Das Massaker in Galați vom 30. Juni 1940

Terror Das Massaker in Galați (Galatz), Rumänien, jährt sich am 30. Juni 2020 zum 80. Mal. Grund genug das historische Ereignis zu gedenken und zu erinnern.
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Das Ereignis, das Massaker, vom 30. Juni 1940 in Galați, kann nur im geschichtlichen Kontext betrachtet und bewertet werden. Am 30. Juni 1940 wurden 300 bis 400 Menschen in Galați getötet. Hier ein kurzer, nicht vollständiger Überblick über die Situation in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg bis 1940 in Rumänien und in Bessarabien:

Rumänien:

Auf der Pariser Friedenskonferenz (18. Januar 1919 bis zum 21. Januar 1920), in Folge des 1. Weltkrieges, wurde unter anderen über das Territorium Rumäniens entschieden. Auf Grund besonderer Umstände wurde Rumänien das Szekler Land zuerkannt. In Siebenbürgen, in Bessarabien sowie in der Bukowina entschieden Regierungsgremien über den Anschluss an Rumänien. Eine Bestätigung der Entscheidungen der Regierungsgremien wurde im Vertrag von Trianon im Jahre 1920 bestätigt.

Eine Volkszählung, unter Leitung von Sabin Manuilă, aus dem Jahr 1930 ergab, dass Rumänien eine Gesamtbevölkerung von 18.057.028 Einwohner aufwies. Davon waren ca. 71 % Rumänen, ca. 8 % Ungarn, ca. 4 % Deutsche, ca. 4 % Juden, ca. 3 % Ukrainer und Russen, ca. 1,5 % Roma und weiteren Bevölkerungsteilen.

In den 30iger Jahren war Rumänien sehr zerrissen und u.a. daran zu erkennen, dass es von 1930 bis 1940 mehr als 25 verschiedene Regierungen gab. So entwickelte sich in dieser Zeit eine radikal nationalsozialistische und antisemitische Partei der Rumänen, die „Eiserne Garde“, gegründet im Jahr 1927. In den 30iger Jahren hatte die „Eiserne Garde“ ca. 250.000 Mitglieder und wurde zur drittgrößten faschistischen Partei in Europa. (Radu Harald Dinu: Faschistische Gewalt „von unten“, Rumänien 1940–1941)

Unter den Deutschen in Rumänien ist eine parallele Entwicklung zu erkennen, auch auf Grund von Benachteiligungen der Minderheiten in Rumänien – darunter eben auch der Deutschen in Rumänien. Von Fritz Fabritius wurde im Mai 1932 die „Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien“ (NSDR) gegründet. Anfang 1934 erfolgte die Umbenennung der NSDR in „Nationale Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien“ (NEDR). (Johann Böhm: Hitlers Vasallen der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vor und nach 1945) In der Folgezeit gründeten sich der "Verband (Volksgemeinschaft) der Deutschen in Rumänien“ (VDR), mit einer nationalsozialistischen Ausprägung, und die „Deutsche Volkspartei in Rumänien“ (DVR) – der radikale Flügel der „Volksdeutschen“ unter Führung von Dr. Alfred Bonfert, Dr. Waldemar Gust und Herwart Scheiner. (Johann Böhm: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, 6. Jahrgang, Heft Nr. 2, November 1994) Anmerkung: Alfred Bonferts Sohn Wolfgang war von 1983 bis 1989 Bundesvorsitzender der Landsmannschaft „Verband der Siebenbürger Sachsen“. (Lutz Connert: Sprengmeister oder Brückenbauer? Die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen und ihre Vorsitzenden)

