Khadija Katja Wöhler-Khalfallah
10.01.2015 | 12:12 41

Überwindet Ohnmacht und Fremdsteuerung!

Appell an Muslime: Zu den Attentaten gegen die Karikaturisten von Charlie Hebdo

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Khadija Katja Wöhler-Khalfallah

Nein, dieses Mal darf es einfach nicht erneut geschehen, dass bestimmte Muslime nach der Überwindung ihres Schocks die Schuld für das Massaker an die Karikaturisten der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo der Weltverschwörung, dem Imperialismus oder dem Zionismus zuschreiben und reflexartig den Islam, in dessen Namen die Täter nun einmal zu handeln beteuern, von jeder Schuld reinzuwaschen beginnen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Zumindest im ersten Jahr des nordafrikanischen und arabischen Frühlings von 2011 wurde für einige Monate sichtbar, dass auch die muslimische Welt reichlich Söhne und Töchter hervorgebracht hatte, die die Ketten einer erdrückenden Tradition und den Maulkorb zu lange ertragener Diktaturen aufzubrechen bereit waren, auch wenn die darauffolgenden ersten freien demokratischen Wahlen gleichermaßen offenbarten, wie schwer im Gegenzug noch das Erbe der Unterdrückung und geistigen Verstümmelung auf weiten Teilen der Gesellschaft lasteten. Allein in Ägypten, das sich als die Mutter der Welt wähnt und über 80 Millionen Einwohner zählt, sind die Hälfte davon Analphabeten, die ärmsten von ihnen besuchen, wenn sie denn in den Genuss einer Schulbildung kommen, die Einrichtungen der einst ehrwürdigen Al-Azhar-Moschee, von der Kritiker aus den eigenen Reihen bemängeln, dass ihre religiösen Lehrbücher seit einem halben Jahrtausend keine nennenswerten Reformen erfahren hätten. Die Mittelschicht ist einem mehr oder minder säkularen, immer noch unkritischen und heillos überfüllten Bildungssystem ausgeliefert. Allein die Bessergestellten, die Kinder der Wirtschafts- und Machtelite, haben Zugang zu einer gehobenen Bildung, die allerdings, wen sollte es überraschen, mit hohen Gebühren belegt ist. In Tunesien, das sich lange rühmen konnte, ein anspruchsvolles Bildungssystem aufgebaut zu haben, wobei mehr in den Naturwissenschaften als in den Geisteswissenschaften, blieb lange unbemerkt, dass viel zu viele Schüler vom Bildungsprozess ausgeschlossen blieben. Zwei Millionen Analphabeten zählte das kleine Land 2011 voller Entsetzen, immerhin ein Fünftel der Bevölkerung. Und so lohnt durchaus ein weiterer Blick auf die Bildungssituation in weiteren muslimischen Ländern wie Algerien, Pakistan, etc., von Saudi-Arabien gar nicht zu reden. Plötzlich bekommt das ganze Ausmaß der Fehlentwicklung Konturen.

Doch als wäre dies nicht tragisch genug und für sich allein in der Lage, eine ganze Zivilisation in den Abgrund zu stürzen, so offenbart der Blick auf den Zustand religiöser Institutionen ein weiteres verheerendes Versäumnis: eine scheinbar unüberwindbare Reformresistenz, die bis auf Ausnahmen die Regel geworden ist und nicht selten in Teilen einer Wahhabisierung nach massiver saudischer Einflussnahme ausgesetzt war, wie im Falle der Al-Azhar in Ägypten oder der Zaituna in Tunesien. Nun, Geld regiert auch im Orient nicht minder die Welt, und der Wahhabismus, der dem heutigen Salafismus zugrunde liegt, wird von Petrodollars bereits seit den 1960er Jahren massiv gefördert, schon weil eine ziemlich retrograde Islamauslegung nötig ist, um eine despotische Herrschaft wie jene des Hauses Saud zu rechtfertigen, und weil Massenverdummung imstande ist, ein Heer von Bauernopfern für saudische geostrategische Interessen heranzuzüchten.

Übrigens, auch wenn dies im Westen immer noch nicht durchgedrungen zu sein scheint, baut auch der Neosalafismus der Muslimbruderschaft, dem sich einige prominente Islamverbände in Deutschland verschrieben haben, auf dem wahhabisierten Salafismus auf. Entgegen der gebetsmühlenartig wiederholten Beteuerungen gegenüber der Politik hängen sie der Ideologie des islamischen Fundamentalismus an. Sie befinden sich bereits auf dem besten Wege, als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden, und es ist ihnen gelungen, sich als unverzichtbare Partner in Fragen der Erörterung der Inhalte des Islamunterrichts, der Imam-Ausbildung und der Salafismus-Prävention anzubiedern. Ob sich die in Deutschland lebenden Muslime von diesen Organisationen, wenn sie sie denn überhaupt kennen, tatsächlich vertreten fühlen, hat noch niemand jenseits zweifelhafter Statistiken zu ermitteln versucht.

Erwähnt sei hier neben der besser bekannten und als fragwürdig wahrgenommenen türkischen Milli Görüsch der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), dessen Vorsitzender Aiman Mazyek stets das Wort an sich reißt oder erteilt bekommt, wenn eine offizielle Stimme der Muslime gehört werden will oder soll. Dabei ist der ZMD nichts weiter als ein ideologischer Vertreter eben jener neosalafistischen Muslimbruderschaft in Deutschland, die sich in ihrem Gedankengut von den radikalen Salafisten lediglich darin unterscheidet, einer strategisch durchdachteren Vorgehensweise zu folgen, die pluralistische Demokratie zu unterminieren und die Muslime zurück in Bevormundung und Sklaverei katapultieren zu wollen. Zu bedenken sei hier gegeben, dass selbst gemäß einer von der Deutschen Islamkonferenz (DIK) in Auftrag gegebenen Studie nur 11 Prozent der Muslime, die den ZMD kennen, sich von diesem vertreten fühlen, vom Koordinationsrat der Muslime (KRM), in dem sich der ZMD, Milli Görüsch, DITIB (die aus Ankara gesteuerte türkische Religionsbehörde) und die dubiose Sekte VIKZ befinden, auch nur 25%. (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2009) Zu den Prozentsätzen sei dennoch angemerkt, dass sie aus welchem Grund auch immer Verwirrung stiften, da sie sich auf eine an dieser Stelle nicht quantifizierbare Grundgesamtheit beziehen, denn es bleibt die Frage offen, wie viele Prozent der in Deutschland lebenden Muslime denn den jeweiligen Verein kennen. Denn erst entsprechend dieser Zahl ließe sich absolut ermitteln, wie viele der in Deutschland lebenden Muslime sich tatsächlich von welchem Verband vertreten fühlen. In jedem Fall ist der Anteil aller Muslime in Deutschland, die sich von diesen Verbänden vertreten fühlen, nochmals geringer als die oben genannten Prozentsätze.

Mich persönlich wundert es nicht, dass viele Deutsche, nach meinem subjektiven Eindruck weit mehr als jene, die mit PEGIDA marschieren, ernsthaft besorgt sind über die Gesinnung der hier lebenden Muslime, gehen Presse und Politik den Verbänden doch immer wieder auf den Leim, indem sie sie als Vertreter der hier lebenden Muslime annehmen, darstellen und präsentieren. Menschen haben oft einen gesunden Instinkt dafür, wenn Ihnen mit Doppelzüngigkeit begegnet wird, und diese Verbände tun dies eindeutig, dafür reicht ein Blick in die von ihnen verbreitete Literatur. Wenn der deutsche Staat oder europäische Regierungen also wirklich etwas Gutes für den Teil der muslimischen Bürger unternehmen wollen, die aufgrund von Altlasten alter Diktaturen bildungsfern sind, und sei es nur, dass sie der Radikalisierung begegnen wollen, dann gibt es keinen anderen Weg als politische, philosophische und historische Aufklärung in den Schulen und in den Medien anzuregen, indem Beispiele aus der Lebensrealität der Muslime gewählt werden, die den Mythos der eigenen Unfehlbarkeit, ohne Arroganz und Überheblichkeit, zu durchbrechen helfen. Dort, wo Islamunterricht oder Imam-Ausbildung unerlässlich werden, sollten muslimische Aufklärer, von denen es gar nicht so wenige gibt, nicht ausgespart werden, kritische Geschichtsperzeption sowie Staatstheorie der Aufklärung zum festen Bestandteil des Curriculums aufgenommen und die Bestimmung der Inhalte nicht ausgerechnet den Fundamentalisten überantwortet werden.

