Syrien, Israel, Iran: Die Interessenlage

Anderer Blickwinkel: Wie stehen die arabischen Monarchien dem israelisch-iranischen Säbelrasseln gegenüber, und was hat das ganze mit Syrien zu tun?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

So schön die Theorie, dass der Westens sich gegen den Islam verschworen habe, auch greifen mag, und die von Videoclips, die zu dumm sind, als dass sie Beachtung verdient hätten, bestätigt werden sollen, dem Ego dürfte es wenig schmeicheln, sich zu vergegenwärtigen, dass der politische Westen wenn überhaupt nur an den Rohstoffen in Nahost interessiert ist, allenfalls noch an ein paar geostrategischen Erwägungen. Der Homo Islamicus einschließlich seiner Religion ist dabei absolut ohne Belang, allein lassen sich einige Exemplare so wunderschön reizen und seine Despoten so leicht kaufen, dass Realpolitiker wie in den USA ein leichtes Spiel bekommen, jedwede Intervention vor ihrer Bevölkerung durch die Bedrohung durch den bestialischen Muselmanen zu rechtfertigen. Dazu wiederum scheut der neoliberale amerikanische Politiker im Namen der Überlegenheit des Steinzeitkapitalismus nicht davor zurück, jene Tellerwäscher, die es nicht zum Millionär geschafft haben, im Namen einer großen Lüge kaltschnäuzig zu verheizen.

Doch mindestens genau so interessengesteuert und wohl noch viel skrupelloser offenbaren sich die verbliebenen Despoten in der muslimischen Welt, was kein Beispiel besser zu verdeutlichen vermag als die tatsächlich eingenommene Haltung zum israelischen Säbelrasseln gegen die iranischen Atomanlagen. Interessanterweise treiben diese Drohgebärden die Salafisten nicht vor lauter Empörung auf die Strasse. Könnte dies daran liegen, dass seine Lenker, die Exporteure des wahhabitischen Salafismus auf der arabischen Seite der Golfregion, nichts mehr fürchten als ein Erstarken des Iran. Noch immer hallt es im Ohr nach, wie Saudi-Arabien vor ein bis zwei Jahren die USA geradezu anflehte, etwas gegen die im Iran betriebenen Atomanlagen zu unternehmen. Das persische Reich mit seinen Vormachtambitionen stört eben jene selben Ambitionen der arabischen Scheikhs. Hinzu kommt, dass mit dem Ausbruch des arabischen Frühlings plözlich auch die schiitischen Bürger in den sunnitischen Monarchien aufzubegehren begannen, was den Iran nicht unberührt lassen konnte.

Mit dem Ausbruch der Proteste in Syrien bot sich vor allem den Machthabern auf der arabischen Halbinsel die Gelegenheit, einen mächtigen Verbündeten des Iran aus den Angeln zu heben. Ein gefährliches Spiel, darf das Ergebnis dieser Bemühungen doch auf keinen Fall eine echte Demokratie nach sich ziehen. Das Leid der syrischen Bevölkerung dürfte nur begrenzt eine Rolle spielen. Statt nun, wie es sich für zivilisierte Länder ziemen würde, offizielle Friedenstruppen aufzustellen, die dem Massakrieren eines ganzen Volkes entgegentreten, um wieder Recht und Ordnung zu etablieren, lassen sie Religionsgelehrte dazu aufrufen, für den Dschihad in Syrien zu werben und helfen, kampfbereite Salafisten in das Nachbarland eindringen zu lassen. Haben sie etwa Sorge, zu wenig Soldaten zur Verfügung zu haben, sollte die eigene Bevölkerung plötzlich ebenfalls aufbegehren? Der Westen wiederum, der ebenfalls nichts lieber täte, als den Mittelsmann zwischen Iran und Hezbullah im Libanon zu entfernen, muss auf russische und chinesische Befindlichkeiten zumindest offiziell Rücksicht nehmen. Obwohl die Sorge, dass auch dort eine fundamentalistische Regierung an die Macht gelangt, als Option in Betracht gezogen werden muss, ließen sich einige westliche Länder nicht davon abhalten, Waffen an die Oppositionellen gelangen zu lassen.

