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Intensiv Von Leistungsträgern und verlorener Kindheit

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Was nun Herr Gesundheitsminister Professor Dr. Dr. Karl Lauterbach?

Der Personalmangel auf dem Pflegemarkt hat sich durch die Corona-Pandemie nochmal zugespitzt. Pflegebedürftige finden keine Pflegedienste in ihrer Umgebung und auch Heimplätze für Senioren gibt es wider Erwarten noch weniger als zuvor. Die Zimmer sind da - das Personal fehlt.

"Es ist wie nach dem Krieg" beschreibt ein Anrufer seine Gefühlslage.

Dem neuen Gesundheitsminister stehen gewaltige Aufgaben bevor. Verzweifelt ringt die unterbesetzte Intensivmedizin um jedes Leben. Pflegende Angehörige und professionell Pflegende hoffen auf Entlastung und suchen für Pflegebedürftige eine Perspektive für ein würdevolles Leben im Alter. Dem "Nachkriegszustand" in der Pflege muss endlich ein Ende gesetzt werden.

https://www.presseportal.de/pm/138510/5049311

... der Markt ist leergefegt.

Das Ausland braucht seine Pflegekräfte selber. Außerdem gibt es so gut wie keine Anreize, geschweige denn bezahlbaren Wohnraum für Pflegepersonal.

In einem Drittel der Fälle brechen Azubis die Pflege-Ausbildung ab. Warum ist das so? Laut BR-Videotext vom 10.11.2021 haben in Augsburg, München und Regensburg für bessere Ausbildungsbedingungen demonstriert. Gefordert wurden u.a. 100 Euro mehr pro Monat sowie ein Fahrtkostenzuschlag. Auf Transparenten wurde auf einen Kontrast zwischen öffentlichen Lobeskundgebungen seitens der Politik für Pflegekräfte und realem beständigen Spardruck hingewiesen. In Nürnberg und Würzburg kam es ebenfalls zu Streik-Aktionen.

https://www.mittelbayerische.de/region/regensburg-stadt-nachrichten/vierte-welle-uniklinik-pfleger-streiken-21179-art2062362.html

Die Arbeitsverdichtung ist eine Zumutung, der Krankenstand spricht Bände. Bereits 2019 sind in Bayern 173 Einrichtungen wegen unzumutbaren Verhältnissen angezeigt worden. Die Politik hat entweder gar nicht oder zu spät reagiert.

So spitzt sich der Pflegenotstand immer weiter zu:

https://www.br.de/nachrichten/bayern/pflegenotstand-spitzt-sich-immer-weiter-zu,Slifp9n

Auch das noch:

Das jüngst getroffene Grundsatzurteil des Bundesarbeitsgerichts sorgt mit seiner Entscheidung unter den von Pflege Betroffenen, den Familien und Angehörigen für grosse Verunsicherung. Mit diesem Gerichtsurteil wird die häusliche Pflege für etwa 600 000 zu Pflegende unbezahlbar werden.

Ein Fundament der Gesellschaft erodiert:

https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/bag-5azr505-20-auslaendische-pflegekraefte-privathaushalte-mindestlohn-bereitschaftsdienst/

Sind 2016 in etwa 1,9 Pflegebedürftige zu Hause versorgt worden, so sind es laut Statistischem Bundesamt aktuell 3,3 Millionen zu Pflegende, welche nicht in Pflegeheimen sondern in häuslicher Pflege leben.