An die hier lebenden Muslime richte ich den von Herzen kommenden Appell, sich von religiöser Bevormundung durch mindergebildete und nicht selten selbsternannte Religionsvertreter zu emanzipieren, sich aufzurichten, eigene Ansprüche zu entwickeln und Stolz, Würde und Ehrgefühl zu entfalten. Wie lange wollen sie denn noch zusehen, wie ihre Kultur mit Füßen getreten wird, wie ihre Jugend an künstlich geschaffenen Widersprüchen zerbrechen soll, wie Bigotterie ihren Alltag bestimmt und ihr Leben in eine Hölle verwandelt. Ich bitte sie eindringlich, sich von zweifelhaften Verbänden zu distanzieren, nach einer guten Bildung ihrer Kinder zu streben, eine grundlegende Reform der Ausbildung ihrer religiösen Vertreter einzufordern und sich über ihre Religion und Geschichte aus fundierten Quellen zu informieren und nicht mehr aus dem verdummenden Propagandamaterial, das von orientalischen Potentaten lanciert wird, die kein anderes Ziel verfolgen, als sie zu Instrumenten ihrer illegitimen Herrschaft zu degradieren.

Leider lässt sich nicht kleinreden, dass auch in der postkolonialen Ära sicherlich vieles zwischen dem säkularen Westen und der mehrheitlich muslimischen Welt falsch gelaufen ist. Aus Sorge vor dem Kommunismus wurden nicht selten Diktatoren gestützt, aus wirtschaftlichen Erwägungen wurden Kriege im Namen der Demokratie angezettelt, für die nicht einmal davor zurückgeschreckt wurde, eigene Soldaten zu opfern und bei denen Millionen Muslime direkt oder indirekt den Tod fanden. Doch werden die Muslime diese Fehlentwicklungen nicht korrigieren können, indem sie sich der Bildung verweigern, archaischem Terrorismus hingeben und vormittelalterliche despotische Systeme errichten. Wer dies Muslimen einredet, ist nicht um ihr Wohl besorgt, sondern verfolgt lediglich eigene machtstrategische Interessen.

Doch zurück zu dem Massaker an den Karikaturisten von Charlie Hebdo. Auch wenn sich sicherlich nicht wenige durch ihre Zeichnungen in ihren religiösen Gefühlen verletzt gefühlt haben dürften, würde dies allenfalls intellektuelle Entgegnung auf Augenhöhe durch Wort oder Zeichnung rechtfertigen, aber kein Blutvergießen, nein, niemals Blutvergießen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (41)

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Ehemaliger Nutzer 10.01.2015 | 18:52

Gestern am 9. Januar hatte Kurt Tucholsky Geburtstag:


Satire darf alles.


Der Unterschied ist, eine Schreibmaschine ist keine Kalaschnikow; die Verantwortung für Morde trägt immer und überall der Mörder.


Im Umkehrschluß heißt das, die Verhältnismäßigkeit der Mittel ist zu wahren.

Eine Satire kann ein Anlaß sein für eine geistige Auseinandersetzung, niemals aber für Gewalt. Es ist ja nicht allein der fundamentalistische Islam gewaltbereit, sondern in Europa auch die nazionalen Weltanschauungen, die glauben den Rechten Weg für alle Andersdenkenden zu kennen; aus dieser eigenen Erfahrung hatte Kurt Tucholsky gesagt: Satire darf alles.

Daran hat sich nichts geändert und daran wird sich nichts ändern.

Magda 11.01.2015 | 12:47

Ja, wirklich ein unbedingt aufklärender und hilfreicher Text. Ich sehe gerade presseclub und dort wird - einmal wieder und unter anderem - als Problem genannt, dass es eigentlich diese Dezentralisierung ist, die es so schwer macht "den Islam" zu verstehen und auf der anderen Seite, Anwürfe zu entkräften. Auch mir ist Aiman Mazyek vom ZDM immer ambivalent erschienen. Nur: Ich habe es auch dem Problem zugeschrieben, dass man hier in Deutschland jedes Wort wägen muss und dass diese Vorsicht allen Statements anzumerken ist. Und: Religionsvertreter - ganz gleich welcher - sind immer irritierend in ihrer Vorsicht und Uneindeutigkeit.

Die Debatte ist aber auch deshalb so verquer, weil auch die IslamkritikerInnen von den Medien vereinnahmt werden und als die "Guten" eingeteilt sind. Auch die können unnötig zuspitzen und "Öl ins Feuer" gießen.

Die Lösung hier ist in der Tat: Bildung, Aufklärung

Und noch eines: Es muss mal anders gewesen sein in Deutschland, es hat sich manches radikalisiert durch die mangelnde deutsche Bemühung um mehr Integrationshilfen. Thema: Parallelgesellschaften.

Nochmal danke für den Text.

Khadija Katja Wöhler-Khalfallah 11.01.2015 | 13:26

Haben Sie vielen Dank.

Ich habe ein paar Zeitungsartikel auf die Schnelle zusammengestellt, die eine derartige Tendenz belegen:

Einmischung an der Universität Münster

http://www.islamiq.de/2013/12/17/krm-gutachten-zu-den-thesen-mouhanad-khorchides-veroeffentlicht/

In NRW wird der KRM als einziger Ansprächpartner für die Gestaltung des Islamunterrichts herangezogen

http://alevi.com/de/%E2%80%9Eder-von-ditib-dominierte-koordinationsrat-der-muslime-kann-ein-ansprechpartner-fu%CC%88r-das-schulministerium-des-landes-nrw-sein-aber-nicht-der-alleinige-schlechthin%E2%80%9C/

Genau diese Verbände, die sich im Koordinationsrat der Muslime zusammengeschlossen haben, besitzen seit Schuljahresbeginn erheblichen Einfluss auf den Islamunterricht. Beispielsweise dürfen sie – analog den Kirchen beim christlichen Unterricht – das Lehrpersonal auf religiöse Eignung überprüfen.“

http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article110281454/Welcher-Islam-wird-in-Schulen-gelehrt.html

Im Land gibt es bislang nur einen universitären Lehrstuhl, an dem neben Lehrern auch noch Imame ausgebildet werden sollen. Zudem verlässt man sich allein auf die vier großen Dachverbände: Ditib, Islamrat, Verband der Islamischen Kulturzentren und Zentralrat der Muslime, die sich zum Koordinationsrat der Muslime zusammengeschlossen haben.

Dieses Verfahren ist nicht unproblematisch, da die Verbände jeweils eigene Interessen verfolgen, die nicht unbedingt im Interesse des Landes und der Schulen sind. So zeichnen sich bereits Versuche ab, von künftigen Lehrern Loyalität nicht gegenüber dem Glauben, sondern gegenüber den Verbänden zu erzwingen. Lehrer, die seit Langem erfolgreich das Übergangsfach Islamkunde lehren und auch das neue Angebot unterrichten wollen, müssen vor diesen umstrittenen Beirat treten. Der soll ihnen dann bescheinigen, dass sie, polemisch verkürzt, verbandstreu genug sind.“

http://www.sueddeutsche.de/bildung/islamischer-religionsunterricht-in-nrw-auf-zur-gesinnungspruefung-1.1566496

Salafismusprevention in NRW

„Um landesweit Imame zur Mitarbeit zu bewegen, braucht das Ministerium jedoch die muslimischen Verbände, zu denen die meisten Moscheegemeinden gehören. Sie sollen ihre Geistlichen ermuntern, bei der antisalafistischen Überzeugungsarbeit mitzuwirken. Ausdrücklich bestätigte das Ministerium auf Nachfrage zudem, dass es keine Einschränkungen bei der Auswahl der Moscheegemeinden und ihrer Verbände gebe. Das heißt: Auch Geistliche der "Milli Görüs" (IGMG) oder der "Islamischen Gemeinschaft in Deutschland" (IGD) sollen mitwirken – obgleich der Verfassungsschutz sie gleichzeitig beobachtet. „

http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article117144505/Die-grosse-Ohnmacht-gegenueber-den-Salafisten.html

http://aktuell.evangelisch.de/artikel/110678/nrw-innenminister-sieht-erfolge-bei-salafismus-praevention

ChristianBerlin 12.01.2015 | 20:36

Manches lässt sich nicht von der Hand weisen. Die Frage ist trotzdem, woher der folgende Widerspruch kommt:

Die Verbände im Dachverband (KRM) vertritt eindeutig die Mehrzahl der Moscheengemeinden (liegen exakte Zahlen dazu vor, ist sicher einfach), aber er repräsentiert laut den Umfragen zumindest "gefühlt" nicht die Mehrzahl der Muslime?

So richtig logisch ist das nicht, es sei denn, die Mehrzahl der Muslime hier verrichtet ihr Gebet allein für sich und besucht nie eine Moschee. Ist das so? Und ist das gut so?

Sind nicht gerade freischwebende Jugendliche ohne gemeindliche Prägung, Anbindung oder Identität am ehesten leichte Beute für radikalislamistische Ideologien?

Ich halt für unwahrscheinlich, dass dagegen eine Prävention ohne oder gegen die Verbände möglich ist. Man redet ins Ungreifbare Dunkel hinein, wo es keine Bindung gibt sondern alles freibleibend freischwebt. Auch deshalb ist verständlich, dass die Politik eher an einer Zusammenarbeit und Stärkung der Verbände interessiert sein muss als daran, sie auszubooten.

