KGvL

Schreiber 0 Leser 0
Avatar
RE: Halbzeit | 10.05.2011 | 15:11

Auf dem Podium zu „Frauen, Medien und Macht“ des Journalismusfestival in Perugia saßen vier Frauen, jede mit ihrer eigenen Provenienz, ihrer Erfahrung. Unter ihnen Concita de Gregorio, Direktorin der Tageszeitung l’Unità, Jahrgang 1963, Mutter von vier Kindern.

Den Frauen war es anzusehen, sie waren alle müde, buchstäblich die Last, die sie mit dem Thema haben „in einem Land mit starker Verspätung bei weiblicher Beschäftigung gegenüber dem Rest Europas“. Wahrscheinlich, nein: Ganz sicher nach einem langen Arbeitstag.

Ein Satz von de Gregorio hat sich mir eingestanzt: „Neben den anderen tragenden vier Rollen in der Komödie, sollen wir nun auch die fünfte übernehmen – die in der Revolution? Wenigstens die sollten wir zusammen machen!“

Die Rollen: Arbeitnehmerin, Mutter, Versorgerin der eigenen Eltern, Partnerin. Wobei sie der Generation angehöre, die sich den Luxus, irgendwann mit Arbeit aufzuhören, gar nicht leisten könne. Weil Kinder immer noch versorgt sein wollen. Weil Eltern versorgt werden müssen.

Der gemeinsame Tenor: In den letzten 15 Jahren hat es einen nachhaltigen und fürchterlichen paternalistischen Rückfall gegeben, den eine Generation zuvor für überwunden geglaubt hatte. Die Stolpersteine seien lexikalisch wie substantiell: Arbeit und Kinder, das ist Deine Sache! So dass Betriebskindergärten nicht nur diese Rollenverteilung verfestigten, sondern sie zudem auch noch in die Sphäre eines privaten Mäzenatentums verlagern.

Und genauso wie der Artikel sagt de Gregori: „Wir müssen uns Gehör verschaffen.“

[aber vielleicht kann Thinktankgirl das aus gegebenem Anlass besser ausdrücken als ich. Dazu der Link webtv.festivaldelgiornalismo.com/doc/1007/donne-media-e-potere.htm]

RE: "Jetzt droht Psychiatrisierung" | 09.05.2011 | 18:03

@ Winkelmann

Dass Sie meine Beiträge als "Blödheit unterstellen" werten, sei's drum. Dadurch ist der von mir in dem Kontext benannte "Tunnelblick" umso evidenter geworden.

Gruß vL.

RE: "Jetzt droht Psychiatrisierung" | 09.05.2011 | 13:19

Sie bilden sich Ihre Meinung anhand der MoPo und sind damit sicher sehr viel näher an der Realität dran.

Tatsache ist, dass hinter den marktschreierischen Titeln jener Hamburger Postille ein Artikel von Rolf Zamponi und Daniela Stürmlinger beim Hamburger Abendblatt vom 16.Februar 2011 versteckt wird, der sich mit Aussagen der Psychotherapeutenkammer Hamburg, der Hamburger Techniker Krankenkasse und der Deutschen Angestellten-Krankenkasse auseinandersetzt. Kernsätze: „Zwar gelten vor allem Menschen zwischen 35 und 54 Jahren als gefährdet, weil sie oftmals Job, Kindererziehung oder die Pflege ihrer Angehörigen miteinander vereinbaren müssen. Wir haben aber auch bei jüngeren Beschäftigten in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg von Krankschreibungen aufgrund psychischer Diagnosen festgestellt", sagt TK-Expertin Gudrun Ahlers.“

Deutlicher als im Artikel befindet der AOK-Bundesverband in einer Pressemitteilung vom 19.04.2011: „Die Diagnose Burnout (Ausgebrannt) wird von den Ärzten zunehmend dokumentiert. Um nahezu das Neunfache sind die Krankheitstage zwischen 2004 und 2010 wegen Burnout angestiegen."Zeitdruck und Stress nehmen offenbar zu, und die Gefahr besteht, dass die Menschen von zwei Seiten gleichzeitig ausbrennen, vom Beruf her und durch familiäre Belastungen", so Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO, am Dienstag.“ Der Text weiter: „Burnout als Zustand physischer und psychischer Erschöpfung wird unter der Diagnosegruppe "Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung" erfasst. Damit zählt diese Diagnose zu der Gruppe der "Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen". Dies bedeutet, dass ein Burnout von den Ärzten zwar nicht als eigenständige psychische Erkrankung codiert werden kann, jedoch wird diese Diagnose zunehmend als Zusatzinformation angegeben.“

Was Zeitungsartikel und AOK damit in den Vordergrund stellen, ist die Analyse um den Grund steigender Fehltage bei Beschäftigten. Und ordnen das, was Sie, User gramparsons, als Defekt von Bevölkerungsteilen anprangern, eindeutig den Bedingungen der Arbeitswelt zu.

