Widerstände und Tauchtiefen

Literatur Anfang August ist Juli Zehs neuer Roman "Nullzeit" erschienen. Das Spiel um Wahrheit und Lügen führt auf den Grund zeitgenössischer Beziehungen - in Finsternis und Kälte

Juli Zeh macht alles richtig. Sie schreibt Bücher, die zum Erscheinungstermin rezensiert werden. Das schaffen nicht viele deutsche Autorinnen ihres Jahrgangs. Zeh ist 1974 in Bonn geboren. Sie schreibt Bücher, durch die der Zeitgeist streift. Und man kann nicht sagen, dass sie sich nicht entwickeln würde.  

„Nullzeit“ heißt ihr neuer Roman. Das ist Fach-Sprache und beschreibt die Zeitspanne, „die ein Mensch in einer bestimmten Tiefe tauchen konnte, ohne sich bei der sofortigen Rückkehr an die Oberfläche einem Gesundheitsrisiko auszusetzen“.  Also ohne beim Auftauchen in unterschiedlichen Tiefen Dekompressionsstopps einlegen zu müssen.

Natürlich kann „Nullzeit“ auch als Metapher gelesen werden. Je tiefer man (ein)taucht, umso länger dauert es, wieder rauf oder raus zu kommen. Wer sich an die Regeln nicht hält, spielt mit seinem Leben.

Was im Unklaren bleibt -  im Vagen bleiben muss? - sind Emotionen, Motive, Beweggründe der Protagonisten. Es sind vier: Sven und Antje haben vor 14 Jahren Deutschland verlassen. Sven, weil ihm beim Jura-Staatsexamen plötzlich klar wurde, was er alles nicht will. Zum Beispiel im „Kriegsgebiet“ Deutschland zu leben und andere zu beurteilen. Antje kam mit, weil sie Svens Jugendfreundin ist. Nun schmeißt sie ihm Buchhaltung und Haushalt und eine Tauchschule auf Lanzarote mit Ferienwohnung und – wenn gewünscht – Rundumbetreuung.

Die 14 Jahre, in denen lange nichts passiert und dann alles, werden gespiegelt in den 14 Tagen Urlaub, die Jola und Theo bei Sven und Antje verbringen. Jola Pahlen, eigentlich Jolante von der Pahlen, ist Jahrgang 1981, eine Tochter aus kaltem Hause. Ihr Vater, TV-Produzent, könnte ihr jede Hauptrolle kaufen. Sie aber hat einen gewissen Ehrgeiz, es aus eigener Kraft zu schaffen. Nach einigen Jahren Soap-Erfahrung will sie das Unterwassermodell Lotte Hass spielen, das Casting steht kurz bevor. Darum der Tauch-Urlaub. Dass es um so etwas wie Erholung geht könnte, glaubt man dem Paar sowieso in keinem Moment.

Dem Schriftsteller Theo Hast, Anfang 40, steht die große Karriere noch bevor. Jola bezeichnet ihn konsequent als „den alten Mann“. Sie hat 384 000 Google-Treffer, er 12 400. Dafür trinkt er mehr. Verbunden sind sie einander in einer Art Hassliebe, es könnte Abhängigkeit sein. Möglich, dass er sie schlägt, möglich auch, dass er sie vergewaltigt.

Sicher ist, dass sie einander beleidigen, dass er sie einmal aus Spaß fast von der Klippe stürzt und ein anderes Mal sie ihm beim Tauchen die Luft abdreht. „Eine Frau wie Jola weiß nicht, was es heißt, für etwas zu arbeiten. Sie erwartet, dass man ihr gibt, was sie will. Das Einzige, was sie niemals bekommen hat, ist Anerkennung. Und genau das macht sie gefährlich.“ Sagt Theo.

Sven spürt, dass dieses Paar den Regeln eines Spiels folgt, dass er nicht versteht. „Seltsam, dass mir auch im Rückblick keine Erklärung gelingt. Man sollte doch meinen, Erklärungen seien unser wohlverdienter Lohn dafür, dass wir das Vergehen der Zeit ertragen.“ Er wird bald 40 und will sich an seinem Geburtstag einen Traum erfüllen: nach einem bislang vermissten Wrack tauchen.