Den Apell finde ich im Vergleich dazu weniger vernünftig. Wenn es (ein bildungsfreundliches, aufgeklärtes Weiterdenken und Weiterentwickeln des Islam unter Rezeption islamischer Aufklärer - an sich eine gute Idee) mit den Verbänden zu schwierig ist, dürfte es ohne sie oder in bewusster Gegnerschaft zu ihnen allen mit lauter Einzelbetern erst recht nicht funktionieren. Für eine selbsttragende Bewegung bräuchte dieses Vorhaben zumindest Kristallisationskerne und Kommunikationsräume, die müssten erst einmal benannt und bekannt sein - und wären weit davon entfernt, gleich den Islamunterricht oder die Ausbildung dazu kontrollieren zu dürfen. Also würde auch so eine Bewegung - wenn es sie denn gibt - mit den Verbänden leben und in irgendeiner Weise kooperieren müssen, allein um als disparate Entwicklung schon in statu nascendi nicht einen geschlossenen Widerstand zu ernten.

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Ehemaliger Nutzer 13.01.2015 | 18:52

An die hier lebenden Muslime richte ich den von Herzen kommenden Appell, sich von religiöser Bevormundung durch mindergebildete und nicht selten selbsternannte Religionsvertreter zu emanzipieren, sich aufzurichten, eigene Ansprüche zu entwickeln und Stolz, Würde und Ehrgefühl zu entfalten.

existiert so ein Mensch überhaupt oder appelieren Sie Ausserirdische:)

Khadija Katja Wöhler-Khalfallah 14.01.2015 | 18:36

Nun, Sie haben vermutlich recht damit, dass KRM flächendeckend die meisten Moscheen unterhält, was vor allem Auskunft darüber gibt, wie finanzstark die darin vertretenen Gruppen sind bzw. wie gut sie aus dem Ausland bestückt werden. Dass sie so viel Raum zum Beten zur Verfügung stellen, heißt noch immer nicht, dass sie von allen der hier lebenden Muslime besucht werden oder dass jene, die sie besuchen, wirklich gewahr sind, dass der dort vermittelte Islam fundamentalistisch ist oder im Falle von Ditib konservativ bis fundamentalistisch. Auch vergessen Sie, dass nicht jeder, der einen muslimischen Namen trägt, das Bedürfnis hat, eine Moschee aufzusuchen. Auch in der muslimischen Welt gibt es genug Religionsferne, Kuturreligiöse, wenn nicht sogar Atheisten, die sich keinerlei religiösem Ritual unterziehen.

Das einzige, zu dem ich Ihnen beipflichten kann, ist, dass diese Gruppen nicht aus den Augen verloren werden dürfen, um sie zur Verfassungskonformität freundlich aber bestimmt zu zwingen. Allein sollte dabei nie aus den Augen verloren werden, dass sie in ihren Schriften verfassungsfeindliche Positionen vertreten, die sie mit Glacéhandschuhen durchsetzen wollen. Es wird immer ein Tanz mit dem Teufel bleiben, sich auf sie einzulassen.

Dann gebe ich noch zu bedenken, dass, selbst wenn sie wirklich mehr Muslime vertreten als Statistiken zu erkennen geben, kann Mehrheit, wenn sie irrt, nicht zum Maßstab genommen werden. Wie würden Sie wohl handeln, wenn eine bedeutende Mehrheit von Kirchen in Deutschland unter die Fittiche des fundamentalistischen Opus Dei geraten wäre, würden Sie versuchen, die Verirrten mit der Stimme der Vernunft wiederzugewinnen und die Werte der Demokratie sowie die pluralistische Verfassung zu verteidigen, oder würden Sie achselzuckend der irrenden Mehrheit das Feld überlassen?

Auch der Islam hat seine Reformer, allein hört man nicht so viel von ihnen, weil sie nicht von finanzstarker Förderung aus den Golfstaaten profitieren und vermutlich auch, weil sie den Sensationsjournalismus nicht bedienen. Also verteidigen Sie bitte nicht so vehement in einem Anflug von Kulturrelativismus den muslimischen Obskurantismus, dieser ist es nicht minder, wenn er in Massierung auftritt. Aber vor allem lassen Sie sich durch den Eindruck von Mehrheit nicht dazu verführen, Fundamentalisten den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zukommen lassen zu wollen, so dass unbedarfte Muslime diesem obskurantistischen Gedankengut auch noch von Staats wegen zugeführt werden.

Khadija Katja Wöhler-Khalfallah 14.01.2015 | 18:40

Glauben Sie mir, wo Aufklärung Muslime erfasst hat, gibt es den modernen demokratischen pluralistischen Moslem. Ich sehe es täglich, wie eine ganze Menge couragierter Tunesier aus jeder Altersgruppe die Zivilgesellschaft bestücken und mit all ihrem Einsatz für das Gelingen ihrer Demokratie kämpfen, nicht wenige sogar mit ihrem Leben. Sogar Konservative sind auf die Straße gegangen, um gegen die Einführung der Scharia zu demonstrieren, man hatte ihnen erklärt, worin die Gefahr besteht: dass religiöse Texte, die oft widersprüchliche Aussagen beinhalten, dazu missbraucht werden können, ganz weltliche Interessen fälschlicherweise im Namen Gottes durchzusetzen. Nicht alle haben es verstanden, aber weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung, die damit im Stande war, die Fundamentalisten zum Nachgeben zu zwingen.

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Ehemaliger Nutzer 14.01.2015 | 19:13

Sehr geehrte Frau Wöhler-Khalfallah,

Ihren Bericht habe ich mit großem Interesse gelesen und bin beeindruckt von der Klarheit der Analyse und der Wärme, mit der Sie auftreten. Das einzige, was mich etwas erstaunt hat, war der allerletzte Satz. Halten Sie es für möglich, dass irgend ein Leser anderer Ansicht sein könnte?

Jetzt habe ich aber eine konkrete Frage an Sie: Österreich galt lange Zeit mit seinem über 100 Jahre alten Islamgesetz als vorbildlich. Derzeit wird an einem Nachfolgegesetz gearbeitet, dessen Entwurf ich in den Passagen, die veröffentlicht wurden, als sehr sauber bewerte, der aber von vielen Seiten massiv kritisiert wird. Haben Sie sich mit diesem Gesetzesentwurf auch beschäftigt? Stehen Sie womöglich in Kontakt mit Professor Aslan? Falls die rechtliche Entwicklung im Nachbarland von Ihnen verfolgt wird, würde mich Ihre Bewertung dieses Entwurfes interessieren. - Beste Grüße!

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Ehemaliger Nutzer 14.01.2015 | 19:27

Die Deutschen wissen nicht, welche Interpretationen der "Begriff Islam" in den unterschiedlichen Sekten dieses Namens hat.

Als Islamwissenschaftlerin könnten Sie hier vielleicht zur grundsätzlichen Aufklärung über die realen Schattierungen der organisierten Islam-Sekten und deren Grundlagen beitragen.

Khadija Katja Wöhler-Khalfallah 14.01.2015 | 20:13

Haben Sie vielen Dank für Ihre Anregung, ich werde in den kommenden Tagen versuchen, eine solche Differenzierung in einem Beitrag für den Freitag-Blog zu verfassen. Dies wird in einem kurzen Beitrag jedoch nicht so detailliert ausfallen können. Wenn Sie Interesse haben, dem Thema auf den Grund zu gehen, dann darf ich Ihnen vielleicht mein folgendes Buch empfehlen: Khadija Katja Wöhler-Khalfallah. Islamischer Fundamentalismus: Von der Urgemeinde bis zur deutschen Islamkonferenz. Berlin: Schiler, 2009

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Ehemaliger Nutzer 14.01.2015 | 21:09

Ich meinte damit weniger die Fundamentalisten: über die schreibt gerade jeder etwas.

Ich fände z.B. mal interessant zu erfahren, wer jeweils hinter den deutschen Islam-Verbänden steckt und mit welcher der vielen selbsternannten Deutungen und wie die jeweiligen Interessen politischgerechtfertigt werden. Denn ob mans möchte oder nicht: das prägt das Bild der Deutschen ebenso wie das junger deutschsprachiger Muslime, die in entsprechenden Blogs der Verbände oft sehr seltsame Fragen erörtern .....

Dass die Mehrheit der selbsternannten Islamkritiker ebenso wie so mancher "Gläubige" mit dem Lesen des vollständigen Koran heillos überfordert zu sein scheint, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Khadija Katja Wöhler-Khalfallah 15.01.2015 | 21:55

Aus meiner Sicht ein sehr gut durchdachter Gesetzesentwurf [http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXV/ME/ME_00069/fname_367084.pdf] der auf die aktuelle Problematik des islamischen Fundamentalismus sehr gut reagiert. Verknüpfung der Zulassung der Anerkennung als Religionsgesellschaft mit der Verfassungstreue, Respekt gegenüber den anderen Gesellschaftsgruppen, finanzielle Autarkie und vor allem keine Finanzierung und damit ideologische Beeinflussung aus dem Ausland; dass Jugendliche nicht moralisch unter Druck gesetzt werden dürfen; dass nur Imame zum Einsatz kommen, dürfen die in Östereich ausgebildet wurden.

