Aus der Asservatenkammer der Wörter

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Ist von der Buchstadt Leipzig die Rede, dann oft in Verbindung mit „ehemalige“. Bis zum Mauerfall gab es hier große, traditionsreiche, wichtige Verlage. Es gab gute Autoren. Und es gab viele, schöne, inspirierende Buchhandlungen. Und heute? Sind die Verlage neuer und kleiner, die Schriftsteller immer noch gut. Und einige Buchhandlungen trotzen den Buchwarenhäusern. In einer kommt seit über 20 Jahren alles zusammen: in Peter Hinkes Connewitzer Verlagsbuchhandlung mit ihrem kleinen Außenposten, dem “Wörtersee”.

Im hintersten Winkel des “Wörtersee” entstehen Bücher. Unter der Schreibtischlampe sitzt Hinke mit Thomas Böhme über letzten Korrekturen der “101 Asservate. Alter Worte Welt”, die im Februar erscheinen. Hinke zeigt begeistert ein paar Seiten. „Der Aberwitz“ steht da oder „Das Angebinde“… Böhme sammelt alte Wörter. Um sie zu bewahren. Nicht vor etwas oder jemandem, sondern für sich und andere. Für Seelenverwandte vielleicht.

Im heimischen Bücherregal finden sich zwei Gedichtbände Böhmes: “Die schamlose Vergeudung des Dunkels” aus dem Jahr 1985 und “stoff der piloten” von 1988. Beide aus dem Aufbau Verlag. Sie stehen neben den Büchern von Steffen Mensching. Das ’83er Debüt, “Mit der Sanduhr am Gürtel”, ist leider nicht dabei. Macht nichts, das hat Peter Hinke vor einem Jahr neu aufgelegt, mit Nachbemerkungen Böhmes, in denen er schreibt: „Ich habe dem Erfolg der ,Sanduhr’ von Anfang an mißtraut und wollte auch nicht in diesem Stil weiterschreiben, denn längst hatte ich begriffen, dass gute Lyrik noch etwas anderes war, als ein Tagebuch in Versen.“

Eine Daseinsberechtigung als Zeitdokument spricht er den Texten aber zu, weil sie Zeugnis ablegten vom Unbehagen an der erstarrten Verhältnissen in der DDR der 80er Jahre „und vom Spagat eines Verlags zwischen kulturpolitischen Zwängen und der Öffnung für die neuen Stimmen, die aus diesen Verhältnissen hervorgegangen waren“.

Das war etwas Besonderes damals. Mit der Lyrik. In der DDR. Lesungen gab es nicht nur zahlreich und gut besucht – sie hatten etwas von Untergrund-Treffen. Nicht der Orte wegen, sondern wegen des Publikums. Finden Leute, die Wörter und Bilder entschlüsseln können, eher zueinander? Ist dies ihre gemeinsame Sprache? Sind Dichter konkreter? Vielleicht lag es auch am schnellen Zugang, dem kürzesten Weg zum Inhalt.

In den beiden Böhme-Bänden klemmen Lesezeichen. Die “elegie” auf Seite 32 endet so:

und irgendein fremder falter
mit zusammengeklebten flügeln
verendet, von niemandem aufgefordert
dazu

Es klingt nach Warten in einer äußerlich verwahrlosten Freiheit. Böhme beschreibt einen vernieselten Sommer und das schimmelnde Leder eines vergessenen Fußballs unter Holunderbüschen. Herausgelesen wurde freilich etwas ganz anderes, auf die Spur gesetzt von Zeilen wie dieser: “doch auch unsere Hüllen sind perforiert”. Lyrik als Lebensmittel, so war das.