Dies missbrauchen (sic) Sie, statt sich mit den entsprechenden Bedingungen auseinander zu setzen, dazu, ganze Bevölkerungsteile in die Nähe von (potentiellen) Gewaltverbrechern zu rücken.

Damit beantworte ich auch Ihre mokante Frage weiter oben: Ich solidarisiere mich mit niemandem, außer mit Menschen, die zum Spielball von Sensationslust gemacht werden. Denn: Was hindert eigentlich jene Hamburger Familie, die Sie nun anziehen, daran, der Nachbarin auf dem Wege der Zivilklage beizukommen, statt nach staatlicher Intervention zu rufen? MoPo ist das ziemlich egal, Hauptsache irgendwie "irre" und damit die Schlagzeile.

RE: Was für ein Mann! | 08.05.2011 | 23:32

Weil es gerade im TV auf ARTE läuft: Bella Martha
de.wikipedia.org/wiki/Bella_Martha

Wiederholung am 21.Mai, 14:30 Uhr. Ich erwähn' es nur, weil wir gerade im komödiantischen Fach angelangt sind :)

RE: Eine Pionierin in der Gleichstellungsarbeit | 08.05.2011 | 17:34

Ein Artikel, den ich wirklich gerne (!) gelesen habe. Danke dafür.

RE: "Jetzt droht Psychiatrisierung" | 08.05.2011 | 16:58

@ gramparsons (08.05.2011 um 08:29)

Ihren Kommentar kann ich nicht unwidersprochen lassen. Sie legen mit ihm genau die Tretmine aus, die das Explosionspotential der Diskussion geradezu versinnbildlicht.

Mit der Verbindung von „psychisch krank“ (als Beschreibung eines nicht völlig unbedeutenden Teils der Bevölkerung) zu „Sinnlosigkeit von Therapiemaßnahmen“ hin zu „Separierung von der Gesellschaft“ haben sie nicht nur eine semantische, sondern eine ganz konkrete argumentative Ebene geschaffen. Nachdem in einem Medium immer nur wichtig ist, was hängenbleibt, dann wäre es vorliegend: Ein Gutteil der Hamburger gehört weggesperrt, weil potentiell gefährlich.

Übertrieben? Keineswegs. Denn nicht die Ursachen für die Steigerung jener Zahlen, die der einschlägige Verband in Hamburg genannt hat, wird damit in den Vordergrund gerückt, sondern die Abstempelung von Krankheiten als für die Gesellschaft gefährlich.

Ich finde das, um es sehr sehr milde auszudrücken, hanebüchen. Denn nicht nur bedeutet es eine tatsächliche Diskriminierung für die Betroffenen. Vielmehr geraten wir hier in eine Ächtung hinein, die gerade wegen solcher Anwürfe Betroffene davon abhalten, ihre Beschwerden zu beschreiben. Dass damit gerade keine Heilung erreicht wird, sondern am Ende u.U. tatsächlich eine „Separierung“ steht, ist dann zwangsläufig.

Der Kommentar erinnert an Akne. Da werden auch gerne Pickel ausgedrückt, statt die Gründe der Akne festzustellen und ggfs. zu kurieren. Zurück bleiben hässliche Narben am sonst „gesunden Körper der Gesellschaft“.

RE: "Jetzt droht Psychiatrisierung" | 08.05.2011 | 01:05

@ Kunibert Hurtig

Sehen Sie mir bitte das weiter oben nach, es ist grauenhaft geschrieben, dennoch in der Sache das, was ich meine.

Ihr letzter Absatz ist völlig korrekt. Tatsächlich sind wir bei dieser Diskussion in einem Elfenbeinturm, also auf einer sehr abstrakten Ebene. Warum ist das so? Meiner bescheidenen Meinung nach sind zunächst zwei Faktoren maßgebend.