Was mich allerdings noch umtreibt, ist die Einschätzung der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), die eine Körperschaft des öffentlichen Rechts für die offizielle Vertretung und Verwaltung der religiösen Belange aller in Österreich lebenden Muslime ist und sogar im Gesetzesentwurf dezidiert neben der Alawitischen Gemeinschaft erwähnt wird. Es heißt, dass in der Führungsebene der IGGÖ bedeutende Persönlichkeiten der Muslimbruderschaft und der Milli Görüsch vertreten sind. Gemäß dem verabschiedeten Islamgesetz dürften diese ihre Funktion nicht ausführen.

Aus meiner Sich wäre es einmal interessant, die Inhalte der Bücher unter die Lupe zu nehmen, die von dieser Körperschaft perzipiert oder verbreitet wird. Darin verraten sie in der Regel ihre tatsächliche Haltung zu einer pluralistischen demokratischen Verfassung.

Die Beiträge, die ich von Prof. Ednan Aslan zum Thema gelesen habe, machen einen ausgesprochen vernünftigen Eindruck. Um ihn weiter beurteilen zu können, müsste ich seine wissenschaftlichen Beiträge lesen.

Der Kommentar wurde versteckt
Khadija Katja Wöhler-Khalfallah 15.01.2015 | 22:17

Nun, hinter dem im wesentlichen aus Nichttürken bestehenden Zentralratrat der Muslime in Deutschland (ZMD) verbirgt sich die Ideologie der fundamentalistischen neosalafistischen Muslimbruderschaft (ich liste sofort die Kernmerkmale auf). Hinter dem Islamrat (IR) verbirgt sich ein türkischer Neosalafismus, dessen wichtigster Träger, Milli Görüsch, nicht nur ideologisch, sondern immer mehr auch institutionell mit der Internationalen der Muslimbruderschaft interagiert. DITIB, der größte Verein im Verbund und der wohl als am unbedenklichsten eingeschätzte, wird aus der Türkei ferngesteuert, er untersteht der türkischen Religionsbehörde Diyanet Isleri Baskanligi (DIB). Die türkische Diyanat-Behörde, die ursprünglich darüber zu wachen hatte, dass der Islam laizistisch praktiziert wird, erfüllt dieses Kriterium inzwischen nur noch bedingt. Denn die Behörde vermag dies nur so weit, wie der politische Einfluss der jeweils gewählten Mehrheitsregierung in Ankara beschaffen ist. Mit der Regierungsbeteiligung des MSP des Begründers von Milli Görüs, Necmettin Erbakan, sowie der nationalistisch-faschistischen MHP der Grauen Wölfe von Alparslan Türkes Mitte der 1970er Jahre gelang es, die DIB mit Vertretern dieser radikal antilaizistischen Parteien zu besetzen. (N. Feindt-Riggers/U. Steinbach 1997: 16) Auch die AKP von Recep Taieb Erdogan, einem Schüler Erbakans, zeigt starke Bestrebungen, die Demokratie und den Laizismus auszuhöhlen. Es ist insofern davon auszugehen, dass unter den entsandten Hodschas solche mit einer politischen Gesinnung vertreten sind, die die liberale säkulare und rechtsstaatliche Demokratie ebenfalls bedrohen. Die bestellten Vorbeter sind zudem der deutschen Sprache in der Regel nicht mächtig und kennen sich mit den Gepflogenheiten der deutschen Gesellschaft nicht aus. (C. Leggewie 2008) Die DITIB soll zwischen 100.000 und 220.000 Mitgliedern zählen. (Heinrich-Böll-Stiftung 2011) [Feindt-Riggers, Nils u. Udo Steinbach (1997): Islamische Organisationen in Deutschland. Hamburg: Deutsches Orientinstitut.; Kiefer, Micahel (2010): „Die DITIB in der Zuwanderungsgesellschaft – Garant oder Hindernis der Integration?“. Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.). Islam Verherrlichung: Wenn die Kritik zum Tabu wird. Wiesbaden: VS Verlag; Leggewie, Claus (2008): Religion zw. Staat und Kirche. Spiegel Spezial Nr. 2; Heinrich Böll Stiftung (Hrsg.) (Nov. 2005): DITIB eine Deutsch-türkische Organisation? Heinrich Böll Stiftung, http://www.migration-boell.de/web/integration/47_379.asp] . Der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), eine Sekte, vertritt eine Art Geheimlehre, in die nur ungefähr 20%, höchstens 40% ihrer Anhänger eingeweiht sind. In der von ihr angebotenen Literatur vertritt sie einen ultrakonservativen und autoritätsfixierten Islam. Ihre Überzeugung, dass ohne einen Scheikh ein Moslem überhaupt nicht ins Paradies gelangen könne, belegt ihre auf Autoritäten ausgerichtete Grundhaltung. In ihrem Geschlechterverständnis zeigen sie sich „paternalistisch bis frauenfeindlich“. (N. Feindt-Riggers/U. Steinbach 1997: 19) In Deutschland zählt der Verein an die 20.000 registrierte Mitglieder. (C. Leggewie 2008) [Schiffauer, Werner (2000): Die Gottesmänner. Türkische Islamisten in Deutschland, 2000; Feindt-Riggers, Nils u. Udo Steinbach (1997): Islamische Organisationen in Deutschland. Hamburg: Deutsches Orientinstitut; Leggewie, Claus (2008): Religion zw. Staat und Kirche. Spiegel Spezial Nr. 2.]

Muslimbruderschaft (ein verstädterter Wahhabismus):

Sie beharren auf der Vereinheitlichung der islamischen Lehre weltweit, selbstverständlich gemäß ihrer fundamentalistischen Interpretation. (Tawhid)

Rechtsprechung hat aufgrund einer 1400 Jahre alten unreformierten Scharia-Interpretation stattzufinden. Damit einher geht die Wiedereinführung der einst in der islamischen Welt abgeschafften archaischen Strafen, Abhacken der Hand des Diebes, Töten bzw. Haftstrafe für Abfallen vom Islam, Steinigung des Ehebrechers.

Sie lehnen Neuerungen in der Glaubensauslegung ab. (Eine Grundsäule des orthodoxen und traditionellen Islam. Erst im 13. Jahrhundert beschlossen einige Religionsgelehrte, nach dem Einfall der Mongolen das Tor der Interpretation für geschlossen zu erklären. Da dieser Akt jeder religiösen Grundlage entbehrt, fordern seitdem immer wieder Gelehrte dessen Wiedereröffnung. Faktisch dürfte seitdem dennoch permanent Interpretation stattgefunden haben, allein schon wenn die muslimische Welt neuen Situationen oder Entwicklungen bzw. politischen Erfordernissen ausgesetzt war.)

Wiedererrichtung des absoluten Kalifats.

Eine pluralistische Demokratie lehnen sie kategorisch ab. Allerdings, wie im aktuellen fundamentalistisch-schiitischen Islam (der viele Elemente der Muslimbruderschaft verkörpert) sind sie bereit, eine, wie sie es nennen, islamische Demokratie zu unterhalten. Das Volk darf durchaus ein Parlament wählen, die von diesem verabschiedeten Gesetze hätten jedoch von Religionsgelehrten auf ihre Kompatibilität mit dem Islam überprüft zu werden. Wer diese Religionsvertreter wiederum wählt, steht auf einem anderen Blatt. Auch wenn ihr wichtigster Staatstheoretiker, Abul-Ala-Mawdudi, durchaus die Gewaltenteilung ansprach, so sah er allerdings Judikative, Exekutive und Legislative dem Staatsoberhaupt unterstellt, wodurch diese bedeutungslos wäre und lediglich der Maskarade dienen würde.

Sie arrangieren sich mit dem jeweiligen Staatssystems des Landes, in dem sie leben, um es von innen heraus zu Fall zu bringen. Dies mag für einige Anhänger in Diktaturen noch als Erlösung angesehen werden, im Westen jedoch Demokratien stürzten zu wollen, um ein absolutes System zu errichten, bedarf schon einer propagandistischen Verteufelung der westlichen Kultur.

Der ideologische Kern der Muslimbruderschaft lässt sich nicht, wie einige gerne vermuten lassen möchten, in der Tradition der reformerischen ägyptischen Salafiyyabewegung von Gamal ad-Din al-Afghani und Muhammad Abduh einreihen, sondern eher in dem in Saudi-Arabien praktizierten salafistischen Wahhabismus. Zwar erfuhr Hassan al-Banna, der Begründer der Muslimbruderschaft, die ausdrückliche Förderung von Raschid Rida, dem einstigen Schüler des Reformers Abduh. Unbedingt berücksichtigt werden muss, dass dieser bereits nach dem ersten Weltkrieg eine umorientierung hin zum Wahhabismus zeigte.

Durch Rashid Ridha wurde der Salafismus zunehmend wahhabisiert. In einem gewissen Sinne werden als Salafisten die nicht-saudischen Wahhabiten bezeichnet. Der Chefredakteur der wahhabisierten salafistischen Zeitschrift al-Manar, die von Rashid Rida herausgegeben wurde, war der Begründer der Muslimbruderschaft Hassan al-Banna. Somit sind Muslimbruderschaft und Salafismus nichts anderes als zwei unterschiedliche Zweige ein und desselben Stammes, des Wahhabismus. Dies lässt erahnen, wie gefährlich es ist, von Verbänden mit entsprechender Gesinnung zu erwarten, dass sie Jugendliche davon abzuhalten vermögen könnten, sich zu radikalisieren.

