Zum Mord an Marwa el Sherbini

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Während die ZEIT-Autoren Christian Denso, Martin Spiewak, Michael Thumann und Bernd Ulrich kurz nach dem Mord in Dreden noch konstatierten, es müsse ‘absurd erscheinen’, ‘der offiziellen Politik [...] Islamfeindlichkeit vorzuwerfen’, fordert Andrea Dernbach nun, zum Prozessauftakt dieses Falls, eine Debatte über die Parallelen zwischen den Äusserungen des Täters und dem , ‘was der gutbürgerliche Diskurs über den Islam zu wissen und meinen zu dürfen glaubt’

www.zeit.de/2009/30/Islamophobie
www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2009-10/muslime-marwa-prozess

‘Islamistin’ und ‘Terroristin’ - so hatte ihr späterer Mörder die junge Frau auf einem Spielplatz beschimpft, Zuweisungen, die vor dem Hintergrund der Anschläge vom 11.9.01 und den seitdem immer wiederkehrenden Berichten über die erfolgreiche Liquidierung islamistischer Terroristen im Rahmen des Kampfs gegen den Terror, hierzulande als Verteidigung der Sicherheit Deutschlands am Hindukush offizielle Politik, sehr ernst zu nehmen sind.
Seine scheinbaren Erkenntnisse leitete der Russlanddeutsche offenbar daraus ab, dass Frau Sherbini ein traditionelles muslimisches Kopftuch trug.

Wahn eines Einzelnen oder allgemeines Vorurteil, womöglich politisch gewollt, mit tödlichen Folgen? Um diese Frage zu klären, kommt man nicht umhin, auf die hierzulande als ‘Kopftuchstreit’ geführten Diskussionen einzugehen:

Noch Ende 2003 hatte Johannes Rau, in seiner Eigenschaft als Bundespräsident, in Hinblick auf das muslimische Kopftuch eine Gleichbehandlung religiöser Symbole angemahnt: bei einem Verbot gehörten auch Mönchskutte oder Kruzifix verboten. Aber schon im Februar des folgenden Jahres offenbarte eine Befragung des Instituts für Demoskopie in Allensbach das populistische Potential dieses Themas: Nur 28 % der Bevölkerung stimmten Rau in dieser Frage zu, 53 % bezeichneten das Kopftuch als „mit unserer Kultur unvereinbar“.

www.ifd-allensbach.de/pdf/prd_0402.pdf

Folgerichtig brachte die CDU/CSU Bundestagsfraktion Ende 2004 unter dem Titel „Politischen Islamismus bekämpfen – Verfassungstreue Muslime unterstützen“ einen achtseitigen Antrag ein, in dem der schon genannte Begriff ‘politischer Islamismus’, näher erläutert wird: „Er wird dadurch definiert, dass seine Anhänger sich zwar verbal von der Gewalt distanzieren, tatsächlich aber konsequent ihr Ziel, die weltweite Herrschaft eines Islam nach ihrem Verständnis, anstreben.“ Und weiter heisst es dort: „Dieser immer stärker zu Tage tretende Zusammenhang zwischen terroristischen Anschlägen und politischem Islamismus ist alarmierend. “

dip21.bundestag.de/dip21/btd/15/042/1504260.pdf

Der ‘Zusammenhang zwischen terroristischen Anschlägen und politischem Islamismus’ - Annette Schavan blieb es vorbehalten, das muslimische Kopftuch als Erkennungsmerkmal hierfür zu definieren, um so die im Antrag der Union beschriebene angebliche Heuchelei - ‘dass seine Anhänger sich zwar verbal von der Gewalt distanzieren, tatsächlich aber konsequent ihr Ziel, die weltweite Herrschaft eines Islam nach ihrem Verständnis, anstreben’ - entlarven zu können, noch heute liest man auf ihrer Webseite:

‘In Deutschland wie international wird das Kopftuch auch als Zeichen für eine kulturelle Abgrenzung und politischen Islamismus gesehen.’

www.annette-schavan.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/2006/Juli8.pdf

Frau Schavan muss es besser wissen: Aus einer Untersuchung ausgerechnet der Konrad-Adenauer-Stiftung geht klar hervor, wie haltlos mindestens der letze Teil ihres Vorwurfs ist, auch die ZEIT berichtete.

www.kas.de/wf/doc/kas_9095-544-1-30.pdf

www.zeit.de/2006/38/Kopftuch-Studie?page=all

Das muslimische Kopftuch als Zeichen für politischen Islamismus und der daher anzunehmende Zusammenhang mit terroristischen Anschlägen - bei diesem Denkgebilde, das die Beleidigungen Axel Ws in den politischen Verlautbarungen führender Politiker der CDU/CSU fast wortgleich vorwegnimmt, stockt einem angesichts des in Dresden verhandelten Mordfalls der Atem.

