Cool sein genügt

Fashion Weak Elitäre Blogger, versnobbte Schnorrer. Die Berliner Fashion Week legt den Finger in die Wunde einer Stadt, die als Metropole erst noch erwachsen werden muss
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Cool sein genügt

Foto: Zunino Celotto/Getty Images

Wer nicht gerade direkt und fest im Fashion-Business arbeitet und dadurch von der Geschäftigkeit ausgenommen ist, dem kommt Berlin zwei Mal im Jahr wahrscheinlich vor wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern gleichzeitig. Es gibt durchgehend Geschenke, man trinkt zu viel und dazu Entertainment an jeder Ecke (zumindest in Mitte). Fast könnte man vergessen, dass es hier eigentlich um Mode geht.

Die mantraartig alles gutheißenden Fashion-Blogger produzieren zwar in einer Woche mehr Posts als sonst in einem Monat, aber auf ihr Urteil verlassen sollte man sich nicht. Mit einem Teil aus der aktuellen Kollektion bestochen, ist sowieso ein überschwänglich lobender Blog-Post, statt eines nur moderat lobenden, gesichert. Die Texte aus dem „Oh mein Gott“-Baukasten kratzen nicht einmal an der Oberfläche, sie polieren sie bestenfalls. Unabhängigkeit im ohnehin schon industrienahen Modejournalismus ist an der semi-permeablen Membran, der Teile der Blogosphäre zuweilen vor Professionalität schützt, abgeprallt.

Die Berliner selbst lassen es sich während den beiden Modewochen im Jahr ziemlich gut gehen. Das heißt: die Berliner (und Fashion- und Fach-Touristen), die es schaffen, auf den richtigen Listen zu stehen, weil sie die richtigen Leute kennen.

Erste Reihe im Zelt am Brandenburger Tor während einer Modenschau? Nicht für Fachpublikum oder zumindest dekorative Gesichter, sondern für - ja wen eigentlich? Sponsoren und Schnorrer? Ein Internet-Meme, das während der Fashion Week auf Facebook herumgereicht wurde, vergleicht die erste Reihe der Pariser und der Berliner Modewoche. Während man in Paris zwischen den schönen Gesichtern nervös werden könnte, hat man in Berlin nervöse Zustände, weil man Angst hat zusammengeschlagen zu werden. Dorfdisko-Charmebolzen und Hühnerstall-Tussis. Das ist weder arm noch sexy, sondern nur prollig.

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Für alle, die es nicht ins Zelt schaffen, bleibt dieser Ort magisch, ja mythisch. Wer drin ist, fragt sich warum. Was ist so spannend daran durchgehend betrunken zu sein, weil man aus Langeweile zwischen den Shows durchgehend zum Sekt-Aperol greift? Eleganz vermisst man, stattdessen gibt es überall prätentiöse Hektik, ein bisschen Fachpresse und provinzielle Blogger, die verzweifelt eine Steckdose suchen um Posts online stellen zu können. Wenn sie nicht gerade tippen, stehen sie verschämt in der Ecke und ziehen Lippenstift nach, der die Unsicherheit mit Arroganz zu übertünchen versucht. Die Blogger, für die es mit der Akkreditierung nicht geklappt hat, bleibt nur sich vor dem Zelt zu tummeln und fleißig Outfits zu fotografieren. Touristen beobachten hier das Schaulaufen und Paradieren um dafür zu sorgen, dass die Speicherkarten der Kameras nur so überquellen von gerade erst Volljährigen in zu teuren Outfits.

Vor ein paar Jahren war die Fashion Week, vor allem im Sommer, neben den Messen und den Schauen noch ein gemütliches Fest auf der Torstraße. Mittlerweile gibt es zu viele Events, die um Besucher konkurrieren. PR-Agenturen pusten den Ballon immer weiter auf, von Saison zu Saison gibt es mehr zu tun, zu sehen, abzugreifen und zu saufen.

