Ist Böse das neue Gut?

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Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" feiert am Leipziger Centraltheater Premiere. Für Regisseur Sebastian Baumgarten gibt es am Donnerstagabend weder Buh- noch Bravorufe. Das hat gute Gründe. Oder sind es schlechte?

Es könnte doch alles klar sein, das mit dem Guten und dem Schlechten. Gemüse ist gut, Bockwurst schlecht. Sport gut, Alkohol schlecht. Frieden gut, Krieg schlecht. Aber es ist eben auch so: Der Mensch ist gut, und der Mensch ist schlecht. Das kann man sehen. Bei Bertolt Brecht zum Beispiel. Dessen „Der gute Mensch von Sezuan“ hat Sebastian Baumgarten jetzt am Leipziger Centraltheater inszeniert.

Das gute Stück hat zwar seine siebzig Jahre auf dem Buckel, fällt aber, da Brecht das Ur-Problem des Gut-sein-Wollens und dabei Schlecht-sein-Müssens umkreist, nicht aus der Zeit. Die zerstrittenen Paare Markt und Moral, Geld und Liebe, Rechts und Links flittern doch längst und immer beschwingter durch die Welt. Und in China werden ihnen genauso Blumen gestreut wie in Amerika oder Deutschland.

Koalitionen, Allianzen, Bündnisse legitimieren Schuld im Übergangsmantel der Unschuld. Und das wird nicht mal mehr schizophren genannt. Das Böse sei eine Form der Transzendenz, schreibt Terry Eagleton („Das Böse“), wenn auch aus Sicht des Guten eine irregeleitete. „Vielleicht ist das die einzige Form der Transzendenz, die in einer postreligiösen Welt noch bleibt.“ Ist Böse also das neue Gut?

Sebastian Baumgarten, gesuchter Opern-Regisseur, bleibt die Frage schuldig. Dass Schauspiel-Intendant Sebastian Hartmann ihn für diese Inszenierung gefunden hat, ist gut und schlecht zugleich. Zum einen begeistert die visuelle Umsetzung. Und das, wo jeder Verweis auf den Einsatz von Videotechnik eigentlich eher Schlimmstes befürchten lässt: Banalisierung des Dramatischen durch unmittelbare Abbildung des Gemeinten.

Das passiert hier nicht. Vielmehr ist das Bühnenbild – es konzentriert sich auf den Tabakladen von Shen Te – eine originelle Lösung aus Gefängnis, Motivtapete und bewegten Bildern in Comic-Ästhetik. Da macht das animierte Tor beim Auf und Zu Geräusche. Kurz dringt Verkehrslärm in den Saal. Tieffliegende Flugzeuge werfen Requisiten ab,wenn nötig. Es regnet live und blitzt aus Kunst. Die drei den letzten guten Menschen suchenden Götter materialisieren sich aus einem Trick-Strip mit Marx, Mao, Lenin.

Das alles ist ebenso sinnliches Vergnügen wie die Live-Begleitung am Klavier. Doch Text gibt es ja auch noch. Den behält Baumgarten im Wesentlichen bei, wogegen nichts einzuwenden wäre, ließe er ihn nicht gleichzeitig links liegen wie zerlesene Reclam-Ausgabe in den großen Ferien. Das Dialektische scheint ihm plötzlich egal, alles wird gleichviel mal hier, mal dorthin gesprochen respektive gerufen.

Zu einer Abstufungen ausspielenden Sprechkultur finden vor allem Gast Kathrin Angerer in der Doppelrolle Shen Te/ Shui Ta und Guido Lambrecht als Barbier. Auch Birgit Unterweger als Hausbesitzerin. Die anderen haben wohl das Potenzial, müssen aber – mitunter aus Mangel an Gelegenheiten - unentschlossen und dabei eher schrill agieren. Von den Liedern ganz zu schweigen. Und Maximilian Brauers (Wasserverkäufer) körperbetontes Slapstick-Spiel passt hier mal wirklich nicht, auch wenn's grandios ist. Peter René Lüdecke hingegen ist nicht nur kaum zu verstehen, er findet auch nur schwer in eine Rolle (Yang Sun), die er spielen, nicht aber sich einverleiben darf.

Dennoch schaut man allen irgendwie gern zu, bis die Verfremdung zunehmend zur Entfremdung gerät. Schenkt Baumgarten die Ideen anfangs mit vollen Händen, kann er am Ende nur noch geben, was er nicht hat. Das macht es schwer, das Ganze anzunehmen. Und so bleibt leider das Gefühl, mit falschem Glanz abgespeist worden zu sein, mit Witz und Tollerei nämlich, die erst richtig gut gewesen wären, wenn darin auch das Schlechte gefunkelt hätte.

Das enttäuscht vor allem deshalb, weil Baumgartens Annäherung so sympathisch unprätentiös ist, er den Brecht nicht zum Gähnen findet. Er glaubt nicht, dem mit aller Macht seinen tagesaktuellen Weltschmerz überstülpen zu müssen. Nur arbeitet er seine Lust am Erscheinungsbild ab. Wir müssen die Welt aber aushalten. Da wäre es auf-und anregender, sie gezeigt zu bekommen – im Guten wie im Schlechten.

Der gute Mensch von Sezuan

von Bertolt Brecht. Musik von Paul Dessau
Regie: Sebastian Baumgarten
Mit: Kathrin Angerer, Birgit Unterweger, Peter René Lüdecke, Linda Pöppel, Maximilian Brauer, Artemis Chalkidou, Guido Lambrecht, Matthias Hummitzsch, Barbara Trommer, Janine Kreß, Friederike Bernhardt.

www.centraltheater-leipzig.de
Rezension auf Nachtkritik.de

21:08 16.04.2011
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