30 tage ohne oben (11)

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Der Chef ist weg, der Boss, der Köhler. In 19 Tagen wird ein neuer Bundespräsidentenmensch gewählt. Wie fühlt er sich an, der Alltag so ohne richtiges Staatsoberhaupt? Ein Tagebuch.

Das hatte ich verdrängt: Sommerzeit ist Hochhuth-Zeit. Sobald sich im Berliner Ensemble der ganze Vorhang senkt, schließt Rolf Hochhuth (79), dem der Laden über die Ilse-Holzapfel-Stiftung gehört, den Bühneneingang wieder auf und inszeniert sich eins.

Da gab's vor Jahresfrist Theater: Hochhuth hatte seinen „Sommer 1914“ nicht fristgemäß angemeldet, und Intendant Claus Peymann (73) sagte: Nö. Das Trauerspiel der Eitelkeiten füllte zum nicht geringen Vergnügen der Zaungäste das Sommerloch. Hochhuth nannte Peymann einen „Feind“. Doch der hat vorher schon gewusst: „Der Nutzen von Feinden wird gern unterschätzt.“'* Das Wort „unzurechnungsfähig“ fiel auf beiden Seiten. Und niemand half ihm auf.

In diesem Jahr scheint mit der Anmeldung alles geklappt zu haben. Heute gab Hochhuth die Premiere von „Die Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato“ für den 30. Juli bekannt. Darin verweigern sich die Griechinnen ihren Männern, heißt es, und verhindern so den Bau eines NATO-Stützpunktes. Das nenn' ich tagesaktuell! Ist aber von 1974, was nicht gegen die Griechinnen spricht, aber für eine gewisse Haltbarkeit der Themen.

Folgerichtig besetzt der Besitzer einen ebenfalls sehr Haltbaren: Johannes Heesters (106), der sein Vater sein könnte. Als „Ehrensenior“soll er auf der Bühne stehen. Oder sitzen. Auch Lindenstraßen-Grieche Kostas Papanastasiou (73) spielt mit. O alter Männer Herrlichkeit! Wozu es da noch den Problemfall NATO-Stützpunkt braucht, will sich mir nicht recht erschließen.

Ich befrage Peymann und erfahre: „Wahnsinnig sein zu können, ohne wahnsinnig zu sein, das ist Kunst.“*

Verstehe.

* aus „Peymann von A-Z.“, hrsg.von Hans-Dieter Schütt (Verlag Das Neue Berlin, 2008)

22:15 11.06.2010
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