Muslime in der Krise

Rezension "Islam in der Krise" Bei welchem Teil seiner Analyse um die Situation der Muslime Blume richtige Fragen stellt aber nicht tief genug gräbt.
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„Islam in der Krise“ lautet das neue Buch des Religionswissenschaftlers Blume welches im Patomos Verlag erschienen ist und bereits in der ein oder anderen Bestseller Liste gesichtet wurde. Der Religions- und Politikwissenschaftler Dr. Michael Blume leitet das Referat „Nichtchristliche Religionen, Werte, Minderheiten und Projekte Nordirak“ im Staatsministerium Baden-Württemberg. Er forscht und publiziert unter anderem zu Religion und Demografie, Identitäten und Kulturen, Religionspsychologie und Hirnforschung, Evolution der Religionen sowie Medien- und Netzkultur. In seinem neuen Buch diskutiert er die Gründe für den Niedergang ja sogar den Tod des Islam. Angesichts von 1,3 Mrd Muslimen weltweit, eine gewagte These.

In fünf Kapiteln setzt sich der Autor mit jeweils einer Ursache der „weltweit tiefen Krise des Islam“ auseinander, um im letzten Kapitel sowohl Muslimen als auch Menschen anderen oder gar keinem Glauben Hinweise zur Veränderung dieses Zustandes zu geben.

Im Einstieg diskutiert der Autor inwieweit die Statistiken die Anzahl der Muslime in Deutschland aber auch weltweit richtig wiedergeben. Die unterschiedlichen Studien würden zeigen, dass Religiosität beispielsweise gemessen an der Durchführung des fünfmaligen Gebets am Tag sehr niedrig wäre und stetig abnimmt. Aus diesen und anderen Statistiken sowie seinen persönlichen Beobachtungen schließt der Autor auf eine abnehmende Religiosität bis hin zu einer Abkehr vom Islam, die er „stiller Rückzug“ nennt. Diese Abkehr sei deswegen still, weil der Islam keine Religionsfreiheit kenne und das Verlassen des Islam mit dem Tod bestraft würde. Als Beispiel für den „Takfir“, der Erklärung eines Gläubigen zu einem Ungläubigen, der zu töten wäre, nennt er insbesondere die Vorgehensweise des „Islamischen Staates“, der extremen Sekte im Mittleren Osten, die mit dieser Argumentation ihre verwerflichen Anschläge insbesondere auf Muslime begründet.

Den Grund für den Zerfall des einst blühenden Reiches sieht Blume in der Entscheidung des Sultan Beyazıt II um 1458 die Vervielfältigung arabischer Lettern mittels der von Gutenberg erfundenen Druckerpresse mit der Todesstrafe zu belegen. „Während sich Europa also als Folge des Buchdrucks unter Umbrüchen und Kriegen und Krisen bildete und wissenschaftlich, wirtschaftlich, technologisch und kulturell voranstürmte“ führte das verhängte Verbot langfristig zu Stagnation und letztendlich Rückschritt. Die muslimische Welt konnte diesen Rückstand bis heute nicht aufholen. Dies wäre zum Beispiel an der geringen Anzahl veröffentlichter Bücher oder Patente der arabischen Welt im Vergleich mit westlichen Ländern abzulesen.

Der Hauptgrund für das Zurückbleiben der arabisch-islamische Zivilisation, so schreibt der Autor, wäre der „Fluch des Öls“. Seine These baut er auf der Rentierstaatstheorie auf. Diese erklärt den „Klientelismus“, der in einem Staat herrscht, der seine Einnahmequellen maßgeblich aus Rohstoffquellen erzielt. Das hätte zur Folge, dass es weniger darauf ankommt, „was jemand kann oder was im Gesetzbuch steht, sondern wessen „Klient“ er oder sie ist, zu welchem Volk und Stamm, zu welcher Religionsgruppe und Familie jemand gehört.“ Die entstehenden Bürokratien würden eher gierig als gerecht, eher korrupt als kompetent agieren. Dies gelte insbesondere für Saudi Arabien, dem Kernland des Islam, in dem die Macht durch einen Pakt zwischen dem Herrscherhaus Al-Saud und den sich auf Muhammad ibn Abd al-Wahhab beziehenden Gelehrten gesichert würde. Mit seinem Hunger auf das billige Öl würden die westlichen Länder die autoritären Regime in den Rentierstaaten und insbesondere das radikalste Regime der Region stützen. Dieser Schutz der Westmächte könnte durch einen Umstieg auf regenerative Energien entfallen. Das würde innerhalb weniger Monate zu einem Zusammenbruch des Regimes in Saudi Arabien führen und die Chancen auf eine deradikalisierende „Entgiftung“ des Islams erheblich verbessern.

