ADHS Die Hirnstörung ist eine Kulturstörung

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Das Hirn ist plastisch, oder formbar. Das ist ein Oberbegriff zu lernfähig: jedes Gelernte ist eine neue Plastik. Aber es ist auch verformbar, so daß es "lernt", neues Lernen zu beeinträchtigen, zu behindern.

Im TV-Programm wird durch dauernde Szenenwechsel Aufmerksamkeit gebunden. Die Fernsehsendungen berücksichtigen das Zappen, es geht nicht mehr darum, den Zuschauer auf längere Zeit zu binden, sondern nur noch genügend Höhepunkte, durch Vorschauen angekündigt, um ihn bald wieder zurück zu haben. Der geringste Spannungsabfall wird durch umschalten bestraft.

Durch die von Psychologen erarbeiteten Erkenntnisse, die von Werbeagenturen und Effektivitätsberatern eingesetzt werden, ist unsere Umwelt eine einzige Aufmerksamkeitshascherei: "Der Bildschock ist zum Brennpunkt eines globalen Aufmerksamkeitsregimes geworden, das die menschliche Aufmerksamkeit durch Überforderung abstumpft."

Zurück zum Fernsehen. Die dauernden Szenenwechsel erzeugen ähnliche Wirkungen wie Stress: es wird Dopamin ausgeschüttet, das die Hirntätigkeit anregt. Neue Verbindungen werden geknüpft. Durch die zu schnellen Wechsel wird jedoch eine gründliche Aufarbeitung des Gesehenen verhindert, es wird zu schnell abgebrochen und auf das neue Szenario umgestellt, das gleich wieder unfertig verlassen wird. Wenn Kinder, heute schon von klein auf, viel und lange fernsehen, wird ihre Entwicklung behindert: es kommt zu den sogenannten Aufmerksamkeitsdefiziten, ADS bzw ADHS. Bezeichnenderweise wurden diese Begriffe in den USA geprägt, wo diese Symptome bereits in den 70ern auftraten.

Die Kinder können sich nicht mehr konzentrieren, bei etwas verweilen, Freundschaften aufbauen, ein Spiel gemeinsam spielen.

-dieser Schluß kommt in dem kurzem Buchauszug nicht, vielleicht anderswo: Sie können den Spannungsabfall nicht nur beim Fernsehen, sondern auch bei ihrem Tun nicht aushalten, sie müssen dauernd für Sensation sorgen, daher nerven sie rum.

Schwache Gaben von Dopamin, Ritalin der Name der Droge, oder manchmal auch Kokain, bewirkten Abhilfe. Daraus zog man den Schluß einer leichten organischen Hirnschädigung, die Unfähigkeit, genügend dieses Botenstoffes zu erzeugen. Ein Fehlschluß, denn diese Dopamingaben bewirken im Gegenteil eine Verminderung der hirneigenen Produktion.

Diese Steuerungsschwäche wurde allmächlich die Norm: vergleicht man Tageszeitungen vor zwanzig Jahren mit den heutigen erkennt man die Illustrierung: der Anteil der Bilder hat deutlich zugenommen, es ist "ansprechender" geworden. In Lehrbüchern werden immer mehr Bilder eingefügt, den Menschen fällt es schwer, längere Zeit nur zu lesen. Ein Professor holte nach der ersten Vorlesung "Einführung in die Sozialpsychologie" in Fragebögen die Meinung der neuen Studenten ein: 90 Minuten seien zu lange, um sich zu konzentrieren, ein, besser zwei Pausen müßten es schon sein.

Es handelt sich nicht um einen organische, sondern um eine kulturelle Hirnschädigung.

Hervorgerufen durch die unkontrollierte wirtschaftliche Anwendung psychologischer Forschungsergebnisse, im Namen der Gewerbefreiheit. Ein Phänomen, das sich durch die wettbewerbsorientierte Wirtschaft zieht: solange es erlaubt ist, müssen es alle machen, dadurch bringt es keinen Vorteil mehr, also könnte man es ohne negative Auswirkung für die dazu Gezwungenen verbieten. Etwa die gezielt auf die Psyche der (Klein)Kinder konzipierten Sendungen.

Dagegen wehren sich die, die daran verdienen, auf Kosten vieler Geschädigter. Im Namen von Arbeitsplätzen. Für Abhilfe muß erst ein absolut sicherer Nachweis geführt werden, der Geld kostet und den sich der Staat nicht leisten kann. Eine der vielen Höchstleistungen des freien Marktes, zu unser aller Bestem. Jeder kann ja auswählen, wieviel und welches Fernsehen er konsumiert, und das Angebot muß zur Wahlfreiheit erhalten bleiben: damit jeder selber entscheiden kann, wie weit er verblöden will. Womit nicht nur Kinder im allgemeinen überfordert sind.

Dieser Blog ist eine Kurzfassung des Artikels "Aufmerksamkeit bitte" aus der SZ vom 5.3.2012. Dort ist ein Auszug aus Christoph Türckes "Hyperaktive Gesellschaft. Philosophie der Sensation" abgedruckt. Ich habe nicht auf Genauigkeit geachtet, kleinere Interpretationen meinerseits sind dabei. Der Abschluß über die wirtschaftlichen Aspekte ist nur von mir.

18:27 06.03.2012
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