Aber kann man davon ausgehen, dass diese Veröffentlichungen dem späteren Mörder so bekannt waren? Einfluss auf seine Motivation hatten?

Unwahrscheinlich scheint, dass W. Anträge der CDU/CSU Fraktion im Bundestag studiert hat, die Kopftuchdebatte und die Positionen ihrer Protagonisten waren schon weniger leicht zu überhören.

Wenn man sich aber vergegenwärtigt, wie begierig die NPD gerade wieder die rassistischen und diffamierenden Äusserungen Thilo Sarrazins aufgenommen hat, wie begeistert seine nur scheinbar so nachvollziehbaren Schuldzuweisungen für typische Probleme industrialisierter Gesellschaften, gerade im Brennspiegel urbanen Zusammenlebens, an bestimmte Bevölkerungsgruppen in einer breiten Öffentlichkeit aufgenommen werden, weil sie eben aus der ‘Mitte der Gesellschaft’ zu kommen scheinen und formal nicht mit dem Makel des Rechtsextremismus behaftet sind, kann man auch die Wege ahnen, über die Axel W. zu seinen ‘Überzeugungen’ gelangt sein dürfte.

www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/Thilo-Sarrazin-NPD%3Bart122,2914721

Dass hier vermutlich einer, der selber einer angeblichen Randgruppe angehört, sich selbst ausgegrenzt fühlen muss, vielleicht wähnte, sich so Zugehörigkeit sichern zu können, macht die Frage, wie es zu einem solchen Verständnis von deutsch sein überhaupt kommen konnte, umso drängender.

Glaubt man der wirtschaftspolitischen Berichterstattung , hat der Grad der internationalen wirtschaftlichen Verflechtungen erst vor kurzem wieder das Mass von vor dem zweiten Weltkrieg erreicht, auch die Weltwirtschaftskrise scheint historisch seltene Ausmasse zu haben. Die Lehren, die vor allem bürgerliche Regierungen hierzulande in sozialpolitischer Sicht aus den Verhältnissen der Weimarer Republik gezogen haben - vorrangige Verhinderung sozialer Unruhen mit dem Nebeneffekt, dass die Sozialsysteme wirksame Konjunkturpuffer darstellten - scheinen vergessen, und immer mehr zum politischen Geschäft zu gehören scheint das Ausspielen von Bevölkerungsgruppen gegeneinander, die angeblich einer neu entdeckten ‘Unterschicht’ angehören.

Rau ist im Kopftuchstreit seiner Verantwortung als der eines führenden Politikers dieses Landes gerecht geworden, indem er auf die Gültigkeit und die Einhaltung unserer zivilisatorischen Werte gepocht hat, als Bundespräsident auch einen erzieherischen Beitrag zur politischen Kultur hierzulande geleistet hat.

Vom ‘polnischen Klempner’ und den ‘Fremdarbeitern’ Lafontaines über die ‘Parasiten’ Wolfgang Clements und die ‘ständig produzierten Kopftuchmädchen’ Sarrazins zu den von der CDU/CSU als politische Islamistinnen - damit im Zusammenhang zu Terrorismus einzuordnende - angeblich staatsgefährdenden kopftuchtragenden Lehrerinnen (Gesamtzahl in Deutschland: vermutlich 10!): dieses grauenhafte Buhlen um Wählerstimmen muss ein Ende haben!

Frau el Sherbini und ihre Familie - ihr gilt mein tiefempfundenes Mitgefühl - haben auch dafür einen entsetzlichen Preis gezahlt.

Der Mord lässt sich nicht ungeschehen machen, es lassen sich aber vielleicht weitere derartige Untaten verhindern, wenn z.B. die von A. Dernbach angemahnte Debatte ernsthaft geführt wird.

(Eine fast wortgleiche Version dieses Beitrags habe ich heute auch als 'Einer wie keiner' unter dem gleichen Titel bei ZEIT-online eingestellt)

14:46 27.10.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

keiner

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