Im Rahmen der „1.000-Mann-Aktion“, wonach 1000 junge und deutschsprachige Männer mit einer nachgewiesenen deutsch-arischer Abstammung für die Waffen-SS angeworben wurden sind, war im Frühjahr 1940 erfolgreich. Bei dieser Aktion wirkte Andreas Schmidt, der spätere Gründer der „NSDAP der Deutschen Volksgruppe in Rumänien“ (NSDAP der DViR) aktiv mit. Am 12. Juni 1940 fuhr ein Schiff mit den ca. 1.000 Freiwilligen von Orsova zur Ausbildung ins Reichsgebiet. Die Jugendlichen entzogen sich somit Ihre Wehrpflicht in Rumänien und verloren mit der Grenzüberschreitung die rumänische Staatsbürgerschaft. (Stphan Olaf Schüller: Für Glaube, Führer, Volk, Vater- oder Mutterland?, Die Kämpfe um die deutsche Jugend im rumänischen Banat)

Am 9. November 1940 gründete Andreas Schmidt die „NSDAP der Deutschen Volksgruppe in Rumänien“ (NSDAP der DViR); alle Massenorganisationen der deutschen Bevölkerung wurden so der NSDAP der DViR untergeordnet.(Johann Böhm: Hitlers Vasallen der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vor und nach 1945)

Ende 1937 wurde der Antisemitismus zur Staatpolitik Rumäniens, mit der Regierungsbildung von Octavian Goga und Alexandru C. Cuza (National-Christliche Verteiligungsliga, rum.: Liga Apărării Național Creștine). Ab 22. Januar 1938 bis November 1939 wurden 36 % der Juden (insgesamt 225.222) die verliehene Staatsbürgerschaft per Gesetz entzogen und somit automatisch staatenlos. (Krieg- und Zwangsmigration 1940-1950, Franz Steiner Verlag, 2019 – Marianna Hausleitner, Deportation in Rumänien 1941-1943 zum Forschungsstand und neuen vergleichenden Ansätzen)

Bessarabien und Bessarabien als Teil von Rumänien:

In Folge des 1. Weltkriegs und der Oktoberrevolution in Russland kam es Anfang 1918, am 31. Januar 1918greg, zur Bildung der Sowjetrepublik Odessa - aus Bessarabien und Teilen des Gouvernements Cherson. Nur 6 Tage später, am 6. Februar 1918greg., bat der Landesrat (Sfatul Țării) Rumänien um militärischen Beistand. Daraufhin marschierten die rumänischen Truppen in Bessarabien ein und brachten es nach kriegerischen Auseinandersetzungen unter die Kontrolle von Rumänien. In der Folgezeit zogen die rumänischen Truppen nicht mehr ab. Im November 1918 stimmte der Landesrat (Sfatul Țării) für eine bedingungslose Vereinigung mit Rumänien. (Cristina Petrescu, "Contrasting/Conflicting Identities:Bessarabians, Romanians, Moldovans" in Nation-Building and Contested Identities) Im Pariser Vertrag von 1920 wurde schließlich der Anschluss von Bessarabien an Rumänien anerkannt.

Nach Anschluss von Bessarabien an Rumänien erfolgte ein Ausbau der Infrastruktur in Bessarabien selbst. Auch wurde eine Agrarreform ab 1920 durchgeführt, wonach die Grundbesitzer, mit mehr als 100 Hektar Eigentum an Grund und Boden, enteignet worden sind. Das Land wurde Bauern ohne Grund und Boden übertragen.

Im Rahmen der Volkszählung im Jahr 1930 in Rumänien wurde auch die Bevölkerung in der Region Bessarabien erfasst. In Bessarabien wurde eine Anzahl von ca. 2,8 Millionen Menschen gezählt; darunter Moldauer/Rumänen (ca. 56 %), Ukrainer (ca. 11 %), Russen (ca. 12 %), Gagausen (ca. 3,5 %), Bulgaren (ca. 5,7 %), Juden (ca. 7,1 %), Deutschen (ca. 2,8 %) und weiteren Bevölkerungsteilen. (Hildrun Glass: Zerbrochene Nachbarschaft. Das deutsch-jüdische Verhältnis in Rumänien (1918-1938))

