Schulmedizin- Wissenschaft oder Religion ?

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zuerst ein paar Beispiele zum aktuellen Kenntnisstand der Biologie, um ein Gefühl dafür zu bekommen.

Biochemie und Zellaufbau

Der menschliche Körper besteht bekanntlich aus sehr vielen Zellen. Deren chemischer Aufbau ist praktisch bis ins letzte entschlüsselt. In den Wänden hängen Enzyme, an denen Reaktionskaskaden ablaufen, diese Reaktionen sind auf das Atom genau bekannt, Glykolyse, Zitronensäurezyklus, alles. Dies sind die wesentlichen Energiezyklen. Dort gibt es umkehrbare und unumkehrbare Schritte: die unumkehrbaren sind meist an Konzentrationen der Endprodukte gekoppelt: so wird eine Überproduktion verhindert, wenn der Abfluß oder der Verbrauch gehemmt ist. Manche der Zwischenprodukte werden für andere Reaktionen abgezweigt, alles sehr raffinierte ineinander verschlungene Kaskaden.

In den Ribosomen werden Proteine nach den messenger-RNS synthetisiert. zum Schluß bekommen sie ein kurzes Stück angehängt, das das Transportziel bestimmt: in der Zelle, oder in den Zellkern, oder für die Mitochondrien: der Mechanismus, mit dem diese Moleküle da hinbefördert werden, ist auch bekannt. Die Mitochondrien, als eingefangene Eubaketerien haben sie eine andere, eben bakterielle Zellwand, als ihre Wirtszellen, können nur noch einen Teil ihres Bedarfs herstellen und werden von der Wirtszelle mitversorgt, dafür liefern sie Energie.

Spaßeshalber las ich ein bischen in einem Buch über Photosynthese: die Geschwindigkeit der Reaktionsschritte liegt zwischen ein paar Millionstel und einigen Sekunden, selbst Zehntel sind schon ganz schön gemütlich. Manchmal kehrt sich der Spin des vom Licht angeregten Elektrons um, dann entstehen aggressive Sauerstoffkomponenten, die von den Karotiniden abgefangen werden. Exaktes Wissen, kaum bekannt, mich fasziniert es, so gut ich es verstehen kann. Wenn die angeregten Elektronen weitergereicht werden, wird die Geschwindigkeit von der Überlappungsfläche ihrer Wellenfunktionen mit denen der Transportmoleküle bestimmt: ich muß einfach grinsen. Um das richtig zu verstehen, müßte man also diese quantenmechanischen Formeln beherrschen, aber es reicht ja der grobe Überblick

Struktur der Organe

Die menschlichen Organe sind ebenfalls in ihrem Aufbau, in den ineinander verzahnten, durch Gleichgewichte und Steuerstoffe, Hormone, gesteuerten Reaktionen entschlüsselt, beschrieben. Kann man alles, wie gesagt, überall nachlesen.

Bei der Behandlung unserer kranken Katze erklärte der Tierarzt nebenbei daß in den inneren Organe dieser Tiere zum Teil andere chemische Abläufe geschehen, deshalb kann man die bekannten Hausmittel nicht immer einsetzen. Zwiebeln sind giftig, also bei Lungenentzündung vorsichtig kochen.

Diese Vorgänge geschehen ohne psychischen oder geistigen Einfluß, nach naturwissenschaftlichen Gesetzen: im Gegenteil, sie beeinflussen oder steuern gerade unsere Emotionen: der bekannte Adrenalinschub bei Angst, Anstrengung oder Triumph. Die genauen Verhältnisse sind in der Diskussion, Philosophin, Psychologen und Biochemiker versuchen sich einen Reim drauf zu machen, wer was genau wie steuert.

Genetik

Für die Synthese der körpereigenen Stoffe werden nicht einmal 5% der Gene benötigt. Es stellt sich immer mehr heraus, daß die Gene Reaktionen auf Umwelteinflüsse steuern.

Als Beispiel ein spezielles Bakterium, den Namen weiß ich nicht mehr. Es kann Glucose und Fructose abbauen. In Gegenwart von Glucose verdaut es nur diese: in der Lösung gelangen Glucosemoleküle an die RNS und eines lagert sich an die Starter/Blockade-Stelle für das Fructose-Enzym und blockiert es. Ist keine Glucose mehr da, löst es sich irgendwann mal wieder. Das reicht aber noch nicht: erst wenn ein Fructose-Molekül an dieser Stelle andockt, wird das Enzym erzeugt.

Natürlich startet ein Glucose-Molekül die entsprechende Enzym-Synthese.

Nachtrag vom 4.1.

Durch diesen Starter/Blockade-Mechanismus wird folgene Logik erreich: Erzeuge das passende Enzym, sind beide Zucker vorhanden, Beschränkung auf die Glucose.

