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Der Herbst weht die Blätter unters Licht.
So sitzen wir im kalten Schein.

"Vergiss es" ticken die Uhren in New York, Mutzschen, Tokio. Diesmal hat jemand die Sommerzeit nachjustiert - wir trinken in Echtzeit. Drei Bier, drei Mann, paar Worte.
Nebenan laufen die Premieren, Spielzeiteröfffnung: "Die Räuber", "Vatermord". Wir haben keine Karten mehr bekommen. Hier ist es ruhig und familiär.

Draußen jubelt der Herbst die Blätter unter. Uns nicht. Oder?

"Ich hätte gern einen Lebensberater", sagt H.
Ein Hund fängt einen Ball.
"Darf's bei Euch denn noch was sein?"

"In Berlin gibt es jetzt eine Krisen-Pension", sagt G.
Jemand hat die Tür offen gelassen. Blätter im Gang. Wind im Glas.
"Der Herbst", sagt T., "ist der Lehrling des Winters".
Wir lächeln modisch.

"Ich möchte Klarheit", sagt G.
Jemand gähnt.
"Ich will die Entscheidung nicht treffen", sagt G..

"Du musst dich alles zehn Minuten entscheiden", sagt H. "Nehme ich das Bier? Kaufe ich diesen Joghurt? Oder jenen? Gehe ich bei Rot? Liege ich richtig? Antworte ich auf deine Frage? Brauche ich deine Meinung? Was habe ich vergessen? Hör' ich dir zu?"

"Es geht nicht ums Leben, es geht um den Tod", sagt G.
"Kann ich den Stuhl hier haben?"
"Ja klar."

"Mein Freund", sagt G., "ist am Ende. Gewiss depressiv, vielleicht noch mehr. Schreiend ist er durch die Stadt gerannt. Ich trinke mit ihm, bis er ein Taxi ruft. Ich spreche jeden Abend mit ihm, bis er schläft. Er atmet nicht, er kämpft um Luft. Er könne nicht mehr leben, sagt er. Nicht ohne den Glauben daran, dass es aufhört, weh zu tun, nicht ohne die Gewissheit, dass er niemanden mit in den Abgrund reißt."
"Es gibt jetzt sogar Knopf-Phobien", sagt H., "schon bei Kindern".
"Soll ich den Notarzt rufen?", fragt G., "gegen seinen Willen?"

01:28 17.09.2010
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