Der eine ist, dass wir uns gerade über sehr selten vorkommende Geschehnisse unterhalten, die aber wegen ihrer Umstände überdurchschnittlich bewegen – wegen des Schicksals der Opfer, der Umstände der Begehung der Tat und anderes mehr. Hier haben wir nicht die praktische Sicherheit aus unserer Erfahrungswelt, die einen geordneten Leitfaden für unsere Meinungsbildung geben könnte. Wir wissen buchstäblich nicht, was wir „damit“ anfangen sollen. Ich finde es völlig natürlich, dass im Aufwallen der Emotionen (ganz besonders, wenn Opfer Kinder sind) sodann die inneren Abwehrmechanismen in Bewegung kommen, Ablehnung, Wut, starke Gefühle, auch angesichts der eigenen Ohnmacht. Aber das ist nicht ein Motiv, auf das eine Rechtsordnung aufbauen kann, wir wären sonst in einem Bereich, der noch vor das Talionsrecht zurückfällt. Der Prozess, der zum Begreifen einer zeitigen oder einer pekuniären Strafe geführt hat, ist lang und schmerzhaft gewesen und hat uns gelehrt: Strafe hat eine ausgleichende, eine abschreckende (präventive) und eine repressive Komponente. Hinzu kommt die angestrebte Besserung des Täters im Rahmen von (Re)Sozialisierungsmaßnahmen. Diese Funktionen zu erkennen und unter- und miteinander auszutarieren ist ein ausgesprochen diffiziler Akt, der zudem von einer Deliktsart zur anderen jeweils unterschiedliche Ansätze erfordert.

Der zweite Faktor ist, dass genau diese erforderliche Sorgfalt gerade bei Extremsituationen von Politik nicht angewandt, sondern im Gegenteil in populistische Parolen wie Forderungen und sodann in Gesetze umgesetzt wurden. Dadurch wurde der mögliche Raum für sinnvolle Entscheidungen im Sinne einer Weiterentwicklung des bestehenden Rechts nicht nur immer stärker eingeengt. Vielmehr wurde das Gefühl vermittelt, jene starken Gefühle seien bei derlei Abwägungen angebracht, legitim und daher gerechtfertigt. Genauso aber funktioniert es nicht, so dass wieder einmal das BVerfG die Rolle übernehmen musste, der sich Politik verschlossen hat: Grundlegende Prinzipien zu vermitteln. Dass das Gericht gezwungen ist, dies in Juristensprache (also in der des Elfenbeinturms) zu tun, macht die Sache nicht besser.

Für mich bleibt als Resümee: Sachverhalte sind nicht nur deswegen extrem, weil sie spektakulär oder geeignet sind, starke Emotionen zu wecken. Sie sind es vor allem, weil sie eine gedachte Ordnung auf die Probe stellen. Mit ihnen kehren wir zu den Basics zurück. Viele wollen das nicht, weil es mühsam ist.

RE: Fundstücke 18 ohne Bin Laden? | 07.05.2011 | 19:45

Not only Elvis has left the building ...

RE: "Jetzt droht Psychiatrisierung" | 07.05.2011 | 19:29

@ merdeister

Da die Diskussion hier doch weiter fortschreitet, die Ergänzung:

In die semantische Falle ist auch die Redaktion gefallen. Sie hat den Artikel unter „Strafvollzug“ und nicht unter „Maßregelvollzug“ getagt.

Das andere betrifft den Opferschutz. Darunter wird gerade von denen, die damit nie selbst konfrontiert waren, subsumiert, was überhaupt nicht zu leisten ist.

Auf die Schnelle finde ich den Artikel zu einem der Opfer von U-Bahn-Attacken in Berlin nicht. Dort wird beschrieben, wie durch Psychologen nicht nur Hilfe auf dem Genesungsweg gewährt, sondern auch dahingehend, wie mit extrem neugierigen Medien umzugehen sei.

Es wird aber unter den Begriff Opferschutz auch subsumiert, was Strafe eigentlich an Funktion bereits beinhaltet: Den Ausgleich für das begangene Unrecht. Daneben und zusätzlich können Opfer Ausgleich für materiellen Schaden verlangen, aber auch für den immateriellen in Form von Schmerzensgeld. Weil aber a) bei Tätern vielleicht nichts zu holen ist und b) dem individuellen Schmerz nie wirklich Genugtuung widerfährt („das kann man nicht in Geld aufwiegen ....“), entstehen sehr subjektive Vorstellungen darüber, was tatsächlich Genugtuung sei. Grenzen erscheinen damit als stets neu verhandelbar.

Opferschutz in diesem Zusammenhang bringt aber noch einen weiteren, für meine Begriffe sehr beunruhigenden Aspekt ins Spiel: Den der Verwirrung. Denn was noch als Täter-Opfer-Ausgleich im weitesten Sinne verstanden ist, soll derart auf eine Art Vollkaskoversicherung auf das Risiko Leben ausgedehnt werden. Jede(r), der geeignet scheint, eine Quelle gewisser Gefahren zu sein, soll unter allen Umständen daran gehindert werden, zur tatsächlichen Gefahr zu werden. Diese Vorverlagerung von Recht in den Bereich „Gefahr“ artikuliert sich nun zwar aktuell in der besprochenen Sicherungsverwahrung, ist aber Kennzeichen einer allgemeinen Rechtsentwicklung der vergangenen zehn Jahre.

