Frisch aufgebügelt, aber nackt

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Da ist sie also, die froh machende Botschaft: Die DDR-Bürger waren gar nicht so blödbommelig, wie alle glauben. Franz der Müntefering ist auferstanden aus dem Irrglauben und verkündet via BILD am Sonntag, dass Deutschland nicht mehr in bester Verfassung zusammenwächst, mithin eine neue gar keine schlechte Idee sei. Viele Ostdeutsche, erkennt er, fühlten sich unwohl mit dem „übergestülpten“ Grundgesetz. Und weil dieses Unwohlsein sich kurz nach dem Ende des Wahlkampfs zum 20. Mal jähren wird, ist es für Kaiser Franz an der Zeit, die Kleider aufzubügeln, die er gar nicht trägt: den Mantel der Ossiliebe. All die Brüder und Schwestern irgendwo da draußen, die „haben das Gefühl, dass wir sie nicht immer als Gleichwertige behandelt haben wegen des DDR-Systems, für das die allermeisten ja nichts konnten. Sie wollen in ihrer Lebensleistung bestätigt sein. Dass wir sagen: Ja, ihr habt wie wir Kinder groß gezogen, ja, ihr seid nicht weniger tüchtig wie wir.“

Dafür also haben die Westdeutschen 1989 hinter der Gardine gestanden, darauf also haben die Ostdeutschen all die Jahre bei Rotkäppchensekt (halbtrocken) und Bautzner Senf (mittelscharf) gewartet wie dereinst auf den Trabi 601. Fast wären sie in Vergessenheit geraten, die großgezogenen Kinder und die Rede von der Tüchtigkeit unserer Menschen. Beflissen und fleißig, wie die Deutschen nun mal sind, konnte keine Mauer sie davon abhalten, emsig an ihren Tugenden zu feilen: sparsam, sauber und pünktlich zu sein. Drum hatten „die allermeisten Menschen, die in der DDR gelebt haben“, nämlich gar „keinen Dreck am Stecken“, nein, „sie haben versucht, so menschlich zu leben, wie es eben ging“.

Wie viel Solidarzuschlag ist nötig, ein Space Shuttle auszustatten, das Franz und Co. gefahrlos auf den Planeten Ossiland bringt, über 40 Dunkeljahre vom Paradies entfernt, auf dem es womöglich intelligente Lebensformen gibt, die gar ein Recht haben, „stolz zu sein auf das, was sie unter schweren Bedingungen geleistet haben“. Gewonnen hat, wer zuerst verspricht: „Ich bin stolz, einen Ossi zu lieben und zu ehren, rund um die Uhr, bis dass Wehmut uns meidet.“

17:46 13.04.2009
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