Verlorene Kindheit:

geschätzte 500 000 Kinder und Jugendliche pflegen ihre Angehörigen. Sie bleiben in der Schule zurück und werden mit ihren Sorgen und Nöten im Stich gelassen und die Teenager sind dem Jugendamt nicht mal bekannt. Dies ist nicht nur skandalös, sondern verdeutlicht einmal mehr, dass die politischen Entscheidungsträger für die sozial Schwächsten nur wenig übrig haben!

https://netzfrauen.org/2015/06/01/young-carers-pflegende-kinder-verlorene-kindheit/

Ausblick

Die starken Jahrgänge der 1960iger Jahre werden dem Pflegesystem die nächsten Jahre auf die Füsse fallen. In 5 bis 10 Jahren werden in der häuslichen Pflege in etwa 5 Millionen Pflegebedürftige zu versorgen sein. So ist unter den jetzigen Bedingungen kaum zu erwarten, dass die politischen Entscheidungsträger die Sache in den Griff bekommen. Um die Pflege zu gewährleisten müssen bis Ende 2030, 400 000 Pflegekräfte zusätzlich ausgebildet und eingestellt werden. Doch coronabedingt drängt sich aktuell eine gegenteilige Entwicklung auf. Der Krankenstand unter den Pflegenden ist hoch, nicht wenige halten der Überbeanspruchung nicht mehr stand und flüchten in andere Jobs. Denn die Arbeitsbedingungen waren ja weit vor Corona bereits unzumutbar und sind bekannt. Durch die Untätigkeit und Ignoranz der politischen Entscheidungsträger leiden Belegschaft wie Patienten unter unzumutbaren Verhältnissen bei dürftiger Bezahlung. Die menschenunwürdigen Zustände der aktuellen Pflegesituation bergen das Potenzial, den innersten Kern unseres Sozialstaats zu sprengen und gefährden somit in unverantwortlicher Weise den sozialen Frieden in unserer offenen Gesellschaft. In deutschen Kliniken und Seniorenresidenzen fehlen derzeit cirka 200 000 Pflegekräfte.

Pflege bis zum Umfallen:

https://www.youtube.com/watch?v=Bx_YHr-ul7U

Umfrage zur häuslichen Pflege

Der VdK startete im April eine Umfrage über das Internet, an der Angehörige und zu Pflegende teilnahmen. So ist endlich eine aussagefähige Ist-Analyse über die Qualität der Leistungen und Versorgung der zu Pflegenden in der häuslichen Pflege in Auftrag gegeben. Um Licht ins Dunkle zu tragen. Befragt wurden Angehörige und zu Pflegende gleichermassen. Die Ergebnisse zur Studie wurden mit Spannung erwartet und von der Hochschule in Osnabrück im August veröffentlicht.

Diese Initiative einer Umfrage zur häuslichen Pflege vom April 2021 war längst überfällig. Sie ist umso wertvoller, weil es keine Lobby für von häuslicher Pflege Betroffener gibt. Und betroffene pflegende Angehörige und zu Pflegende zu lange sich selbst überlassen wurden.

Das am 23.08.2021 von VdK Präsidentin Verena Bentele in Berlin veröffentlichte Ergebnis der Umfrage über häusliche Pflege trifft den Sozialstaat ins Mark:

Sie wurden schlichtweg vergessen. Ein Leben unter Angst und Isolation. "Wir wurden im Stich gelassen!"

Zur Studie:

Verängstigt und vergessen -

so fühlten sich die meisten Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen zu Hause während der Corona Pandemie. Dies zeigen die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie der Hochschule Osnabrück, die der Sozialverband VdK in Auftrag gegeben und am Montag auf einer Pressekonferenz vorgestellt hat. Mehr als zwei Drittel der 60 000 repräsentativ Befragten gaben an, sehr unter den psychischen Belastung in dieser Zeit gelitten zu haben. Gleichzeitig waren für viele dringend benötigte Entlastungsangebote weggefallen.

https://www.vdk.de/deutschland/pages/themen/pflege/81569/pflegestudie?dscc=ok

VdK-Präsidentin Verena Bentele zog am Montag in Berlin eine bittere Bilanz:

"Für die Pflegeheime legte die Große Koalition millionenschwere Rettungsschirme auf, für die Pflegekräfte gab es immerhin Applaus und Boni. Nur für die pflegenden Angehörigen zu Hause gab es mal wieder nix. Damit bestätigte die Politik erneut: Die Pflegenden und Gepflegten zu Hause sind nicht nur die Vergessenen der Pandemie, ihre Belange werden dauerhaft sträflich vernachlässigt."