Das Gefühl der Machtlosigkeit, in der sich Muslime weltweit wähnen, hätte mit dem Kolonialismus eingesetzt und mündet inzwischen in einem Verschwörungsglauben, das aus dem Westen blind übernommene nächste Problem des Islams. Dieser würde zusätzlich durch den geringen Bildungsgrad genährt werden. Das hätte inzwischen dazu geführt, dass die absolute Mehrheit in den islamisch geprägten Ländern den Islam als missbraucht ansehen und nichtmuslimische Superverschwörer für Extremismus, Terrorismus und überhaupt Gewalt verantwortlich machen würden. Warum sollen sie sich also schmerzhaft selbst in Frage stellen und von Terroristen im Namen des Islam – die ferngesteuert wären – distanzieren.

Das letzte von Blume identifizierte Problem ist der Geburtendschihad, der sich aktuell zu einem Geburtenknick entwickelt. Der Autor führt aus, dass keine Religion zur Weltreligion geworden wäre, wenn sie nicht über Jahrhunderte hinweg an ausreichend viele Kinder weitergegeben worden wäre. Jedoch wirke sich nicht nur der Alphabetisierungs- und Bildungsgrad negativ auf die Geburtenraten aus. Sondern es wäre inzwischen demografisch nachgewiesen, dass ohne Religionsfreiheit ein Geburtenknick bis tief unter die Bestandserhaltungsgrenze drohe, der sich gerade in der islamischen Welt vollziehen würde.

Auf den letzten acht Seiten beschäftigt sich Blume mit dem, was Muslime und Nichtmuslime tun können, um die „Krise des Islam“ zu überwinden. Hier erwähnt er eine Vielzahl von Maßnahmen. Zum Beispiel wäre eine Veränderung des Islam hin zur als erstes erwähnten Religionsfreiheit ein zentraler Aspekt. Darauf basierend, müssten sich die religiösen Muslime zivilgesellschaftlich besser organisieren und diejenigen, die nicht zu den Muslimen gezählt werden wollen, sich dafür einsetzen, dass dies nicht geschieht. Diktaturen und Terrorgruppen könnte der Boden unter den Füßen entzogen werden, in dem Öl- und Gasverbrauch reduziert würden. Dies wäre unser aller Aufgabe, weil unsere Industrienationen und nicht irgendwelche Superverschwörer mit unserem Energieverbrauch Staatswesen und religiöse Traditionen autoritär und gewaltförmig verzerren würden. Weiterhin wäre die Förderung von Bildung eine Aufgabe, die auch jeder wahrnehmen könnte. Letztendlich läge jedoch das Schicksal jeder Religion entscheidend in den Händen ihrer Mitglieder.

Als ich den Titel las, stellte sich mir als erstes die Frage: wie kann eine Religion an sich in der Krise sein. Kann sie überhaupt einen Zustand haben, abgesehen von der Frage, ob sie existiert oder nicht. Eine Religion, die aus einem komplexen Gebilde besteht, zu denen Werte- und Normen gehören, existiert nur insoweit sie von Menschen gelebt wird. Kann, um diese Idee an einem ethischen Wert zu veranschaulichen, Gerechtigkeit in der Krise sein? Menschen können miteinander gerecht oder ungerecht umgehen. Gerechtigkeit unter uns Menschen existiert nur in dem Maße, in dem wir sie im Umgang miteinander anwenden. Insofern ist der „Zustand einer Religion“ eine Beschreibung des Zustandes ihrer Angehörigen und nicht ihrer selbst. Daher sollte der Titel „Muslime in der Krise“ heißen, antwortete ich Herrn Blume über Twitter und ich versprach ihm eine Rezension, die ich mit diesem Text einlöse.

In den unterschiedlichen Kapiteln seiner Analyse der „Krise des Islam“ wechselt der Autor zwischen den Begriffen Islam, Muslime, islamische Länder bzw. islamische Zivilisation als wären sie ein und dasselbe. Können die Begriffe überhaupt als Synonym für „Islam“ verwendet werden? Sicher hängen diese Begriffe zusammen, aber jeder beschreibt etwas anderes. Welche Ebene bzw. welcher Begriff im Fokus von Blumes Analyse steht, wird daher nicht wirklich klar.

