BILD VERPASST SCHLAGZEILE!

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Da ist BILD was entgangen:

Tagesschau.de berichtet, Rechtsextremisten hätten die Identität des mutmasslichen Mörders der 11-jährigen Lena aus Emden herausbekommen und veröffentlicht – derartig investigative Recherche kennt man bisher nur von der Bildzeitung.

>> Als der Polizeiwagen mit Müller gegen Mitternacht vor der Einrichtung »An der Emmer« in Bad Pyrmont eintrifft, kampieren vor dem Eingang bereits Reporter der Bild- Zeitung. Am nächsten Morgen sieht Müller, wie Teams von RTL und Sat.1 ihre Kameras auf sein Fenster richten.<< berichtet die ZEIT in einem Dossier über, nach einem Urteil des EuGH zur Sicherheitsverwahrung, aus der Haft entlassene Sexualstraftäter, und beleuchtet dabei auch die Rolle der Bildzeitung – ich führe das hier an, da mir bewusst ist, dass nach der Wulff-Affäre auch hier beim Freitag viele davon überzeugt sind, inzwischen handle es sich bei diesem Drecksblatt um ein seriöses Medium. Die ZEIT weiter:

>>Die Bild- Zeitung warnt unter der Überschrift Deutschlands gefährlichster Sex-Verbrecher: ‚Der Tod ist jetzt auf freiem Fuß – nach 30 Jahren Knast’<<

Und:

>>Müller hatte sich in der Wohnung verschanzt, doch als er in den Innenhof trat, um zu rauchen, verschaffte sich ein Fotograf der Bild- Zeitung Zugang und überrumpelte ihn. Müller schlug nach der Kamera, bis er von seinen Polizisten zurück in die Wohnung gedrängt wurde.

Am nächsten Tag druckt die Bild- Zeitung Müllers Foto samt Lage der Wohnung. Ihre Reporter interviewen Nachbarn, die sie zuvor fotografiert haben: Sie halten Pappschilder vor sich, auf denen ‚Kinderficker!’ steht oder ‚Vergewaltiger sollen keine Menschenrechte haben!’.<<

In Emden geht es, wie seinerzeit in Hamburg – „‚Todesstrafe!’, rufen die Leute, ‚Aufhängen!’ prangt an der Tür“ (die ZEIT) - vermutlich darum, einen Lynchmob zu organisieren, und seinerzeit war es BILD, die sich an die Spitze dieser ‚Bewegung’ gesetzt hatte.

„Internet-Hetze - das Ende der Unschuldsvermutung“ titelt tagesschau dein Zusammenhang mit den Mordaufrufen gegen den zunächst inhaftierten 17-jährigen, dessen Unschuld sich kurze Zeit später erwies:

Es sind Rechtsgrundsätze wie dieser, die eine zivilisierte Gesellschaft davor bewahren, in die Barbarei abzugleiten, ich habe darauf im Zusammenhang mit der Wulff-Affäre ausgiebig hingewiesen.

Wenn W. Clement Arbeitslose unter Generalverdacht stellt und sie als Parasiten beschimpft, Sarrazin gegen Muslime hetzt und sie für geistig minderbemittelt erklärt (und zwar sei dies genetisch bedingt), kleine Mädchen (Kopftuch) zu einer Art Munition in einem angeblichen Versuch, Deutschland zu erobern, erklärt, der ehemalige Kanzler Schröder im Zusammenhang mit Sexualstraftätern von ‚Wegsperren, und zwar für immer’ spricht, wird klar, dass braunes Gedankengut längst schon auch in der SPD angekommen ist.

Und wenn Oppermann davon faselt, Steuerfahndern, die hätten wissen müssen, dass sie in der Schweiz gegen Landesrecht verstossen, wenn sie Angestellte dortiger Unternehmen dazu bewegen, Firmeninterna preiszugeben, gebühre das Bundesverdienstkreuz, Hannelore Kraft es im gegenwärtigen Wahlkampf als ‘ungeheuerlichen Vorgang’ bezeichnet, wenn Schweizer Behörden sich an dortiges Recht halten und Haftbefehle ausstellen, knüpfen sie nahtlos an die Kriegsrhetorik eines Steinbrück – über die ‚Kavallerie’: „‚Die kann man ausreiten lassen. Aber die muss man nicht unbedingt ausreiten lassen. Die Indianer müssen nur wissen, dass es sie gibt’, sagte Steinbrück, wie das Schweizer Fernsehen am Montagabend dokumentierte.“ („die Indianer“ steht dabei für die Schweiz) (Quelle SZ) – oder Müntefering (auch dort) an:

„Als ‚nicht minder skandalös’, so die Neue Zürcher Zeitung, empfinden die Schweizer auch eine Äußerung von SPD-Chef Franz Müntefering. Dieser habe mit Blick auf die Steueroasen in aller Welt gesagt, "früher hätte man dort Soldaten hingeschickt. Aber das geht heute nicht mehr." Außenministerin Calmy-Rey sagte dazu nur, die Äußerung spreche für sich selbst.“

Das ist, wie angeblich auch die Bildzeitung, ‚Mitte der Gesellschaft’, und es wäre viel erreicht, wenn diese Passgeber auf ihre Steilvorlagen für Rechtsextremisten verzichten würden.

Ist es von ‚der Mitte’ wirklich zuviel verlangt, auf Gewaltphantasien zu verzichten und den Grundsatz, schuldig sei jemand erst – und habe auch erst dann Konsequenzen zu tragen -, wenn ihm diese zweifelsfrei, d.h. in der Regel vor einem Gericht – nachgewiesen wurde? Gesetztes Recht nicht zur Disposition zu stellen, um gefühlte Empörung an seine Stelle zu setzen?

Oder wollen wir wirklich, dass ein zukünftiger Kanzler eine der nächsten Wahlen mit ‚Aufhängen, und zwar sofort!’ gewinnt?

17:18 03.04.2012
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Geschrieben von

keiner

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