Quoten-Fasten

Fernsehen In der Schweiz werden derzeit keine TV-Quoten publiziert. Eigentlich eine Chance
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Von den Schweizern kann man eine Menge lernen. Umgang mit Geld zum Beispiel. Oder Rezepte für Hustenbonbons. Sowie: Gelassenheit. Die Schweizer haben nämlich ein Problem, dass deutsche Fernseh-Intendanten längst vor das Bundesverwaltungsgericht getrieben hätte: Der Forschungsinstitution Mediapulse gelingt es derzeit nicht, aktuelle TV-Quoten zu publizieren.

Schuld sei der Wechsel zu einem neuen Messverfahren, ist im Medienblog der „Neuen Zürcher Zeitung“ zu lesen. Zuerst soll es technische Probleme gegeben haben, dann meldeten einige Fernsehsender Widerspruch an, weil sie auf Grund der neuen Daten wohl schlechter wegkommen als früher.

Nun herrscht Funkstille bei Mediapulse, und die Gedanken schweifen zu Hans Weingartners Film „Free Rainer – dein Fernseher lügt“ . Dieser Rainer, gespielt von Moritz Bleibtreu, manipuliert das Messsystem – und plötzlich sind die Quoten, wie sie wären, wenn bei Leuten gemessen würde, die gar keinen Fernseher mehr haben, weil sie das nach Quoten hechelnde Programm längst nicht mehr ertragen.

Man fragt sich ja manchmal schon, in welcher Höhle da überhaupt gemessen wird. Die Schweizer Zuschauer jedenfalls wissen nun schon seit fast zwei Monaten nicht mehr, was ankommt und was nicht, sie können nicht mehr mit Minderheiten oder Mehrheiten argumentieren, im Guten nicht und nicht im Schlechten.

Doch das geht noch nicht weit genug. Machen wir es perfekt: Wie wäre es mit einer Selbstverpflichtung zumindest von ARD und ZDF, quasi als Gegenleistung für die GEZ-Haushaltabgabe? Quoten-Fasten! Keine Zahlenhuberei mehr bis Ostern. Ach was, bis Weihnachten! Gesendet wird, was Redakteure, Regisseure, Drehbuchautoren mit Würde und gesundem Menschenverstand für gut und wichtig halten. Einige werden sich gewiss erinnern.

Derart plötzlich vom Quotendruck befreit wird es natürlich einen Moment dauern, wieder zu sich zu finden, zu eigenen Worten und Ideen. Doch was für eine Befreiung wird das sein von Behauptungen wie „Da zappen die Leute weg“ oder „Das verstehen unsere Zuschauer nicht“. Nur so ist zu verhindern, dass eines nahen Abends die Tagesschau mit Schlager unterlegt ist und das ZDF auch die letzten Verben aus knackigen Stakkatosätzen verbannt.

“Man zeigt den Leuten einfach so lange Dreck, bis sie nur noch Dreck sehen wollen”, sagt Rainer. Aber: “Wir, wir drehen den Spieß um.” So kann irgendwann sogar die werberelevante Zielgruppe wieder für zurechnungsfähig erklärt werden, das Glück der Familie liegt nicht länger in geruchsneutralen Vororthöllen, wo vorgebliche Freunde mit Pralinenschachteln vor der Tür stehen … das Paradies scheint nah.

(zuerst hier)

TV, Qualität, GEZ, Quoten, Zielgruppe

21:25 21.02.2013
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