Weiterhin fällt beim Lesen ein Wechsel zwischen unterschiedlichen Zeitpunkten und Zeitspannen auf. Vom stillen Rückzug, der in der Gegenwart stattfinden soll, über das Verbot der Druckerpresse von 1458, zum Fluch des Öls der letzten ca. 75 Jahre und dem Verschwörungsglauben, der mit dem Kolonialismus in die muslimische Welt Einzug gefunden hat, bis zum Geburtenknick, der sich in der Zukunft abzeichnen wird, unternimmt der Autor eine interessante Zeitreise. Vermutlich ist der Wechsel zwischen diesen Zeitpunkten und Zeitspannen dem Umstand geschuldet, dass unterschiedliche Ebenen miteinander vermengt werden und der zu analysierende Begriff nicht klar definiert ist.

Was ich am Buch von Blume gut finde ist der Anspruch, die aufgeworfenen Themen kritisch zu beleuchten. Ihm geht es nicht um „Islambashing“. Immer wieder zieht er Vergleiche zu Entwicklungen in der sogenannten westlichen Welt und benennt auch hier Defizite. Beispielsweise warnt er Humanisten, Christen oder Juden davor ob der „Krise des Islam“ nicht hochmütig zu werden, weil täglich ein demografisches Verebben säkularer Populationen beobachtbar wäre. Auch religiös motivierte Gewalt in den unterschiedlichen Religionen spricht er an. Ebenso stellt er Gegenfragen zu den von ihm aufgestellten Thesen. Beispielsweise fragt er sich, ob die Weltgeschichte anders verlaufen wäre, hätte Sultan Beyazıt II die Verwendung der Druckerpresse gefördert anstatt verboten.

Die Frage, ob sich Muslime weltweit in einer Krise befinden, kann in aller Klarheit mit ja beantwortet werden. Dies ist jedoch kein Geheimnis und wurde vor mehr als 100 Jahren von muslimischen Denkern wie Muhammda Abduh, Malik Bennabi, Raschid Rida oder Shakib Arslan konstatiert. Also sagt uns Blume diesbezüglich nichts Neues. Trotzdem finden sich in Blumes Buch interessante Aspekte, die ein Lesen lohnenswert machen.

Einer dieser Aspekte ist die Diskussion um die Entwicklung der Religiosität bei Muslimen. Blume zitiert in seiner Analyse Studien von 2009, 2013 und 2016, die in unterschiedlichen Regionen der Welt mit unterschiedlichem Fokus und Fragen vorgenommen worden sind. Die Frage, ob diese Studien einen Trend identifizieren können, muss erlaubt sein. Hinzu kommt, dass die Schlussfolgerung aus der geringen Religiosität auf den „stillen Rückzug“, der möglicherweise existiert, ein ganz schön großer Sprung ist. Der gängigen muslimischen Meinung nach ist jeder, der das Glaubensbekenntnis spricht, ein Muslim. Dies ist unabhängig davon, wie ernst er/sie die islamische Lebensweise nimmt. Es gibt einige oder vielleicht auch viele Muslime die nicht beten aber den ganzen Ramadan fasten. Andere wiederum beten weder noch fasten sie, essen dafür aber kein Schweinefleisch und trinken kein Alkohol. Religiosität oder im weitesten Sinne Zugehörigkeit drückt sich auf viele verschiedene Arten aus und kann in vielen Religionen beobachtet werden. Ist jemand, der Mitglied der Kirche ist und Kirchensteuer zahlt ein religiöserer Christ, als jemand der das nicht tut? Dass es im Islam keine Kirche gibt, bei der alle Mitglieder gemeldet sind, erschwert zwar die Erfassung, ist aber ansonsten kein wirkliches Problem. Die Muslime haben bis heute keine Institution Kirche gebraucht und werden in der Zukunft auch keine brauchen. Im Übrigen behaupten die muslimischen Religionsgemeinschaften in Deutschland auch nicht für alle Muslime zu sprechen, sondern die Vielfalt ihrer Gemeinden abzubilden. Was aber niemand für sich beanspruchen kann, ist für die sogenannte „schweigende Mehrheit“ zu sprechen.

