Kirsten Duesberg

Schreiber 0 Leser 0
Avatar
RE: Über Begriffsdrachen | 15.11.2012 | 17:04

Vielen Dank Anne Mohnen und Magda, dass Sie sich des Artikels von Frau Roedig angenommen haben, der mir ebenfalls erhebliche Bauch- bzw. Kopf- bzw. Herzschmerzen bereitet hat. "Schreiben Sie was" hat Herr Angele irgendwann geantwortet, dabei ist er der erste der sich hätte hinsetzen sollen, um aufzuzeigen und zu belegen, inwiefern die "Gender Studies" sich von anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern unterscheiden (im Hinblick auf die Ausbildung eines fachspezifischen "Jargons"). Vielleicht wäre er beim Nachdenken darauf gekommen, dass ihn das Thema - gender - einfach nervt. Das ist ein Vorurteil von mir; ich würde mich gern eines besseren belehren lassen; auch weil der Freitag insgesamt, von wenigen Ausnahmen wie Frau Baureithel z.B. abgesehen - weit entfernt davon ist, mit dem Thema - gender studies, ganz zu schweigen von feministischer Theorie und praxis- angemessen umzugehen, bzw. es darzustellen. Damit beziehe ich mich auf Quantität und Qualitaet sowohl der Artikel, die sich ausdrücklich mit "Frauen - und Männersachen" befassen , als auch auf alle anderen, ("genderfragen" berühren fast alle Themen).

Herzliche Gruesse, Kirsten Duesberg

RE: Unterbrechung im Gehirn | 24.09.2012 | 21:58

Anne Mohnen: Das italienische Modell der Anti-Psychiatriebewegung, wie es in den 1970ziger Jahren in Gang gesetzt wurde, endete in einem Desaster (a) für die Kranken (b) für die Angehörigen (c) für die Kommunen. Es war keine ausreichende Infrastruktur geschaffen worden."

O.k., diesen Satz habe ich so verstanden, dass Sie von einem "totalen Scheitern" der italienischen Reform ausgehen.

Mitte der 90er Jahre, während der kurzen Mittelinksregierung von Prodi, hat das damalige Gesundheitsministerium unter Rosi Bindi auf eine flächendeckende Umsetzung der Reform - der Durchsetzung des 1978 verabschiedeten Gesetzes 180 gedrungen: diejenigen Regionen , die nicht die damals noch zahlreich bestehenden psychiatrischen Anstalten schliessen und gemeindenahe Einrichtungen aufbauen würden, wären mit hohen Geldeinbussen "bestraft" worden. Das hat in vielen Regionen Wirkung gezeigt, es wurden dutzende von (Rest-) Anstalten geschlossen und gemeindenahe Zentren und Wohngruppen aufgebaut. Es gibt seit ca. 15 Jahren klare Vorgaben , wie eine gemeindenahe "territoriale" Versorgung zu gestalten ist. Trotzdem ist die Qualität der Versorgung regional sehr unterschiedlich, und in vielen Gegenden unzureichend. Nicht nur im Sueden, sondern auch in reicheren, aber konservativen Regionen, wie der Lombardei, wo das Gesundheitsystem stark privatisiert wurde. Dreh- und Angelpunkt ist jedoch, dass es mittlerweile sehr viele Beispiele gibt, die zeigen, dass es möglich ist ohne geschlossene Anstalten und geschlossene Abteilungen auszukommen. Und die italienische Reform wird von der WHO immer noch als eine der fortschrittlichsten bezeichnet. Ansonsten - wie in fast allen Ländern - ist die psychiatrische "Versorgungslandschaft" wie gesagt, sehr "heterogen", da es am Ende doch auf das Engagement und die politische/kulturelle Ausrichtung der Einzelnen - jeweils Verantwortlichen - ankommt. Wie ja auch in Deutschland, wo ganz unterschiedliche Ansätze - die biologistische Ausrichtung mit ihren Kliniken, die Sozialpsychiatrie, die "Alternativen", nebeneinanderher bestehen. Das allein sagt ja schon einiges über die psychiatrische Wissenschaft aus, die keinesweg so solide ist, wie einige Vertreter insbesondere der biologischen Ausrichtung - vorgeben.

