„Ich habe noch viele Ideen“

Björn Reinhardt ist im Alter von knapp 40 Jahren nach Rumänien gezogen. Ein Gespräch über Rumänien, Maramures, Film und über eine neue Heimat.
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„Ich habe noch viele Ideen“

Foto: Björn Reinhardt - Weintal im Maramures

Björn Reinhardt ist vor 12 Jahren von Berlin nach Viseu de Sus in Rumänien (Maramures) gezogen, hat dort sein Glück gefunden, lebt in einer ethnologisch interessanten Bergwelt, wo er seine Filmprojekte verwirklicht und ein „Maramures-Filmarchiv“ aufbaut.

Klaus: Du bist in Berlin (Ost) geboren, in der DDR zur Schule gegangen, an der bekannten Kunsthochschule in Berlin-Weißensee studiert, als Bühnenbildner gearbeitet und Dokumentarfilme gedreht. Wann begann dein Interesse an Dokumentarfilme?

Björn: Tatsächlich habe ich bis Anfang 2000 als Bühnen-und Kostümbildner an unterschiedlichen Theatern in Deutschland gearbeitet und mir damals nicht wirklich vorstellen können, Dokumentarfilmer zu werden. Allerdings habe ich bereits Mitte der 90iger Jahre einen Dokumentarfilm in Siebenbürgen gedreht. Dieser Film wurde für mich so etwas wie eine Initialzündung, denn ich spürte sofort mein Talent, Filme zu drehen und zu schneiden. Das der erste Film dann gleich im Fernsehen gezeigt und für den Grimme-Preis nominiert wurde gab mir zusätzliches Selbstvertrauen. Aber erst unser Umzug nach Rumänien 2002 eröffnete mir diese Vielzahl von Möglichkeiten Filme in der Maramures zu drehen. Insofern ist die Maramures meine Inspirationsquelle gewesen. Auch wenn ich seit ein paar Jahren viele Filme in anderen Ländern drehe, wird die Maramures meine Basis bleiben.

Klaus: Wer schon einmal Siebenbürgen besucht hat, verliebt sich sofort in die wunderschöne Landschaft mit seinen Hügeln und Burgen und denkt sofort an die Märchen seiner Kindheit.Waren deine Filmaufnahmen zur Dokumentation „Hinter sieben Burgen“ die ersten Kontakte zu Rumänien?

Björn: Ja, denn ich kannte Siebenbürgen schon seit meiner eigenen Kindheit, weil meine Eltern im Sommer gerne mit mir dorthin gereist sind. In den 80iger Jahren habe ich dann eigene Bekanntschaften machen können und mit dem Siebenbürger Sachsen Johann Hopprich einen Sachsen kennengelernt, der auch heute Zuschauer beeindruckt. Dieser Film ist geradezu ein Klassiker über Siebenbürgen geworden und läuft hin und wieder auf einer Veranstaltung oder einem Festival.

Klaus: Und dann hat es dich 2002 nach Rumänien verschlagen?

Björn: Ich fand es immer interessant "verschlagen" zu werden. Wenn man wie ich jedes Jahr viele Wochen in Rumänien verbracht hat, stellt sich irgendwann die Frage, eine Entscheidung treffen zu müssen. Und warum soll man seine Träume nicht auch Leben können?

Klaus: In Rumänien entstanden ca. 30 Dokumentarfilme von dir. Welche Dokumentarfilme sind für die dich persönlich die wichtigsten?

Björn: Schwer zu sagen. Eigentlich ist mir der gerade aktuell gedrehte Film wichtig. Wenn man das Filmen passioniert betreibt, bringt man sehr viel von sich selbst mit in diese Arbeit ein. Aber natürlich kommen nicht jedes Mal gleich intensive Vorgänge zusammen. So würde ich meine "Ruthenische Trilogie" mit den Filmen "Obcina", "Kinderberg" und "Die dritte Violine" als etwas Einmaliges bezeichnen. Ich beziehe das jetzt persönlich auf mich selbst, denn ich drehe Dokumentarfilme nur deshalb, weil ich Dank meiner Neugierde außergewöhnlichen Menschen und Orten begegnet bin und genau dieses Erlebnis anderen mitteilen muss. Und das ganze dann so interessant und fesselnd wie eben möglich. Mein schönster Film ist vielleicht ein Film, den ich auf Kreta gedreht habe. "Kalami" ist ein Film, der alle meine Filmthemen auf poetische Weise miteinander verbindet, und dass dann immer ein bisschen melancholisch und komödiantisch zugleich.

