Ist Wulff erle(di)gt oder: was ist dran an den Vorwürfen?

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Stehengeblieben war ich letztes Mal bei dem Bobby Car, das meines Wissens letzte Beweisstück gegen den Bundespräsidenten, das die Presse ausgegraben hat.

Und ich finde, allmählich ist es an der Zeit, die Beschuldigungen gegen Wulff einer erneuten Betrachtung zu unterziehen. Selbst Staatsanwälte müssen gegen und für Verdächtige ermitteln - die Medien nicht?

Vorneweg: ich bin, mangels Fähigkeit, weder investigativ noch Journalist. Alles, was ich anbieten kann, ist eine andere Lesart, deren Plausibilität jeder selbst beurteilen kann.

Zunächst steht im Raum, Wulff habe vor dem Landtag gelogen, als er die Frage, ob er in Geschäftsbeziehungen zu Egon Geerkens stünde, mit nein beantwortet hat. Er hätte von sich aus hinzufügen müssen, dass er Kreditnehmer - 500000 € - von dessen Ehefrau Edith sei.

Knapp daneben ist auch vorbei, automatisch davon auszugehen, dass die Ehefrau Geerkens eine Art Strohmann war und keine eigene Verfügungsgewalt über ihr Geld hatte, erinnert doch sehr an wöchentlich vorzulegende Haushaltsbücher, eheliche Pflichten und dergleichen, ein völlig antiquiertes Frauenbild.

Die Frage zielte darauf ab, Transparenz darüber zu schaffen, ob Wulff als Ministerpräsident für Gegenleistungen möglicherweise Privatpersonen unter Missbrauch seines Amts Vergünstigungen verschafft hat. Klar ausgedrückt: Sind er oder seine Entscheidungen käuflich gewesen?

Dazu gibt es keine Erkenntnisse. Seine Antwort mag spitzfindig gewesen sein, juristisch gesehen stimmte sie, und im Rechtsstaat zählt das und nichts anderes.

Aber moralisch gesehen: warum hat er sich dann solche - verdächtige - Mühe gegeben, den Namen der Kreditgeberin zu verschleiern, der Bundesbankscheck?

Es ist vielleicht schwer, das in Zeiten von Big Brother - heisst jetzt wohl Online-Überwachung und Dschungelcamp -, in denen zudem ein Marc Zuckerberg Privatheit zu einem obsoleten Prinzip erklärt hat, begreiflich zu machen: Privatheit und das Recht des Einzelnen darauf ist das Schlüsselwort.

Wir wissen, dass Wulff und Geerkens seit Jahrzehnten miteinander befreundet sind und ausserdem, dass sich Egon Geerkens seit etwa einem Jahr wegen einer schweren Krebserkrankung aus dem aktiven Geschäftsleben zurückgezogen hatte.

Folgendes Szenario halte ich für plausibel: Dieser womöglich todkranke Mann hat in Zeiten der Finanzkrise und Kapitalmärkten, die verrückt spielen, eine Möglichkeit für seine Frau gesehen, einen Teil des Vermögens sicher - bei Wulff nämlich - und zu verhältnismässig hohen Zinsen anzulegen. Aussen vor sind Banken, die sehen bei dieser Vereinbarung in die Röhre.

Sie und ich könnten das auch. Sie können mir Geld leihen, so viel Sie wollen, den Zins können wir - bis auf Wucherzinsen - frei vereinbaren. Allerdings müssten Sie mir vertrauen, dann könnten wir auch darauf verzichten, einen Gegenwert zu hinterlegen. Sehen Sie, und da kommt Freundschaft ins Spiel.

Nehmen Sie aber mal an, Sie hätten Freunde, einen alten Freund, der schwer erkrankt ist: Würden Sie denen die Bildzeitung - zu der das Landgericht Berlin in einem Urteil anmerkte “In der Bild-Zeitung werden - wie der Kammer aus ihrer täglichen (!) Arbeit bekannt ist - häufig persönlichkeitsrechtsverletzende Beiträge veröffentlicht.”- ins Haus holen? Denen Diekmann auf den Hals hetzen, dem das Landgericht Berlin bescheinigt hat, dass er “bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer sucht[...]”?

Nie im Leben, oder?

Und vielleicht sollte man hier auch mal etwas zu dieser angeblich so grossartig investigativen Rechercheleistung der Bildzeitung anmerken: Nachdem sie im Grundbuch von Grossdingsda nichts gefunden haben, hat ihnen der Bundespräsident Einblick in den Kreditvertrag gewährt - was er nicht gemusst hätte. Seinen Angaben zufolge wurde dazu die Vereinbarung getroffen, dass nichts daraus veröffentlicht werde, solange es sich bei dem Kreditgeber nicht um Maschmeyer oder einen sonstigen Grossunternehmer aus Niedersachsen handle - wieder geht es, und das sieht Wulff an diesem Punkt sehr richtig, um die Relevanz der Erkenntnisse.

