Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Irgendwo im Grundgesetzes versteckt sich der Artikel (08)15. Er regelt das Spaßgewerbe. Der Humor der Deutschen ist unverzichtbar, heißt es da. Und: Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Rücksicht auf Verluste auf die (eigenen) Schenkel zu klopfen. Zudem: Alle Spaßmacher genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet. Das erklärt natürlich eine Menge. Zum Beispiel, warum Amnesty International keine Handhabe hat gegen den Freitagabend bei RTL oder Sat.1. Und auch nicht gegen den MDR-Samstag

Mit Komödien ist es wie mit den Kabaretts ist es wie mit den Theatern ist es wie mit den Verhältnissen: die waren auch mal besser. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Zwei Premieren in Leipzig illustrieren das Dilemma und zeigen: Wo Vertrauen in die Kunst fehlt, wird der vermeintliche Teufel mit dem Beelzebub gejagt, Humor verlacht.

Im Kabarett Academixer ist es der neue künstlerische Leiter Frank Voigtmann, der neue Zuschauer ins bisher durchaus erfolgreiche Haus holen will, ihm allerdings einen Bärendienst erweist, wenn er das Rad zurückdreht. „Staatsratsvorsitzende küsst man nicht“ heißt die Neuinszenierung (Dominik Paetzholdt) eines Programms der Berliner Distel, Textbuch: Martin Maier-Bode.

Die Grundidee ist witzig, aber 20 Jahre zu spät und rasch ausgereizt: Was wäre passiert, wenn 1990 die Bundesrepublik der DDR beigetreten wäre. Dann müssen die drei Gast-Protagonisten ganz lustig FDJ-Hemden tragen und die beiden Musiker Pionierhalstücher. Im Parkett werden Wink-Elemente verteilt und Sprechchöre geübt. Das „Lied von der Arbeitereinheitsfront“ geht auf in „A La La La La Long“.

Ironie muss leider draußen bleiben. Logik auch. Im bunten Durcheinander spielen die Szenen mal im Osten (wie er 1970 war), mal im Westen (von heute). Die Figuren bleiben farblose „Genossen“ und „Jugendfreunde“, was sie zu sagen haben, unterscheidet sich von den Erkenntnissen der 90er Jahre nur durch den Bart, der inzwischen auf den Boden reicht. „Wir surfen nicht im Internet, sondern brettsegeln im Zwischennetz“.

Text wie Regie setzen Figuren der Gegenwart (Gundula Gause) in das Szenario von damals (Aktuelle Kamera). Und behaupten es umgekehrt (Margot Honecker in einer Kochshow). Doch sie entwickeln daraus nichts bis wenig. Einen der Tiefpunkte erreicht das Programm beim La-Ola-Training: „Das ist doch keine Welle, das ist eine Westerwelle.“ Das Kabarett, es muss nicht neu erfunden werden, schon gar nicht in den Grenzen der Comedy: Reiz ist geil.

Dass die Zuschauer darüber lachen wie auch über die Stichwörter „Milchgeldkassierer“, „Aufbauhelfer West“ und „Ich krieg ne Latte (macchiato)“ lässt sich durchaus als Verzweiflung deuten. Zwei Nummern allerdings korrespondieren mit dem Academixer-Niveau, dann überzeugen Stefan Bergel und Thorsten Giese auch spielerisch. Ansonsten aber, die Dritte im Bunde ist Angela Schlabinger, schlägt in zwei Erklär-Kabarett-Stunden Hysterie Historie und das eine oder andere Schlager-Medley jedem Fass den Boden aus („Erich hat euch lieb“).

Natürlich kann nicht jedes Programm ein großer Wurf sein, woran dieses krankt, sind grundsätzliche Missverständnisse: Was in der Berliner Distel vorgekocht wird, müsse auch den Leipzigern schmecken. Ein junger Regisseur mache frische Brett'l-Kunst. Schauspieler könnten automatisch auch Kabarett spielen.

Etwas Ähnliches passiert Schauspiel-Intendant Sebastian Hartmann mit seiner Inszenierung des Schwanks „Pension Schöller“, die am Donnerstag im Centraltheater Premiere feierte: Er misstraut dem Klassiker - so weit, so üblich-, aber er misstraut auch dem Publikum, womöglich sich selbst. Oder was ist der Grund, den Abend zu teilen in eine originalkostümierte Haudrauf-Klamotte (Subtext: Schaut mal, wie albern und überholt) und Lamento (Die Welt ist aus den Fugen und ihr wollt hier nur Spaß). Statt die im Stück thematisierte Ambivalenz des Irrsinns dort auszuloten, wo sie alles überleben wird: unter uns.

Wer ein Lustspiel inszeniert, muss zum Lachen nicht in den Fundus gehen. Doch bedarf er souveränen Humors, eines Gefühls für Timing und Situationskomik. All das haben die Schauspieler, Holger Stockhaus darf es sogar richtig ausspielen in der Rolle des Möchtegern-Schauspielers Eugen Rümpel, der kein L sprechen kann. Er bricht in einem famosen Monolog durch die vierte Wand und zieht in den Klassenkampf, geißelt die „Kunturponitik“ der Stadt, um sich selbst zur „Wahn“ stellen. Stockhaus ist ein grandioser Komödiant, dem Text überlegen, den er zu sprechen hat.

Anders als seine neue Kollegin Linda Pöppel, die eine wütende Rede über global vergiftete Zustände von der Rampe brüllen muss und von den Zuschauern mundtot geklatscht wird, bis jemand aus den hinteren Reihen ruft „Wir haben es geschafft!“. Da ist die Tortenschlacht schon geschlagen, das Ensemble sitzt am Bühnenrand, denn fort kommt auf dem glitschigen Boden keiner mehr. Die illustre Gesellschaft hat sich selbst lahmgelegt, des Spielraums beraubt.

Die Kritik feiert „das Problematisieren des Theaterraumes“, „Abgründigkeiten, Mut zum Kontext, Gegenwartsbezüge“ sowie „feinen Hintersinn“. Hartmann erfüllt die Erwartung, dem Original aus dem Jahr 1890 eine Nase zu drehen. Er nutzt die Mittel der Komödie (Drehtür, Sprachfehler, Verwechslung) zur Demontage des Genres, um etwas Neues zu schaffen, für das er sich genau der gleichen Mittel bedient. Das Rad muss nicht neu erfunden werden, sondern den Wagen ziehen.

www.academixer.de
www.centraltheater-leipzig.de

00:08 13.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 23

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community