--Möglicherweise gibt es hier, wie immer, Grenzsituationen: bei einem Gemisch aus recht schwacher Glucose- und starker Fructosekonzentration kann es sein, daß das Fructoseenzym behindert wird, obwohl zuwenig Glucose vorhanden ist. Das ist allerdings eine Idee von mir, stand nicht im Buch. -

Grund für dieses Detail war die Akzeptanz für den nächsten Punkt: das Starter-Prinzip gab es bereits bei den Einzellern, und wurde bei den Mehrzellern ausgeweitet. Es ist schon lange bekannt, daß die Größe des Genoms bei komplizierteren Organismen stärker wächst als die Anzahl der neuen Stoffe, die dadurch erzeugt werden. Im Gegenteil, durch das Spleißen (auch bei Wiki ) wächst die Zahl der substanzkodierenden Gen sogar langsamer

Ende des Nachtrags

Bei höheren Tieren, also auch beim Menschen werden komplexe genetische Bauanleitungen durch solche Kontrollmoleküle gesteuert. Im Körper wird dauernd der Starter zur Adererzeugung hergestellt, der durch Sauerstoff wieder zerstört wird. Trainiert man fleißig, sinkt der Sauerstoffgehalt im Muskel, und der Starter sorgt für die bessere Durchblutung des wachsenden Muskels.

Führt man diesen Stoff künstlich zu, kann die Durchblutung weit stärker als durch jedes Training verbessert werden: dieser Starter ist ein beliebtes Dopingmittel.

Für meine Zwecke genügt die naturwissenschaftliche Erkenntnis, die zur Heilung von körperlichen Krankheiten und Beschwerden benutzt wird, die sogenannte Schulmedizin.

Naturwissenschaftliche Sicht der Krankheiten

Krankheit ist eine Dysfunktion dieser Molekülaggregate: Viren und Bakterien schädigen die Zellen, sondern Gifte ab, deren Wirkung auch so beschrieben werden kann. Oder durch Verletzung, langer Fehlgebrauch oder Überlastung werden Strukturen so geschädigt, daß sie nicht mehr funktionieren.

Um so etwas zu heilen, muß der materielle Vorgang geschehen, Geister helfen da kaum.

Selbstverständlich negiere ich nicht die Bedeutung psychischer Vorgänge bei Heilungen jeder Art. Aber die wirken durch ihre materielle Komponente im Gehirn, über die Nervenimpulse, die auf körperliche Selbstheilungsmechanismen wirken, die von der Evolution so erzeugt wurden. Selbstverständlich wirkt die Erscheinung der Mediziner auch, die Kleidung, die Rituale. Die sind aber kein Selbstzweck, sondern sind naturwissenschaftlich erkannten Wirkungen geschuldet.

Bei psychischen Erkrankungen ist meiner Meinung nach auch immer ein materielle Komponente dabei, aber was wie genau wirkt, muß im Einzelfall entschieden werden, und Geister und Erdstrahlen wirken nur als Placebo.

Schulmedizin: Was weiß ein Arzt

Die Ärzte lernen einen großen Teil dieses überprüfbaren Wissens. Zuerst über den ganzen Körper, dann noch genauer auf ihrem Spezialgebiet. Andauernd wird weiter geforscht, Neues gefunden und Altes präzisiert.

Sicher weiß ein Allgemeinarzt nicht alle Details der Wirkung aller Medikamente, die er verschreibt. Aber diese Wirkung wurde, fast immer, erforscht, getestet, bestätigt, so daß man sich auf die Beschreibung verlassen kann.

Probleme

Zuerst natürlich muß der Arzt genau genug feststellen, was los ist. Je genauer, desto mehr Zeit und Aufwand ist nötig.

Kein Arzt kann alles wissen, ob er sich weiterbildet, wie gut er ist, ist von Fall zu Fall verschieden.

Die Pharmaindustrie betrügt mehr oder weniger offen: Milliarden von Forschungsgeldern werden verschwendet, um bekannte Medikamente so weit zu verändern, bis sie als Neuentwicklungen teuer verkauft werden können, obwohl sie kaum oder gar nichts mehr bringen.

Die Tests für Nebenwirkungen werden oft ungenügend durchgeführt, gefälscht, verharmlost.

Der Staat ist als Kontrolleur überfordert, da diese Kontrolle Geld kostet. Außerdem werden die zuständigen Politiker von der Lobby beeinflußt, oder sind, etwa als FDP-Abgeordnete, sowieso marktkonform.

Diese Kritik bezieht sich aber auf die unkorrekte, ja betrügerische Anwendung der wissenschaftlichen Methode, nicht auf fehlende religiöse oder mythische Momente.

Es wird nur noch geforscht, was Geld verspricht: seltene Leiden nicht.

Auch die neuen multiresistenten Keime werden an den Unis behandelt, die Zahl der Todesfälle reicht für Industrieprofit noch nicht aus.

