Wulff oder: die FAZ als Robin Hood

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Vergangenen Samstag schlug sich die FAZ auf die Seite einer jungen Witwe, die nach dem Krebstod ihres Manns einen Immobilienkredit bei der BW-Bank vor Ablauf der vereinbarten Frist ablösen wollte. Sie stiess auf Indolenz und beinharte Finanzinteressen des Instituts, eine Geschäftspraxis, die sich wirklich beklagenswerterweise nicht im Geringsten mit der Werbung der BW vereinbaren lässt - "Bei unserer Beratung stehen Sie als Kunde immer im Mittelpunkt" und "Gemeinsam entwickeln wir ein ganz auf Ihre persönlichen Wünsche und Ziele abgestimmtes Lösungskonzept." zitiert die FAZ.

Um dann fortzufahren: “Das mag für Bundespräsidenten gelten, für einfache Verkäuferinnen wie Jutta gilt das wohl eher nicht.”

Ich hatte mir auch, ehrlich gesagt, schon die Augen ob des so unverhofft zu Tage getretenen sozialen Bewusstseins dieser doch eher für ihren unternehmerfreundlichen Wirtschaftsteil bekannten Tageszeitung gerieben.

In Wirklichkeit ist das natürlich ein Artikel gegen Wulff, die einzige Person des Artikels, deren Foto gezeigt wird. Unterschrift: “Wegen der Kreditvergabe an Christian Wulff gehen immer mehr Anzeigen bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft ein”

“Der Durst [nach Geld] einer Bank hängt für gewöhnlich vom Kapitalmarkt ab, von den gebotenen Sicherheiten und, wie man jetzt weiß, auch davon, ob man gerade Bundespräsident ist oder nicht. Im Fall von Jutta dauerte es jedenfalls bis zum Abschluss des Geldgeschäfts deutlich länger. Im Januar 2009 unterzeichneten sie und ihr Mann ihren neuen Vertrag über ein Darlehen, dessen Zinsen bei einer Laufzeit bis 2018 auf 4,88 Prozent festgeschrieben wurden und sich damit in ganz anderen Kategorien bewegten als die Wulffschen Zinskonditionen von 0,9 bis 2,1 Prozent.”

Das ist interessant. Hinter der FAZ stecken, glaubt man ihrer Werbung, Heerscharen von klugen Köpfen, nicht zuletzt eine Wirtschaftsredaktion. Und die sind nicht in der Lage, ein Kapitalmarktdarlehen auf Euribor Basis, bei einer Laufzeit von Wochen oder Monaten und einem immer wieder neu zu bestimmenden Zinssatz von einem Hypothekenkredit mit einem auf 9 Jahre festgeschriebenen Zinssatz zu unterscheiden? Und können nicht recherchieren, ob solche Euribordarlehen auch an auch an Privatleute vergeben werden? Natürlich könnten sie das , und natürlich sind das ‘ganz andere Kategorien’, und jeder Journalist könnte das wissen.

Darum geht es aber nicht. ‘Wulff bestiehlt Witwe’ würden noch seriösere und investigativere Journalisten als Michael Ohnewald - der nicht zur Wirtschaftredaktion der FAZ gehört - vermutlich titeln. So oder so, es wird geglaubt.

Die Staatsanwaltschaft - ob noch viele Leser dem Aufruf der FAZ gefolgt sind und Anzeige erstattet haben? - hat die diesbezüglichen Ermittlungen eingestellt.

Die Presse ist also inzwischen bei einem Bobby Car angekommen, das irgendwo in der Spielecke für Besucherkinder im Schloss Bellevue rumfliegen dürfte - eins der vielen Beweisstücke für die Verfehlungen des Bundespräsidenten, die akribisch zusammengetragen werden.

(hier fortgesetzt)

(link 'kluge Köpfe' am 22.2. geändert)

22:40 18.01.2012
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Geschrieben von

keiner

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