Die Schwierigkeit liegt aber darin, dass Prognosen immer noch etwa von Schau-in-die-Glaskugel haben und das auf Kosten der Klarheit und Zuverlässigkeit in der Beschreibung von Normen. Sie haben ferner die Wirkung einer Scheinberuhigung, die immer mehr Aufgaben auf den Staat projiziert, statt die Eigenverantwortung zu stärken (etwa in der Erziehung).

Mit aktuellen Opfern hat das alles freilich gar nichts zu tun, sie sind für jene Parolenführer nur das Vehikel.

RE: "Jetzt droht Psychiatrisierung" | 05.05.2011 | 23:45

An dem Interview bemängle ich, dass die Anomalie des deutschen Sanktionssystems abermals nicht zur Sprache kommt, damit aber die Tragweite der Entscheidung sowohl des BVerfG als auch des EuGHMR in einem falschen Licht erscheint. Ich unterstelle bei der Auslassung beileibe keine Absicht, aber es ist der Tunnelblick von Spezialisten, für die diese Anomalie selbstverständlich ist, während sie für den Leser, der a) nicht vorgebildet b) u.U. durch das Spektakuläre der Fälle geblendet sich auch nicht wirklich damit befassen wollte, terra incognita bleibt. Und doch ist sie von grundlegender Bedeutung.

Die Sicherungsverwahrung ist keine Strafe. Sie ist nach Nomenklatur des Strafgesetzbuches eine sog. Maßregel der Besserung und Sicherung wie etwa die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Einmal beiseite lassend, dass diese ganz sonderbare Rechtsfigur 1933 eingeführt wurde (u.a. um den „Volkskörper Gesund zu halten“), hat sie sich zu einem eigenen, strafähnlichen Institut entwickelt. Eines der Ziele von Strafe, nämlich die Resozialisierung, sei bei einigen Tätern nicht (mehr) erreichbar, andererseits durfte und darf Strafe nicht mehr als das aussprechen, was tat- und schuldangemessen ist. Die Einführung einer „Gesamtwürdigung“ 1970 einschl. prognostischer Elemente führte dazu, dass Sicherungsverwahrung zwar ausgesprochen werden konnte, aber eben nur im Strafurteil selbst (also in einem genau geregelten Verfahren) und auch nur für die Dauer von maximal zehn Jahren. Über die weitere Entwicklung (Vorbehalt statt Ausspruch der Verwahrung; nachträgliche Verhängung; Aufhebung der Maximalzeiten) gibt das Interview Auskunft.

Kernpunkt der Kritik des EuGHMR war, dass in der Praxis die Sicherheitsverwahrung ausgestaltet ist wie die Haft selbst, für die Verhängung allerdings weitaus geringere Garantien verfügt sind als im justizförmigen Strafverfahren. Und um das BVerfG etwas pointiert zusammen zu fassen: Der Gesetzgeber hat spätestens seit 2002 so schludrig und bruchstückhaft gearbeitet, dass das dadurch entstandene Flickwerk nur noch in toto aufgehoben werden konnte. Letztlich bleibt festzustellen, durch die Regelungen waren die Täter in Teilen ihrem gesetzlichen Richter entzogen, und sie wurden in Teilen von Gesetzen behandelt, die zur Tatzeit noch gar nicht existierten. Umstände, die auch bei einer einfachen Verurteilung wegen Diebstahls zu einer sofortigen Aufhebung des Urteils führt.

Dass ein Straftäter vor dem furor populi keine Gnade findet, ist in der Threadfolge eindrücklich demonstriert. Das enthebt aber den Gesetzgeber nicht (und in diese Falle ist nicht nur Gerhard Schröder gestolpert), auch über die Bedeutung von Strafrecht im Spannungsfeld zwischen Sühne, Abschreckung und Resozialisierung neu nach zu denken. Es ist vor allem darüber zu diskutieren, ob der Ruf nach immer härteren Gesetzen (und schwereren Strafen) gerechtfertigt ist, obwohl die Kriminalstatistik ein Sinken von Gewaltdelikten schon seit Jahren verzeichnet – und ob der dahinter versteckte Ruf nach Rache tatsächlich den Opfern hilft. Ein Zeichen wäre die Aufhebung der Anomalie jener "Maßregeln". Bei dem derzeit herrschenden Klima darf man aber auch pessimistisch sein.