Die politische Entwicklung in Rumänien und der Deutschen in Rumänien, u.a. auch mit der Gründung der „Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien“ (NSDR) blieb nicht ohne Auswirkung in Bessarabien. So bildete sich 1933 unter den Deutschen in Bessarabien die „Bessarabische Deutsche Erneuerungsbewegung Volksdienst“. Angehörige dieser Bewegung waren u.a. Intellektuelle, wie Lehrer und Kirchenführer. (Hugo Schreiber: Die Erneuerungsbewegung in Bessarabien in: Jahrbuch der Deutschen aus Bessarabien 2008 )

Am 23. August 1939 unterzeichneten Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow und Joachim von Ribbentrop den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. In einem geheimen Zusatz zum Nichtangriffspakt wurde die Rückgabe von Bessarabien an die Sowjetunion zwischen Deutschland und der Sowjetunion geregelt. Deutschland hatte angeblich kein Interesse an Bessarabien.

Ab 1939 wurden unter Leitung der „Volksdeutschen Mittelstelle“ (VoMi), die seit längerer Zeit im Ausland lebenden Deutschen, unter der Überschrift „Heim ins Reich“, in die Reichsgaue, nach Südtirol und in die Steiermark, umgesiedelt. Hierzu wurden zwischen den einzelnen europäischen Staaten und Deutschland bilaterale Verträge abgeschlossen. Bereits am 22. Oktober 1939, nur ca. 2 Monate nach Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes, wurde zwischen Deutschland und Rumänien ein Abkommen zur Umsiedlung der „Volksdeutschen“ aus Bessarabien, aus Dobrudscha und aus der Bukowina abgeschlossen. (Ulrike Ruhrmann, Schriften zum Öffentlichen Recht, Band 662, Reformen zum Recht des Aussiedlerzuzugs)

Im Juni 1940 überschlugen sich die Ereignisse für Rumänien. Am 26. Juni 1940 stellte die Sowjetunion das Ultimatum an Rumänien, wonach innerhalb von 2 Tagen die jeweiligen Administrationen aus Bessarabien, aus der nördlichen Bukowina und aus dem Herza-Gebiet abzuziehen sind. Deutschland und Italien wurden am 24. Juli 1940 über das Ultimatum der Sowjetunion informiert. Nur 2 Tage nach dem Ultimatum gegenüber Rumänien, am 28. Juni 1940, begann die Annexion von Bessarabien, der nördlichen Bukowina und des Herza-Gebietes durch die Sowjetunion.

Das Massaker in Galați vom 30. Juni 1940

Sowohl Galați als auch Reni spielten ab 28. Juni 1940 bei der Annexion von Bessarabien durch die Sowjetunion eine wichtige Rolle.

Galați ist eine Großstadt im Osten in Rumänien, direkt an der Donau gelegen. Unweit von Galați, in nördlicher Richtung, bildet der Fluss Pruht, der zweitgrößte Nebenfluss der Donau, die Grenze zur heutigen Republik Moldawien und der damaligen Region Bessarabien, und Rumänien.

1930 lebten in Galați insgesamt 100.600 Menschen, davon ca. 69.500 Rumänen, ca. 19.000 Juden, ca. 3.000 Russen, ca. 2.500 Griechen, ca. 2.200 Ungarn, ca. 1.200 Deutsche und weiteren Bevölkerungsanteilen.

Die heutige Stadt Reni, mit seinen ca. 20.000 Einwohnern, liegt in der Ukraine, im Dreiländereck der Länder Rumänien, Moldawien und der Ukraine. Die Pruht fließt bei Reni in die Donau. Noch heute existiert der Grenzübergang Reni, als Grenzpunkt zwischen Rumänien und Moldawien. Bis zur Annexion im Jahr 1940 gehörte Reni zu Rumänien.

