ER - der Schaden ist da, und er ist politisch

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Sie hat schon bezahlt, als die Mittfünfzigerin an der Kasse die Contenance verliert. „Ich habe auch mal eine Doktorarbeit geschrieben. Das kann man schon mal eine Quelle vergessen. Die haben ihn so lange gejagt, bis er nicht mehr konnte.“ Mit dem Wechselgeld bekommt sie den ratlosen Blick der Verkäuferin. Die erkundigt sich kurz darauf kichernd bei der Kollegin, was die Olle da wohl wollte.

Das war am Nachmittag, und ich konnte noch darüber lachen. Inzwischen habe ich die Mär von der „Jagd auf Guttenberg“ zu oft hören müssen, die Lüge von der Schuld der Medien, die Burnout-Floskel von den Grenzen der Kräfte.

Affäre wie Rücktritt werden erstaunlich persönlich genommen. Die Hauptstadtjournalisten fühlten sich düpiert, die Bayreuther Professoren betrogen, die Akademiker der Ehre beraubt. Und ein Teil des Volkes scheint sich führerlos zu fühlen.

Wie jeder Pop-Star hat auch dieser seine Fanclubs. „Für ein schnelles Guttenberg Comeback“ heißt eine Facebook-Seite, eine andere „Karl-Theodor zu Guttenberg soll deutscher Bundeskanzler werden“. Oder „Ein Guttenberg tritt nicht zurück. Er nimmt Anlauf.“ Den Vogel, quasi Bundesadler aber schießt diese ab: „Wir wollen Guttenberg zurück“.

Nun sind Internetforen nicht selten eine Wärmestube für Zu-kurz-Denker und Gegen-den-Verstand-Argumentierer. Was hier abgeht, ist angewandte Demagogie. Das steht: „ich finds scheiße das er zurückgetreten ist, da haben wir endlich mal nen politiker mit hirn und verstand, dann kommen die scheiß medien und vergraulen ihn, damit unser scheiß deutschland scheiße bleibt“.

Ein anderer bekundet „Respekt vor dieser Person. Genau solche braucht das Land, um endlich wieder dahin zukommen, wo wir Deutschen mal waren.“ Der politische Schaden, den Guttenberg mit seinem Rücktritt abwenden wollte, liegt ihm längst zu Füßen.

Hier wird nicht nur einer bewundert, „der auch junge Menschen für Politik begeistern konnte“, der „Einzige der das Flair hat“, hier ist man sich sicher: „Er kommt zurück, und wenn es so endet wie in Ägypten.“ Und damit ist vermutlich nicht der Kater nach dem All-inclusive-Urlaub gemeint.

Mal abgesehen davon, dass weder eine Medien-Kampagne Guttenberg zu Fall gebracht hat noch die Opposition, zeigt sich schon, worauf es bei der nächsten Wahl ankommt: „ER WIRD TROTZDEM DER BUNDESKANZLER UNSERER HERZEN BLEIBEN“

Während dieser Text entsteht, hat die Fanpage zehntausende neue Anhänger versammelt. Man kann die Einträge jetzt nicht mehr sehen, ohne Fan zu sein. Doch so genau will ich es dann auch nicht mehr wissen.

update 23.04 uhr: Die Seite ist wieder einsehbar, aber ich will es trotzdem nicht mehr wissen.

22:32 01.03.2011
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