Klaus: Auf dem diesjährigen „Internationalen Bergfilm Festival Tegernsee“ im Oktober hast Du eine schönen Erfolg ferner können. Welchen Film hast du beim Festival gezeigt.

Björn: Ich bin inzwischen auf sehr viele Filmfestivals eingeladen worden und habe fast immer etwas mit nach Hause bringen können. Allein die "Ruthenische Trilogie" ist sehr erfolgreich auf 25 Festivals gezeigt worden. So etwas macht dann die Runde und auch am Tegernsee konnte ich vor 3 Jahren mit "Obcina" den Großen Preis gewinnen. Diesmal hatte ich mit einem Film über Albanien gewonnen. "Polyphonia" zeigt das Zusammenleben muslimischer und orthodoxer Hirten, deren Freundschaft sich in ihren unverwechselbaren polyphonen Gesängen auszudrücken versteht. Nicht umsonst ist dieser Gesang unser aller Weltkulturerbe geworden und trotzdem weitestgehend unbekannt geblieben! Ich hoffe, dass dieser Film, den ich zusammen mit einem befreundeten Musikethnologen gedreht habe, an diesem Umstand etwas ändern wird.

Klaus: Wann kann das interessierte Publikum in der nächsten Zeit deine Filme sehen?

Björn: Nächstes Wochenende, am 25.11. um 18 Uhr läuft mein letzter (und somit mir wichtigster) Maramures-Film "Verhext" auf dem EthnoFilmFest in München. Jederzeit kann man sich einen Überblick über diesen und weiterer von mir gedrehter Filme im Internet auf http://www.maramures.de verschaffen. Wer sie mit eigenen Augen sehen möchte, kann sie dort auch bestellen. Es gibt nicht wenige Fans meiner Filme. Zum Glück, denn ich finanziere aus dem Erlös gerne das gerade aktuelle Filmprojekt.

http://rumaenienurlaub.net/verhext.jpg

Klaus: Du lebst ganz im Nordwesten von Rumänien, in Kreis Maramures mit seinen ausgedehnten und tiefen Wäldern. In Deutschland ist der kleine Ort Viseu de Sus im Kreis Maramures mit seiner Wassertalbahn bekannt. Wo können wir Dich dort finden und was sind deine nächsten Projekte?

Björn: Ich lebe zusammen mit meiner Frau Florentina im Weintal, was auf rumänisch Valea Vinului genannt wird. Etwa 5 km von Viseu de Sus (Oberwischau) in einem Seitental entfernt gelegen, haben wir hier unser Refugium geschaffen. Von Mai bis Oktober führen wir ein sehr beliebtes Gästehaus, weshalb wir es - mit einem Augenzwinkern - "kulturelle Begegnungsstätte" nennen, was unser Angebot tatsächlich auf den Punkt trifft. Wer zu uns kommt, erlebt etwas von dem, was nicht mehr so einfach zu erleben ist: echte Gastfreundschaft, eine gute Verbindung aus Entspannung- und Erlebnisurlaub und ein authentisches Lebensgefühl in und um unser Gästehaus. Meine Filme vertiefen genau diesen Eindruck und werden gerne geschaut.

Neue Filme sind natürlich immer in meinem Kopf. Ich glaube es wird etwas über die Lipovener und über die unglaublichen Zigeunerpaläste entstehen.

Klaus. Vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Spaß bei deiner Arbeit.

Björn Reinhardt und Klaus Franke
19:32 17.11.2012
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Geschrieben von

KFB

Mann ueber 50 mit einer neuen Beziehung -- Umzug aus der Heimatstadt nach ueber 50 Jahren
KFB

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