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Automobilkaufprämie Eine Kaufprämie für Personenkraftfahrzeuge begünstigt die Wohlhabenden übermäßig und wäre sozial äußerst ungerecht. Ökologisch sinnlos ist sie außerdem.
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1. So Erwartbar wie sinnlos

Der Schrei nach einem weiteren Kaufanreiz zur Rettung der, durch die Corona-Krise so erschütterten, Automobilindustrie kam in gleichem Maße überraschend, wie er sinnvoll ist, ergo überhaupt nicht. Bereits bei der aus der Bankenkrise und der daraus folgenden Wirtschaftskrise war es der mächtigsten Lobby in der deutschen Politik gelungen, eine großzüge staatliche Prämie auf den Weg zu bringen. Schon damals wurden funktionierende Autos verschrotten und Gebrauchtwagen dem Markt entzogen, weshalb die Maßnahme den unschönen Titel "Abwrackprämie" bekam. Es war individuell eine bessere Entscheidung ein Fahrzeug zu entsorgen, anstand es länger zu nutzen.

2. Nur für die, die es sich sowieso leisten können

Über die ökologischen Aspekte - auch im Falle einer neu aufgelegten Prämie - wurde schon fast alles geschrieben. Hinzu kommen aber die sozialen Verwerfungen, die mit einem solchen Anreiz einhergehen. Zunächst richten wir den Blick auf diejenigen, die davon profitieren würden. Das sind vor allem diejenigen (A), die sowieso ein neues Auto kaufen wollen, den Zeitpunkt eventuell noch etwas weitere in die Zukunft gerückt hätten und ihn nun nach vorne ziehen. Hinzu kommen alle (B), die über das nötige Geld verfügen und in Zeiten der Krise problemlos aus dem öffentlichen Nahverkehr in den motorisierten Individualverkehr wechseln können. Für beide Gruppen ist es also weniger ein Anreiz zum Kauf, als eine Belohnung. Für die profitierenden Firmen sowieso. Pädagogisch besonders wertvoll erscheint das im Angesicht des zurückliegenden Abgasbetrugs nicht.

Nicht davon profitieren tun die, die sich ein Auto weder jetzt noch später leisten können. Sie gehen monetär leer aus und sind auf den Nahverkehr angewiesen. Dieser leidet unter der Krise besonders und droht weiter ausgedünnt zu werden. Dieser Effekt wird umso stärker, je mehr Personen aus Gruppe (B) sich gegen ihn und für ein Auto entscheiden. Echter Mobilitätswandel wird dadurch gehemmt oder im schlimmsten Fall beendet.

3. Eine Förderung von Fahrrädern geht immer

Über die besondere Förderung elektrifizierter Fahrzeuge ließe sich wie immer streiten. In diesem Falle wären die sozialen Auswirkungen zwar die gleichen. Zumindest gesamtgesellschaftlich wäre aber eine Verbesserung der CO2-Bilanz und der Feinstaubwerte ein erwartbares Trostpflaster. Fahrräder sollten eine höhere Förderung als Autos erzielen, Kleinwagen höher als SUV usw.

Liebe Grüße

PS: Bedingung für die Unterstützung elektrifizierter Fahrzeuge ist natürlich deren Betrieb mit Ökostrom.

13:58 18.05.2020
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Geschrieben von

Kempf

- Sozialwissenschaft - Pädagogik - Theologie -
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