Die Abschaffung des Zusammenhangs

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Im Schauspiel Leipzig inszeniert Martin Laberenz Dietmar Daths Roman „Die Abschaffung der Arten“. Am 7. Mai war in der Skala Premiere.

Die Zuschauer dürfen sich, so steht es auf dem Programmzettel, frei im Raum bewegen. Genau genommen: Sie müssen es. Denn ganz gleich, ob sie auf der Traverse sitzen, auf einem der an den Rändern verteilten Stühlen oder sowieso im Sand, der den gesamten Bühnenboden bedeckt– wo sie sind, können sie nicht bleiben, wenn Wände abgerissen und neu aufgestellt werden, wenn die Schauspieler sich unters Publikum mischen oder in dessen Rücken auftauchen. So gesehen ist der Abend sehr dynamisch. Und das passt ja dann auch zum Text, der die Abschaffung des Zusammenhangs zelebriert.

Dietmar Daths 550-Seiten-Science-Fiction „Die Abschaffung der Arten“, die so quälend originell ist, schrumpft für den zweistündigen Abend im kleinen Haus zu einer Collage, in deren Textfetzen sich wiederum die sieben Schauspieler frei bewegen. Als Ersatzmann steht ein Souffleur mit auf der Bühne, er hat viel zu sagen. Doch das stört überhaupt nicht, gehört vielmehr zur bewussten Transparenz aller Vorgänge, deren Verankerung ja schon kompliziert genug ist.

Die Zeit liegt hinter uns, unsere Zeit, die Langeweile genannt. Die Erde ist befreit von den Menschen und gehört jetzt den Tieren, in denen noch genauso viel Mensch steckt wie im Menschen Tier. Diese Melange aus Instinkt und Intellekt ist reizvoll für einen Aufbruch in neue Welten, deren Maß keiner kennt. Jeder ist seine eigene Art, jeder kann sich mit jedem paaren und seine Persönlichkeit überspielen. Was hier auch heißt, auf Wände zu projizieren. Wenn hinter den Kulissen oder auf der Straße weiter gespielt wird, sind Handkamera und Tonangel dabei.

Die doppelte Verfremdung, das Spiel im Spiel, bringt Licht an jenen Ort, wo Fuchs und Löwe „Gute Nacht!“ sagen. Der Wechsel zwischen drinnen, draußen und fiktivem Irgendwo verkürzt die Wege des Gesprochenen, das sich schließlich selbst genügt. „Wenn wir den Sprecher von der Sprache lösen, ermöglicht uns das neue Schlüsse“, sagt einer. Welche? Keine Ahnung. Sätze schießen ins Kraut: „Meine Persönlichkeit hat ein Softwareproblem“. „Der Schleimpilz ist der Außenseiter der Evolution.“ „Kausalität ist der Mörtel des Universums.“ Es sei nicht leicht, „ich“ zu sagen, wenn nicht klar ist, wer spricht. Hin und wieder trifft ein Projektil: „Unsere Suche hat kein Ziel“. Am Ende liegt die Bühne voller Worthülsen.

Regisseur Laberenz, der schon Daths „Maschinenwinter“ in der Skala inszeniert hat, schätzt offenbar die Eskalation des Unmöglichen. Und weil auch er nicht weiß, was passiert, wenn sich die Abwesenheit von Sprache, Geld, Kultur „materialisiert“, inszeniert er eine Sci-Fi-Komödie, die vom Spiel lebt. Und das berührt - eindringlich, vielschichtig, intensiv. Die Schauspieler streifen sich Biographien über und schütteln sie im gleichen Moment wieder ab. Die Masken und Rollen, der Löwe, der Fuchs und der Wolf, die Männer, die Frauen – in ihrer Auflehnung lodert Verzweiflung, in ihren Aufbrüchen lauert Ungeschick. Sie kämpfen und flirten mit der Wut, da ist sogar die Ausweglosgkeit lustig.

So ist einer mal Adler, mal Maulwurf „oder von mir aus“ eine Schnecke. So schreibt ein anderer die Geschichte in den Sand. So geht einer mit dem Kopf durch die Wand, die zum Tisch wird, unter dem er nun hockt. Die Gedanken sind frei, doch der Körper steckt fest. Das Scheitern feiert fröhliche Urständ. Wer nicht denken will, darf fühlen. Und wirklich: „Dann sind eben Illusionen unsere Rettung.“ Diese am Ende bejubelte Inszenierung offenbart im Strom der Wörter die eigene Sprachlosigkeit und unterhält dabei doch bestens.

Mit Manolo Bertling, Anna Blomeier, Sebastian Grünewald, Guido Lambrecht, Melanie Schmidli, David Simon, Anita Vulesica

Regie: Martin Laberenz
Konzeptioneller Mitarbeiter: Christoph Wirth
Raum: Susanne Münzner
Bühne: Oliver Helf
Kostüme: Aino Laberenz
Video: Matthias Petzold
Dramaturgie: Johannes Kirsten

www.centraltheater-leipzig.de

14:12 08.05.2010
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