Wo sind die Heldinnen?

Genderkolumne Was hält so viele Frauen davon ab, ihre politische und ökonomische Wirkungsmacht in der Gesellschaft in gleicher Weise wahrzunehmen, wie die Männer? Eine Ursachensuche

Die Frage beschäftigt viele Gemüter - ich nehme mich da nicht aus. Können, oder wollen Frauen und Männer nicht auf gleicher Augenhöhe ihre Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gestalten? Können wir nicht alles schaffen? Wir müssen doch nur wollen. Oder? - "Wenn sie nicht will, dann kann sie doch keineR zwingen!" Das höre ich sehr oft. Das ist richtig. Wir müssen nicht immer wollen, was wir theoretisch können. Aber viele wollen gerne. Sie möchten die Gesellschaft verändern. Sie fordern wirtschaftliche und politische Teilhabe für alle Menschen, unabhängig von Geschlecht und Herkunft. Und sie gehen deswegen durch die Institutionen. Dabei ändern sie sich, ihr Verhalten und ihre Ansichten über die Geschlechterfrage. Oftmals entdecken diese Frauen sehr massiv, dass es die Gläserne Decke noch gibt. Andere verändern die Kultur, die sie in den männlichen Kreisen vorfinden. Die Wirkung ist wechselseitig: Wenn Frauen teilhaben, ändern sich beide: Die Organisationskultur und die Frau. Hier liegt eine Chance.

Manchmal aber wollen Menschen einfach nicht. Dahinter steckt mitnichten Feigheit – es ist eher ein einfaches Kalkül, eine Nutzen-Kosten-Rechnung. Spitzenpolitikerinnendasein, obere Chefetage eines DAX-Unternehmens, Bundeswehrgenerälin, Professorin, Geheimagentin, Jägerin - für all diese Jobs fallen uns viele gute Gründe ein, warum wir sie ablehnen. Sie erfüllen uns nicht, rauben uns aber gerne 60 Stunden unserer Woche. Sie erfordern das Beherrschen ekelhafter Regeln - finden wir. Sie sind geradezu unmenschlich und undankbar. Sie manifestieren geltende Herrschaftsnormen. Wir sollten uns dem nicht anpassen - wir sollten ein eigenes, selbstbestimmtes, freies Leben führen. Dort geht es nicht. Sagen wir. Oder?

Die Geschichte der Helden

Seit Tausenden von Jahren frickeln Männer daran, Kulturen aufzubauen. Sie führten die Kriege, sie planten die Städte und Reiche, sie teilten Herrschaftsgebiete unter sich auf. Frauen spielten schon in den Schriften von Aristoteles keine staatstragende Rolle. Politisches Mitspracherecht hatten sie keines. Sie waren in der häuslichen Hierarchie der griechischen Polis kaum höher gestellt als die Sklaven.

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit setzten weiterhin die Männer ihre Maßstäbe für die Kultur: Die Seefahrt, die Kreuzzüge, der Kolonialismus - Männer riskierten ihr Leben für die Eroberung neuer Welten. Männer starben dabei. So waren es auch Männer, die neu entdeckte Gebiete und neue Wirtschafts-Wege - zum Beispiel bei der Entstehung des Kapitalismus in den italienischen Handelsstädten - unter sich aufteilten. Sie regelten das. Die Risikobereitschaft, die Selbstaufgabe, die völlige Ausrichtung auf ein Ziel - alles klassische Merkmale von Heldentum, - sind bis heute mindestens unterschwellig, oftmals aber auch sehr direkt vermittelte "Skills", die all jene haben sollen, die "oben" stehen. Ist das der Grund, warum Frauen sich zurückhalten: Weil ihnen das – zu Recht – dumm und verschwenderisch vorkommt?