Die Städte Galați und Reni, ca. 20 km voneinander entfernt, waren damals auf Grund des Nadelöhrs zwischen den beiden Regionen, über eine Schienenverbindung, über die Donau und über eine Straße miteinander verbunden. Es bestand ein vielfältiger Warenverkehr. In Galați befand sich für den Warenaustausch über die Schiene ein großer Güterbahnhof, der Bahnhof Nr. 8 (Gara 8).

Ab 28. Juni 1940 standen diese beiden Städte bei der Rückführung der Behörden, des Militärs und Bürger aus Bessarabien, aber auch für die Menschen, die Rumänien verlassen wollten bzw. mussten, im Brennpunkt. Aus Bessarabien kamen die rumänischen Angestellten, das rumänische Militär mit ihren Sachgütern sowie die ca. 10.000 Flüchtlinge in die Stadt. Auf der anderen Seite strömten die staatenlosen Juden, aber auch andere Bevölkerungsteile, die in Bessarabien ihre Heimat hatten bzw. die nächsten Angehörigen in Bessarabien wohnten, nach Galați, um nach Bessarabien und somit in die Sowjetunion auszuwandern bzw. in ihre Heimat zurückreisen wollten. Am 30. Juni 1940 haben noch ca. 2.000 bis 3.000 Menschen in Galați auf die Weiterreise gewartet; ein Großteil der wartenden Menschen waren Juden.

Das Klima unter den unterschiedlichen Bevölkerungsteilen, ab spätestens Ende der 30iger Jahre, kann bis zum Ultimatum als kritisch eingeschätzt werden; befeuert wurde dieses Klima noch einmal durch das Ultimatum der Sowjetunion selbst.

Die Ereignisse rund um das Massaker selbst sind nach meinen Erkenntnissen noch immer nicht ganz sicher geklärt worden. Mir liegen folgende, nicht ganz übereinstimmende, Abläufe des Massakers in Galați vor:

Radio Romania International, Beitrag vom 28. Oktober 2018 => “Massaker in Galatz 1940: Hasserfülltes Klima und Verwirrung“ (https://www.rri.ro/de_de/massaker_in_galatz_1940_hasserfulltes_klima_und_verwirrung-2588807)

Die Menschen aus beiden Richtungen mussten die Pruth überqueren, um an das jeweilige Ziel zu gelangen. Hierfür wurde von den Behörden ein Grenzübergang eingerichtet. Auf einem brach liegenden Grundstück, im Bahnhofsbereich, wurde eine Sammelstelle für diejenigen eingerichtet, die in die Sowjetunion auswandern wollten. Die Behörden sollen dann beschlossen haben, Zollgebühren von den Menschen zu verlangen, die nach Bessarabien ausreisen wollten. Die Sammelstelle wurde von einem Marineregiment bewacht. Nach einem Konflikt zwischen einer Familie und einem Matrosen, gab der Matrosen einen Warnschuss ab. Der Lagerwächter vermutete, dass auf ihm geschossen wurde und eröffnete daraufhin auf die Lagerinsassen das Feuer. Es soll zur Tötung von einigen Dutzend bis 400 Menschen gekommen sein. Dabei soll es sich um Bewohner der Stadt gehandelt haben, davon um viele Juden.

Lt. Adrian Cioflâncă, Leiter des Zentrums für das Studium der Geschichte der rumänischen Juden, gibt es Geheimdienstberichte, wonach es Gerüchte gab, dass Galați durch die sowjetischen Truppen besetzt werden sollte. Die Gerüchte sollen von bessarabischen Flüchtlingen verbreitet worden sein. Während des Rückzuges der rumänischen Armee soll es zu Demütigungen der Rumänischen Soldaten, zu Degradierungen und zu Tötungen gekommen sein; auch sollen die Soldaten bespuckt und geschlagen worden sein. Auf Grund der schlechten Ausstattung musste ein Großteil der Sachgüter per Pferdewagen und Pferde nach Galați transportiert werden.