Bild bestreitet diese Absprache zum Schutz der Privatsphäre von Frau Geerkens. Weder seriös, noch investigativ.

Friedrich Küppersbusch: “Diekmann hat hier sein Wort gebrochen, er hat den Quellenschutz nicht beachtet. Die "Bild"-Zeitung gehört ja durchaus zu denen, die immer mal sagen: Woher wir das wissen, wissen wir nicht. Und ich bin, und alle Journalistinnen und Journalisten sind sehr für Quellenschutz. Nur die Quelle Wulff, die hier offenbar schlecht beraten und in Furor auf die Mailbox gemetert hat, ist hier nicht geschützt worden, denn irgendjemand muss ja Herrn Diekmann seine Mailbox jetzt ans Ohr gehalten haben, dass alle daraus zitieren, zumal unvollständig zitiert wird.”

‘Warten Sie, bis ich zurück bin, dann können wir darüber sprechen und entscheiden, wie wir den Krieg führen’, so oder so ähnlich soll sich Wulff ausgedrückt haben. Und das soll ein Angriff auf die Pressefreiheit sein? Böller aus Schloss Bellevue? Die Ankündigung, wegen der gebrochenen Zusage vor Gericht zu ziehen, eine Drohung?

Journalisten wie Robert Leicht, Fritz Pleitgen oder Hans Werner Kilz bezeichnen es aufgrund ihrer Erfahrung als völlig üblich, dass Politiker bei Journalisten anrufen.

Und Diekmann? Wie immer kommt es wohl darauf an, ob er sich selbst zum Opfer stilisieren will oder selbst etwas unter der Decke halten will.

Was war da noch? Den Euriborkredit hatte ich schon letztes Mal erwähnt. Bleiben die Upgrades, die Besuche und Übernachtungen bei reichen Freunden und angeblich ungewöhnlich niedrige Leasingraten für ein richtiges Auto - so kann den Bundespräsidenten (und andere Politiker) wirklich jeder drankriegen: Einen günstigen Preis machen, und hinterher kommt Bild und deckt auf.

Und Maschmeyer? Ja, Wulff kennt den, wie vermutlich jeder niedersächsiche Ministerpräsident. Schröder hatte eine Million von dem für noch zu erbringende Leistungen erhalten- eine Autobiographie, nicht dass hier die Spekulationen ins Kraut schiessen -, und Maschmeyer hat seinerzeit einen Teil der Wahlplakate in der auch die Kanzlerkandidatur der SPD entscheidenden Landtagswahl finanziert.

Und Werbung für Wulffs Buch finanziert. Ich würde zwar sagen, dass sich das ausgleicht, wenn es aber einen Korruptionsverdacht erhärten soll, muss zuallererst bewiesen sein, dass Wulff davon überhaupt wusste. Ein Schriftwechsel. Oder ein Verleger, der bezeugt, ihn davon in Kenntnis gesetzt zu haben. Oder so.

Seine Glaubwürdigkeit habe Wulff verloren, er sei als Vorbild nicht mehr tauglich.

Das ist doch Quatsch. Bild und andere haben eine Kampagne gegen den Bundespräsidenten gestartet und ein paar Fakten so unglaublich verdreht, dass Masstab für Anstand nicht mehr ist, ob man sein Wort hält - ob als Journalist oder gegenüber Freunden -, sondern ob man bereit ist, der Bildzeitung jederzeit jede geforderte Information zu liefern, sich sozusagen nackt zu machen. Das heisst dann Transparenz.

Es wird sich schwer herausbringen lassen, was der Grund für diese Kampagne ist - zumal auch die seriösen Medien offenbar Blut geleckt haben und laut kläffend in der Meute mitlaufen.

Es gibt aber einen länger schwelenden Konflikt zwischen Wulff und der rechtskonservativen Presse, den ich nächstes Mal nachzuzeichnen versuchen werde. Vielleicht erhellt das die Umstände wenigstens etwas.

(hier fortgesetzt)

P.s. Für eine Merkwürdigkeit halte ich auch, dass Wulff alle Anfragen und Antworten in dieser Sache zusammentragen und veröffentlichen - bisher hielt ich dies für eine originäre Aufgabe von Medien -, also sozusagen sein eigenes Wiki anlegen soll.

Da ich es nicht selbst kann: Könnte die Redaktion des Freitag vielleicht anfragen, was Wulff, der die Anwälte aus seiner eigenen Tasche bezahlt, diese Inanspruchnahme bisher gekostet hat und voraussichtlich noch kosten wird?

(Hintergrund: Diekmann hatte seinerzeit die Taz auf 30000 Euro Schadenerstz verklagt, eine Summe, die diese ständig klamme Genossenschaft in ernste finanzielle Schwierigkeiten hätte bringen können...)

13:51 19.01.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

keiner

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