Homo occidentalis: Arno Bammé erkundet den westlichen Sonderweg

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( leicht gekürzt aus der SZ)

Für dieses Buch braucht man einen langen Atem und viel Sitzfleisch. Knapp tausend Seiten anspruchsvoller Wissenschaftsprosa wollen erst einmal durchgearbeitet werden. Aber dann erlebt der Leser eine angenehme Überraschung: Der Weg ist bereits das Ziel. Im Vollzug der Lektüre erschließt sich ihm eine lebendige Weltgeschichte der okzidentalen Rationalität, wie man sie umfassender, erschöpfender und kompakter bisher nirgends fand. Wer wissen will, warum wir, die Abendländer, sind, was wir sind, ist bei Arno Bammé bestens aufgehoben.

zur Inhaltsangabe:

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Um 700 bis 500 vor Christus setzte im ägäischen Raum eine Entwicklung ein, die sich scharf und charakteristisch von derjenigen unterschied, die andere Hochkulturen der „Achsenzeit“ (Karl Jaspers), etwa die chinesische oder die mesopotamische, einschlugen. Die frühe griechische Zivilisation entwickelte im Zeichen der Polis eine Reihe von präzisen Instrumentarien, die in der Summe einen enormen Rationalitätsschub bewirkten.


Ia Revolutionär war die Übernahme und Weiterentwicklung des phönizischen Alphabets, so daß die einzelnen Zeichen/Buchstaben keinerlei Eigenbedeutung haben, aber durch ihre beliebige Kombinierbarkeit zur Darstellung aller möglichen Bedeutungen taugen.


Ib Strukturell ähnlich verhält es sich mit der griechischen Erfindung des Münzgeldes um 600 vor unserer Zeit. Genau wie der einzelne Buchstabe semantisch leer ist, ist auch das Geld semantisch leer, das heißt reiner Tauschwert. Marx hat diesen Sachverhalt sinngemäß so ausgedrückt: Der Gebrauchswert von Geld besteht darin, nichts als Tauschwert zu sein. Der heute so gut wie vergessene Neomarxist Alfred Sohn-Rethel hat die gut begründete Vermutung geäußert, dass „Geld und Geist“ aufs engste verschwistert seien, die Parallelität von Alphabet und Münzgeld liegt sozusagen auf der Hand, und die historische Gleichzeitigkeit, mit der beide Phänomene auftraten, sorgte für jene kulturelle Revolution, die später als „griechisches Wunder“ mystifiziert wurde.

Ic Aber es musste ein Drittes hinzutreten: Bammé zufolge bedeutete die Einführung der Demokratie in den griechischen Stadtstaaten, das heißt die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz, einen weiteren entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die ihre soziale Ordnung hinfort auf Kommunikation, Interaktion und Reflexion gründete. Das Gesellschaftliche war jetzt nicht mehr naturwüchsig und gottgewollt geregelt, sondern unterlag den Standards einer Rationalität, die sich nicht von selbst verstand, vielmehr unter den Bürger-Individuen der Polis immer neu ausgehandelt und hergestellt werden musste.

Diese erste Zäsur in der westlichen Zivilisationsgeschichte – Alphabetschrift, Münzgeld, Demokratie – stellte die gesellschaftlichen Beziehungen auf eine neue, abstraktere und zugleich flexiblere Grundlage.



II Die zweite Zäsur zu Beginn der frühen Neuzeit führte den Homo occidentalis zu einem neuen Verhältnis zur Natur. In der Newton’schen Physik mit ihren theoriegeleiteten Experimenten wird die griechische Protowissenschaft eines Thales, Heraklit und Parmenides in die Praxis rationaler Naturbeherrschung und -aneignung überführt. Resultat dieser wissenschaftlichen Revolution ist die industrielle Revolution und die Entstehung einer „großen Industrie“, die sich das, was wir Natur nennen, im planetaren Maßstab anverwandelt und unterwirft.


(Dies reicht eigentlich zum Verständnis der Entstehung. kenua)


III Die dritte und vorläufig letzte Zäsur in der ebenso faszinierenden wie erschreckenden Geschichte des Homo occidentalis situiert Bammé in der Gegenwart. In ihr, so seine Diagnose, verschmelzen Gesellschaft und Natur zu einem Hybrid, indem die Gesellschaft selbst zum Labor, das heißt zum Anwendungsfall der Wissenschaft wird. Naturwissenschaftliche Experimente, in früheren Zeiten auf abgeschlossene, kontrollierte Räume beschränkt, werden heute am offenen Herzen der Gesellschaft durchgeführt: Tschernobyl und Fukushima, Ozonloch und Klimawandel, BSE und Genmais, Facebook und Twitter sind nur Chiffren dafür, dass die „Wissensgesellschaft“, die mit den Griechen rudimentär begann, ein Stadium erreicht hat, in welchem sie selbst Subjekt und Objekt, Arzt und Patient zugleich ist.


(sozusagen die Vollendung, eventuell mit Schrecken, das Modell auf die aktuellen Verhältnisse anwenden. kenua)


Die großartige Leistung von Bammés Studie besteht weniger darin, dass sie völlig neue Thesen und Ergebnisse präsentiert. Vielmehr darin, dass sie das breite, aber zerstreute Wissen, das Philosophie und Soziologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte, Kognitionswissenschaft und Moralpsychologie, Rechts- und Religionswissenschaft zur Tiefenstruktur des westlichen Zivilisationsmodells erschlossen haben. Alles, was gut und teuer ist, hat bei Bammé seinen Platz: von den Vorsokratikern und Platon über Hegel, Marx, Max Weber und Piaget bis Luhmann, Lévi-Strauss, Sohn-Rethel und Gotthard Günther.

Seine unbezweifelbare Stärke liegt darin, dass die Triumph- und Leidensgeschichte des Homo occidentalis nicht als Geschichte des autonomen abendländischen Geistes ausgebreitet wird, sondern als eine Geschichte komplexer sozialökonomischer Einflüsse und Entwicklungen, die jenen „Geist“ erst hervorgebracht haben.

Ende der Rezension von Hans-Martin Lohmann

Ich habe es mir gekauft und versuche es durch zu arbeiten. Die jeweiligen Ergebnisse möchte ich hier präsentieren, einerseits Zusammenfassung der wesentlichen Argumentation und meine Meinung dazu.
Kommentare würden mich freuen. Natürlich sind 78.- Euro ein Hindernis, ich werde eine stringente Darstellung versuchen, die Verstehen ermöglichen soll, ohne es selber lesen zu müssen.

zur Inhaltsangabe:

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19:24 16.01.2012
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