Zusammenfassend wurde das Massaker lt. Beitrag von Radio Romania International so bewertet: Das Massaker in Galatz war die tragische Folge der Kombination eines hasserfüllten Klimas, Gerüchten und spontanen Ereignissen.

Mariana Hausleitner, „Galați-Massaker (1940) („Handbuch des Antisemitismus, Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Herausgegeben von Wolfgang Benz, Seite 138 und 139)

Auf den Straßen nach Rumänien stauten sich die Transporte abziehenden Militäreinheiten und die der Behörden, die das rumänische Staatseigentum mit nach Rumänien nehmen sollten. Da Galați an der neuen Demarkationslinie lag, kamen nicht nur das Militär und die Behörden in die Stadt, sondern auch ca. 10.000 Flüchtlinge aus Bessarabien. Zusätzlich strömten Juden und Slawen aus Rumänien nach Galați, die nach Bessarabien ausreisen wollten. Der Drang zur Auswanderung der Juden aus Rumänien entstand dadurch, dass ca. 1/3 der Juden in den Jahren 1938/1939 die rumänische Staatsbürgerschaft verloren hatten. Ursprünglich kamen diese Juden mehrheitlich aus Bessarabien und der Bukowina.

Lt. Bericht des Schweizer Botschafters in Rumänien, Rene de Weck, warteten noch 2.000 bis 3.000 Personen, davon ca. 90 % Juden, auf ihren Transport zum kleinen Hafen in Reni. Die Bewachung erfolgte von einigen Polizisten und Matrosen. Auf Grund sommerlicher Hitze wollten sich einige Auswanderer vom Sammelplatz entfernen. Daraufhin wurde auf sie geschossen. Es entstand Panik und die Bewacher schossen mit Maschinengewehren in die Menschenmenge. Das Massaker wurde vom General Aurilian Son vom 11. Armeekorps beendet.

Im Bericht des Generalstabs der rumänischen Armee wurde von Übergriffen im Lager von Juden berichtet und darüber, dass sich Juden trotz Warnung vom Lager entfernen wollten und zuerst geschossen haben. Im Bericht wurde erwähnt, dass es 10 bis 12 Tote sowie 40 Verletzte gab; zusätzlich wurden 80 weitere Personen festgenommen.

Im Zusammenhang mit dem Rückzug und des herrschenden Chaos des rumänischen Militärs aus Bessarabien kam es lt. des militärischen Informationsdienstes zu 42.876 Desertationen. Grund dafür war die frühzeitige Besetzung von Knotenpunkten durch die sowjetische Armee in Bessarabien.

In den Jahren nach 1990 wurde in vielen rumänischen Publikationen versucht, den rumänischen Holocaust zu leugnen und zu legitimieren. Eine internationale Kommission zur Erforschung des rumänischen Holocaust stellte 2004 fest, dass die angeblichen Angriffe der Juden auf die Bewacher in Galați eine Legende ist und bezifferte die Anzahl der getöteten Personen auf ca. 300.

Adrian Cioflâncă, Informații noi despre masacrele antisemite din 1940 (Neue Informationen über die antisemitischen Massaker im Jahr 1940) (https://www.pogromuldelaiasi.ro/2015/08/15/informatii-noi-despre-masacrele-antisemite-din-1940/)

Da der neue Grenzbereich „Reni-Galați“ wegen der rumänischen Flüchtlinge aus Bessarabien überfüllt war, mussten in Galați mehrere tausend Menschen, die nach Bessarabien ausreisen bzw. zurückreisen wollten, warten. Hierbei handelte es sich um Menschen aus Bessarabien, um Russen, Ukrainer und Juden. Hierzu wurde im Bereich des Bahnhofs in Galați ein einfaches, aber abgeriegeltes Lager errichtet. Am 30. Juni 1940 wurden hier ca. 2.000 Menschen ohne Wasser und Nahrung gefangen gehalten. Als einige Häftlinge gegen die Bedingungen protestierten, eröffneten lokale Polizisten und Soldaten, die gerade aus Bessarabien zurückgekommen sind, das Feuer. Mit Maschinengewehren wurden ca. 400 Menschen getötet; Opfer waren Bessaraber, Russen, Ukrainer und viele Juden. Im Nachgang wurde in der Presse die Wahrheit verdreht und behauptet, dass die Menschen, die nach Bessarabien ausreisen wollten, Waffen benutzten.