Der heutige Salafismus geht somit auf den in Saudi-Arabien beheimateten Wahhabismus zurück. Der Wahhabismus ist eine Sekte, die lange von den sunnitischen Gelehrten wegen ihrer Intoleranz und Brutalität abgelehnt wurde.

Vereinheitlichund der Glaubenslehre (Tawhid).

Wer nicht die wahhabitische Islamauslegung mit ihrer kriegerischen Komponente verfolgt, gilt als Abtrünniger dem der Glaube abgesprochen wird (Takfir) und muss bei den radikalen Wahhabiten oder Salafisten getötet werden. Die Gemäßigten würden sich damit begnügen, sich von diesem abzuwenden, oder versuchen, ihn zu missionieren. Dass nicht jeder, der von Geburt Wahhabit ist, der Glaubenslehre wortgetreu folgt, zeigt die Tatsache, dass derzeit in Saudi-Arabien eine bedeutende Atheisten-Gemeinde entsteht. Natürlich tauschen sie sich im Netz nur unter Pseudonym aus und müssen, wenn sie erkannt werden, hohe Repressalien befürchten.

Sie lehnen jede Form von Neuinterpretation des Islam ab.

Heiligenverehrung wird von ihnen auf das schärfste verfolgt. Wahhabiten zeichnen sich dadurch aus, Mausoleen von Heiligen zu zerstören.

Demokratie lehnen sie kategorisch ab.

Sie wollen das ursprüngliche Kalifat wiedererrichten. Ihr Vorbild sind die ersten vier Kalifen, die ehrwürdigen Altvorderen, die Salaf as-Salih, daher auch die Bezeichnung Salafisten.

Allein die 1400 Jahre alte unreformierte Schariaauslegung wird als Gesetzesgrundlage akzeptiert.

Ein Wahhabit, der dem Buchstaben der Lehre folgt, verlangt die Wiederbelebung der Eroberungskriege. Für sie ist ein Muslim, der nur die Verteidigungskriege für legitim befindet, ein Abtrünniger. Der Wahhabismus (Salafismus) muss notfalls mit Gewalt wiedererrichtet werden.

Zum Reformpotential des traditionellen Islam siehe meinen neuen Beitrag in dem Freitag-Blog. https://www.freitag.de/autoren/khadija-katja-woehler-khalfallah/kompatibel-mit-pluralistischer-demokratie

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Ehemaliger Nutzer 17.01.2015 | 12:28

Sehr geehrte Frau Wöhler-Khalfallah,

bei Überlegungen zum Verhältnis Christentum/Islam, Abendland/Islam, Deutschland/Islam halte ich es für wichtig, folgende Gedanken einzubeziehen:

Wir sprechen über den Islam und wir sprechen über das Christentum, so, als wenn wir beides kennen würden. Kaum einer von uns hat den Koran gelesen, kaum einer die Bibel. Wir wählen aus einem Angebot von Parteien, doch kaum einer von uns hat je einen Blick wenigstens in das Parteiprogramm der Partei seiner Wahl geworfen, geschweige dessen in jene der anderen. Dabei wäre "lesen allein" natürlich bei weitem zu wenig. Wir sprechen also selten über die Grundlagen, sondern vielmehr über jenen winzigen Ausschnitt an praktischer Umsetzung, der für den einzelnen von uns, jedem aus seiner Perspektive, sichtbar bzw. erlebbar ist. Das bedeutet in der Regel automatische Assoziationen mit Menschen, ihrem Aussehen, Mimik, Gestik, dem Klang ihrer Sprache usw., lauter Eindrücke, die so stark sein können, dass sie den primären Inhalt bei weitem überlagern. Da das zu wenig ist, runden die Medien unser Bild ab (wenn sie es nicht gar vorgeben). Hinter dieser Technik der Informationsbeschaffung steckt allerdings mehr als reine Bequemlichkeit; es steckt (sehr oft aus eigener Erfahrung) die Kenntnis darüber dahinter, dass etwa das, was wir unter "praktischem Christentum" verstehen, mit der Bibel nur am Rande zu tun hat, dass es auch (oder gar besser) verstanden werden kann, ohne die Bibel zu kennen. Die Medien liefern uns dazu Bilder der Kirchentage und Papstbesuche, Prinzessinnentrauungen in Kathedralen und Begräbnisse, die ohne den "würdigen Rahmen" wenn schon nicht weniger ergreifend, so doch, mangels Routine, viel aufwändigere Inszenierungen brauchen würden.

Ich für meine Person trage meine Informationen aus den primären Quellen, unmittelbarer Beobachtung und aus dem Internet zusammen. Selten aus Büchern, weil dazu die Zeit fehlt, niemals aus dem Fernsehen. Bei der Bewertung von PEGIDA etwa bin ich aus dem Grund meiner Art der Informationsbeschaffung vermutlich ganz anders vorgegangen als die Mehrheit und auch zu anderen Resultaten gelangt.

Was nun unsere Vorstellung bezüglich der Unterschiede zwischen Christentum und Islam anbelangt, bleibt, wenn die Primärquellen und "die Medien" abgezogen werden, nur noch die unmittelbare Erfahrung. Was das Christentum im deutschsprachigen Raum anbelangt, traue ich mich zu behaupten, dass die Zahl überzeugter Christen, das heißt, Menschen, die ernsthaft ihr Leben nach dieser Religion orientieren, in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen hat. Viele meinen, ohne Religion auszukommen, manche denken darüber nach, ob "ein gewisser Humanismus" nicht ein sauberer Ersatz sein könne, andere spüren einen Bedarf, besonders in der Menschheitsentwicklung jedes einzelnen und fordern daher Ethikunterricht. Große Fragen bezüglich Leben und Tod werden an Ethikkommissionen weitergereicht in Erwartung mundgerechter Resultate. Eine wachsende Gruppe stellt sich ihre Privatreligion nach eigenem Wissen und Gewissen im modularen System zusammen, andere schließen sich Sekten an und wieder andere huldigen einzig und allein dem Mammon oder dem Konsum.

SPIRITUALITÄT aber wird bestenfalls als schwaches Echo eines großen Wortes noch in alten Klostergemäuern erahnt. Bestenfalls denken wir noch am Rande darüber nach, dass es sein könnte, dass der Grund dafür, dass alle Religionen bemüht sind, ihre KINDER zu formen, genau darin liegt, dass der Keim zur Entwicklung von SPIRITUALITÄT beim Erwachsenen kaum mehr eine Chance hat. Aus Ethik kann meines Erachtens nach keine Spiritualität erwachsen. Es ist merkwürdig, dieses Wort hat keinen negativen Beigeschmack, ist nicht belastet hat immer noch Klang, und ist für uns trotzdem unwichtig.

Ich schreibe diese Gedanken, weil ich Ihnen die Frage stellen möchte, ob Ihrer Erfahrung nach die Anhänger des Islam ihren Glauben nicht wesentlich ernster nehmen, ob nicht womöglich die Durchdringung Ihres Denkens, die Entscheidungsfindung im Alltag, bewusst und/oder unbewusst wesentlich stärker vom Glauben getragen ist als unsere. Den Gedanken bezüglich der Spiritualität habe ich nicht deswegen formuliert, weil ich sie für übertragbar halte, aber weil ich die Vermutung habe, dass die Tendenz, alle Fragen des Lebens mit reiner Intelligenz zu lösen, dem Moslem viel ferner ist als uns.

Ja, ich merke es schon, dieser Text wird zu lang, er ist allerdings nur das Vorfeld jener Fragen, die ich darauf aufbauen möchte. Es könnte sein, dass Ihre Antwort die Fortsetzung überflüssig macht, deswegen unterbreche ich hier und warte ab ... - Beste Grüße!

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Ehemaliger Nutzer 17.01.2015 | 14:36

(Entgegnung ersatzlos zurückgenommen)

Also Sie möchten İhre an ''uns'' gestellte Frage nicht beantworten?

Kann es daran liegen das Sie ihre Frage selber im Kern nicht verstanden haben?

Den Moslems wird seitens Koran (der Basis des İslams) in ihrem Lebensfragen immer zuerst die İntelligenz vorgeschlagen und wo sie nicht weiter kommen sollen Sie dem Koran nachschlagen.

25/44. Meinst du etwa, daß die meisten von ihnen hören oder denken?
Sie sind nur sie das Vieh - nein, sie sind mehr vom Weg abgeirrt.

also

erst DENKEN- dann LESEN-dann (vielleicht) SCHREİBEN

Khadija Katja Wöhler-Khalfallah 18.01.2015 | 13:07

Haben Sie vielen Dank für Ihren Gedanken, dass sich die meisten, die über Islam oder Christentum sprechen, nicht wirklich gewahr sind, was alles damit einhergeht. Es ist nicht unähnlich der neuen Mode, den Buddhismus als friedliebende und tolerante Alternative zu den monotheistischen Religionen zu begreifen. Tatsächlich handelt es sich um eine Selektion der Aspekte, die einem modernen Menschen eher behagen und einem Auslassen weniger erfreulicher Aspekte. Dies gilt sowohl für die Gläubigen selbst wie für jene, die über eine Religion sprechen. Und zu alledem kommt leider oft auch eine Presse, die weniger der Aufklärung als der Sensationslüsternheit dient und dabei ihre Rolle als tragende Säule der Demokratie aus den Augen verliert.

