Drei Glühwein für ein Halleluja

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Für einen kurzen Moment hielt ich es für einen Scherz. "Hier kommen Sie so nicht durch, Bürgerin", sagte der Polizist, als ich Samstagabend die unsichtbare Grenze zwischen Hugendubel und Thomaskirche durchbrechen wollte. "Vaaaaati, der Leon muss mal", rief es hinter mir, "Jauchzet, frohlocket" kam es von vorn. Auf dem Weihnachtsmarkt blies der Hornkreis der Adam-Ries-Realschule "Tausend Sterne sind ein Dom". Dazwischen die Staatsmacht.


Wie ich mit denn denn hier Durchlass verschaffen könne, fragte ich den Polizisten. "Ohne Einkauf jedenfalls nicht." Im kernigen Wortgefecht, in dessen Verlauf ich an einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung entlang argumentierte, belehrte mich der Mann, dass die Stadt pleite sei. Die Bürger aber, die hier in der City kostenneutral in den Genuss der Vorfreude kämen, indem sie Lichterkettenglanz und menschliche Nähe konsumierten, beteiligten sich ihrerseits nur äußerst zurückhaltend an der Rettung von Karstadt, Wust-Maxe und Geschäftsklima. Da sinke nicht nur der Dax, sondern auch die Stimmung, weshalb der Bürgermeister einen Mindestumsatz von zwei gefüllten Einkaufstüten verfügt habe. Er selbst empfehle das alternativ zur Wahl stehende Flatrate-Shopping: 75 Euro für Singles, 80 für Paare.

"Und was ist mit Kindern?", fragte ich, Verständnis vortäuschend. "Wer sich mit Kindern hierhertraut, geht ohnehin nicht unter 100 Euro vom Platz. Wir müssen sozial denken", sprach der Polizist und legte die Hand ans Holster. Er hatte meinen Griff ans Herz wohl falsch interpretiert. "Und wenn ich schon alle Geschenke beisammen habe? Für durchschnittlich 20 Euro pro Person im übrigen." Dann, sagte er, habe ich in der Innenstadt ja nichts mehr zu suchen. Gegen Vorlage der Quittungen allerdings und vorausgesetzt, das Geld sei in Leipzig geblieben, könne er ein Auge zudrücken, er sei ja kein Unmensch, und mich ohne Kompensationsgebühr passieren lassen. "Natürlich nur, wenn Sie zwei Bratwürste oder drei Glühwein oder eine Tüte Kräppelchen bei sich führen." Meinen Einwand, all dies hätte ich bereits im Magen, ließ er gelten, als ich, einen Würgereiz nur halbherzig unterdrückend, an seinem Uniformärmel Halt suchte.

Auf meiner Flucht aus der Stadt kamen mir Menschen mit vollen Einkaufstüten entgegen, die verdächtig leicht an ihren Handgelenken baumelten.


18:53 13.12.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 19

Avatar
meisterfalk | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community