Katrin Rönicke
02.03.2009 | 09:00 7

Zieh Dich bloß nicht aus!

Nacktheit als Ware Die FKK-Kultur stirbt aus. Dafür blüht das Geschäft mit der Pornografie. Wie tragisch, dass uns das natürliche Verhältnis zu nackten Körpern abhanden gekommen ist!

Früher bin ich sehr ungezwungen nackt zwischen vielen nackten Menschen herumgetobt: Am FKK-Strand. Heute kann ich mir das nicht mehr vorstellen. Nacktheit ist etwas sehr Intimes für mich geworden, ich möchte nicht, dass alle möglichen, mir unbekannten Menschen einen Blick auf meine sekundären Geschlechtsmerkmale werfen können.

In einer Gesellschaft, in der alle Menschen tagtäglich mit nackten Menschen zugespammt werden, ist persönliche Nacktheit ein schwierigeres Objekt geworden. Denn während ich doch ein wenig wehmütig werde, wenn ich an meine ungezwungene FKK-Vergangenheit denke, sammle ich für unser feministisches Weblog sexistische Werbung, um sie zu brandmarken. So nicht, liebe Werbeindustrie! Sage ich dann.

In den USA sei das mit der sexistischen Werbung nicht so verbreitet, schrieb einst ein User in einem Blog-Kommentar. Man würde kaum auf Nacktheit stoßen in der Öffentlichkeit. Wenngleich das zunächst begrüßenswert erscheint, so weiß ich im gleichen Moment ebenso: Das sind die gleichen USA, in denen Menschen andere Menschen anzeigen, deren Kleinkinder im Garten nackt herumtoben. Der Preis für die Freiheit von Sexismus ist leider allzu oft: Die Prüderie.

In Schweden zum Beispiel gab es noch in den Siebzigern eine sehr freizügige Kultur des Nacktseins. Man fand daran weder etwas Sexistisches, noch etwas Anstößiges oder gar Pädophiles. Nein, man war geradezu stolz auf diese Freiheit, die man auch mit einer gewissen Freiheit des Geistes verbunden sah. Heute sind auch die Schweden verklemmt. Eine Frau, die dort oben ohne, oder gar komplett nackt am Strand entlangliefe, wäre wahrscheinlich binnen kürzester Zeit als „Schlampe“ abgestempelt. Damit scheint sich die Gesellschaft in eine ziemlich schwierige Lage manövriert zu haben:

Einerseits ist sie völlig „oversexed“. Sexistischer Werbespam so weit das Auge reicht. Eine besonders große Sorge ist die „sexuelle Verwahrlosung“ der heutigen Jugend. Und Frauen wollen zu recht nicht bloß als Sexobjekte und Dekoration von Autos herhalten. Bei You Porn kann man Sex und im gesamten Internet Bilder von nackten Menschen ohne Grenzen bekommen.

Gleichzeitig stirbt die FKK-Kultur aus, nur ein paar restliche „Oldies“ leben sie noch, beklagen das Ausbleiben der Jungen. Waren früher in einem Bildband von Schweden noch viele nackte Frauen am Strand zu sehen, so sind sie heute komplett verschwunden. Währenddessen operiert eines der größten europäischen Pornofilm-Imperien von Schweden aus. Es gibt kein dazwischen mehr, zwischen Porno und Prüderie. Das ist tragisch.

Denn das perfide an diesen Entwicklungen ist, dass ein nackter Körper sofort und nur noch mit „Porno“ assoziiert wird. Früher war ein nackter Mensch ein nackter Mensch. Nicht mehr. Die Beziehung zu dieser natürlichen, asexualen Nacktheit ist verloren gegangen. Sie bleibt nur noch den Kindern – in den USA nicht einmal ihnen.

Katrin Rönicke, geboren 1982 in Wittenberg, studiert Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften in Berlin und ist Mutter eines einjährigen Jungen. Ab April ist sie Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Für den Freitag wird sie in ihrer wöchentlichen Kolumne über Gender- und Bildungsthemen schreiben.