Doch nun zu Ihrem zweiten Gedanken, natürlich muss ich Ihnen beipflichten, dass Sie mit Ihrer Beobachtung recht haben, dass gemessen an der Zahl sicherlich deutlich mehr Muslime zu finden sind, die ihr Leben nach ihrer Religion oder dem, was sie dafür halten (die liberaleren mit einer positiven Selektion , die Fundamentalisten mit einer negativen Selektion), ausrichten. Doch hat dies meiner subjektiven Meinung zufolge mit dem Islam nur insoweit zu tun, als es mit dem Christentum und dem Judentum auch zu tun hätte, hätten die Anhänger der beiden letztgenannten monotheistischen Religionen keine Aufklärung durchlaufen. Meiner persönlichen Beobachtung zufolge sind umfassend gebildete Muslime (ich spreche nicht von Halbgebildeten, die es auch zuhauf gibt) ebenso ihrer „Vernunft“ ergeben wie moderne Bürger mit mehr oder weniger Affinität zum Christentum.

Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es in der muslimischen Welt eine zunehmend wachsende Atheistengemeinde gibt, und, wie es die Ironie will, sie soll in Saudi-Arabien besonders groß sein.

Atheismus in muslimischen LändernOnline ohne Allah: Das internationale Netzwerk arabischer Atheisten hat regen Zulauf. Sie streiten mit Muslimen und wehren sich gegen den elektronischen Dschihad. Sie wollen einen Sieg der Toleranz von Thilo Guschas http://www.zeit.de/2010/18/Arabische-Atheisten/komplettansicht

Atheism explodes in Saudi Arabia, despite state-enforced ban

In the "cradle of Islam," a growing number of people are quietly declaring themselves nonbelievers

http://www.salon.com/2014/06/12/atheism_explodes_in_saudi_arabia_where_just_talking_about_atheism_is_illegal_partner/

Lange Rede kurzer Sinn: Das Verhältnis zur Religion wird auch in der muslimischen Welt gesunden, wenn der breiten Masse Zugang zu Bildung ermöglicht wird, die diesen Namen verdient. Keine ideologisch gelenkte Bildung, sondern aufgeklärte, kritische Bildung, die auch den unangenehmen Aspekten der eigenen Geschichte, Religion, sozialen und politischen Verfehlungen Rechnung trägt, dann eine Reform des Ausbildungsweges der Religionsgelehrten. Muslimische Vorbeter (eine Aufgabe, die eigentlich jedem Muslim offensteht, auch ohne konkrete Ausbildung) und Interpretationsberechtigte dürfen keinem minderwertigen parallelen Bildungssystem mehr entspringen, sondern haben ein Abitur und eine kritische umfangreiche akademische Ausbildung aufzuweisen. Die Presse- und Informationsfreiheit muss verankert werden (bleibt zu hoffen, dass sie den Ansprüchen gerecht wird und sie nicht nur liefert, wofür ihre Leser sie gerne zu bezahlen bereit sind), etc.

Doch nun zu Ihrem dritten Gedanken, Spiritualität. Dem würde ich vielleicht sogar noch Rituale, die nicht an festgelegte Dogmen gebunden sind, hinzufügen. Warum sollte beides nicht aus einer universellen sich entwickelnden Ethik erwachsen, die sich mit unterschiedlichen kulturübergreifenden Herangehensweisen an die essentiellen Sinnfragen befasst, mit wissenschaftlicher Erkenntnis, Musik, Kunst. Ja eine Art erkenntnisoffene Religion, aus der niemand ausgeschlossen wird. Sie wäre ehrlicher, zeitgemäßer und demokratischer, sie müsste nicht einmal den Glauben an eine mögliche Gottheit oder überlegenes Wesen, das mit der Schöpfung des Menschen gar nichts zu tun hat, ausschließen, nur darauf verzichten, diesen Existenzen etwas menschlich Beschränktes in den Mund zu legen.

Der Kommentar wurde versteckt
Khadija Katja Wöhler-Khalfallah 18.01.2015 | 18:15

Haben Sie vielen Dank für Ihren Gedanken, dass sich die

meisten, die über Islam oder Christentum sprechen,

nicht wirklich gewahr sind, was alles damit einhergeht.

Es ist nicht unähnlich der neuen Mode, den Buddhismus als

friedliebende und tolerante Alternative zu den

monotheistischen Religionen zu begreifen. Tatsächlich handelt es sich um eine Selektion der Aspekte, die einem modernen

Menschen eher behagen und einem Auslassen weniger

erfreulicher Aspekte. Dies gilt sowohl für die Gläubigen selbst

wie für jene, die über eine Religion sprechen. Und zu alledem kommt leider oft auch eine Presse, die weniger der Aufklärung

als der Sensationslüsternheit dient und dabei ihre Rolle als

tragende Säule der Demokratie aus den Augen verliert.

Doch nun zu Ihrem zweiten Gedanken, natürlich muss ich

Ihnen beipflichten, dass Sie mit Ihrer Beobachtung recht

haben, dass gemessen an der Zahl sicherlich deutlich mehr

Muslime zu finden sind, die ihr Leben nach ihrer Religion oder dem, was sie dafür halten (die liberaleren mit einer positiven

Selektion , die Fundamentalisten mit einer negativen Selektion),

ausrichten. Doch hat dies meiner subjektiven Meinung zufolge

mit dem Islam nur insoweit zu tun, als es mit dem Christentum und dem Judentum auch zu tun hätte, hätten die Anhänger der

beiden letztgenannten monotheistischen Religionen keine

Aufklärung durchlaufen. Meiner persönlichen Beobachtung

zufolge sind umfassend gebildete Muslime (ich spreche nicht von Halbgebildeten, die es auch zuhauf gibt) ebenso ihrer

„Vernunft“ ergeben wie moderne Bürger mit mehr oder

weniger Affinität zum Christentum.

Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es in der

muslimischen Welt eine zunehmend wachsende

Atheistengemeinde gibt, und, wie es die Ironie will,

sie soll in Saudi-Arabien besonders groß sein.

Atheismus in muslimischen LändernOnline ohne Allah: Das internationale Netzwerk arabischer Atheisten hat regen Zulauf. Sie streiten mit Muslimen und wehren sich gegen den elektronischen Dschihad. Sie wollen einen Sieg der Toleranz von Thilo Guschas http://www.zeit.de/2010/18/Arabische-Atheisten/komplettansicht

Atheism explodes in Saudi Arabia, despite state-enforced ban

In the "cradle of Islam," a growing number of people are quietly declaring themselves nonbelievers

http://www.salon.com/2014/06/12/atheism_explodes_in_saudi_arabia_where_just_talking_about_atheism_is_illegal_partner/

Lange Rede kurzer Sinn: Das Verhältnis zur Religion

wird auch in der muslimischen Welt gesunden, wenn

der breiten Masse Zugang zu Bildung ermöglicht wird,

die diesen Namen verdient. Keine ideologisch gelenkte

Bildung, sondern aufgeklärte, kritische Bildung,

die auch den unangenehmen Aspekten der eigenen

Geschichte, Religion, sozialen und politischen

Verfehlungen Rechnung trägt, dann eine Reform des

Ausbildungsweges der Religionsgelehrten.

Muslimische Vorbeter (eine Aufgabe, die eigentlich

jedem Muslim offensteht, auch ohne konkrete

Ausbildung) und Interpretationsberechtigte dürfen

keinem minderwertigen parallelen Bildungssystem mehr entspringen, sondern haben ein Abitur und eine kritische

umfangreiche akademische Ausbildung aufzuweisen.

Die Presse- und Informationsfreiheit muss verankert

werden (bleibt zu hoffen, dass sie den Ansprüchen gerecht wird und sie nicht nur liefert, wofür ihre Leser sie gerne zu bezahlen bereit sind), etc.

Doch nun zu Ihrem dritten Gedanken, Spiritualität.

Dem würde ich vielleicht sogar noch Rituale,

die nicht an festgelegte Dogmen gebunden sind,

hinzufügen. Warum sollte beides nicht aus einer

universellen sich entwickelnden Ethik erwachsen,

die sich mit unterschiedlichen kulturübergreifenden

Herangehensweisen an die essentiellen Sinnfragen befasst,

mit wissenschaftlicher Erkenntnis, Musik, Kunst.

Ja eine Art erkenntnisoffene Religion, aus der niemand

ausgeschlossen wird. Sie wäre ehrlicher, zeitgemäßer und

demokratischer, sie müsste nicht einmal den Glauben

an eine mögliche Gottheit oder überlegenes Wesen,

das mit der Schöpfung des Menschen gar nichts zu tun hat,

ausschließen, nur darauf verzichten, diesen Existenzen

etwas menschlich Beschränktes in den Mund zu legen.

