Jörg Friedrichs Alltag: Bringdienst für die Alte Überlegungen 2

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Herr Friedrich kritisiert die Tendenz, solidarische Leistungen für die Mitmenschen an den Staat anzugeben. Als Beispiel wählt er die behindertengerechten Baumaßnahmen, wie abgesenkte Gehsteige, Noppen auf den Wegen und akustische Ampelsignale.
„Wir kaufen uns von der direkten, praktischen Hilfe frei, in dem wir Baumaßnahmen von unseren Steuern finanzieren lassen.“
„So werden wir im Alltag weniger gestört und weniger von unserer eigenen Unsicherheit verstört, wenn wir nicht wissen, von welcher Seite wir den Rollstuhl anfassen oder in welcher Lautstärke wir den sehbehinderten Menschen ansprechen sollen. Wir können unsere Welt sauber von diesen Schwierigkeiten frei halten, Noppenplatten und abgesenkte Bordsteine sind in Wahrheit die Grenzsteine, die unsere heile Welt von der der Behinderten trennen. „

Herr Friedrichs Forderungen richten sich an die Mitmenschen und übersieht, daß die Behinderten die Unabhängigkeit von solcher Unterstützung wünschen, um ihr Leben möglichst selbstbestimmt gestalten zu können.

„Wir nehmen unsere Verantwortung für den Anderen wahr, indem wir für jedes Problem, das menschliche Zuwendung erfordert, eine technische Lösung finden. Ziel ist es, dass wir einander nicht mehr brauchen, der Blinde hat seine Noppenplatte, die Rollstuhlfahrerin hat ihren abgesenkten Bordstein, die Alte hat ihren Bringedienst, der Einsame hat seinen Fernseher. Und mit dieser Vereinzelung verschwindet auch das soziale Gewebe, durch das die Menschen merken würden, dass sie ihre Welt gemeinsam verändern könnten.“

Nehmen wir das Prinzip auf und lassen von dem unglücklichen Beispiel.

Entscheidend ist die Formulierung „für jedes Problem das menschlich Zuwendung erfordert, eine technische Lösung finden.“

Es lohnt sich, die Probleme zu sichten.

Es gibt solche, die nur technisch zu lösen sind. Viele Krankheiten zum Beispiel. Hunger und Armut werden technisch zu lösen versucht, aber die menschliche Komponente wäre ganz einfach, jedes Jahr ein paar Prozent der 311 Billionen weltweiten Privatvermögens sinnvoll einzusetzen. Allerdings braucht es dazu flankierende Maßnahmen wie Bildung, Aufklärung, Entwicklung um die Geburtenrate zu senken.
Solche Aktionen gehen über die von Friedrich geforderte Solidarität hinaus. Sein Beispiel betrifft Alltagskleinigkeiten. Passendere Beispiele im ähnlichen Rahmen wären etwa Alte beim Einkaufen unterstützen, ein paar Stunden jede Woche für ehrenamtliche Tätigkeit zu verwenden. Damit werden diese Probleme, weltweite Not und Armut aber nicht gelöst.

Es ist fraglich, ob mit der Vergrößerung von Not und Bedürftigkeit die Hilfsbereitschaft wächst: bei so unbedeutendem Einsatz vielleicht, aber sobald mehr gefordert wird, bleibt die Hilfe wohl aus, denn es gäbe ja trotz abgesenkter Bürgersteige genügend Möglichkeiten, Not im Lande zu lindern. Möglicherweise meint Friedrichs diese Kleinigkeiten als Katalysator, das ist meiner Meinung nach aber unwahrscheinlich zu sein.

Sieht man sich die Geschichte an, kommt man eher zum gegenteiligen Schluß: Not bewegt die Menschen viel zu wenig zu Solidarität.

Ein Aspekt ist die Herrn Friedrichs Intention: will er eine konkrete Kampagne anstoßen, die das Problem lösen soll, oder meint er es als allgemeine Kritik, um eine Möglichkeit zu skizieren ?

Dann nämlich wäre es geschickter gewesen, Gemeinsinn statt zur Problemlinderung zu mehr gemeinsamer Freude, also in positiver Richtung zu fordern. Mehr menschliches Miteinander muß man doch nicht an läppischen Nichtigkeiten festmachen, es soll doch Freude und Erfüllung bringen: mit den entgehenden positiven Erfahrungen kann man die Leute eher dazu bringen.

Maßnahmen wie die Noppen und akustischen Ampeln erleichtern den Behinderten die Teilnahme am gemeinsamen Leben, und dadurch werden die Menschen sogar stärker mit ihnen konfrontiert als durch Herrn Friedrichs konkrete Forderungen.

Hier paßt auch sein Fernsehbeispiel, das für seine Argumentation eben nicht paßt: das Fernsehen wurde nicht als Problemlösung für Einsame installiert, sondern als Attraktion, als zusätzliche Bereicherungsmöglichkeit des Lebens. Praktisch hat es natürlich auch negative Auswirkungen, die durch mehr Gemeinsinn gelöst werden könnten.
Könnten die Menschen also auch ohne Not mehr miteinander anfangen, würden viele Probleme gar nicht erst auftauchen oder gemildert werden.

Die Frage ist, wie man so etwas erreichen kann. Ein Detail wäre natürlich, die drückende Bürde der Unterhaltsicherung zu erleichtern, also höhere Löhne bei weniger Arbeitszeit und besserer sozialer Sicherung. Aber fordern geht einfach.

Sonst bleibt außer staatlichen Kampagnen nur Eigeninitiative, wie sie Herr Friedrich wohl anregen möchte.

Nachtrag vom 8.2. um 13:25

Herrn Friedrichs Einlassung ist nicht von der Hand zu weisen, er skizziert durchaus reale und negative Entwicklungen. Sein konkretes Beispiel ist allerdings unpassend.

Ich wollte nur einen umfassendern Rahmen anregen, um die Dinge in weiterer Einbettung zu sehen, es nicht nur als negative Kritik aufgefasst haben.

23:55 07.02.2012
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