Kommentare (7)

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frara 02.03.2009 | 14:57

Wissen Sie immer zu unterscheiden, ob eine Werbung sexistisch, also diskriminierend und ausbeutend ist, oder halt einfach nur unser Signalsystem verwendet, das nun mal auf sexuelle Reize anspringt?
Ich sehe Ausbeutung viel eher bei Verkäuferinnen oder Zustellerinnen als bei den vergleichsweise gut honorierten Fotomodellen.
Aber auch diese Hysterie trägt dazu, dass die unbekümmerte Freude am Körperlichen zerstört wird. Mit den Keuschheitsgeboten der Religionen fängt es an, mit dem auch ästhetisch hässlichen Rotlicht der Sex-Industrie hört es auf.
Aber vielleicht tröstet es, zu erfahren, dass in unserem nahe gelegenen Thermalbad in Ludwigsfelde FKK die Regel ist (was nebenbei auch hygienischer ist als in keimspeichernder Badebekleidung in die Sole zu steigen). Nach einer Weile ist es fast so wie einst an der Ostsee. Man "vergisst", dass alle nackt sind.
(Fast alle. Einige meist junge Leute behalten was an. Konnte nicht herausfinden, ob es nur pubertäre Scham ist oder das, was man Neue Prüderie nennen könnte und sich in oben stehenden Artikel einpasst.)

Joachim Losehand 03.03.2009 | 02:45

Die Freikörperkultur (FKK; "FKK-Kultur" liest sich als "Freikörperkultur-Kutur") der 1970er und 1980er Jahre ist einerseits eine Ausnahmeerscheinung in der Kulturgeschichte der Scham, andererseits aber auch wieder nicht: war sie als kontrollierter Ausbruch aus gesellschaftlichen Normen doch darum wieder in ihnen verankert und ihnen verhaftet. Der andere menschliche Körper hat - ob verhüllt oder unverhüllt - immer auch eine erotische und bisweilen auch sexuelle Komponente, ist Objekt im Sinne des Gegenübers, vom "ich" des Subjektes unterschieden, das entweder angesprochen wird oder nicht und damit selbst wieder Objekt des Erotischen, des Sexuellen des Anderen ist. Nacktheit ist nie "asexual" oder "asexuell".

Nacktheit, Erotik und Pornographie im Begriff "Sexismus" zu sammeln, also zunächst und vor allem als Verdinglichung, Diskriminierung, Unterdrückung zu verstehen, greift gerade in der heutigen Zeit zu kurz. Die abgebildetet Menschen sind nicht nur den Blicken der Betrachter unterworfen, sondern sie unterwerfen mit ihren zum Ideal erhobenen Körpern ihre Betrachter, die selbst kaum an dieses Körperideal heranreichen und dazu verdammt sind, im Körper-Kult nur Adoranten, vielleicht Adepten, aber niemals Initiierte zu sein (ich denke da an die Abonennten und Leser von Men's Health und anderer Magazine).

[...]

Joachim Losehand 03.03.2009 | 02:45

[...]

Auch beim Stichwort "YouTube" hat die Autorin an der Sache vorbeigesehen und vorbeigeschrieben: Mit diesen Plattformen werden ja nicht Bilder und Filme von Dritten, sondern auch und vor allem Selbst-Darstellungen in die Öffentlichkeit gestellt. Eigenproduktionen per Mobiltelefon und PC-Kamera sind es, die in einer ganz eigenen und bislang nie dagewesenen Art von Offenheit und Exhibitionismus freiwillig und ohne gesellschaftlichen sozialen Zwang anonym ins Internet gestellt und deren primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale vielfach kostenlos den Blicken freiwilliger und anonymer Voyeure dargeboten werden. Die Zahl der interessierten Amateure an nebenberuflichen oder einmaligen Rollen wächst, "Pornographie = Sexismus", "Verdinglichung der Darsteller" ist zwar nach wie vor ein Thema, aber ein Nischenthema wie andere sexuelle Phantasien, kann angesichts auch der Entwicklungen im Internet kaum mehr als Erklärungsmuster herhalten, will man nicht in ideologischen Aporien enden. (Wir reden hier über Pornographie, nicht über Prostitution.)

Sachlich fehlt in diesem Beitrag der gesamte Komplex der "Scham", die mit dem nackten Körper kulturgeschichtlich aufs engste verknüpft ist. Daß ein "nackter Mensch ein nackter Mensch" ist, mag zwar formal aussagelogisch unzweifelhaft sein, bietet aber keinen weiteren Erkenntniswert - zumal die Autorin die zeitliche Einordnung ("früher") mehr als schuldig bleibt. Ebenso eher aus der eigenen Befindlichkeit heraus denn anhand von stringenter Argumentation wird ein "natürliches" Verhältnis zu oder zum nackten Körper postuliert, das dem Menschen "abhanden gekommen" sei. Wie und wann sich dieses "natürliche Verhältnis" hingegen zeigte, bleibt völlig im Unklaren. Wie auch die Intention des gesamten Beitrags, der am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts eigentümlich nostalgisch aber auch (vielleicht darum) ohne Bezug zu den drängenden Fragen auf aktuelle Entwicklungen ist.

tom.www 03.03.2009 | 03:45

Versuche zum Thema.