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Ehemaliger Nutzer 18.01.2015 | 18:54

Sehr geehrte Frau Wöhler-Khalfallah,

danke für Ihre ausführliche Antwort, die sich in der Tendenz in vielem deckt, was ich (aus erster Hand) in meinem Umfeld höre. Auf meine Darstellung dessen, was ich vereinfacht als "Papierchristentum" ausgeführt habe, nehmen Sie praktisch nicht Bezug, so dass ich hier doch sagen möchte, dass kein Moslem, den ich danach befragt habe, vergleichbare Tendenzen (Stichwort Abwanderung zu neuen Sekten oder Patchworkreligion) für Menschen seines Umfeldes für denkbar hält. Da mein Überblick für authentische Aussagen aber nicht groß ist, bin ich interessiert an dem, was mir andere dazu mitteilen. Mit "andere" meine ich nicht die üblichen Gutmenschen gewisser Foren, sondern seriöse Berichterstatter, die in der Welt herumkommen und über Kontakte verfügen.

Sie haben einen Link auf einen Artikel aus "DIE ZEIT" beigefügt. Aus aktuellem Anlass und weil es meiner Herangehensweise an jede Thematik entspricht, möchte ich daraus den folgenden Satz zitieren:

" »Wir sind eine Gruppe von Atheisten, die nach Meinungsfreiheit streben«, heißt es in einer Präambel der [Web] Seite" (von Menschen islamischer Herkunft)"

Der Autor hat also (sogar) die Präambel gelesen, er nimmt sie zur Kenntnis, sieht keinen Grund, sie infrage zu stellen und zitiert sie neutral. Das ist korrekt, auch ich würde das tun, allein schon, um Missverständnisse bereits im Vorfeld auszuräumen.

Ich möchte diese Methodik in Analogie zur Vorgangsweise der Redakteure genau desselben Blattes bezüglich der schriftlich formulierten Grundsatzerklärungen der PEGIDA zur Motivation für die friedlichen Treffen von Menschen auf den Straßen Dresdens setzen. Im Gegensatz zur einfühlsamen Analyse der Motive von Atheisten islamischer Herkunft macht es sich das Mainstreamblatt "DIE ZEIT" hier sehr einfach. Die Inhalte werden als verhübscherndes Feigenblatt (für pauschal unterstellte) Rückständigkeit ignoriert, wenn nicht gar für Fremdenfeindlichkeit oder Fremdenhass. - Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich in allem, was ich Ihnen bisher erwidert habe, meine eigene Einstellung zum Thema noch mit keinem Wort erwähnt habe. Wenn ich die demonstrative Ignoranz der Autoren des Mainstreams gegenüber den 19 Punkten der PEGIDA mit dem Wort "unanständig" versehe, bezieht sich das allein auf die journalistische Methodik. (Ich komplettiere an dieser Stelle nicht einmal durch die bekanntgewordenen Aussprüche eines eingeschleusten RTL-Journalisten, weil ich nicht Gefahr laufen möchte, unanständig zu verallgemeinern.)

Sicher nicht ohne eine gewisse Absicht haben Sie einen Bericht über die Pius-Bruderschaft hier im "Freitag" nachgeschoben. Ich frage Sie (ohne jeden Hintergedanken): Haben Sie den Internetauftritt dieser Gemeinschaft studiert? Haben Sie jemals versucht, Kontakt mit der Redaktion aufzunehmen? - Ich habe das getan. Es war zu jener Zeit, als Ratzinger als Papst um eine Überwindung des Schismas bemüht war und wiederholt erkennen ließ, dass er persönlich darunter leidet.

E-Mails von Vertretern der Pius-Gemeinde enden mit den Worten: "Mit priesterlichen Segenswünschen ..." Ich werde hier nichts über den Briefwechsel selbst erwähnen, da es nicht zum Inhalt dieses Blogs passt. Sehr wohl aber möchte ich auf den Umstand aufmerksam machen, dass ich selbst weder katholisch noch christlich bin, dass ich aus reinem und mehrgestaltigem Interesse geschrieben hatte. Ich wollte damals (für mich selbst) Licht in die Frage bringen, ob es mir vorurteilsfrei gelingen könnte, die Ernsthaftigkeit hinter den aktuellen Vorgängen der Unversöhnlichkeit nachzuvollziehen. Ich finde nämlich, dass die Tendenz zu Vorurteilen am besten im überschaubaren System der kulturellen Nähe abzutesten ist. (Ich gebe allerdings zu, dass ich es dabei leicht hatte, da ich ja persönlich in keiner Weise tangiert war.) Anschließend habe ich Menschen meiner unmittelbaren Umgebung vom hier zitierten Abschlussgruß berichtet - neutral berichtet, ohne Spott oder irgendwelche suggestive Kommentare. - Ich habe keinen einzigen gefunden, der nicht in solches Gelächter ausgebrochen wäre, das deutlich machte, dass eine inhaltliche Beschäftigung nicht möglich sein würde. Ich habe das niemandem verübelt, aber ich habe einen Schluss daraus gezogen: Wir tendieren heute dazu, stilistisch enorm sensibel zu reagieren. Die Form eines konservativen Grußes eines Geistlichen ist schon zu viel für die Nerven der meisten Menschen (fast alle damit von mir kontaktierten waren übrigens beitragzahlende Katholiken).

Der von Ihnen verlinkte Artikel aus "DIE ZEIT" teilt uns mit, dass der internationale "Debattierklub ... mittlerweile 15.000 eingetragene Mitglieder weltweit [umfasst], die keinen Glauben mehr, aber eschatologische Fragen haben, ..." In Ihrem Bericht über die Pius-Gemeinde teilen Sie uns mit, dass die Mitgliederzahl auf ca. 10.000 geschätzt wird.

Im Text von "Die ZEIT" heißt es:

"Statt arabischer Terroristen also arabische Atheisten, deren Waffe das freie Wort ist. Sie streiten offen über Politik, Wirtschaft, Kunst und entlarven die Rede von der »unüberwindlichen Kluft zwischen Orient und Okzident« als tumbe Kulturkampf-Phrase. Sie ... räsonieren wie die Philosophen des Abendlandes."

Es gäbe so vieles zu besprechen, aber ich frage Sie jetzt ganz ernsthaft: Wenn bereits die abschließenden Grußworte eines Geistlichen in einem Antwortbrief in deutscher Sprache ein derartiges Befremden auslösen, dass an eine ernsthafte Auseinandersetzung gar nicht mehr gedacht werden kann, wie soll da die "Kluft zwischen Orient und Okzident" als " tumbe Kulturkampf-Phrase" bewertet werden können? - Müssen wir nicht zunächst einmal lernen, uns von primitivstem aber hoch effizientem Schubladendenken zu befreien, bevor wir den nächsten Schritt gehen?

Khadija Katja Wöhler-Khalfallah 19.01.2015 | 20:43

Ihre Frage hatte ich nicht dahingehend verstanden. Nun, die wohl bedeutendste Abwanderung in Richtung Sekte findet in der muslimischen Welt zur Zeit zum politischen Islam hin statt, dem Salafismus oder dem Neosalafismus der Muslimbruderschaft und vergleichbarem. Was wohl auch nicht selten stattfindet, ist eine Konversion zum Christentum, die allerdings aus Angst vor Repressalien meist geheim gehalten wird. Aber wie bereits gesagt, das wird sich mit dem Grad an Aufklärung auch in der muslimischen Welt ändern. Interessanterweise versucht das Haus Saud dem Fanatismus jetzt mit einer Hinwendung zum Sufismus zu begegnen, ausgerechnet dem Sufismus, der so lange vom Wahhabismus als unislamisch verteufelt und verfolgt wurde.

Zu Ihrer abschließenden Bemerkung: Möglicherweise stimmt dies in vielen Fällen, allein will ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass Vernunft hier und da doch noch ihre Anhänger hat.

Seien Sie bestens gegrüßt.

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Ehemaliger Nutzer 20.01.2015 | 01:47

Sehr geehrte Frau Wöhler-Khalfallah,

danke für Ihre Reaktion, die wahrscheinlich kaum anders ausfallen konnte. Ich möchte Ihnen dennoch sagen, dass es sich um ein Missverständnis handelt.

Was mich selbst und das Thema Christentum betrifft, sollen Sie wissen, dass ich in behüteten Verhältnissen einer großen protestantischen Unternehmerfamilie aufgewachsen bin. In meiner Verwandtschaft gab es mehrere Pfarrer.

Ich war noch ein Kind, als eine Tante als einzige Weiße auf einem ansonsten rein "schwarzen" Friedhof in jenem Ort Afrikas begraben wurde, wo sie zuletzt als Missionarin gearbeitet hatte. Eine geheim gehaltene Liebe zu einem Schwarzen in Verbindung mit ihrer Abberufung zurück nach Deutschland hatte sie eine tödliche Entscheidung treffen lassen. Die Geschichte liegt lange zurück und lässt sich nur aus verzweifelten Schriftstücken rekonstruieren.

