Wissenschaftssoziologie

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1 Wissenschaftssoziologie

1.1 Ausgangssituation S. 33 - 37

Die Anfänge

Begründer der Wissens- bzw Wissenschaftssoziologie waren Max Scheler (1874 – 1928 ) und Karl Mannheim (1883 – 1943). Ersterer verlieh ihr ihren Name, Letzterer führte sie von einer metaphysischen zur empirischen Methode.

Paradigma

Jedes Wissen reflektiert nicht nur seinen Gegenstand, sondern wird durch außertheoretische Umstände sowohl in seiner Entstehung als auch in seiner Geltung mitbestimmt: es ist standortbezogen.

Um Relativismusproblemen zu entgehen, gestand Mannheim zum einen den Naturwissenschaften die Sonderstellung unabhängiger Wissensgenese zu.
Zum anderen kann in den Geistes- und Sozialwissenschaften Objektivität nicht durch Ausmerzen der jeweiligen Perspektive, sondern durch ihre Mitbeschreibung zur Aussage gewonnen werden. Einem historischen Werk etwa kann man ansehen, ob es der Schule des Positivismus oder des Marxismus angehört: der gleiche Gegenstand wird dann zwar richtig, aber unter anderen Aspekten beschrieben. Berücksichtigt man die Strukturdifferenz der Schulen, kann man die Aussagen sogar „umrechnen“ oder „übersetzen“.
Sozialer Träger dieser „synthetisierenden Sicht“ war nach Mannheim eine „sozial freischwebende Intelligenz“, die sich aus Teilnehmern unterschiedlicher Herkunft und Denkweisen zusammensetzte.

So gingen Wissen- und Wissenschaftssoziologie bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts getrennte Wege: erstere beschrieb die soziale Gebundenheit der geistes- und sozialwissenschaftlichen Theorien, letztere die institutionellen Rahmenbedingungen und soziologischen Organisationen der Naturwissenschaften. Gesellschaftliche Einflüsse wurden nur als Verfälschung oder Behinderung der unabhängigen Theorienbildung gesehen.

Radikale Entwicklung

Bis dahin herrschte in der Wissenschaftsphilosphie der Erkenntnistheoretische Realismus, der den Naturwissenschaften universelle kontextunabhängige Ergebnisse zubilligte. In der post-Popper-Diskussion vollzog sich die antipositivistische Wende, es werden Mary Hesse, Thomas S. Kuhn, Imre Lakatos, Norwood R. Hanson, Stephen Toolmin und Paul Feyerabend genannt.

Folgende Konzepte wurde erarbeitet:

Die Unterdeterminiertheitsthese besagt, daß durch Daten keine eindeutige Theorie bestimmt wird, sondern mehrere, sogar unvereinbare Theorien zur Erklärung möglich sind. Daten reichen nicht aus, um zwischen konkurrierenden Theorien zu entscheiden.

Die Duhen-Quine-These richtet sich gegen den Isolationismus, wie er in Poppers Falsifikationismus benutzt wird: einzelne Thesen wirken immer auf einen Theoriekomplex, können also nicht für sich geprüft werden.
In der Literatur werden verschiedene Autoren benannt, etwa als „Duhem-Hesse-Lakatos“-Theorem oder als „Duhem-Neurath-Quine“-Theorem, und andere.
Kuhn, Lakatos und Feyeraben wiesen die anfänglich nur abstrakt formulierte These an konkreten Beispielen nach. Die Baath School um Harry M. Collins führte mit dem „Empirical Programme of Relativism“ die These anhand auf lange Zeiträume ausgerichteter Untersuchungen auf den Boden empirisch nachgewiesener Wissenschaftsentwicklung: diese folge nicht den normativen Vorgaben des Popperschen Falsifikationsmodells.

Thomas S. Kuhn arbeitete die These der Theoriegeladenheit empirischer Untersuchungen aus. Sie widerlegt die Trennung zwischen Theorie und Beobachtung, die bisher eine sichere und invariante empirische Basis postulierte. Es gibt keine voraussetzungslose Beobachtung, sondern die gewonnenen Aussagen basieren immer auch auf theoretischen, kulturellen und soziologischen Vorannahmen. Entsprechend sind die Meßmethoden und Versuchsaufbauten nach solchen Einflüssen vorgeformt. „Jede Tatsache, selbst die einfachste, enthält bereits eine Theorie“, Spengler 1972 s.485).
Da sich die Wirklichkeit je nach Vorannahmen und Versuchsanordnung verschieden präsentiert, stellt sich die Frage nach einem Außenkriterium zur Entscheidung über die wissenschaftlichen Aussagen: ein offenes Problem.