Die unsichtbaren Heldinnen

Leisteten Frauen einen Beitrag zur Gesellschaft, so war es eine Selbstverständlichkeit, und wurde nicht als heroisch beziechnet. Es wurde nicht einmal aufgeschrieben. Frauen haben einen Mangel an Geschichte. Karin Hausen war eine der ersten, die sich um die Geschichte der Frauen kümmerte. Sie gründete die International Federation for Research in Women’s History. Diese Organisation kümmert sich explizit um den Beitrag von Frauen zur Geschichte der Menschheit. Nicht selten wurde dieser abgewertet, ignoriert oder geleugnet. Das zieht sich bis heute durch: Wenn Frauen einen Beitrag leisten in ihrer Sozialen Mikro-Welt oder ganz oben, auf Makro-Ebene, tun sie sich a) selbst schwerer damit, dies als große Leistung zu deklarieren und b) tun sich auch andere schwerer damit, dies zu tun. Heldinnen sind in unserer Gesellschaft immer noch Mangelware.

Frauen sind nicht per se feige, nicht per se schüchtern und nicht per se ablehnend gegenüber den bestehenden gesellschaftlichen Systemen mitsamt seiner Hierarchien. Aber in ihrer Gesamtheit stapeln Frauen gern tiefer als Männer. Sie selbst und auch die Männer siedeln "Heldenhaftes" beim sogenannten "starken Geschlecht" an. Was sie tun, ist ihnen und anderen eine Selbstverständlichkeit, "nicht der Rede wert". Und sie meinen, ihre Tätigkeiten, ihre Fähigkeiten – so ganz unheroisch und normal – die seien nicht ausreichend für das "da Oben". Deswegen lassen sie die Männer das regeln. Immer noch, viel zu oft.

Für einen pragmatischen Feminismus

Es gibt also zwei wesentliche Grundmuster: Erstens eine Ablehnung der männlich geprägten gesellschaftlichen Strukturen. Zweitens ein Kleinreden der eigenen Fähigkeiten – im Vergleich mit Männern. Denn es ist ja immer der Vergleich, der uns glauben lässt, wir seien weniger. Im Wettkampf waren Frauen bei einer Studie der Universität Pittsburgh schlechter im Lösen von Aufgaben, als wenn sie für sich alleine arbeiteten. Bei den Männern trat der umgekehrte Effekt auf. Gekonnt haben die Geschlechter gleich viel. Aber Frauen haben weniger Lust darauf, sich zu messen, zu beweisen. Sind sind einfach gerne. Man kann beides in Frage stellen und sagen: Das passt so nicht – dann machen (wir) Frauen eben nicht mit. Soll sich doch erst einmal die Gesellschaft ändern. Oder die Männer lehnen sich zurück und erklären: Die Frauen wollen ja nicht, sie sind ja feige und wenn sie zurückhaltend sind – na dann wollen wir ihnen ja auch nichts aufzwängen.

Oder man sieht die Chancen: Eine Gesellschaft kann man ändern – indem man partizipiert. So wie man ist. Eine Gesellschaft, an deren politischer und wirtschaftlicher Machtverteilung Frauen entscheidenden Einfluss nehmen, wird womöglich eine andere sein, sowie auch diese Frauen sich durch ihren Einfluss, die Verantwortung und ja – böses Wort! – die Macht, die sie haben, verändern werden. Ein pragmatischer Feminismus achtet auf die Möglichkeiten, die es gibt, alle Geschlechter zu gleichen Teilen zur wirtschaftlichen, politischen und sozialen Teilhabe an der Gesellschaft zu verhelfen. Ein pragmatischer Feminismus setzt zudem auf die Dramatisierung von Geschlecht als erste Stufe, um erst im zweiten Schritt die Kategorie Geschlecht gesellschaftlich zu entdramatisieren. Er beginnt einen aktiven Prozess: Nachdenken und Reden über eine neue Gesellschaft, das in ein Handeln und Verändern in der Gesellschaft übergeht.

Katrin Rönicke schreibt in dieser Kolumne über Gender- und Bildungsthemen, zuletzt über eine überfällige Quote in der Piratenpartei. Sie kolumniert immer montags im Wechsel mit Verena Reygers, die sich mit Genderthemen in der Musikbranche befasst.

19:00 17.10.2011
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke

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