuck, blickt familiär und sehr natürlich, direkt in die Kamera (alle Bilder dieser Zeit sind posiert) und sitzt dem Fotografen ohne Hut gegenüber! Die Kinder schauen einen anderen Fixpunkt an. - Ich würde sagen, eine sehr selbstbewusste und eigenständige Person, diese Kronprinzessin.

Weiß, das ist die Kleidung des Hof-Adels in der Sommerfrische. Schade, dass so wenig Struktur im bestickten Überkleid übrig geblieben ist.

Bezeichend, dass die Kinder nicht zu einer formalen Haltung gewungen werden. Sie schauen ein wenig ängstlich, aber vielleicht deswegen genau so, weil solche Aufnahmen mit Blitz und Konzentration, vielleicht auch mit einem Kleiderwechsel verbunden waren und vom Kinderalltag im langen Sommer abhielten.

Dass der kleinste Thronfolger im Kleidchen auftritt ist nicht ungewöhnlich. Es bedeutet nur, dass fast alle adligen und besser gestellten bürgerlichen Kleinkinder dieser Zeit in Kleidchen gesteckt wurden. Sobald die erste Akzeleration einsetzte, der erste Gestaltwandel, gab es verkleinerte Erwachsenenkleidung. In diesem Falle, bei dem Ältesten, mit dem langen Überhemd und dem Gürtel an die Kleidung der russischen Landbevölkerung erinnernd (die trug dann grobe Baumwolle, grobes Leinen und eine Kordel, sowie meist keine Schuhe). - Diese Liebe zur einfachen, nichtdestotrotz feinen und eleganten Mode unter dem Hochadel, kommt sie von den bevorzugten Romanschriftstellern, Tolstoi etc., die die Bauern porträtierten, oder direkt aus der eigenen Kinder- und Jugenderfahrung der Prinzessin. Wer weiß es?

LG
Christoph Leusch

PS: Ich habe es schon immer gewusst, Mädchen und Mannschaften neigen, auch links herum, zum Adel. Der zieht magisch an. Cecilie wäre aber sicher eine Fundgrube für die verlorenen Töchter Alices, die dann wenigstens die BILD-Zeitung wieder zusammenfalten und knicken könnten. - Sie werden und doch nicht heimlich auf das dritte Kaiserreich vorbereiten wollen?

PS 2: Ist das Schmutz, auf dem Arm des ältesten Prinzen?

Katrin Rönicke 10.02.2011 | 11:49

Lieber Christoph Leusch,

sehr interessante Gedanken und viele noch interessantere Interpretationen.

Ich kann Sie beruhigen: mich zieht es gar nicht zum Adel, der ist mir schnurz. Ich bin viel einfacher gestrickt als Sie. Mache mir nicht so viele schlaue Gedanken und handele oftmals ohne derart ausgedehnter Reflexion. Zumindest hier.
Ein Flohmarkt-Fund eben, das ist diese Postkarte. Ich wühle gerne in den alten Postkarten und Fotos herum, die auf Flohmärkten feilgeboten werden. Wegen der Bilder selbst. Ich gucke sie mir gerne an. Habe noch ein paar mehr - die überhaupt nicht aus dem Adel stammen, sondern ganz privat sind, aus irgendwelchen Wohnungsauflösungen etc..

Die Kinder auf dem obigen Bild finde ich gar nicht ängstlich. Alle vier Personen sehen in der Tat entspannt und ungezwungen aus. Aber auch darüber: habe ich nicht viel nachgedacht
Nein, da bin ich viel einfacher gestrickt. Denn der Reflex war nur: Junge in Kleid - muss ich haben! Dass das Weiß der Adeligen schwer sauber zu halten war und deswegen auch eine Bürde für kleine Kinder war - habe ich erst danach erfahren (also nach der Veröffentlichung). Dass der Hochadel sich stets weiß kleidete etc... - wurscht.
Ich weiß nur, dass früher alle Babys weiß gekleidet wurden, nicht rosa und nicht hellblau. Logisch: man wusste auch nicht bereits Monate vor der Geburt, was es für ein Geschlecht hatte. Heute müssen alle möglichen SchenkerInnen vorher genauestens Bescheid wissen, damit sie wissen, ob sie rosa Söckchen oder hellblaue kaufen sollen.
Und ja - auch wenn es nicht behagt und so unglaublich oberflächlich und wenig tiefsinnig ist - NUR darum ging es mir, als ich dieses Bild einstellte. Zu zeigen, dass es nicht immer so war. Ein Flohmarktfund mit einer mini-Botschaft. Nicht mehr,

Gut, dass es Leute gibt, die sich zu solchen Bilder noch viel mehr Gedanken machen. Ich nehme alle Eindrücke und Interpretationen mit und danke für die anregenden Kommentare

Viele herzliche Grüße

Katrin Rönicke

Columbus 10.02.2011 | 14:15

Liebe Frau Rönicke,

"Gut, dass es Leute gibt, die sich zu solchen Bildern noch viel mehr Gedanken machen.", schreiben Sie.

Das glaube ich Ihnen persönlich gerne und aufs Wort. - Allerdings, so über den Daumen und verallgemeinert, hege ich doch Zweifel.

Das mit dem Adel und dem dritten KUK- Hohenzollern-Reich, war ein Scherz.

Sie hatten ja einen viel weitergehenderen Gedanken, dieses Bild hier und auf ihrer Webseite vorzustellen. - So, zum Mittag, las ich auch noch dieses Blog um Schnullerbänder, die es bei Drogeriemärkten in den beiden Standardfarben schon um 2 € (Silikon, angeblich ablutschfest) gibt und handgearbeitet, als Unikat, man lese und staune, für ca. 7-10 € vertrieben werden. - Es gibt auch noch die Möglichkeit ohne Schnullerband und sogar ohne Schnuller aus zu kommen, oder sich ein Schnullerband selbst herzustellen, sowie, jede Farbkombi von Schnulli und Band zu wählen.

Wenn Sie so wollen, steckt in ihrem Blog eine sehr große, sehr viel umfassendere Theorie und eine große These, somit auch eine viel größere Ansprüchlichkeit: Heute herrscht strenger Dresscode in bezahlbarer Kinder und Babymode, früher war es, zumindest bei Vornehm, lockerer. Das wollen Sie an diesem Bild abhandeln. - Sie müssen wissen ob das Bild das trägt. Darum ging es mir.

"Denn es wäre naiv, zu denken, dass das bisschen verschiedene Kleidung keinen Effekt auf die psychosoziale Geschlechtsentwicklung hätte. Ganz zu schweigen von der Sozialauslese, die hier betrieben wird: Schöne Unisex-Kleidung für Kinder findet sich nicht bei den Discountern." - Sie gehen da viel, viel weiter, als ich es mich je trauen würde und verstecken mindestens das Zehnfache an Ideen und Theorien unter den Kleiderschößen der Kronprinzessin Cecilie und dem Fotoweiß ihrer Kinder. - Darum ging es mir.

Zuletzt ging es mir auch ein wenig darum, nicht immer so zu tun, als tue man Dinge beiläufig und eigentlich gar nicht absichtlich. Bloggen geschieht immer mit Absicht, Artikel schreiben auch, Kommentieren ebenfalls, obwohl ich manches Mal glaube, dass selbst Journalisten zu einer Art surrealen, automatischen Schreibweise neigen, der die Finger einfach soooo auf die Tastatur fallen lässt. - Den Schuh müssen Sie sich jetzt nicht anziehen, der war eher über die wieder festeren Mauern geworfen.

Mahlzeit, weiter machen.
LG
Christoph Leusch