Bis heute erinnere ich mich sehr genau an meine erste Begegnung mit einem Kruzifix; ich war fünf Jahre alt und kannte bis dahin nur die Kreuze ohne Korpus und hatte mir nie viel dabei gedacht. Nun, bei einem Besuch in Österreich, hing dort dieser geschundene und drastisch farbig gefasste Körper leidend im "Herrgottswinkel" und eine ältere Dame erklärte mir über meine entsetzte Frage die Geschichte dazu. Ich war sehr verstört. Ich weiß noch heute, als sei es erst vor kurzem gewesen, wie ich nach für Nacht im Einschlafen über die Kreuzigungsgeschichte grübelte, vor allem aber darüber, dass man dann auch noch so pervers sein konnte, eigene "Herrgottswinkel" mit totem Christus einzurichten, und das gleich beim Tisch, wo man ihn immer sehen musste!

Erst nachdem ich irgendwann für mich den Beschluss gefasst hatte, mit dieser Geschichte, in der ein Vater seinen Sohn für die Menschheit opferte, niemals etwas zu tun haben zu wollen, konnte ich auch wieder ruhig einschlafen. Ich hatte entschieden: Mein "Glaube" ist das nicht!

Mit sieben raubte mir wochenlang der Gedanke den Schlaf, dass man als Mensch eines Tages sterben würde. Ich fand es vollkommen sinnlos, vorher noch zur Schule zu gehen. Gegen die Verheißungen der Auferstehung war ich ja vollkommen immun.

Jetzt im Rückblick staune ich darüber, dass unser Schulhof durch eine dichte Hecke in zwei Hälften getrennt war, in eine protestantische und eine katholische, so dass die Konfessionen sich (auch) in den Pausen nicht begegneten. Als Kind nahm ich das so zur Kenntnis, es war normal. Nur einmal bin ich aus Neugier durch ein Loch im Gebüsch geschlüpft, wurde aber von den "Katholiken" sofort erwischt und auf das Unfreundlichste zurückgeschickt. Auf der anderen Seite wurde ich von Mitschülern wie ein Verräter empfangen.

Ostern war das wichtigste Fest für meinen Onkel, der Pfarrer im Nachbarort war. Dass diese Predigt in besonderer Sorgfalt ausgearbeitet wurde und Bezug zum praktischen Leben, wenn nicht gar zur Weltpolitik haben musste, gehörte ebenso zum protestantischen Ritual, wie anschließende Gratulationen bezüglich der gelungenen Predigt durch "ranghohe" Erwachsene bei der Verabschiedung vor dem Gotteshaus. Ich verfolgte diese kleinen Unterhaltungen vor der Kirche mit kindlicher Neugier passte sehr genau auf. Im Folgejahr ergab es sich, dass ich im Wagen meines Onkels mitfahren konnte und wir Zeit für ein Gespräch nur unter uns hatten. Mir war klar, dass eine einfache Gratulation zur gelungenen Predigt zu billig sei; es musste schon aus meinen Worten entnehmbar sein, dass ich mir auch den Inhalt gemerkt hatte. Das allerdings war kein Problem, denn zuhören konnte ich gut. Der Onkel war sichtlich erfreut und vermutlich auch amüsiert über meine altklugen Worte, aber das war er von mir gewohnt.

Dann aber machte ich einen furchtbaren Fehler. Irgendwie war es für mich selbstverständlich geworden, dass das Christentum in erster Linie dazu diente, guter Anlass für intelligente Gespräche zu sein, in denen Wissen und Nachdenklichkeit und möglichst geschliffene Formulierungen ihren Platz haben mussten. Ich konnte beobachten, wie gut es sich ausnahm, wenn die Erwachsenen gelegentlich ein passendes Bibelzitat bereit hatten und meine kindliche Bewunderung war immer auf der Seite jener, die auch Kapitel und Vers mitliefern konnten. Diese Unterhaltungen waren dabei keineswegs konstruiert; sie waren ganz normal in meiner Familie und ergaben sich unmittelbar aus dem Leben. Während all dieser Beobachtungen wäre ich allerdings niemals auf die Idee gekommen, dass irgendjemand auf der Welt tatsächlich ernsthaft an das glauben könnte, was da so kunstvoll diskutiert wurde. Tischgebete betrachtete ich eher als Formsache zur stilvollen Eröffnung der Mahlzeit und Gebete zum Einschlafen mit meiner Mutter waren nicht üblich. Sie las uns Geschichten vor oder sang mit uns.

Als einzige persönliche Konsequenz aus meiner Einstellung hatte ich mir angewöhnt, das Glaubensbekenntnis im Gottesdienst niemals mitzusprechen, da ging mir das "Theater" einfach zu weit. Das muss auch aufgefallen sein, aber ich wurde diesbezüglich nie zur Rede gestellt.

Als also mein Onkel und ich von der Kirche zum (entfernt gelegenen) Pfarrhaus unterwegs waren, wo Eltern, Geschwister und Tante bereits mit dem Osterbraten warteten, und wir uns über die Predigt unterhielten, entkam mir ohne jede böse Absicht, ja selbst ohne die geringste Ahnung was ich damit anrichten könnte, eine abschließende Bemerkung, die ich wörtlich nicht mehr wiedergeben kann; sinngemäß aber lautete sie ungefähr: "Eigentlich ist es doch ein Wahnsinn, wie viel Mühe so eine Osterpredigt macht, wo doch kein halbwegs intelligenter Mensch an eine Auferstehung glauben kann!" - Das hätte ich besser nicht sagen sollen! Ich habe meinen Onkel nur ein einziges Mal fassungslos und fast ohnmächtig vor Enttäuschung und Wut erlebt. Ich habe ihn auch nur ein einziges Mal in meinem Leben brüllen gehört - in meine Richtung - im per Vollbremsung angehaltenen Wagen! Und ich habe auch bis zu seinem Tod nie wieder mit ihm darüber gesprochen. Dabei war für mich der Schock vermutlich größer als für ihn: Zum ersten Mal habe ich erkennen müssen, dass der "Glaube" eine sehr heikle Sache sein kann. Ich war zwar noch immer nicht sicher, ob der Wutausbruch meines Onkels, den ich für einen echten Christenglauben einfach für zu intelligent einschätzte, tatsächlich aus tiefster Seele kam und nicht vielmehr eher pädagogischer Natur war, aber allein der Möglichkeit setzte sich für immer in meinem Denken fest.

An diese österliche Fahrt vor Jahrzehnten musste ich denken, als ich die Nachricht über die Folgen der Mohammed-Karikaturen erfuhr und als ich nach langer Zeit (wegen Ihres Beitrages) auf der Website des FSSPX vorbeischaute und dort in weißer Schrift in schwarzem Quadrat las: Wir sind NICHT Charlie ...

Khadija Katja Wöhler-Khalfallah 20.01.2015 | 20:26

Haben Sie außerordentlichen Dank für die Einblicke in Ihre Jugend und ihre Wahrnehmung des Umgangs Ihres Umfeldes mit Religion und die Schlussfolgerungen, die Sie für sich daraus gezogen haben. Ihre Worte verstehen es, die tieferen und verwobenen Empfindungen und Wahrnehmungen hinter den Ereignissen wiederzugeben. Was gibt es dem noch hinzuzufügen außer die Anmerkung, dass das Hoffnungsvollste an Ihrer Erzählung auch zugleich das Tragischste ist, die Geschichte einer Liebe, die allen von Menschen gesetzten Widrigkeiten zum Trotz zu entstehen imstande war, bevor ihr das Recht auf Fortbestand willkürlich entzogen wurde. Fanatismus ist eine unbeschreibliche Verschwendung von Lebenszeit, eine zum Himmel schreiende Verblendung und eine Vergewaltigung jeder menschlichen Vernunft, aber vermutlich speist sie sich aus selbst erfahrenem Unrecht. Ahnend, wer es gewesen sein könnte, wage ich es kaum, die Frage nach dem Täter zu stellen. Ach nein, zu einem Gedanken möchte ich doch noch etwas hinzufügen. Die Geschichte ihres Austausches mit Ihrem Onkel führt bei mir eine Erfahrung vor Augen, die mir das Leben permanent aufzwingt, das Verlieren von einst geschätzten Menschen, wenn man sich nicht mehr in vorgefertigte Schablonen pressen lässt. Ja, dass bereits eine minimale Erweiterung des Horizonts, das Erreichen einer neuen existenziellen Wahrnehmung unweigerlich dazu führt, langsam aber sicher aus einer Gemeinschaft herauszufallen, unabhängig davon, wie viel Wertschätzung sie immer noch erfährt. Bei mir hat es dazu geführt dass ich zunehmend meine progressiven Gedanken in meinem privaten Umfeld zurückhalte. Natürlich wird im aufgeklärten Westen niemand mehr für kontroverse Meinungen gesteinigt, nein, was geschieht, ist viel subtiler. Wenn sich die Existenz nicht in die eng gefasste Korsage einer Religion, Konfession oder jene eines eingetragenen Vereins pressen lässt, trifft man auf ohrenbetäubendes Schweigen.