(Ohne) Glauben, Liebe, Ziel

Bühne Tschechow geht immer, heißt es. Am Schauspiel Leipzig sogar sehr gut - mit "Ivanov". Am Samstag war die Premiere
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(Ohne) Glauben, Liebe, Ziel
Die geizige Zinaida (Bettina Schmidt) bietet ihren Gästen nur Konfitüre an. Stachelbeere bevorzugt
Foto: Rolf Arnold

Am Ende ist er sogar für den Tod zu müde. Nikolai Alexejewitsch Ivanov erschießt sich nicht. Er sinkt über seinen Papieren zusammen. So hat ihn das Publikum vor reichlich zwei Stunden im Leipziger Schauspielhaus bereits vorgefunden. Allein auf der Bühne. Schlafend. Den Revolver in der erschlafften Hand.

Am Samstag war die Leipziger Erstaufführung dieses frühen Bühnenstück Anton Tschechows. "Ivanov", das er 1889 von der Komödie zur Tragödie korrigiert hat. Doch wäre diese Hochzeit ein weniger tragischer Schluss?

In Michael Talkes Inszenierung verdoppeln die komödiantischen Elemente eine Eskalation, da sie umso mehr Raum greifen, je enger sich die Schlinge zuzieht um Ivanov, der „ohne Glauben, ohne Liebe, ohne Ziel“ ist. Wozu leben, wenn er im Sich-Mühen keinen Sinn erkennen kann?

Er hält sich für einen überflüssigen Menschen. Und ist damit ja durchaus von heute. Er ist der Mann am Tresen oder der im Fitnessstudio. Seine Langeweile ist eine andere als die zwischen den Möbeln der Gegenspieler. Während Ivanovs in Schwermut fällt, seine Schulden bei den Lebedevs nicht begleichen kann, stirbt Frau Anna an Schwindsucht. Und während die Lebedevs zum Lästern, Kartenspielen, Trinken empfangen, verliebt sich Töchterchen Saša in Ivanov. Ein Jahr nach Annas Tod soll Hochzeit sein, ein Fest der Verzweiflung.

Auf der (Dreh-)Bühne trennt ein monströses Vorratsregal voller riesiger Gläser eingekochter Stachelbeeren die zwei Welten, verbunden sind sie über eine lange Tafel, an deren einem Ende Ivanovs Schreibtisch steht, an dem er Papiere bekritzelt, sortiert … Oder seinen Kopf drauf fallen lässt - bedröhnt und belästigt vom Anschwellen der Ansprüche. Bis er alles wegtritt in einer Raserei, die fast zu kraftvoll wirkt für diesen müden Helden. Die Schauspieler finden zu glaubhaften Charakteren, allerdings unterschiedlich stark ge- oder auch überzeichnet, was hier und da zu einer atmosphärischen Schieflage führt.

Jedes Leben erscheint auf eigene Weise zäh, sinnlos, falsch. Ivanovs verarmter Onkel Sabelskij, in ihrer Vielschichtigkeit eine der interessantesten Figuren, hat sich dem Zynismus ergeben. Ihm bliebe nur, seinen Grafentitel in eine Ehe mit der reichen Witwe Babakina einzubringen.

Das hat Borkin bereits arrangiert, der als Ivanovs Verwalter sowieso stets ein krummes Geschäft ausheckt. Neben ihm ist es der Arzt Lwow, der tatsächlich noch irgendetwas will, allerdings kein Geld. Er fordert Satisfaktion von Ivanov, weil der mit seiner fehlenden Liebe Anna in den Tod getrieben habe. Es geht ihm um die Ehre, und er ist so hüftsteif dabei, dass man ihm den Wodka hinstellen will, der natürlich nicht fehlen darf, der hier aber nur den alten Lebedev immer wieder vom Stuhl haut.

Um mehr geht es nicht als um Schuld, Geld, Sinn, um eine „tätige Liebe“, wie Saša es nennt, und um all das in Verhältnissen, die nicht zulassen, was sein soll und verlangen, was nicht geht. Es geht um alles im Grunde. Und dass das an diesem Abend kaum herausgeschrien wird, sondern weggelächelt, weggetrunken, wegintrigiert oder einfach nur vergessen – das ist genauso schwer zu ertragen wie die Langeweile, in der die Leidenschaft gerinnt. Und das ist gut.

„Ivanov“ von Anton Tschechow am Schauspiel Leipzig:
Regie: Michael Talke
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Klaus Bruns
Musik: Tobias Vethake
Dramaturgie: Alexander Elsner
Besetzung: Pina Bergemann, Julia Berke, Jonas Fürstenau, Ellen Hellwig, Andreas Herrmann, Matthias Hummitzsch, Tilo Krügel, Hartmut Neuber, Felix Axel Preißler, Annett Sawallisch, Bettina Schmidt, Dominik Paul Weber, Timo Weisschnur
Spieldauer: 2 Stunden, 10 Minuten (keine Pause)
www.schauspiel-leipzig.de

21:48 24.11.2013
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