Derzeit werden 80 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt - Tendenz steigend!

Der VdK kündigt als Konsequenz aus der politischen Ignoranz bezüglich der häuslichen Pflege nun juristische Schritte an.

"Deswegen werden wir jetzt die unter anderem einkassierte Erhöhung des Pflegegeldes einklagen - notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht", sagte Bentele. Die Erhöhung aller Pflegeleistungen im Umfang von 1,8 Milliarden Euro war bereits angekündigt, wurde aber bei der Pflegereform im Juli nicht umgesetzt. Damit sollte der Wertverlust der vergangenen Jahre für alle Pflegeleistungen ausgeglichen werden. Das Geld wird nun zweckentfremdet und umgeleitet, um die Eigenanteile in der stationären Pflege zu bezuschussen.

https://www.vdk.de/bayern/pages/presse/82892/vdk-studie_im_lockdown_litten_zwei_drittel_der_zu_hause_gepflegten_unter_angst_und_isolation

Zur Politik

CDU/CSU, FDP, Grüne und SPD sind nicht Willens den Zug nach Nirgendwo zu stoppen. Sie setzen Millionen Bedürftige und engagierte Fachkräfte dem Spiel eines freien Markt aus, deren Investoren sich an den Börsen die Rendite abholen. Vom demographischen Trend begünstigt, handelt es sich um ein lukratives Geschäftsmodell, also eine sichere berechenbare Einnahmequelle, welche nicht so schnell versiegt. Mit dem neuen Mindestlohn werden Hunderttausende nicht mehr zuhause gepflegt werden können. Stand 14.01.2022 hat sich hinsichtlich verbesserter Konditionen für Pflegende nichts bewegt ...

... doch hier geht es um den Kern des Sozialstaats. Und der VdK mit seinen über 2,2 Millionen Mitgliedern hat eine Reichweite bis weit in die Mitte der Gesellschaft. Die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland e.V., Frau Verena Bentele fordert unter anderem die Einführung der Bürgerversicherung und ein Rentensystem in dem Alle einzahlen.

Wir sollten nicht darauf warten bis Christian Lindner, Friedrich Merz oder Alice Weidel mit ihrer Initiative "Neue Soziale Marktwirtschaft" unseren Sozialstaat versenken. Mit einer Bürgerversicherung für Alle sowie einer überarbeiteten Pflegereform (Pflegeschlüssel, anständige Gehälter) in einer öffentlichen Daseinsvorsorge sollten die Weichen gestellt sein. Inwieweit Professor Dr. Dr. Karl Lauterbach hier liefert, wird sich zeigen. Ob es klug war einen Frosch damit zu beauftragen den Weiher trockenzulegen?

https://www.sterbehilfe-debatte.de/themen/pflege-pflegemissstaende-pflegereform/

Soll man den Schwächsten vom Schlitten schmeissen, nur um den Wölfen zu entkommen?

... lautet ein Sprichwort in Sibirien. Eine Gesellschaft welche sich nicht um die Schwachen kümmert, ist keine humane. Was wird das mit dieser Gesellschaft machen, wenn wir zentrale Werte der Ökonomie zuliebe auf dem Altar der Menschlichkeit opfern? Stichwort Pflegenotstand in den Kinderkliniken.

Zur aktuellen Pflegesituation im Allgemeinen:

https://www.youtube.com/watch?v=BPIWGGtCaiY&t=107s

Der Kampf um den Sozialstaat, seinem innersten Kern - der Pflege, hat begonnen!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Chuwawa

Neugierig- skeptisch- kritischer Freigeist mit auch unbequemer Lebenserfahrung aus sozialer, gesundheitlicher wie ökonomischer Realität.
Chuwawa

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