Spannender als das, was eigentlich passiert, ist aber eigentlich das, was diejenigen, die gerne Zaungast wären, zu verpassen glauben. Mit ehrfürchtigen Äuglein schauen sie die an, die mit schlecht kaschierter Feierlichkeit von ihren Abenteuern in den elysischen Gefilden der Mode erzählen um die alkoholgetränkten höheren Weihen. In der Stadt der Subkulturen und experimentierfreudigen Lebensstile lässt der Kommerz ganz plötzlich temporäre Hierarchien entstehen. Die Distinktionsfreude der Berliner, sie passt ihnen dann wie die Faust auf‘s Auge. Diese Stadt amüsiert sich gerne mit Heimlichtuerei, Abgrenzung und Biotop-Bildung für Coolness. Aber die öffentliche Zurschaustellung bricht der Ästhetik des Verborgenen, die den Reiz der Berliner Avantgarden ausmacht, das Genick.

Die Heuschrecken verlassen den Untergrund. Bohemians oder solche die es gerne wären braucht man nicht lange bitten. Free Drinks? Eine Ketten-SMS gestartet, schnell auch noch auf Facebook verteilt, und los geht‘s: ein ganzer Trupp kreuzt auf, säuft und geht wieder, sobald die Bar leer ist. Wer die Events veranstaltet, fürchtet sich vor diesen Freisuff-Hipstern. Wer da war, der spielt die Events runter.

Eine seltsame Mischung aus Arroganz und Ignoranz bestimmt die Ausstrahlung derjenigen, die einfach die richtigen Freunde haben und es auf die Parties schaffen. Es geht um Integrität und soziale Kontakte. Auf der richtigen Party zu sein, Akkreditierungen zu erhaschen und die besten Goodies abzugreifen: das ist die Mission für viele während der Fashion Week. Modeaffin könnte man sie nennen, Hipster auf Schnitzeljagd trifft es wohl besser.

Das Dilemma, in dem Berlin gerade steckt, kommt genau alle sechs Monate zum Ausdruck. Auf der einen Seite gibt es eine In-Crowd, die es schafft, immer auf den richtigen Veranstaltungen zu sein, ohne sie wirklich zu genießen. Sozialer Status und Standesdünkel ohne besondere Gründe. Facebook-Fame genügt.

Gleichzeitig mangelt es an Professionalität, der einen produktiven Austausch ermöglichen würde. Auf den Großteil der erwähnten Blogger kann man nicht zählen: deren Inhalte darin bestehen darin, sich selbst in Klamotten zu fotografieren, die ihnen von Labels und Agenturen zugeschickt werden. Sie werden herumgereicht und zu kleinen Stars gemacht, obwohl sie doch eigentlich nur ihren jugendlichen Narzissmus befriedigen wollten. Nabelschau einer Industrie, die zwanghaft versucht ein bisschen Glamour zu produzieren. Manchmal fragt man sich, ob den Beteiligten klar ist, wie käsig das alles wirkt. Wahrscheinlich schon, zumindest den erwachseneren Beteiligten.

Um Inhalte geht es (noch) viel zu selten. Es gibt sie, die spannenden Kollektionen und die interessanten Designer. Trotz der zwischendurch tapsigen Berichterstattung: Berlin ist eine Mode-Stadt. Keine Stadt der Mode-Industrie, aber eine Stadt in der Trends geboren und vergoren werden. Auch von Leuten, deren pure Coolness sie dazu befähigt während der Fashion Week ihr soziales Kapital voll auszuschöpfen.

Aber Berlin wächst, es ziehen immer mehr Leute in die Stadt, denen der ironische Blick auf den Mode-Zirkus hier fehlt. Neidisch schielen sie auf die, die es schaffen, die Shows zu sehen oder auf den richtigen Events aufzukreuzen.

Es hat etwas Neo-Feudalistisches, wenn Berlin im Modefieber ist. Auf der einen Seite die Auserwählten, auf der anderen Seite die scheinbar von der Coolness Vergessenen.

Erst durch sie wird der Hipster-Adel produziert. Erst die Neider, die Zuschauer und Nicht-auf-die-Liste-Schaffer erlauben denen, die kein +1 sein müssen, sich gut zu fühlen. Wenn sie Glück haben, bekommen sie die unnötigen Goodies geschenkt. Wenn sie noch mehr Glück haben, wissen sie: Fashion Week ist nur zwei Mal im Jahr und verpassen tut man nichts.

10:03 17.07.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kevin Junk

Freier Journalist und Blogger über alles zwischen Pop- und Subkultur.
Kevin Junk

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