1. These:
Die Beifügung des menschlicher Körpers als Stimulanzmittel für den Verkauf eines Produktes unterwirft jenen zwar als Mittel zum Zweck der Ware, ist aber noch nicht die Verwendung des Körpers als Ware daselbst, ist noch nicht in direktem unmittelbaren Sinne Ware, sondern deren Hilfsmittel, deren Lockmittel. Freilich kann man erkennen, daß sich diese Lockmittel in der Entwicklung zunehmender Enthemmung befinden.

2. These
Der Verkauf von Darstellung unmittelbarer Sexualhandlungen (z. B. Pornographie) oder das Angebot der Verfügbarkeit unmittelbarer Sexualhandlungen (z. B. private Sexkontakte in Internet) kann unmittelbaren Warencharakter haben. Dies ist dann der Fall, wenn die Produktion oder das Angebot tatsächlichen oder quasi-industriellen Charakter hat. Diese Entwicklung scheint durch die Pornoindustrie und das Internet sowohl im industriellen Bereich, aber auch im privaten Bereich so stark befördert zu werden, daß man von einer Vermarktung des menschlichen Körpers als sexuelle Ware in globalem Ausmaß sprechen kann. Die Vorstellungen von Angebot, Verfügbarkeit, Ersetzbarkeit und Unerschöpflichkeit entsprechen den Verheißungen der kapitalistischen Massenwarenproduktion.

3. These
Es ist anzunehmen, daß sich diese Entwicklung, deren Präsenz sich der Einzelne in Rahmen der sogenannten Informationsgesellschaft schwerlich entziehen kann, auch Konsequenzen für Eigenwahrnehmung und Eigenverständnis des Menschen von seinem Körper zur Folge hat. Diese bestehen zum einen sicher in einer „gesteigerten“ Wahrnehmung des eigenen und des anderen Körpers auch im Sinne einer Abwendung weg vom Wort zum Bild, aber sicherlich nicht in eine - vielleicht von Moralisten befürchteten - Totalorgie - obwohl doch gerade dies von jenen Angeboten anscheinend nahegelegt wird. Mit einem sexuellen Umsturz ist nicht zu rechnen. Dies liefe den Interessen des Marktes entgegen (allerdings ist dies innerhalb der kapitalistischen Produktion als solches zunächst einmal egal).

4. These
Der industriell-kapitalistische Markt schreitet voran und hat sich nun mit gewohnter Gründlichkeit des menschlichen Körpers und all seiner damit verbundenen Tabus bemächtigt. Er hat einen neuen Markt mit Zukunft gefunden: unseren Körper und unsere Sexualität. Die neue Langeweile, ja eine sexuelle Fadheit wird schon spürbar. Der einzige Ausweg: eine gewisse Form der Enthaltsamkeit (als Gegenmodell, als Sinnlichkeit des Nicht-Habens). Bereits de Sade hat darauf hingewiesen, daß die Begierde sich selbst erstickt, wenn sie kaum entstanden, schon befriedigt wird.

Katrin Rönicke 03.03.2009 | 11:25

Liebe Kommentatoren,
vielen Dank für eure sehr anregenden Beiträge. In der Kürze meiner Kolumne konnte ich viele Aspekte nicht ansprechen und nur ein paar Fragen in den Raum werfen, die mich persönlich beschäftigen. Umso mehr erfreut mich diese tiefe und angeregte Auseinandersetzung mit dem Thema! Die Fragen und Gedanken nehme ich mit und werde mich sicherlich nicht das letzte damit und auch mit dem Thema Scham auseinandersetzen.
Vielen Dank!
Katrin

Helge 08.07.2015 | 12:25

Liebe Frau Rönnicke, wenn Sie heutzutage einen FKK-Strand besuchen, wird niemand sie begaffen. Auch nicht ihre sekundären Geschlechtsmerkmale. Ihr Problem besteht ja auch nicht darin, dass Sie tatsächlich gesehen werden, sondern darin, dass andere Sie anschauen könnten. Es ist also in Ihren Kopf. Wären Sie mit sich und Ihren Körper zufrieden, dann gäbe es dieses Problem vermutlich gar nicht.

Ob die FKK-Kultur ausstirbt? Ich selbst bin sicher kein Harcore-FKKler. Wenn ich mit meinem Sohn zum Badeteich fahre, dann um zu schwimmen, nicht um mich am Strand zu sonnen. Hier in Sachsen scheint das Altersverhältnis jedoch ausgeglichen, junge Paare, alte Paare, ein paar Väter samt Anhang und eine Menge Kinder drumrum.

Gehen Sie einfach mal wieder hin, wer weiß, vielleicht sehen Sie dann in Zukunft etwas weniger Sexismus. :)