Russland und China wollen auf keinen Fall dulden, dass der US-amerikanische Einfluss in der Region noch weiter ausgebaut wird. Russland hat sogar gedroht, dass seine Streitkräfte bereitstünden, den Iran wie auch Syrien zu verteidigen, wenn ein Angriff erfolgen würde. Und dennoch geht das direkte Säbelrasseln gegen den Iran weiter. Selbst ohne die russische Drohung dürfte ein deratiger Angriff selbstmörderische Züge annehmen. Auch wenn der Iran waffentechnisch nicht in der Lage wäre, einem solchen Angriff zu begegnen, wird er zu den Mitteln des Terrorismus greifen, um die Verletzung seiner Souveränität zu rächen. Wie absurd mutet die Tatsache an, dass die USA und Europa den fundamentalistischen Iran meinen fürchten zu müssen, aber den Hauptunterstützer al-Qaidas umhegen und umsorgen und mit Waffen bis unter die Halskrause bestücken. Ganz nebenbei sollte bedacht werden, dass zwar die sunnitischen Monarchien am Golf im Iran einen Konkurrenten sehen, jedoch nicht die neu aufkommende Muslimbruderschaft wie in Ägypten und Tunesien. Die Ideologie der Muslimbruderschaft baut zwar auf dem saudisch-wahhabitischen Salafismus auf, der den Schiiten den Glauben abspricht und sie für vogelfrei erklärt, anders als jene gehen sie mit anderen Muslimen jedoch Bündnisse ein und streben es an, sie zu ihrer Islamauslegung durch Missionieren zu gewinnen. Doch abgesehen davon ist der Islam, der seit Khomeinis Machergreifung im Iran praktiziert wird, ein schiitischer Fundamentalismus, der dem sunnitischen Fundamentalismus empfindlich nahekommt. Dem neuen ägyptischen Präsidenten und Muslimbruder Muhammad Moursi ist es jedenfalls kürzlich gelungen, ein nahöstliches Quartett aus interessanten Mitgliedern zur Lösung der Syrienfrage ins Leben zu rufen, es besteht aus Ägypten, der Türkei, Saudi-Arabien und, man mag es kaum glauben, dem Iran.

Interessant ist es auch zu erwähnen, dass es immerhin der Pakistaner Abdul Qadeer Khan war, der den Iran mit Know-How über den Bau von Atomwaffen ausgestattet hat. In einem vor einigen Jahren mit ihm geführten Spiegel-Interview ließ er wissen, dass in Pakistan nichts ohne die ausdrückliche Zustimmung der Armee geschehen könne und er lediglich die Schuld auf sich zu nehmen gehabt habe. Pakistan ist schon lange ein Verbündeter des Iran, der ihm stets bei seinen Kriegen gegen Indien zur Seite gestanden hat. Doch abhängig von dessen Öl, macht dies Indien noch lange nicht zum Gegner des Iran. Indien ist zwar auch der Meinung, dass sich ein Iran mit Atomwaffen destabilisierend auf die Region auswirken würde, teilt allerdings nicht die Einschätzung, dass der Iran nach Atomwaffen greift, um Israel anzugreifen, sondern ausschließlich im Kontext der arabisch-persischen Dualität begründet liegt. Zynischerweise hätte der Iran rein strategisch gedacht gar kein wirkliches Interesse daran, das einzige Land in Nahost auszumerzen, dass allein im Stande ist, die Araber im Zaum zu halten. Außerdem ist kaum anzunehmen, dass der Iran derart töricht wäre, ein Land anzugreifen, von dem es weiß, dass es selbst die Atombombe besitzt. Seine derzeitigen Politiker sind mehr an Macht als an Religion interessiert und werden sicherlich kein Himmelfahrtskommando auslösen, bei dem sie selbst untergehen würden. Also wozu das ganze Theater?

Es ist unumstritten, dass der politische Westen kräftig und destruktiv in dem Pulverfass rührt. Auch kann man ihm vorhalten, im wesentlichen interessengesteuert zu handeln und dabei jeden Kollateralschaden billigend in Kauf zu nehmen. Ebenso wahr ist jedoch, dass die muslimischen Staatsoberhäupter in der Regel ein erbärmliches Bild abgeben. Sie sind, vor allem wegen des Fehlens eines politischen Systems, das dem Bürger die Mittel in die Hand legt, seinen Kontrolleur zu kontrollieren, korrupt und nur auf ihre eigenen Interessen bedacht. Wären sie nicht so billig zu kaufen, hätte der Westen keine Handhabe über sie und die Ressourcen ihrer Länder. Eine viel effektivere Bombe gegen Terrorismus unterstützende Länder, wenn es denn tatsächlich darum ginge, wäre eine Aufklärungsoffensive, Bildung und Wissen. Erst wenn in den Schulen des Orients kritisches Denken Einzug genommen haben wird, wenn moderne Staatstheorie, kritische Geschichte und Sozialwissenschaften gelehrt werden dürfen, wird die Region erblühen, in den Genuss der ersehnten Stabilität und Gerechtigkeit gelangen und Toleranz verbreiten. Im Westen ist von der Politik nichts zu erwarten, aber in der Zivilgesellschaft steckt viel Potential. Nicht der Muselmane ist gefährlich, sondern fehlende Bildung und populistische Manipulation, nicht nur im Orient.

12:35 24.09.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community