Eine andere handwerkliche Nachlässigkeit des Autors ist, mit extremen Meinungen an der falschen Stelle zu arbeiten. Der vom Autor erwähnte Takfir findet nur bei extremen Randgruppen wie dem IS Anwendung. So extreme Meinungen, die möglicherweise außerhalb dessen stehen, was die islamische Rechtstradition hergibt, an diversen Stellen des Buches als Referenz für islamische Rechtsmeinungen zu nehmen, halte ich für falsch. Das wäre so, als würde man Aspekte des Religionsverständnisses der Zeugen Jehovas nehmen, um den Glauben der katholischen Kirche zu erklären oder gar das Verständnis der Identitären für das Zusammenleben der Menschen in Deutschland für das aller Deutschen halten. Außerdem scheint die Frage des Umgangs mit einem Religionswechsel auch einen kulturellen Einfluss zu haben. Religionswechsler im arabischen Sprachraum, ob sie nun vom Islam ins Christentum oder umgekehrt wechseln oder gar Religion ganz verneinen, mögen dies häufig vor ihren Familien und Freunden geheim halten. Immer wieder werden tragische Schicksale bekannt, die mediale Aufmerksamkeit erfahren, weil Verwandte weggesperrt werden, bis sie wieder zur Gesinnung bzw. in den Schoß der Kirche zurückkehren. Das Phänomen „gesellschaftlicher Druck auf Religionswechsler“ scheint im arabischen Raum also nicht auf Muslime beschränkt zu sein.

Um den „stillen Rückzug“ bzw. Religiosität näher zu beleuchten und zu verstehen, fehlt meines Erachtens neben der Untersuchung eines ausreichend langen Zeitraums eine Betrachtung des vollständigen Spektrums. Blume diskutiert den Bereich derjenigen, die sich „still abwenden“ und schneidet die beiden Extreme an. Er erwähnt auf der einen Seite die extreme Religiosität von gewalttätigen Gruppen wie den IS und auf der anderen Seite die Personengruppe, die meint, den Islam bekämpfen zu müssen. Wie sich jedoch der Rest des Spektrums „Religiosität“ verhält, müsste genauer betrachtet werden. Sicher geht es in Blumes Buch nicht um die Frage Religiosität der Muslime im Allgemeinen, aber um eines der Symptome der Krise der Muslime richtig einzuordnen, muss es umfänglich betrachtet werden. Was ist mit denjenigen, die gemessen an „Messwerten“ wie dem fünfmaligen Gebet eher nicht religiös sind aber sich dem Islam zugehörig fühlen und dies durch andere Verhaltensweisen artikulieren. Wieso steigt beispielsweise seit Jahren die Anzahl von Finanzinstituten nach islamischen Richtlinien oder Künstlern mit dezidiert muslimischer Motivation? Ist dies nicht auch Teil des religiösen Bewusstseins? Julia Gerlach hat vor fast 10 Jahren ein Buch mit dem Titel „Zwischen Pop und Dschihad“ geschrieben, in dem sie sich mit der Lebensrealität von muslimischen Jugendlichen in Deutschland beschäftigt und der Frage nachgeht, wie sich ihr religiöses Bewusstsein entwickelt/ausdrückt. Wie können wir diese emotionale Zugehörigkeit zum Islam auch zahlenmäßig erfassen und begreifen?

Zugute zu halten ist dem Autor, dass er auf muslimische Positionen verweist, die mit der Religionsfreiheit im Islam argumentieren. Hier wäre dem interessierten Leser das Werk von Taha Jabir Alawani, dem muslimischen Rechtsgelehrten aus Amerika, „Apostasy in Islam“ zu empfehlen. Basierend auf den Islamischen Quellen Koran und Sunna (Verhaltenstradition des Propheten Muhammad) kommt er zur Schlussfolgerung, welche die Religionsfreiheit des Menschen als grundlegenden Wert im Islam verortet. Leider ist diese Rechtsauffassung, wie auch vom Autor erwähnt, nicht die am meisten verbreitete Meinung innerhalb der Muslime weltweit. Deswegen teile ich die grundsätzliche Kritik von Herrn Blume zum Thema Religionsfreiheit in der muslimischen Community. Die Meinung, jemand bleibt sein Leben lang Muslim, wenn er sich einmal für den Islam bekannt hat, sollte in der breiten Mehrheit der Muslime in Deutschland aber auch weltweit keinen Raum haben. Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, seinen Glauben abzulegen oder zu wechseln ohne für seine Wahl diskriminiert oder bedroht zu werden. Das muss selbstverständlich für alle Religionen und alle Regionen dieser Welt gelten. Letztendlich kann nur ein intrinsisch motivierter Glaube ein dem Schöpfer gegenüber ehrlicher Glaube sein.