Damit widerspricht Kuhn der Auffassung eines langsamen, aber unaufhaltsamen Erkenntnisfortschritts gegenüber eine Vielzahl von Irrtümern. Vielmehr gebe es Perioden „normaler Wissenschaft“, die in einer „Krise“ zum Paradigmenwechsel, einer „wissenschaftlichen Revolution“ führen. Dabei werden die Erkenntnisse über die „Natur“ nicht notwendigerweise größer, aber eine neue Phase „normaler Wissenschaft“ wird eingeleitet. Die neuen Paradigmen sind mit den alten inkompatibel, sie werden durch die tragende „scientific community“ ausgewechselt: ein sozialer Prozeß. Eine Erklärung des Fortschritts muß deshalb von einer Analyse der beteiligten Forschergruppen ausgehen.
Ähnlich hat drei Dezennien vorher Ludwik Fleck argumentiert.

1.2 Edinburgh Strong Programme S. 37 - 43

David Bloor formulierte es 1976 als theoretisches Konstrukt. Auch die Mathematik soll mit den anderen Naturwissenschaften nach außertheoretischen Einflüssen untersucht werden. Ohne konkrete Methoden stellte er Kriterien für dieses Unterfangen auf.

Ich zitiere wörtlich, da ich mir über manche Interpretation nicht ganz sicher bin.

1. … Studien... müssen erstens die zu untersuchenden (wissenschaftlichen) Anschauungen oder Wissensbestände kausal aus den sozialen Bedingungen, die ihnen zugrunde liegen, erklären können.
2. Sie müssen zweitens unvoreingenommen sein gegenüber der Wahrheit und Falschheit wissenschaftlicher Behauptungen. Beide verlangen in gleichem Maße nach einer soziologischen Erklärung.
3. Drittens habe das Prinzip der Symmetrie zu gelten, das heißt, wahre und falsche Anschauungenen müssen durch dieselbe Ursache erklärt werden.
4. Viertens sollen die Erklärungsmuster des „Strong Programme“ auf sich selbst anwendbar, also reflexiv sein. Andernfalls würde es seinen eigenen Anspruch widerlegen.

Neutralitäts- und Symmetrieprinzip erregten Aufsehen und wurden später von Barnes und Bloor präzisiert:
Dass alle Überzeugungen („beliefs and statements of knowledge“) hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit auf einer Stufe stehen, bedeutet nicht, daß alle Überzeugungen gleich wahr oder gleich falsch wären, sondern daß, unabhängig von Wahrheit oder Falschheit, die Tatsache ihrer Glaubwürdigkeit als problematisch anzusehen ist. … Das heißt, der Forscher muß davon, ob er eine Überzeugung als wahr und rational oder als falslch und irrational bewertet, nach den empirisch nachweisbaren Gründen für ihre Glaubwürdigkeit suchen. Epistemologisch gesehen, rückten die Grenzen zwischen Wissenschaft und Obskurantismus in den Hintergrund des Interesses. Als viel spannender wurde das ihnen Gemeinsame, der beidem zugrunde liegende sozialhistorische Hintergrund empfunden.

Ende des wörtlichen Zitates.

Kant und Hume stellten von Erfahrung unabhängige, der Empirie vorausgehende Strukturen oder Wissen fest, das damit kulturunabhängig für alle Menschen gleich ist. Insbesondere die Mathematik wäre hier betroffen. Solches Wissen heißt in der Philosophie a priori und sind wissenschaftssoziologischer Untersuchungen nicht zugänglich.
Bloor stimmt dem nicht zu.

Bammé unterscheidet zwischen einem a priori-Kern der Mathematik und einer aktuellen Tagesmathematik. Auch die praktische Mathematik läge außerhalb dieses Kerns.

Allerdings liegt die Konstitution dieses mathematisch-logischen Wissens weit in der Vergangenheit. Seine Arbeit beginnt bei den antiken Griechen.

Meine Schwierigkeit: wenn solches Wissen außertheoretischen Einflüssen unterliegt, kann es auch falsch sein, obwohl diese Einflüsse nicht so direkt negierend sind wie im Mittelalter. Also müßte man durch diese Untersuchungen auch Irrtümer aufklären können. So ist es aber wohl nicht gemeint.

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22:55 30.01.2012
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