Prekäre Dramatisierung

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Sascha Hawemann bringt Clemens Meyers Erzählungsband "Die Nacht, die Lichter" auf die Bühne des Leipziger Centraltheaters. Zur Uraufführung am 25.März jubelt auch der Autor. Wie prekär kann eine Inszenierung der Wirklichkeit sein, ohne den Text zu verraten? Oder das Theater?

Die Leipziger sind stolze Bürger. Und wenn bei ihnen ein Buchpreisträger lebt, dann ist es ziemlich egal, ob er unter Sakko und Hemd Tattoos trägt. Dann ist er ihr Held. Dabei: Dieser Clemens Meyer, Jahrgang 1977, hat es wirklich drauf. Er steht mit seinen Bildern auf dem Arm am Tresen, bis der Wirt aufgibt. Er liest gefühlt 50 Mal auf der Leipziger Buchmesse - und die Menschen hören ihm zu. Lächeln über seine rabiate Art, sich dem Ruhm entziehen zu wollen, mehr noch den Vorurteilen. Auch sein jüngstes Buch, "Gewalten", es könnte sein bisher bestes sein, ist eine Auseinandersetzung mit Lebensumständen, die mal mehr, mal weniger endgültig aus der Bahn werfen. Auseinandersetzungen sind bei Meyer Kampf.

Und so sind seine Stories "Die Nacht, die Lichter" (2008) ein Gefecht mit eben jenen: der Nacht, den Lichtern. Nach Armin Petras' Inszenierung des Romandebüts "Als wir träumten" bringt nun Sascha Hawemann diese preisgekrönten Prosa auf die Bühne. Fünf der sechzehn Geschichten haben Hawemann und Dramaturg Johannes Kirsten ausgewählt. Der so genannte Rand der Gesellschaft bricht ein in die Stadt, deren Ränder die ihrer Narben sind.

Die Bühne erinnert eine Häuserfront, weit hineingeschoben in den Zuschauerraum. Droben eine Leuchtschrift simuliert Welt. Hinter Individualität markierenden Vorhängen verbergen sich drei identische Zimmer, karge Zellen, in einer ein Kühlschrank. Im Raum steht ein Mann, aus seinen Taschen quellen Bierflaschen. Das Arbeitsamt heißt jetzt Jobcenterprüfstelle, jammert er, und wühlt aus seinem Briefkasten Post von Wolfgang, aus Kuba. Ein Licht vielleicht in der Nacht. Dann schreibt er aus Brasilien, zu Geld gekommen sei er. An Erinnerungen aber hängt er. Und so zelebriert jeder auf seine Weise das Warten und träumt von seiner Chance, noch einmal davon zu kommen. Raus aus dem Osten, raus aus der Tristesse, raus aus einem Kreislauf zwischen Hoffen und Aufgeben. Aber niemals raus aus dem Traum.

Das heißt: Bei Meyer träumen sie. Auf der Bühne aber schreien sie ihre Einsamkeit gegen Pressspanplatten, zappeln, zittern, stammeln. Ihre Verzweiflung bleibt körperlich. Was der Autor offen lässt - seine Geschichten schleichen sich mit Andeutungen in den Kopf und verzweigen sich dort in Möglichkeiten -, das deckt die Regie hier zu. Weil die Figuren viel zu besoffen, viel zu überdreht, viel zu einschichtig agieren. Das schleift ihnen die Kanten, die sie bräuchten, um etwas von der Ausweglosigkeit zu zeigen. Fünf Männer und eine Frau teilen sich in die Rollen, in ihrer oft hautfarbenen Wäsche stehen sie nackt und austauschbar. Während Meyers Figuren vor allem Verlorene sind, leuchtet Hawemann einen Käfig voller Verlierer aus.

Vielleicht liegt das Grundproblem im Text. Die fünf Prosastücke bleiben fünf Prosastücke. Manches funktioniert dialogisch, zu viel wird von den Protagonisten erzählt. Da wird beschrieben, was auch zu sehen ist. Oder wird behauptet, was in den Köpfen passiert. Das Unausgesprochene aber darf nicht mitspielen.

Mal ist es der hüftkranke Hund Piet, der (mit)spricht und hechelnd daneben sitzt, wenn Rolf versucht, beim Pferdewetten Geld für die teure Operation zu gewinnen. Albern. Dann teilen sich Mann und Frau, die sich im Restaurant von zwei Seiten – der hoffenden und der wissenden - dem Abschied nähern, eine Abschiedszigarette. Eine sehr schöne, poetische Szene ergibt das, die Sentiment erkauft, indem sie den Text verrät. Darin nämlich gibt der Mann ihr nach kurzem Zögern seine Zigarette nicht, sondern hält ihr die Schachtel hin. So bleibt oft das Gefühl, Meyer habe etwas anderes malen wollen, als hier abfotografiert wird.

Die Zuständlichkeit ist es, die, durch die Inszenierung illustriert, zwischenzeitlich ermüdet. Trotz weiterer sinnlicher Bilder immer dann, wenn Besinnung Raum greift,die Figuren zur Ruhe kommen, um ihre Worte und Gesten aus dem Innersten zu entwickeln. Vor allem Andreas Keller gewinnt an Tiefe, wenn er als Stammgast oder Boxer oder Tunte seinen Figuren jene Tragik auflädt, die sie ja glaubwürdig macht. Auch Anna Blomeier gelingen diese Momente.

Wirklich uneingeschränkt berühren Auftakt und Abgesang. Zunächst: Ein Bär, halb braun, halb weiß, mit einem Gotcha-Treffer-Fleck am Hintern, schaut von ganz vorn an der Rampe lange und stumm ins Publikum. Stark und melancholisch. Sein Blick bereitet vor auf das, was da kommen könnte. Am Ende dann überschneiden sich die Texte, werden so Bezüge hergestellt zwischen den Geschichten, wird deutlich, wie alles zusammenhängt, ohne sich zu berühren. Und wie andererseits Haut an Haut liegen, die sich nicht zu wärmen vermögen. Dann lädt der Bär ohne Fell all die Außenseiter auf Gabelstapler, und sie fahren in die Nacht.

Nach gut zwei Stunden gibt es langen Applaus für die Schauspieler und Jubel des Autors, unter dessen Sitz eine leere Flasche Whisky zurückbleibt. Mit zwei Gläsern. Darin ein Rest Wirklichkeit.

mit Anna Blomeier, Martin Brauer, Edgar Eckert, Manuel Harder, Andreas Keller, Hagen Oechel

Regie: Sascha Hawemann

Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Hildegard Altmeyer
Licht: Carsten Rüger
Dramaturgie: Johannes Kirsten

www.schauspiel-leipzig.de

Clemens Meyer: Die Nacht, die Lichter. Stories. Fischer Verlag, 265 Seiten, 9.95 Euro

21:20 26.03.2010
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