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Fast hätte die Leipziger Buchmesse wieder einen Rekord zu vermelden gehabt. Es sah ganz danach aus, als zur Halbzeit am Freitag 64 000 Besucher gezählt wurden, 2000 mehr als im Vorjahr. Am Ende blieb es dann doch bei einem Zuwachs von 500, und das ist okay,, denn die Messehallen sind ja nicht größer geworden, die Glas-Röhren nicht breiter, die Menschen nicht dünner.

Überhaupt sind Rekorde das, was eine Buchmesse am wenigsten braucht. Von Ausnahmen wie dem „Schönsten Buch“ mal abgesehen. „Der Insel-Verlag war der schönste Verlag, der je hier weggegangen ist“, hat Uni-Bibliotheks-Chef Ulrich Schneider jetzt gesagt. Es war der Abend, an dem er den schweigsamsten Autor der Messe zu Gast in seinem Lesesaal hatte: Christian Kracht. Als einen Tag später der Insel-Verlag seinen 100. Geburtstag feierte, war Uwe Tellkamps Stegreif-Rede darüber, wie er zum Lesen und Schreiben fand, die mitreißendste des Festivals „Leipzig liest“.

„Autor Kracht schweigt auch in Köln“ kabelte die Deutsche Presse-Agentur gestern von der LitCologne. Das hätte noch gefehlt: In Leipzig den Mund halten und in Köln in Plauderlaune kommen! Der Spiegel, der an allem Schuld ist, bleibt dran, informiert online: „Einer Diskussion über sein vermeintlich rechtes Weltbild stellt sich der Autor weiterhin nicht.“ Und titelt einen Tag später: „Er! Der mit dem Scheitel!“. Das war’s dann im Grunde auch schon mit der Berichterstattung.

Sie fehlen wohl, die echten Skandale. Keine Skandale, keine Rekorde, und sowieso das alles im fernen Osten, wo es nicht mal richtig Internet gibt. „Meine Fresse. Das Netz ist hier lahmer als im hintersten Sibirien“, nölt eine Teilnehmerin des AutorenCamps. Immerhin ist es wärmer als in Nowosibirsk, gibt es sogar den wärmsten Tag des Jahres. Bisher zumindest. Darüber hinaus war es ein Erfolg, dieses BarCamp für Autoren auf der Suche nach Öffentlichkeit.

Die Organisatoren Frank Patzig und Leander Wattig sind zufrieden bis glücklich. Und Blogger Karl Olsberg resümiert, „dass gerade in dieser Umbruchzeit eine stärkere Vernetzung der Autoren untereinander dringend geboten ist, wenn wir die Chancen der Digitalisierung nutzen wollen“. Kein Rekord. Wozu auch. Den gab es ja schon am Freitag, als es die längste Lese-Staffel der Welt ins Guinness-Buch geschafft hat. Marketing-Gag einer neuen Online-Bibliothek.

In Köln dagegen hat der WDR 100 Lieblingsbücher in 24 Stunden lesen lassen, wer wollte, konnte via Live-Stream dabei sein. Public Reading sozusagen. Wenn das alles so schön ist: Wo bleibt er denn, der Literatursender mit Lesestaffeln und Marathon-Lesungen und dem literarischsten Programm der Welt? Mit Rekord-Quoten, versteht sich? Und 5000 Euro gewinnt, wer folgende Frage richtig beantworten kann: Was ist ein Verleger?
A: Vergesslicher Mensch
B: Content-Vermittler ohne W-Lan

Der Gewinner wird nach der Werbung bekanntgegeben.

(zuerst unter www-lvz-online.de)

20:29 18.03.2012
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