Nervennervössein

Sprachzirkus Sissi Tax´ neues Buch "und so fort" führt geradewegs in die Hirnzettelkästen der Verkunstung

Wenn man einer passionierten Geschichtenerzählerin das neue Buch von Sissi Tax zum Rezensieren gibt, ist das eine heikle Sache, denn das Beschreiben der Gegenwelt des Erzählens mündet unter diesen Umständen leicht ins Fahrwasser des Nicht-Begreifens. Aber, da ich mich vor der Verfasserin der Fleißer-Biografie schreiben, überleben und der Nachdichterin von Gertrude Stein verneige, lese ich tapfer die sechzig Seiten und so fort.

Was ist das für ein Text? Schublade 1: ein experimenteller. Das Experiment besteht darin, auszuprobieren, bis zu welchem Erschöpfungsgrad man Wörter, Sprache, Phrasierungen im Kreis herum oder in Ausweitungszonen des Klangs treiben kann. Schublade 2: ein Suchtext der Kategorie "Schreiben übers Schreiben". Schriebe ich, ich würde schreiben von diesem und jenem, jenem und diesem und jenen, jenen und diesen ... Das ist der Startschuss zum Marathon durch die Suchschleifenwege nach der Antwort auf die Frage, was wäre, wenn die Autorin schreiben würde, würde sie schreiben, obwohl sie das ja tut, aber glaubt, sie schriebe nicht, auch wenn sie unablässig schreibt, sie schriebe nicht, aber wenn - !! Zugegeben: ich kann Autoren, die darüber schreiben, dass sie nicht schreiben können nicht ertragen, weil ich denke: da sollten sie doch besser schweigen. Aber Sissi Tax fällt nicht darunter. Grund: sie kokettiert nicht mit ihrem Unvermögen, sie gibt eine Vorstellung. Sprachzirkusreif.

Der Marathon der Worte, die Sprachmaschine, die den Leser in ein mäanderndes Flechtwerk von Bedeutungen, Assoziationen, Rätseln verspinnt. Die Sprache als Material formt sich zur Musik, zum Konzert. LAUTgestalten transportieren den Klang, der Klang ist der Gedanke, doch ich fühle mich bereits etwas schwach, um zu folgen. Okay, ich bin unsportlich, altmodisch und lobe nicht gern den Selbstzweck der Sprache, der jeder irdischen Logik verschlossen bleibt. Aber ich staune über Tax´ artistisches Können: was hat sie nicht alles für Worte parat, und wie sie damit jongliert, es vergeht einem tatsächlich auf interessante Weise das Denken. Die Autorin kämpft konsequent gegen das Gewöhnliche, ich freilich kämpfe auch mit der Müdigkeit, die sich bei mir immer einstellt, wenn ich serielle Texte lese.

Für mich wird solcherart Umgang mit Sprache immer dann interessant, wenn Lügen, Morbiditäten, der Wahnsinn der Gesellschaft, das heißt auch der herrschenden Sprache, in den Medien in der Religion in ihren Strukturen aufgedeckt wird. Vielleicht tut Sissi Tax das ja auch, und ich bin es, die zu schnell mit der Suche aufgibt. Spiel allein, so bunt und vergnüglich kaleidoskopisch es sein mag, genügt mir nicht. Die Manier, das Schneckengewinde der Verkunstung, bringt mich nicht wirklich voran.

Vielleicht sucht die 1954 in der Steiermark geborene Autorin auch wirklich nach etwas anderem als dem, was sie in ihrem Buch geschrieben hat. Aber gleich frage ich: warum sollte sie? Konventionelle Geschichten oder Selbstfindungen würde ich ihr gar nicht abnehmen. Der Text von Tax speist sich aus vielen bekannten Futterquellen: zum Beispiel aus der des barocken spinnerten Genius Quirinus Kuhlmann, aus denen der Altmeister von Arp bis Jandl und natürlich aus Gertrude Stein, der Mutter der transatlantischen Moderne. Womöglich soll und so fort den Erzählliebhabern und -forschern ein großes ÄTSCH entgegenrufen. Oder es soll Stoff abgeben für eine Doktorarbeit übers Nervennervöse. Wie auch immer: die Autorin lädt ein, in ihrer großen Spiel- und Rüttelkiste zu stöbern, in hirnzettelkästen, in phänomenal trivialen und trivial phänomenalen, in ihren oberstüberls und unterstüberls, mit und ohne dachschaden.

Sissi Tax: und so fort. Droschl, Graz 2007, 67 S., 16 EUR


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