Berichte des Ich-Erzählers Sven wechseln mit Jolas Tagebuch-Notizen - zwei Sichtweisen, die zunehmend gegensätzliche Realität beschreiben. Es scheinen weniger Facetten der Wahrnehmung zu sein als Varianten psychischer Auffälligkeiten. So soll es zumindest wirken. Sie reden, sie tauchen, sie streiten. Sie küssen sich. Sven erlag ihren Reizen - würde das an Cornwalls Küste heißen.
Auf dieser kargen Insel ist es komplizierter.

Jola ist ein Abgrund. hat eine Essstörung und Allüren wie die Großen. Sie ist schön, ihr Körper - perfekt gestaltet - beherbergt die Seele eines gedemütigten Kindes. Bei anders prekärer Herkunft wäre sie Dauergast in Scripted-reality-Formaten. Mitzumischen in einem imaginären großen Zusammenhang gelingt ihr nur durch Manipulation.

In Sven trifft sie auf einen Aussteiger, der sich raushalten will. Den die Weltpolitik anödet genauso wie die Zwänge, denen sein Heimatland ihn unterworfen hat. Doch die Verletzungen, vor denen er floh, fügt er sich selber zu – durch Unterlassung. Bald wird deutlich, dass das nicht gut gehen kann. Schnell ist klar, dass am Ende einer zahlt. Ist es Jola, die die Strippen zieht? Oder Sven, der an den Schnüren zappelt? „Erst im Rückblick zeigen sich Muster, wenn auch keine Erklärungen“, sagt er. „So können wir sicher sein, mit unseren Versuchen, alles richtig zu machen, notorisch zu spät zu kommen.“

Die politische Welt wird nur am Anfang zitiert, um sich dann für 250 Seiten von ihr abzuwenden. Juli Zeh, die in öffentlichen Einmischungen eloquent argumentiert und Essays pointiert formuliert, vertraut auch hier auf klare Sprache, entschlackte Sätze. Das wirkt souveräner etwa als im zweiten Roman „Spieltrieb“ (2004), in dem bereits Mensch und Meer Verbindung aufnehmen, als Lehrer Smutek über Schülerin Ada sinniert, ob „ihr abwesender Ausdruck vielleicht wie Sand sei, den ein Raubfisch sich zur Tarnung über den Kopf schaufelt.“

Kernige Merksätze, gewitzte Dialoge oder die Karikatur der sogenannten besseren Gesellschaft, die an Deck einer Segelyacht „Auf Kunst und Kultur!“ anstößt stecken wie Pflöcke in einem Roman, der sie mit ein Reflexionen auf System und Psyche umspielt, dessen Figuren jedoch nicht zu jeder Zeit glaubwürdig sind in einem zu sauber konstruierten Plot, der im Klappentext als Psychothriller angekündigt wird.

Das ist er eigentlich nicht. Das muss er auch gar nicht sein. Genau genommen reißt der sich ewig ankündigende Showdown ein, was sich zunächst an Spannung aufgebaut hat. Es geht ja nicht um mehr und vor allem nicht um weniger als Lebensentwürfe und deren Scheitern, um das Weitergeben von Kränkungen mit anderen Mitteln. Um Kontrolle vs. Vertrauen. Um das Spielerische im Machtkampf und den Aspekt, das zu genießen.

Ob 14 Jahre oder 14 Tage – Juli Zeh zeigt, wie das Wesentliche nicht von der Zeit abhängt, sondern von der Tiefe.
 

Das Buch: Juli Zeh: Nullzeit. Roman. Schöffling & Co.;  256 Seiten, 19,95 Euro

Die Autorin: Juli Zeh wurde in Bonn geboren und studierte Jura in Passau und Leipzig. Hier hat sie auch von 1996 bis 2000 am Deutschen Literaturinstitut (DLL) studiert.  Ihr erster Roman "Adler und Engel" erschien 2001. Dafür gab es den Deutschen Bücherpreis in der Kategorie erfolgreiches Debüt. Ihr Roman "Spieltrieb" wurde 2006 am Hamburger Schauspielhaus für die Bühne dramatisiert. Essays zu Gesellschaft, Politik, Recht und Literatur sind in großen deutschen Zeitungen und Magazinen erschienen und in "Alles auf dem Rasen" (2006) versammelt. 2007 erschien ihr Roman "Schilf".  "Corpus Delicti" (2009) basiert auf einem ursprünglich für die Ruhrtriennale geschriebenen Theaterstück.  (Quelle: Verlag Schöffling & Co., Wikipedia)

09:00 08.08.2012
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