Auch wurden die ausreisenden Menschen, die über die Donau nach Reni gelangten, ohne Verpflegung in Schleppkähne über eine längere Zeit festgehalten.

Schlussfolgernd kann zusammengefasst werden, dass sich in den 30iger Jahren die Ideologie hin zum radikalen Nationalsozialismus in Rumänien entwickelt hat und in vielen Bevölkerungsschichten verbreitet war. Dabei spielte der Antisemitismus, als eine menschenfeindliche und ausgrenzende Gesinnung, die zur Staatspolitik in Rumänien wurde, eine sehr entscheidende Rolle. Die Propaganda selbst hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Ausgrenzung, Verachtung, Diskriminierung, Boykott gegenüber der jüdischen Bevölkerung wurden legalisiert; der Massenmord hingegen wurde mit Hilfe von Falschmeldungen verschleiert und sogar bis in die Gegenwart verharmlost und gerechtfertigt. Einen Überblick der Opferzahlen des Holocaust in Rumänien hat Jean Ancel in seinem wissenschaftlichen Beitrag „Statistik des Holocaust in Rumänien“ veröffentlicht. (Jean Ancel, Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, 17. Jahrgang, Heft Nr. 2, November 2005)

Die Rechtfertigung bzw. Kommentierung von „Radio Romania International“ vom 28. Oktober 2018, zum Massaker in Galați vom 30. Juni 1940, wonach das „hasserfüllte Klima und Verwirrung“ die Ursache für die Ermordung von bis 400 Menschen ist, kann von mir nicht im vollem Umfang nachvollzogen werden. „Ein hasserfüllte Klima und Verwirrung“ darf nicht als Rechtfertigung für die Ermordung von Menschen herhalten; dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Menschen oder um 400 Menschen handelt. Jeder Mensch ist eine einzigartige Persönlichkeit – mit seinen Gedanken, seinen Träumen, seine Hoffnungen, seinen Plänen, seinen Erwartungen auf Gerechtigkeit und das auch in schwierigen Zeiten.

Das Massaker in Galați vom 30. Juni 1940 war nicht das Ende einer schrecklichen und verheerenden Entwicklung, sondern der Beginn.

Noch zu klärenden Fragestellungen:

  • Wo befand sich das Lager der wartenden Menschen in Galați bzw. der Ort des Massakers genau? Nach meinen Informationen befand sich das Lager zwischen dem Hauptbahnhof und dem Bahnhof Nr. 8 (Gara 8), dem Güterbahnhof.
  • Gibt es eine Liste der Toten vom Massaker selbst und eine Liste der Toten, die im Zusammenhang der Flüchtlingsströme getötet worden sind.
  • Wo wurden die Toten in Galați beerdigt? Es ist hier zu prüfen, ob an Hand der beerdigten Menschen auf die getöteten Menschen geschlossen werden kann und so eine Liste der getöteten Menschen doch noch erstellt werden kann.
  • Gibt es noch Zeitzeugen in Galați, die sich an das Massaker erinnern und befragt werden können?

Im Juli 2020 werde ich Galați sein und versuchen, die Fragen anzugehen.

Weiterhin schlage ich vor, dass in Galați eine Erinnerungstafel zum Gedenken an das Massaker vom 30. Juni 1940 aufgestellt wird; als ein Symbol für Menschlichkeit und für den Kampf um den Weltfrieden.

11:40 22.06.2020
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Geschrieben von

KFB

Mann ueber 50 mit einer neuen Beziehung -- Umzug aus der Heimatstadt nach ueber 50 Jahren
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