Medizin als Religion ?

www.freitag.de/community/blogs/yola/medizin-die-saekulare-religion

In diesem Blog wird die Medizin als auch auf religiösen Momenten beruhend beschrieben:

"Die moderne Medizin, so sehr sie sich auch bemüht, ausschließlich den Eindruck von Wissenschaftlichkeit zu erwecken, weist viele Merkmale auf, die religiöse Glaubenssysteme kennzeichnen. "

"Rituale und Symbole gehören selbstverständlich auch zu jedem religiösen System."

"Die Mediziner haben die weißen Kittel an, die grüne OP-Kleidung mit Mundschutz und das Zepter, das Stethoskop, als Symbol medizinischer Weihe, die rituelle Waschung, der Kampf für Reinheit und Keimlosigkeit. "

Das ist so anmaßend, so frech den Menschen gegenüber, die Jahre ihres Lebens verbringen, sich dieses Wissen anzueignen.

Solche Sätze kann nur jemand schreiben, der von den naturwissenschaftlichen Grundlagen nichts weiß. Je mehr man davon versteht, desto klarer wird die Wirksamkeit dieses Wissens.

Sicher können diese Merkmale auf die Patienten so wirken, das wäre ein positiver Placebo-Effekt. Vielleicht verstärken die Ärzte, absichtlich oder unbewußt, solche Tendenze. Aber ihre Tätigkeit sehen sie nur als rationale Wissenschaft an, sie bestehen auf keinen Fall auf mythische Wirkungen eines Stethoskops.

"Die randomisierte, placebo-kontrollierte Doppelblindstudie garantiert die Reinheit der Lehre, diese geheiligten Studien werden als die einzigen Quellen der Erkenntnis anerkannt und alle anderen Wissensformen werden als minderwertig eingestuft. Diese heiligen Schriften, ..."

Dieser Satz zeugt genauso von Unverständnis: das hat nichts mit Mythen und Ritualen zu tun, sondern diese Methoden sind das Ergebnis rationaler Überlegung. Wenn die Autorin sich die Mühe machen würde, diese Methode zu verstehen, könnte sie das nicht schreiben.

Genauso könnte man der Elektoindustrie vorwerfen, daß ihre Geräte die spezifische Form haben, einen rituellen Stecker am Ende, mit der die Gaia-Energie beschworen wird. Ohne spirituellen Hintergrund bekommt man kein anständiges Fernsehprogramm herein, der Kanal muss auf die intuitiv richtigen Schwingungen eingestimmt werden, am besten bei Vollmond.

"Religion und Medizin waren in der Menschheitsgeschichte von der Steinzeit an untrennbar miteinander verbunden. "

Zu diesen Zeiten war praktisch alles Wissen mit Religion verbunden und wurde mehr und mehr davon gelöst. Medizin brauchte ein bischen länger, weil das dazu notwendige Wissen erst spät erschien. Hahneman schuf sein Werk in einer Übergangszeit von Gespensterglaube zur Wissenschaft: der Gedanke einer Heilkraft als von der Materie losgelöste Wirkung, die durch Verdünnung des ursprünglichen Trägers verstärkt wird, klingt wissenschaftlich, ist es aber nicht, sondern eine andere Form von Verehrung der Baumgeister.

"Wenn sich die moderne Medizin weiterhin weigert, sich auf ihre Ursprünge zurück zu besinnen, nämlich das Wesen des Lebens vorurteilsfrei zu erforschen, Fragen der Energie, des Bewußtseins, der Intuition, der Vorstellungskraft, des Gefühls und der Bedeutung in ihre Überlegungen einzubeziehen, "

Das ist jetzt wieder seltsam. Die Autorin unterstellte, wie gesehen, der Medizin religiöse Methoden, so daß sie mir als kritikwürdig erschienen. Nun fordert sie genau diese. Möglicherweise meint sie, die Medizin sollte die von ihr als religiös bezeichneten Strukturen auch als solche anerkennen. Wenn man aber die Rationalität dieser Momente versteht, erkennt man die Vermessenheit dieser Forderung. Ich wiederhole mich: das ist, als ob jemand einen Radio als Stimme Gaias deklariert, weil er von Elektrotechnik nichts versteht.

Selbst wenn die Medizin die ganzen Geistheilmethoden. die zum Beispiel auf Esoterik-Messen angeboten werden, erforschen wollte: wie anders als mit dem verunglimpften Doppelblindtest soll man so was untersuchen ?

Ich wollte der Autorin nicht zu nahe treten, aber ihre Behauptung ist einfach so tiefgreifend, sie negiert damit eigentlich die wissenschaftliche Vorgehensweise. Sie sollte sich vielleicht mal ein bischen mit der Methodik beschäftigen, damit sie weiß, wovon sie schreibt. Ihr Blog zeugt von starkem Nicht-Verstehen.

1.4.2012 auf Grund der Kommentare folgt dieser Blog:

www.freitag.de/community/blogs/kenua/begruendung-des-wissenschaftsglaubens---

18:47 30.03.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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