In dem anderen Buch sind zwei Gedichte markiert: “Heisser Herbst”, eine atemberaubende Endzeitahnung des damals 28-Jährigen, und :
"DAS
ACHTE SCHWEIGEN ABER
IST TÖDLICH

Das erste ein kindlicher
Verrat das zweite eine not
Lüge das dritte im einverständnis mit der ohn
Macht das vierte eine chance
Zu überleben das fünfte eine kopf
Prämie das sechste auf kosten der schweigenden
Minderheit das siebente für den general
Stabsplan heilewelt
Um lieben friedens
Das achte"


Wahrscheinlicher sei es gewesen, nicht gedruckt zu werden, sagt Böhme heute und wundert sich noch immer über die Genehmigung. Im Buch ist ein vollbärtiger junger Mann mit dickem Pullover abgebildet. Darunter steht, dass er 1955 in Leipzig geboren wurde, 1974 Abitur gemacht hat, “danach Lehrerstudium (nicht beendet), Bibliotheksfacharbeiter, Werberedakteur, Fernstudium am Literaturinstitut ,Johannes R.Becher’ von 1981bis 1984. Seitdem freier Schriftsteller.”

“Lehrerstudium (nicht beendet)” bedeutet Exmatrikulation nach der Biermann-Ausbürgerung. Werberedakteur war er bei Edition Leipzig, wo er sich nebenbei autodidaktisch bilden konnte. Wenn es etwas gab, dann Zeit und ein bildungsaffines Umfeld. Heute sei der Bildungsbegriff einer Umbewertung unterworfen, sagt Böhme. Kurzfristig abrufbarem Quiz-Wissen zieht er ein komplexes Bildungsgefüge vor, das auf einem historischen Fundament steht.

Auch wenn es so klingen mag, er hadert keineswegs mit der Gegenwart. Und wenn er lacht, dann lachen immer auch die Augen. Er erfüllt nicht das Klischee des traurigen Dichters, sondern leuchtet als ironischer Sprach-Spieler. Er lebt nicht in Cafés und Kneipen, sondern umgibt sich in seinem Haus mit Freunden, Musik und natürlich Büchern. Überall Bücher. Außer in der Küche. Ein Mobiltelefon aber hat er nicht. “Ich muss nicht immer erreichbar sein.” Und er reist mit dem Zug. Er muss die Zeit nicht überlisten.

Er will sie auch nicht zurückdrehen, wenn er von dem Gefühl spricht, im falschen Jahrhundert aufgewachsen zu sein. „In die Epoche vor dem Ersten Weltkrieg hätte ich hineingepasst.“ Was ihn am jungen 20. Jahrhundert reizt, ist das Lebenstempo, das geringere. Es sind die Brüche in jener Zeit, „die schon alle Elemente der Moderne enthielt: Nationalisierung, Industrialisierung, Kommunismus, Anarchie … Da sind Bewegungen aufeinandergeprallt, in denen viel Potenzial gelegen hat – zum Guten wie zum Bösen.“ Und all die Neuerungen fanden sichtbar statt, was die Chance gab, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Von all dem erzählen die Wörter, Begriffe wie „Das Stelldichein“ oder „Die Ottomane“. Böhme fühlt ihnen auf den Zahn, assoziiert in kurzen Prosastücken, die meist in genau neun Punkten strukturiert sind. Er liebt beim Schreiben das Kurze, Konzentrierte, das Überschaubare, das man im Blick behalten kann. Und schon immer war es das Spiel mit Wörtern und Masken, das ihn reizt.

Selbst wenn die Texte sich aus Erinnerungen speisen, können sie Kommentare zur Zeit sein. Über den Aberwitz schreibt Böhme, dass er Staub angesetzt hat, „seitdem der Wahnsinn ihm in allen Medien Konkurrenz macht, ob als Mißfallensruf oder als Ausdruck der Begeisterung sei dahingestellt.“ Diesen Staub bläst der Autor fort.

Thomas Böhme: „101 Asservate. Alter Worte Welt“. Connewitzer Verlagsbuchhandlung; 136 Seiten, 18 Euro (erscheint im Ferbruar)

(zuerst unter www.lvz-online.de)

02:07 23.01.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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