Mit der Diskussion um das Verbot der Druckerpresse kratzt Blume meines Erachtens nur an der Oberfläche einer weiteren Herausforderung, mit der sich Muslime nun schon seit einer ganzen Weile beschäftigen. Es handelt sich um den Wert von Freiheit, zu der auch die eben angesprochene Religionsfreiheit gehört. Heutzutage geht es sicher nicht mehr um ein Verbot der Verwendung moderner Technologien, wie damals der Druckerpresse. Das Medium unserer Zeit, das Internet und alle damit verbundenen Gerätschaften sind allgegenwärtig und werden von niemandem in Frage gestellt. Jedoch tun sich Muslime und ihre Länder mit vielen anderen Freiheiten, die sich in den Grundrechten eines jeden Menschen ausdrücken, schwer. Muslime weltweit haben es, bis auf wenige Ausnahmen nicht geschafft, Institutionen aufzubauen und Systeme zu installieren, die Freiheiten ermöglichen, welche die Rechte eines jeden schützen und eine Umgebung schaffen, die Bildung und Entwicklung ermöglicht. Das, was wir heute an Konflikten und Kriegen in die Muslime involviert sind, sehen, ist Resultat oder Teil der Auseinandersetzung einer Positionierung um die Freiheiten und Grundrechte eines jeden Bürgers. Muslime müssen lernen, aus ihrer Religion heraus, ein zeitgemäßes Verständnis von Freiheit zu entwickeln.

Wenn wir Faktoren wie die genannte Religionsfreiheit identifizieren, die im inneren der muslimischen Welt zu verorten sind, so müssen in gleichem Maße die äußeren Faktoren erwähnt werden, in denen Gründe für die aktuelle Situation der Muslime zu finden sind. Wir reden von über 200 Jahren Kolonialismus, dessen Auswirkungen bis heute nachreichen. Wir leben in einer Weltgemeinschaft mit hohen Abhängigkeiten und zum Teil komplexen geopolitischen Beziehungen, die häufig überhaupt nicht hilfreich sind, wenn es zum Beispiel um die Entwicklung von Freiheiten und Grundrechten geht. Jeder von uns kennt die Diskussion um Menschenrechte zum Beispiel in China oder anderen Ländern, die fallengelassen werden, wenn es um wirtschaftliche oder andere machtpolitischen Interessen geht. Hierbei handelt es nicht um die vom Autor kritisierten Verschwörungstheorien, sondern um die für alle sichtbaren Auswirkungen unserer weltweiten Politik. Was machen beispielsweise unsere und französische Soldaten in Mali? Welchen Einfluss üben die vielen amerikanischen Militärbasen weltweit aus? Wieso sprechen wir von einem Nord-Süd Gefälle, welches zu überwinden gilt, in dem es selbstverständlich nicht nur, aber auch um Länder mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung geht? Blume erwähnt zwar die Mitschuld unserer Politik zum Beispiel im Bereich der Energieversorgung oder anderen gewollten wirtschaftlichen Abhängigkeiten, jedoch besteht die Gefahr, diese mit den Verschwörungstheorien abzutun. Auch den Vorschlag auf erneuerbare Energien umzustellen und die radikalen werden ihren Einfluss verlieren, halte ich für äußerst oberflächlich. Wer sagt nicht, dass bei einer so abrupten Veränderung nicht das Potential für noch mehr Konflikten entsteht?

Des Weiteren machen Herausforderungen wie Hungersnöte, die Klimaentwicklung, die stetig wachsende Schere zwischen Arm und Reich und Finanzkrisen keinen Unterschied nach Religion wenn sie Menschen treffen. Ich kann Blume an der Stelle nur zustimmen, dass es unser aller Aufgabe ist, die Krisen der Menschheit zu lösen, weil eine lebenswerte Zukunft nur im Miteinander gewonnen werden kann.

Abschließend kann ich sagen, dass Blume meines Erachtens viele Dinge vermischt, vereinfacht oder nur anreißt und ihnen nicht tief genug auf den Grund geht. Trotzdem legt er den Finger in einige Wunden, an deren Heilung insbesondere die Muslime arbeiten müssen. Er unterscheidet sich aber in seinem Stil insbesondere von den Autoren, die augenscheinlich nur „Islambashing“ betreiben. Gerade deswegen fand ich es lohnenswert, mich mit dem Buch auseinander zu setzen.

00:59 09.11.2017
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