Danke für Ihre Antwort bzw. den Einwand!

Ihre Kirsten Duesberg

RE: Unterbrechung im Gehirn | 23.09.2012 | 17:26

An Helmut Höge vielen Dank für den anregenden Artikel zum Thema Psychiatrie/Antipsychiatrie; ein Thema über das nach wie vor soviel Unwissen wie Vorurteile und "Konfusion" verbreitet ist. Auf ein sehr weitverbreitetes Missverständnis, zum Punkt Italien und Basagliareform möchte ich eingehen, und damit auch auf Punkt 1) des Kommentars von Anne Mohnen (die die italienische Reform für komplett gescheitert erklärt). Die italienische Bewegung, nannte sich in den 70er Jahren "demokratische Psychiatrie", verstand sich als anti-institutionell", und mehrheitlich nicht als antipsychiatrisch.

Antipsychiatrie hält dem Wegschluss das Weglaufhaus entgegen, verständlicherweise. Die Bewegung um Franco und Franca Basaglia wollte das Gewaltsystem der Anstalten (das heisst: Gewalt, Unfreiheit, Armut, Ausschluss) im Ganzen überwinden und transformieren, im gewissen Sinne Antipsychiatrie in die Höhle des Löwen tragen. Die italienischen Psychiaterinnen hatten zum Ziel, die institutionellen Voraussetzungen schaffen, um mit den Leuten arbeiten und sie tatsächlich in ihrem Leben unterstützen zu können. Eine wichtige Strategie war und ist: die Macht und Rechte der PatientInnen zu stärken, deshalb die Konzentration auf soziale belange: Arbeit, Wohnung, Organisation in Kooperativen etc.

Der Unterschied zu einigen antipsychiatrischen Positionen (wie z.B. der englischen) ist eklatant: in Italien wurde es al ethisch nicht vertretbar angesehen vom "irren genie" zu schwärmen, wenn tausende aufgrund ihrer sozialen Hilflosigkeit abgeschoben wurden, einfach "schlecht" und miserabel "behandelt" wurden. Der Unterschied hingegen zur ´traditionellen" insbesonderen biologistischen Psychiatrie, wie auch zu der der gemässigten Reformierung: fundamental. Solange im weitesten Sinne gewalttätige Strukturen oder Mittel eingesetzt werden (dazu gehören die Verletzung der körperlichen Unversehrtheit wie beim Fixieren, Einsperren, Missbrauch der Psychpharmaka, aber auch das Unterlassen von Hilfeleistung, das Nicht Eingreifen bei Krisen...wird eine Reform z. T, zu recht nur als "Verschleierung" und Verfeinerung "psychiatrischer Macht" interpretiert werden.

Die italienische Reform ist in einigen Regionen gut umgesetzt worden; wird von den wichtigsten Angehörigenvereinen inzwischen unterstützt; in anderen Regionen v.a. im Süden, gibt es dieses "Desaster", wie auch das sonstige politische und soziale System ein Desaster ist. Würde mich interessieren wie Anne Mohnen zu ihrer Auffasung des totalen Scheiterns gekommen ist.

Ich arbeite seit 17 Jahren in Udine, Italien, in den öffentlichen Diensten der seelischen Gesundheit (vormals: Psychiatrie); hier ist 2000 die Anstalt geschlossen worden. Die Arbeit ist anstrengend, die Ressourcen lächerlich im Vergleich zu Deutschland, und man könnte vieles vieles verbessern, aber : kein Vergleich zu früher, als die Psychatrie hier wirlich ein totales Desaster war.